Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 5 (6.2.1920)
- Date
- 1920-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 5 J&disciie Korr^espondenz Seite 3 Die GrchodoM Böhmen und Mähren. Im Organ der Orthodoxie in Deutschland, den „Israelit" in Frankfurt a. M., schreibt Rabbiner Dr. Kanter (Zwittau): Vor einiger Zeit war in der jüdischen Presse des In- und Auslandes von der Propagandareise Dr. Nathan Birnbaums nach Litauen im Interesse der Weltorganisation der Agudas Jisroel zu lesen. Es wurde auch berichtet über die Vorträge, die Dr. 'Birnbaum in Kowno hielt und die schönen Erfolge, die er dort erzielte. Bei dieser Gelegenheit regte sich im Schreiber dieser Zeilen jene Frage, die ihm schon seit langem beschäftigt, die Frage: warum die Gemeinden unserer jungen Republik von der Aguda grundsätzlich und, wie es den Anschein hat, absichtlich boykottiert werden. Seit Bestehen der Aguda hielt es die Leitung derselben offenbar nicht der Mühe wert, mit dem Judentum in Böhmen, Mähren und Schlesien sich nur einigermaßen zu befassen, in diesen Gemeinden eine Propaganda zu entfalten und sich überhaupt um sie zu kümmern. Es wurden seitens der Aguda Propagandareifen unternommen nach England, Amerika, den Niederlanden und Palästina, an Böhmen scheint man entweder vergessen oder darauf verzichtet zu haben. Ja, noch mehr, selbst als in einigen Kronländern der ehemaligen Monarchie die Tätigkeit der Aguda einsetzte — wie zum Beispiel in Niederösterreich, in Galizien und der Bukowina — blieb Böhmen vollständig unbeachtet und unberücksichtigt, so daß es den Anschein hat, als wolle man die Gemeinden der. genannten ehemaligen Kronländer absichtlich ignorieren und boykottieren. Warum? Entweder man hält unsere Gemeinden für zu schlecht, oder — für zu gut, um sich mit ihnen zu befassen. Nun für zu gut sollte man das böhmische Judentum sicherlich nicht halten, wenigstens nicht für so schlecht, so verfallen und-verkommen, daß man sich an leitender Stelle der Mühe enthoben fühlt, wenigstens einen Versuch zu wagen. Was speziell Böhmen einst für das Judentum der Diaspora bedeutete, braucht an dieser Stelle wahrlich nicht erst hervorgehoben zu werden. Jahrhunderte hindurch galt beispielsweise Prag als Mutter- und Mustergemeinde in Israel. Aber auch viele Gemeinden in Mähren genossen einst einen Weltruf, teils wegen ihrer Rabanim, wie als Gedaule Jisroel gelten, teils ihrer Jeschibot wegen, aus denen das Licht der Thora für alle anderen Gemeinden aufging. Daß es heute nicht mehr der Fäll ist, ist traurig genug, daß es aber so bleiben muß, ist noch trauriger. Abgesehen davon, soll man über keinen Jehudi und am allerwenigsten über Klal-Jisroel so ohne weiteres den und sagen, daß auch sie die Thora angenommen hätten, wenn ich mich an sie gewandt hätte." Und der Herr erschien den Kindern Esaus und sprach zu ihnen: „Wollt ihr meine Thora annehmen und sie in alle Ewigkeit behalten?" Und die Kinder Esaus antworteten: „Sage uns, was deine Thora gebietet." — „Du sollst nicht töten, gebietet meine Thora " — Und sie erwiederten: „Ferne fei uon uns, deine Thora anzunehmen! Wir sind Männer des Krieges und leben vom Schwert I" Und der Herr wandte sich an die Söhne Amaels und fragte sie: „Wollt ihr meine Thora annehmen, die für die, die sie bekennen, daS Leben ist?" — „Und was lehrt deine Thora?" — „Du sollst nicht stehlen, ist eineS ihrer Gebote." — „Wir denken nicht daran, eine solcke Thora anzunehmen!" Und der Herr wandte sich -an die Einwohner von Tyros und Swon und sprach zu ihnen: „Meine Thora befiehlt, ein wahrhaftes Maß und em richtiges Gewicht zu gebrauchen, — wollt ihr sie annehmen?" — „Wir wollen die Thora nicht, die solche Gebote enthält." Und der Herr fand kein Volk, -das feine Thora annehmen wollte. Und er gab sie den Kindern Israels. Und die Kinder Israels riefen sofort voller Freude: „Naaffej wemschma! — Wir wollen treulich ihre Gesetze halten und ihre Gebote befolgen!" IV. Als Moses auf dem Berge Sinai weilte, hörte er einen Vogel in Todesangst wimmern. -Er sprang von seinem Platz auf, sah sich um und erblickte «inen riesenhaften Habicht, der einem kleinen Vogel nachlägte- Groß waren die Flügel des Habichts und stark seine Krallen, und das kleine Vöglein suchte ihm mit seinen letzten Kräften zu ent» rymmen. Allmählich versagten aber seine Kräfte, seine kleinen Flügel erlahmten, und es siel, jämmerlich stöhnend, zur Erde. r«.,^,^bichen Augenblick stürzte sich der Raubvogel auf die Beute, Mug, ferne