Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 4× ep/1000834
- Ukraine 2× ep/1001131
- Haifa 1× ep/1047930
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 4 Die Juden unter der Herrschaft DenMns. Die „Vossische Zeitung" bringt nachstehenden Bericht eines Augenzeugen : Odessa bietet augenblicklich ein trauriges Schauspiel. Die Bolschewiken sind schon lange nicht mehr da, trotzdem sind die Straßen um 9 Uhr abends vollkommen verlasien. Die Stadt gleicht einem Friedhof. Nur die Offiziere und die Agenten der Denikinschen Verwaltung amüsieren sich, während sich die Bevölkerung, die sie beschützen sollen, abends in ihren Häusern verbirgt. Am 14. Oktober, abends, als man in Odessa noch nicht wußte, daß die Bolschewiken Kiew genommen hatten, schickte man den. ersten direkten Zug über Birzula und Bobrinska mit der Bestimmung, Kiew zu erreichen. Augenzeugen, die am Bahnhof waren, als diese Züge abgingen, erzählen von Geschehnisien, die klar beweisen, wie in einem so großen Zentrum, wie es Odessa ist, jede Ordnung fehlt, und die Zersetzung innerhalb der Denikinschen Armeekorps beweisen. Diese letzteren halten dje Wagen an, fordern die Pasiagiere heraus, treiben die Juden aus den Wagen, selbst diejenigen, die mit Fahrkarten und der Genehmigung zur Reise versehen sind. Die Requirierung und der offene Diebstahl des Reisegepäcks und des Geldes waren eine Folge dieser „Revisionen". Am lö. Oktober nötigte man einen jüdischen Advokaten aus Kiew, der von Konstantinopel kam und über Odessa in sein Vaterland zurückkehren wollte, gewaltsam aus dem Wagen und fügte ihm Verletzungen zu. Die Offiziere verteilten vor seinen eigenen Augen sein Gepäck unter sich, ebenso wie einige zehntausend Rubel, die er mit sich führte, um sie seiner Familie zu bringen, die durch die Bolschewiken auf grausame Weise geschädigt worden war. Alles in allem ist die Haltung der Freiwilligen-Armee den Juden gegenüber empörend. Die Welle der Pogrome überflutete eine ganze Reihe von Städten und Ortschaften, durch die die Freiwilligen-Armee auf dem Wege von Charkow nach Kiew, Fastow usw. marschierte. Der Antisemitismus in der Regierung und in der Verwaltung führt dazu, daß man die Prozentnorm der Juden für den Schulbesuch wieder eingeführt hat. Man hat das Gefühl, das die Herren Fürst Lwow, Maklakow, Sawinkow und Tschaikowsry, die in Paris sitzen, ohnmächtig sind und auf das Regime und die Einrichtungen, die in dem von der Freiwilligen-Armee besetzten Territorium eingeführt sind, keinen Einfluß haben. Staatsmänner, die so achtbar sind, wie Herr Astrow, sind nur seltene Ausnahmen, die Mehrheit der Männer, die Denikin umgeben, nähert sich ohne jeden Zweifel der schwärzesten Reaktion. Die Beamten der Exekutive in den Ortschaften werden aus den Vertretern der alten russischen Polizei und Verwaltung gewählt; sie sind voll Rachegefühl allem gegenüber, was fortschrittlich und liberal ist. Rundschau. (Dr. Tobias Aschkenase.) In, Lemberg verschied vorige Woche der Präsident der Advokatenkammer, ehemaliger Vizepräsident der Stadt Lemberg und Landtagsabgeordneter Dr. Tobias Aschkenase im Alter von 59 Jahren. Der Verstorbene war in allen Stellungen, die er bekleidete, ein eifriger Verfechter der jüdischen Interessen, ein mutiger und entschlossener Vorkämpfer für die jüdischen Rechte, und sein Ableben bedeutet einen schweren Verlust für das polnische Judentum. Ehre seinem Andenken. (Die allweltliche jüdische Hilfskonferenz.) Das Komitee der Jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz in Paris, welches das Hilfswerk für die jüdischen Massen des Ostens auf breitester Basis zu organisieren beabsichtigt und zu diesem Zwecke eine allweltliche jüdische Hilfskonferenz vorbereitet, hat auf Wunsch zahlreicher Hilfskomitees beschlossen, die ursprünglich für den Monat Jänner geplante Konferenz vom 7. bis 11. März in Zürich abzuhalten. Maßgebend für den Beschluß war namenttlich der Wunsch der amerikanischen und russischen Delegierten, denen durch die Verschiebung des Termins die Teilnahme ermöglicht werden soll. Das Komitee hat an ungefähr 70 Hilfsorganisationen, die in ungefähr 40 Ländern tätig 'sind, Einladungen ergehen lassen. (Polen uno die Juden in der Ukraine.) Die polnische Gesandtschaft in Wien sendet uns folgende Zuschrift: Zu der in gewissen Blättern verbreiteten Meldung, wonach die ukrainische Regierung auf Grund des Paktes Petljuras mit der polnischen Regierung die jüdische Autonomie in der Ukraine aufgehoben hätte, daß somit Polen von der Ukraine die Aufhebung der jüdischen Autonomie verlangt hätte, wird