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Jüdische Korrespondenz · 1920-01-23 · 4 (23.1.1920) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
4 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Jüdische Korrespondenz Seite 7 (Fortsetzung von Seite 4.) Akt der Erkenntnis, sondern allmählich im Laufe einiger Jahre, nach» dem ich mit siebenundzwanzig Jahren den preußischen Verwaltungsdienst quittiert hatte, damit aus diesem exklusiven Milieu der Voreingenommenheit herausgekommen war und nun erst mit allen möglichen Volksschichten ungehindert in Berührung kommen konnte. Je intimer ich mit den Führern des Antisemitismus wurde, um so mehr stießen sie mich ab. Ich lernte sie zum großen Teile als selbstsüchtig, als pharisäerhaft und als unglaublich ungebildet erkennen. Aus Antrkapitalist war ich Antisemit geworden. Allmählich kam ich dahinter, daß die antisemitische Geste nur ein willkommenes Mittel war, das „christliche" Kapital zu schützen. Auf das „jüdische Kapital" wurde von den Großgrundbesitzern bei jeder Gelegenheit losgezogen. Aber als es sich um die Einführung einer progressiven Einkommensteuer in Preußen handelt«, da denunzierten die Granden des Herrenhauses mich, den Befürworter der Steigerung auf vier Prozent bei den Einkommen über hunderttausend Mark, als Sozialdemokraten, wenn nicht gar Anarchisten. Ueber die „Ausbeutung der Mäntelnäherinnen" durch den jüdischen Kompagnon Paul Singers wurden ganze Hektoliter von Krokodilstränen vergossen. Aber sobald ich von der Notwendigkeit der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Landarbeiter zu reden begann, da wurde ich als „weltfremder Weltverbesserer" verhöhnt, wenn nicht gar als „gefährlicher Demagoge" in den Bann getan. Die Antisemiten in erster Linie haben mich vom Antisemitismus abgebracht. Auf deduktivem, nicht auf induktivem Wege bin ich zunächst von ihm glosgekommen. Erst die praktischen Erfahrungen mit den Antisemiten veranlaßten mich zur wissenschaftlichen Untersuchung des Antisemitismus selbst und zu dem Verlangen, nunmehr endlich die Juden auch kennen zu lernen, die ich bis dahin unbesehen als Schädlinge bekämpft hatte. Ich will nicht verschweigen, daß mich in meinem ungünstigen Jugendurteil über die Juden die paar Juden bestärkt hatten, mrt denen ich damals in Berührung gekommen war. Es waren getaufte Juden, die selbst in Antisemitismus machten und mir immer als der Inbegriff der Verächtlichkeit erschienen. Was ich in meinem ganzen Leben am wenigsten vertragen habe, war Charakterlosigkeit. Und gerade diese jüdischen Antisemiten, die ihren Glauben, ihren Namen und ihr Volk verleugneten und sich seiner schämten, die die Mächtigen umschmeichelten und um äußerer Vorteile willen zu jeder Niedrigkeit bereit waren, sie waren in meinen Augen der Tatbeweis für die moralische Minderwertigkeit der jüdischen Rasse gewesen. Nun aber, nachdem mir die Augen über die Qualität der Antisemiten aufgegangen waren, lernte ich Juden kennen, die wirklich als Repräsentanten des Judentums gelten konnten. Auch unter ihnen sah ich sehr verschiedenartige Individuen. Ich fand sie im Durchschnitt nicht etwa besser, aber doch fleißiger, nüchterner und geistig regsamer als die Arier. Viele hatten unangenehme Eigenheiten. Ich gewann die iUeberzeuaung, daß weder das Dominieren der einen noch das der anderen Raffe wünschenswert sei, sondern daß am zweckmäßigsten beide im Zusammenleben einander ergänzten. Ems jedenfalls wurde mir sonnenklar: Es war bodenlose Ignoranz, wo nicht bewußter Schwindel, wenn die Antisemiten behaupteten, die jüdische Rasse sei minderwertig, sei ein Schädling, der aus dem Volkskörper ausgemerzt werden müsse. Ich lernte, um nur ent