Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 4 Jüdische Korrespondenz Seite 9 ihre Rechte äußerst beschränk Die Freizügigkeit war ihnen nur in den drei Städten: Helsingfors, Aba und Wiborg gegeben. Da jedoch im Sinne der schwedisch-norwegischen Gesetze Juden aus Rußland und anderen Ländern der Aufenthalt im Lande verboten war, erreichte die Zahl der tolerierten Juden niemals eine bedeutende Höhe. Die natürliche Folge davon war, daß unter den in Finnland lebenden Juden jede soziale, politische oder wissenschaftliche Regung fehlte. Heute zählt man in Finnland rund tausend jüdische Seelen, darunter im ganzen bloß zwei Aerzte, zwei Ingenieure, einen Rechtsanwalt, einen Redakteur und einen Chemiker. An der Hochschule gibt es nicht mehr als zwölf jüdische Schüler und Schülerinnen. Das Bemerkenswerteste ist, daß hier noch keine jüdische politische Vereinigung oder Organisation besteht und überhaupt kein jüdisches Proletariat vorhanden ist. In weiterer Folge dieses Zustandes gibt es in Finnland vorläufig auch keinen eigentlichen Antisemitismus, weder einen offiziellen, noch einen gesellschaftlichen. Dieses Verhältnis hat sich auch durch Schaffung des Gesetzes über die Gleichberechtigung der Juden, durch welches ein großer Teil der in Finnland ansässigen Juden zu finnländischen Staatsbürgern erhoben wurde, in keiner Weise geändert. Die finnländischen Juden könnten ungehindert zu einer Organisation ihres öffentlichen jüdisch-kulturellen Lebens schreiten. (Die Prozentnonn in Indien.) Im Jewish Chronicle weist ein Korrespondent auf die für die Oeffentlichkeit einigermaßen überraschende Tatsache hin, daß in Indien die jüdischen Kinder aus den allgemeinen Schulen praktisch ausgeschlossen sind. Diese Schulen nehmen bestimmungsgemäß nur 15 Prozent nichteuropäische Kinder auf, und die Juden gelten nun — gleichgültig, ob sie in Külkutta, London oder Paris geboren sind — neben den einheimischen Völkerstämmen als Nicht- Europäer. Diese Kuriosität, die den Asiatismus gewisser modernzionistischer Kreise politisch vorwegnimmt, hat aber leider bisher die reiche jüdische Gemeinde in Kalkutta nicht veranlaßt, für ein gutes jüdisches Schulwesen zu sorgen. Es wäre höchste Zeit, dies nachzuholen. (Die Forderungen der Juden in Saloniki.) Der Oberrabbiner, die jüdischen Deputierten und der Präsident der jüdischen Gemeinde in Saloniki überreichten Herrn Repoulis, dem höchsten griechischen Repräsentanten in Saloniki, ein Memorandum der Saloniker jüdischen Gemeinde, das die Forderungen der Juden dieser Stadt enthält. Sie verlangen die Anerkennung der jüdischen Gemeinde als eine juristische Persönlichkeit; die Freiheit der Sabbatruhe und das Recht zur Arbeit am Sonntag; Schulautonomie; Staats- und Gemeindesubvention der kulturellen und Wohltätigkeitseinrichtungen der Gemeinde; den freien Gebrauch des Spaniolischen und Hebräischen für die Buchführung und Kontrakte und die Bewilligung der religiösen Gerichte. Das Programm wurde von der Generalversammlung der Gemeinde, in der alle Richtungen vertreten waren, gutgeheißen. (Entdeckung einer polnisch-jüdischen Handschrift ans dem 18. Jahrhundert.) In einer Sitzung der Londoner russisch-jüdischen Literaturgesellschaft machte Dr. N. Wischnitzer die Mitteilung von der jüngst erfolgten Entdeckung einer polnisch-jüdischen Handschrift. Der Verfasser der Handschrift ist ein jüdischer Kaufmann namens Berl aus Bolechow in Galizien, der im 18. Jahrhundert gelebt hat, die hebräische, polnische, deutsche, lateinische und englische Sprache vollkommen beherrschte und in den Literaturen dieser Sprachen bewandert war. Seine handschriftliche Arbeit wirft ein interessantes Licht auf die inneren Verhältnisse der polnischen Juden während des 18. Jahrhunderts sowie auf ihren wirtschaftlichen Einfluß, rhren Bildungsgang, ihre Sitten und ihr Verhältnis zur nichtjüdischen Bevölkerung. Dr. Wischnitzer beabsichtigt, das Manufmpt demnächst in Buchform herauszugeben. Korrespondenzen. -.^^lin. (25jähriges Direktor-Jubiläum Dr. Meier Hildesheimers; 50jähriges Jubiläum der Religionsschule d er Adas Jisroel-Gemein de.) Die Synagogengemeinde Adas Jisroel konnte am Sabbat Chanukah ein Doppel- Jubiläum begehen: das 25 jährige Amtsjubiläum ihres Rabbiners Dr. Meier Hildesheimer als Direktor der Religionsschule und das 50 jährige Jubiläum dieser Schule selbst. Unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen rief Dr. Israel Hildesheimer vor 50 Jahren die Religionsschule mit ursprünglich 8 Schülern ins Leben, dre sich im Laufe der Jahre zu der größten Reliaionsschule ganz Deutschlands mit vorbildlichen Einrichtungen entwickelt hat. Von ihr ist z. B. der Gedanke des Jugendgottesdienstes ausgegangen, bei dem sämtliche Funktionen von Schülern der Religionsschule ausgeübt werden. Am Sabbat-Chanukkah-Abend vereinigte eine