auf Grund authentischer Informationen festgestellt, daß die obige Meldung den Tatsachen nicht entspricht. In den zwischen Petljura und der polnischen Regierung in Warschau stattgefundenen Verhandlungen wurde seitens der Polen keinerlei Einfluß auf die Entscheidungen der ukrainischen Regierung bezüglich der jüdischen Autonomie ausgeübt. (Die traurige Lage der Juden in Lublin.) Die Juden in Lublin befinden sich nach unseren Informationen in einer überaus traurigen Lage. Die arme jüdische Bevölkerung ist buchstäblich ohne jede Unterstützung geblieben, und die jüdische Gemeindekasse hat bereits ihre letzten paar Mark ausgeteilt. In hunderten jüdischer Häuser sitzt die Bevölkerung schon wochenlang ohne Beheizung und ohne Milch für die Kinder. Das jüdische Krankenhaus hat dieser Tage geschlossen, weil in der Spitalskasse kein Geld mehr zum Ankauf von Lebensmitteln für die jüdischen Kranken vorhanden war. (K. s. d. O.) (Judentum und Bolschewismus.) Der Erzbischof von Jork, Dr. Lang, hat bezüglich der Briefe von Verax in der „Times", die das Verhältnis der Juden zum Bolschewismus behandeln, folgenden Brief geschrieben, der im „Jewish Guardian" vom 19. Dezember widergegeben ist: „Ich habe keine Mittel, mir darüber Kenntnis zu verschaffen, ob und bis zu welchem Grade es wahr ist, daß die meisten Führer der Bolschewisten Juden sind. Aber ich verurteile aufs allerschärffte jeden Versuch, diese Tatsache, wenn wirklich es eine Tatsache ist, zu einem Angriff auf den Geist der jüdischen Konfession zu verwenden oder mittelbar oder unmittelbar hierzulande oder sonstwo Vorurteile wachzurufen, die gegen die jüdische Rasse gerichtet sind." (Internierung jüdischerArrswandererinHolland.) Vom holländischen Komitee für Auswanderer kommt die Mitteilung, daß täglich zahlreiche Auswanderer aus Osteuropa in Holland ankommen, um von dort die Ueberfahrt nach Amerika zu machen. Da sie aber nicht die vorschriftsmäßigen Dokumente besitzen, werden sie in Gefangenenlagern interniert, wo es ihnen natürlich nicht gut geht. Das Komitee ersucht im Wege der Presse alle Auswanderer zu warnen, nicht früher die Reise anzutreten, bevor sie nicht durch Fachmänner sestgestellt haben, daß alle ihre Dokumente in Ordnung sind. (Die Araber und der Zionismus.) Die arabische Presse in Damaskus veröffentlicht nach wie vor scharfe Artikel gegen den Zionismus. In der Stellungnahme gegen den Zionismus und gegen ein jüdisches Palästina treffen, sich sowohl die Anhänger als auch die Gegner des Emir Feisül. An der Spitze der antizionistischen Bewegungen steht der arabische Schriftsteller Hakki Bey-el-Asm. Ihm zur Seite steht der bekannte Judenfeind, der christliche Araber Nagib-el-Nasr, früherer Redakteur der arabischen Zeitung „Carmel" in Haifa. Letzterer hat in der arabischen Presse einen offenen Brief an die Führer der Zionisten veröffentlicht, indem er an die Juden folgende Fragen stellt: 1. Liegt es im Interesse der Juden, die zerstreuten Teile des Volkes zu sammeln und eine Heimstätte und ein jüdisches Reich zu besitzen, wie in den Zeiten nach dem Exodus aus Aegypten? 2. Glauben die Juden, daß ihre Lage in Palästina eine bessere sein wird, als sie in früheren Zeiten war? Werden sie nicht unter den Streitigkeiten mit ihren Nachbarn zu leiden haben? 3. Glauben die Juden, die unter allen Völkern zerstreut sind, daß es ihnen gelingen kann, sich zu einer einheitlichen Nation zu vereinigen? 4. Angenommen, daß der Zionismus Erfolg haben könnte, glauben die Juden nicht, daß ihr politischer Einfluß, solange sie in allen Ländern leben, groß bleiben wird, während sie an Kraft und Einfluß verlieren werden, sobald sie sich auf ein kleines begrenztes Gebiet beschränken werden? Befürchten die Juden nicht, daß sie in Palästina von einer großen einflußreichen Nation zu einem kleinen in jeder Beziehung einflußlosen Völkchen herabsinken werden? (Bon den Inden in Finnland.) Einem Aufsatz der letzten Nummer des „Haolam" entnehmen wir die folgenden Daten über die Juden in Finnland: Bis zum Jahre 1918 gab es in Finnland fast gar keine Juden. Die wenigen, die sich dort aufhielten, waren ausnahmslos russische Untertanen, die alle Halbjahre zu erneuernde Aufenthaltsbewilligungen der finnischen Regierung hatten. Ihr Schicksal hing von dem Wohlwollen der Gouverneure ab, die nach ihrem Gutdünken die Bewilligung erteilten oder ganze Familien plötzlich des Landes verwiesen. Irgendwelche politische oder Bürgerrechte hatten die Juden damals nicht. Selbst auf dem Gebiete des Handels, der einzigen Beschäftigung, der die Juden nachgehen durften, waren