Beispiel zu nennen, einen Mann wie Charles L. Hallgarten kennen. Die Antisemiten hatten immer gepredigt, die Juden seien aufdringlich, herrschsüchtig, materialistisch und egoistisch, täten nichts um der Sache Willen, suchten immer nur ihre Person in den Vordergrund zu drängen. Da sah ich Hallgarten, der als amerikanischer Staatsbürger ein großes Vermögen in New Ijork erworben hatte. Noch in kräftigen Jahren zog er sich nach seiner Vaterstadt Frankfurt am Main zurück. Er blieb Amerikaner, um einen Grund zu haben, jede Wahl in einen Vorstand abzulehnen. Er stand, ähnlich wie der andere große Frankfurter Jude Merton, auf dem Standpunkt, daß, wer ein großes Vermögen erworben habe, es..nicht einfach seinen Kindern hinterlassen dürfe, sondern moralisch verpflichtet sei. es zum großen Teil noch bei Lebzeiten zum Besten derMllgemeinheit zu verwenden. Er gab für alle Humanitären und politisch fortschrittlichen Zwecke, ohne Bindung an Konfession und Partei. Er gab nie planlos, bloß aus gutmütiger Schwäche. Wer zu ihm kam, für eine an sich vielleicht gute Sache, die aber nicht sachgemäß geordnet schien, erhielt nichts.' Entsprach der Nützlichkeit des Unternehmens die Zweckmäßigkeit ihrer Ausführung, so war er zu den größten Opfern bereit. Diese Verbindung nüchternster kaufmännischer Kalkulation mit fast unbegrenzter Gebefreudigkeit war einfach überwältigend. Dabei war der Mann schlicht, klug,'kenntnisreich, sympathisch. Er förderte alles Große und Gute mit einer in Deutschland unerhörten Großzügigkeit, und nur Wenige kannten semen Namen. Ein solcher Jude sollte ein Schädling sein. Oder Karl Marx sollte ein Schädling gewesen sein, dieser Gefftesriese, der den Ruhm deutscher Wissenschaft vielleicht weiter durch, die Welt getragen und gründlicher in ihr „verankert" hat als irgend einer unserer reinblütigen Germanen? Der Antisemitismus ist keine Geistesrichtung, sondern ein Ausfluß der Geistesverwirrung. Das sage ich offen, obwohl oder vielmehr weil ich selbst Antisemit gewesen und deshalb kompetent bin, über ihn zu urteilen. Als Gefühl hat er dieselbe Berechtigung wie etwa das Gefühl eines Mannes, das alle schwarzen Mädchen verwirft und nur die blonden gelten läßt. Als politische Bewegung ist er weiter nichts als Ignoranz oder eine Spekulation auf Ignoranz. Die Juden in Rumänien. Es ist kaum eine Woche vergangen, daß die rumänischen Delegierten den Friedensvertrag unterzeichnet haben, und schon sucht Rumänien auf jede Weise ihn zu sabotieren. Die rumänische Regierung hat soeben einen Feldzug gegen diesen Vertrag eröffnet. Dieser Feldzug hat sein Echo in der französischen Presse gefunden. Am 25. Dezember 1919 veröffentlichte der „Temps" eine Note, die dem rumänischen Pressebureau, dem offiziellen Organ der Regierung von Bukarest, entstammt und die folgende sehr bezeichnende Sätze enthält: „Immerhin, das ganze Land und alle politischen Parteien betrachten die Klauseln des Vertrages als unvereinbar mit der Würde und der Souveränität des rumänischen Staates". Und weiter: „Herr Bawa-Voevod hat sich zur Annahme entschlossen, obgleich er die Ungerechtigkeit gewisser Klauseln erkannte, in der Hoffnung, daß Rumänien auf diese Weise eine Veränderung in den feindlichen Gefühlen gewiffer Alliierter herbeiführen würde und durch neue Verhandlungen die gewünschten Abänderungen erlangen würde". Die Note geht sogar so weit, Drohungen auszustoßen: „Die gegenwärtige Lage kanni-sich stabilisieren, aber es kann auch sein, daß gefährliche Bewegungen entstehen, wenn alle Veränderungen des Vertrages zurückaewiesen werden". Diese „gefährlichen Bewegungen", das sind die Pogrome, mit denen man die jüdische Bevölkerung Rumäniens bedroht. Die rumänischen 