schlichte Feier in der Wohnung des Jubilars Gemeinde-Vorstand, Schul-Vorstand, Lehrerkollegium der Religionsschule und die obersten Knaben- und Mädchenklassen der Schulen. Als erster verlas Herr Moritz Knoller im Aufträge des Gemeinde-Vorstandes eine Adresse, in der Dr. Hildesheimer im Anschluß an die Deutung eines Verses aus Daniel, als vorbildlicher Lehrer gefeiert wurde. — Namens des Schul- Vorstand es hob Herr Rabbiner Dr. Munk in einer Ansprache die Verdienste des Jubilars um die äußere Leitung der Schule hervor. — Für das Lehrerkollegium sprach Herr Siegmund Stein und überreichte eine Adresse, in der Dr. Hildesheimer als Vorbild des gesamten Kollegiums gefeiert wurde. — Namens der Schüler sagte der Schüler der 1. Klasse, Eli Pollak, Herrn Dr. Hildesheimer Dank, insbesondere für die Art, in der der Jubilar mit seinen Schülern zu verkehren pflegte. Mit besonderem Beifall wurde endlich eine Ansprache der Schülerin der 1. Mädchenklasse, Paula Stern, ausgenommen, in der sie im Anschluß an Stellen des kommenden Wachen-Abschnittes die Glückwünsche der Schülerinnen überbrachte. Der Jubilar erwiderte auf jede einzelne Ansprache, indem tzr alle Verdienste, die im zugeschrieben wurden, von sich auf seine Mitarbeiter lenkte. — Als die Feier sich ihrem Schlüsse näherte, erschien der Rektor des Rabbinerseminars, der greise Professor Dr. Hoffmann, um als einer derjenigen, die vor 50 Jahren bereits dem 1. Lehrerkolleaium angehört hatten, Herrn Dr. Hildesheimer zu beglückwünschen. Nach einer kurzen Ansprache des Herrn Ludwig Bier, blieben die Gäste der Feier noch kurze Zeit gemütlich beisammen. Das 50 jährige Bestehen der Religionsschule wurde am darauffolgenden Sonntag gefeiert. Frühmorgens um 9 Uhr fand ein Festgottesdienst in der Synagoge, Artilleriestraße 31, statt, der insbesondere für die augenblicklichen Schüler bestimmt war. Aus die weihevollen Gesänge des Hallel-Gebetes folgte das Leinen, bei dem ein eigens auf Herrn Hildesheimer gefertigter Mischeberach vorgetragen wurde. — Dann ergriff Herr Dr. Hildesheimer das Wort zu seiner Festpredigt, im Anschluß an einen Vers der Haftarah des vergangenen Sabbats, in der er einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der Schule gab. Nach ihm feierte Herr Rabbiner Dr. Munk Dr. Hildesheimer anläßlich seines Direktor-Jubiläums. Der Gesang des Moauszur-Liedes beschloß die' eindrucksvolle Feier. * Am Sonntag vormittag um 11 Uhr fand eine Feier für die ehemaligen Schüler und Schülerinnen der Schule in der Aula des Sophien-Lyzeums statt. Der würdig ausaeschmückte Raum, geziert mit dem Bilde des 1. Direktors, Herrn Dr. Israel Hildesheimer s. A. und seines Stellvertreters, Herrn Dr. Nathan, Deutschländer s. A., bot an und für sich schon einen erhebenden Eindruck. Eingeleilet wurde die Feier durch einen Chorgesang des ma tauwu. Darauf hielt Herr Dr. Hildesheimer eine Festrede, m der er die Geschichte der Schule im einzelnen darlegte, wie sein- Vater das Oberrabinat von Amsterdam abgelehnt hat, weil ihm nicht die Eröffnung einer Religionsschule ugestanden worden ist, und wie er dem Rufe an die damals ganz lerne Adas Jisroel-Gemeinde in Berlin gefolgt ist und schon nach drei Wochen die Religionsschule eröffnet konnte. Viele Einzelheiten aus den Vorgängen innerhalb dieser 50 Jahre belebten die Ausführüngen des Redners. Namens des Gemeinde-Vorstandes stattete dann der Delegierte im Schul-Vorstand, Herr Naftali Srern, der Schule und ihrer Leitung den Dank für ihre bisherige Tätigkeit ab und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es ihr noch recht viele Jahre vergönnt sein möge, ihre bisherige Tätigkeit beizubehalten. Im Aufträge des Rabbinerseminars, das mit der Religionsschulg in engem Zusammenhangs steht, insofern als eine große Anzahl ehemaliger Schüler das Rabbinerseminar besucht haben und besuchen, andererseits das Lehrerkollegium der Religionsschule sich zum größten Teil aus Hörern des Seminars zusammensetzt, sprach Herr Dozent Dr. Eppenstein Glückwünsche aus. — Hierauf folgte ein von Herrn Harry Levy verfaßtes und von der Selektanerin Rosa Gottyeimer vorgetragenes Gedicht. Allsdann ergriff Herr Sanitätsrat Dr. Feldt das Wort und stellte sich als einer derjenigen vor, der vor 60 Jahren mit zu den 6 'Schülern zählte, mit denen die Schule eröffnet wurde, der selbst noch bei Professor Hoffmann das Ales beis gelernt hat. Namens der ehemaligen Schüler sprach sodann noch Herr Ministerialrat Dr. Leo Deütschländer aus Kowno, namens der jetzigen Schüler der Selektaner, Ari Wohlgemuth. Der Chorgesang des Psalmes 150 beschloß die eindrucksvolle Feier. Lamrüennachrrchten. v Am 18. Jänner fand die Vermählung des Fräuleins Jolan Goldmann, Tochter des Herrn Juweliers Samuel Goldmann, Obmann der Schönlaternschul, Vorsteher der Chevra Kadischa, mit Herrn Doktor Ornstein statt.