Krallen in den Körper des Vögleins und wollte es in sem Nest -forttragen. Stab brechen. Der Weg zur Teschuwa steht jedem offen. Ferner scheint man die neue geographisch-politische Lage des heutigen Böhmen ganz außer acht zu lassen. Die tschechoslowakische Republik ist lange nicht das Böhmen vor dem Kriege. Auf die böhmischen Gemeinden hätte man vielleicht verzichten können, die Gemeinden der neugeschaffenen tschechoslowakischen Republik bilden einen Faktor, mit dem unbedingt gerechnet werden muß.. Denn zu Böhmen gehört heute ein großer Teil von Ungarn (Slowakei) mit der berühmten Jeschinohstadt Preßburg, ferner wird stark mit dem Gebiete von Ratibor gerechnet, das ebenfalls zu Böhmen gehören wird, also lauter Gemeinden, in denen ein ausgiebiges Arbeitsfeld sich für die Aguda bietet. Die neuen Gebiete der tschechoslowakischen Republik werden sich über kurz oder lang mit den böhmischen Gemeinden verschmelzen und sich anss innigste vereinigen. Es kommt nur darauf an, wie dieser Verschmelzungsprozeß vor sich gehen werde, aus den Einfluß, den die Gemeinden auseinander ausüben werden. Es wäre zu wünschen und zu hoffen, daß die „alten" Gemeinden von den neu hinzugekommenen lernen, daß diese von jenen in religiöser Beziehung beeinflußtwerden. Ob es aber nicht ein frommer Wunsch bleibe — wer will es heute Voraussagen? Jedenfalls eröffnet sich da der Aguda ein neues und dankbares Arbeitsfeld. Es gilt das „Alte" zu gewinnen und das „Neue" zu erhalten, dafür zu sorgen, daß beide Teile dem Judentum erhalten werden. Wo die Aguda mit ihrer Tätigkeit einzusetzon hätte, braucht an dieser Stelle nicht erst gesagt zu werden, jedenfalls dort, wo sich der Agudageist, wenn auch atifcnt<j3 langsam und zögernd zu regen beginnt, also in-erster Linie rn Prag und Brünn. Ans die Frage Litauen oder Böhmen, Kowno oder Prag wäre demnach unschwer die Antwort zu finden. Daß aber die Wahl trotzdem aus Litauen fiel, ist eine Frage, die wir uns an die Agudaleitung zu richten erlauben. (Hiezu wäre zu bemerken, daß sich die organisierte Wiener Orthodoxie seinerzeit für die Stärkung des orthodoxen Lebens in den Sudetenländern lebhaft interessiert hat und dazu strebte, die Organisatton auch auf diese Länder auszudehnen. Die politische Umwälzung hat diese Arbeit unterbrochen und 'unmöglich gemacht. Aber die glaubenstreuen Juden in Tschechien haben heute die Möglichkeit, mit der Orthodoxie in der Slowakei in Verbindung zu treten und sich mit deren Hilfe zu organisieren. Auch der Verein „Sinai" in Prag, der ja seinen Anschluß zur „Agudas Jisroel" beschlossen hat, könnte hier ftuchtbar wirken. Allerdings müßten sich die Gesetzestreuen in Und als Moses diese Grausamkeit sah, krampste sich sein Heiz zusammen und er rief mit Donnerstimme: „Du sollst nicht töten!!" Betroffen von der von Zorn und Bitterkeit erfüllten Stimme deS ManneS Gottes, ließ der Habicht seine Beute los, und das Vöglein fiel, mit seinen Flügeln ängstlich schlagend, zur Sohle des Berges. Moses eilte hm, hob es auf, barg es voller Liebe und Gnade an seiner Brust, wärmte mit seinem Atem den vor Kälte erstarrten Körper, reinigte mit der Zunge seine Wunden und gab ihm so das Leben wieder. Als der Habicht diese Tat des Mannes Gottes sah, flog er schnell zu seinem Nest und brachte seine hungrigen Jungen auf den Sinai. Die kleinen und nackten Habichtsjungen waren aber halb erfroren und ausgehungert. Sie öffneten ihre kleinen Schnäbel und schrien jämmerlich, als flehten sie um Speise. Der Habicht legte ferne Jungen zu Füßen Mosis nieder und ries: „Du bist ein Mann der Barmherzigkeit, dauern dich denn nicht meine Kinder, die du in deiner allzugroßen Gnade der Nahrung beraubt hast?" Moses war sehr betrübt, als er die kleinen Vögel sah, die vor unger starben; aber auch der Anblick des kleinen verwundeten ögleins schnitt ihm ins Herz. Der Habicht stand vor ihm, blickte bald ihn und bald seine verhungernden Jungen an und forderte von ihm Gerechtigkeit... Moses schwieg und wußte nicht, wie er den Verfolgten vor den Verfolgern und die Verfolger vor Hunger retten sollte. And aus seinen Augen fielen große stille Tränen nieder... Und plötzlich erheiterte sich sein Gesicht, denn er hatte dm Ausweg gefunden! Er ergriff ein Messer, schnitt sich ein Stück Fleisch aus der Brust, fütterte damit die Habichtsjungen und tränkte sie mit seinem Blut. Und die hungrigen Vögel sättigten sich und kämm wieder zu Kräften, und das Herz des Mannes Gottes war voller Freude und Seligkeit. _