'Behörden erwecken künstliche Manifestationen gegen den Vertrag, um das Ausland zu täuschen. So veröffentlichte der „Temps" am 26. Dezember 1919 ein Telegramm aus Bukarest, wonach der Stadtrat dieser Stadt dem Minister des Innern seine Demission eingereicht hätte, um gegen die Unterzeichnung eines Friedens zu protestieren, die die Unabhängigkeit und die Würde des rumänischen Volkes erniedrige". Nun ist die Nachricht in dieser Form falsch. Tatsächlich wurde der Stadtrat von Bukarest, dessen Funktionen gezwungenerweise, infolge der bevorstehenden Wahlen, zu Ende gingen, aufgelöst und durch einen provisorischen Rat ersetzt. Es ist offensichtlich, daß mau die Situation benützt hat, um den provisorischen Rat zu einer Manifestation gegen den Friedensvertrag zu veranlassen. Man muß auf andere Manifestationen dieser Art in nächster Zeit vorbereitet sein Uebrigens denkt die rumänische Regierung durchaus nicht daran, den Minoritätenvertrag auszuführen, sie gibt sich im Gegenteil den.Anschein, ihn gar nicht zu kennen. Als der neue Ministerpräsident, Herr Valda-Voevod in seiner unlängst gehaltenen Programmrede die jüdische Frage berührte, hat er erklärt, daß diese Frage in dem Gesetz-Erlaß vom 22. Mai 1919 entschieden worden sei, und er hat keine Andeutung auf den bereits Unterzeichneten Vertrag gemacht. Nun ist dieser Gesetz-Erlaß vollständig ungenügend, mährend durch den Minoritätenvertrag die jüdische Frage auf vollständige Weise gelöst ist. Diese Tatsache, den Vertrag m einem so entscheidenden Punkte zu ignorieren, zeigt die Stellung der rumänischen regierenden Männer in diesen^wichtigen Fragen. Lin Klageruf,de<jüdLschen Gefangenen Ln Sibirien. Russische und galizisch-jüdische Kriegsgefangene in Sibirien unter Koltschaks Herrschaft haben an die jüdisch-amerikanischen Zeitungen einen dringenden Klageruf infolge ihrer traurigen Lage gerichtet. Sie bitten um Einberufung von Versammlungen und einen Appell an die Oeffentlichkeit, um ihre Befreiung zu erwirken. Manche von ihnen befinden sich dort bereits den sechsten Winter. „Wir fühlen, wie wir zum Tode verurteilt werden," schreiben sie. In einem Briefe, der in deutscher Sprache geschrieben ist, wird gesagt: „Nikols k-Ussurijsk, den 23. September 1919. Werte Redaktion! EsM'nicht.Inötig, wegen unserer schrecklichen Lage viele Worte zu verlieren. Es ist genug, wir sind russische Kriegsgefangene, welche nicht einmal das^ Glück hatten, in die Hände von Japanern oder Amerikanern zu fallen. Krankheiten, Elend, Hunger, reine Kleidung, kein..Geld, keine Nachrichten von zu Hause, ständiges Sich-Fragen, was unsere Familien tun mögen (die meisten von uns kommen aus Galizien) das ist, kurz gesagt, unsere Lage. Wir bedürfen^gewiß einer Unterstützung. Aber das ist nicht die Hauptsache. Geld fft nicht die Hauptsache,;, die wir nötig haben. Alles, was wir träumen, ist, man soll uns nach Hause gehen lassen. Der Friede ist schon längst unterzeichnet, wir haben aber keine Aussichten, nach Hause zu kommen. Unser..Unglück, unsere schrecklichen Leiden, die wir hier täglich auszustehen haben, drängen uns, an die Oeffentlichkeit, an die amerikanische Presse, an die amerikanischen Juden zu appellieren, damit sie für unsere Befreiung arbeiten. Beruft Massenversammlungen ein. Die amerikanischen jüdischen Frauen sollen an die Frauen von Amerika und die Ententeländer appellieren. Sendet Appells an die Friedenskonferenz und die Diplomaten. Solche Appells werden wirken, werden helfen, daß man uns befreit. Tut für uns, was Ihr könnt. Für die Juden vom Kriegsgefangenenlager in Nikolsk- /<■' Ussurijsk,. Primorskaja Oolast, Sibirien: , Dr. Naphtali NießenbaupA.».

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