Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 4 Die Juden Ln Polen. (Reise-Eindrücke.) II. Läßt die politische Lage der Juden in Polen vieles zu wünschen übrig, so ist dies hinsichtlich der inner-jüdischen Verhältnisse nicht minder der Fall. Die Parteizerklüftung ist stärker denn je und der Terror, den speziell die radikalen Elemente ausüben, macht jede reale Politik illusorisch. Neben der zionistischen Partei, die, wie überall mit großem Tamtam arbeitet, mit starkem Applomb austritt und sich anmaßt, die „einzig berufene (?) Repräsentantin" der Juden zu sein, arbeitet noch die „Volkspartei" unter Leitung von Noe Pribatzky (eine Mittelstandspartei mit nationalem Programm), der sozialistische „Bund", die zionistisch-sozialistische „Poale-Zion", der „Misrachi", sowie einige kleine Gruppen der sogenannten Assimilanten. Angesichts des Umstandes, daß das Gros des polnischen Judentums der Orthodoxie angehört und nur der Mangel an einer strammen Organisation der Orthodoxie diese bisher verhindert hat, im öffentlichen Leben entsprechend zur Geltung zu gelangen, ist es klar, daß eigentlich keine dieser Parteien das Recht hat, das Monopol für die Vertretung der jüdischen Interessen für sich in Anspruch zu nehmen. Das hindert aber weder die Zionisten, noch die Volkspartei, noch den „Bund", sich als Besitzer dieses selbstverliehenen Monopols aufzuspielen und darnach zu handeln. Es ist begreiflich, daß die in Angriff genommene Organisation der Orthodoxie diesen Parteien nicht zu Gesicht steht und daß sie in ihrem Kampfe gegen diese „Konkurrenz" in den Mitteln keineswegs wählerisch sind. Die erste Geige spielt hiebei die zionistische Partei, die bei einer strammen Organisation der Orthodoxie am meisten zu verlieren hätte. Alle Mittel der Verleumdung, der Verdächtigung, der Verdrehung und des Terrors werden angewendet, um die Orthodoxie und ihre Führer zu diskreditieren. Die Hetze, die gegen den orthodoxen Abgeordneten zum Sejm, den greisen Rabbiner Perlmutter, in Szene gesetzt wurde, weil er es. „gewagt" hatte, eine Reise nach Paris und London zu unternehmen, um für orthodoxe Zwecke Hilfe zu suchen, ist eine der widerwärtigsten Erscheinungen im jüdischen Leben. Zu staunen ist nur, daß der „Misrachi", der ja ein Flügel der zionistischen Partei ist, so wenig Verständnis für den Kowaud-Hathora hat, oder so wenig Einfluß besitzt, um diesem Unfug entgegenzutreten. So sehr die erwähnten Parteien sich erkühnen, als die einzigen Vertreter der Juden aufzutreten, so wenig können sie auf Erfolge ihrer bisherigen Politik Hinweisen. Sie sind ja jetzt taffächlich die Wortführer der Juden Polens. In den Sejm wurde kein einziger Assimilant gewählt; die wenigen Assimilanten aus Ostgalizien, die Kraft der Berufung im Sejm sitzen, treten — aus taktischen Gründen, wie sie versichern — selten als Vertreter der Juden auf. Niemand stört die Kreise der Nationalisten — ihre Politik eilt aber von Mißerfolg zu Mißerfolg und keine wie immer geartete Demagogie kann darüber hinwegtäuschen, daß, seitdem die Herren Grünbaum, Thon und Konsorten die Zügel des jüdisch-politischen Wagens leiten, es täglich schlechter wird. Die Samstagsruhe-Angelegenheit bietet hiefür die krasseste Illustration. Noch nie und nirgends ist in einer solchenHL-ebensfrage so wenig — eigentlich nichts — erreicht worden.... Da war schon das alte Schtadlänus^viel besser! — Wie lange wird die öffentliche Meinung dieser Entwicklung der Dinge zusehen^wollen? Es kann keinem" Juden^einfallen, die Politik der Polen den Juden gegenüber irgendwie beschönigen zu wollen, aber die Frage kann nicht unterdrückt werden, ob nicht diese „Vertreter" der Juden gar "vieles zur"Verschlimmerung der Lage beigetragen haben. Ja freilich, die Herren Abgeordneten lassen sich fortgesetzt „feiern", jede ihrer Reden wird seitens der Parteipresse als großer^„Erfolg" ausposaunt; sie fahren im Lande herum und lassen sich wie Könige huldigen und Dank sagen — man greift sich fast an den Kopf angesichts dieser Komödie der Irrungen und Verirrungen. Der tristen politischen Lage entspricht auch die wirtschaftliche. Me war — trotz aller Konjunktur — das Elend und die Not unter den Juden in Polen so groß und so furchtbar, als jetzt. Die wenigen Männer, die diverse Hilfsaktionen leiten, — darunter verdient an dieser Stelle der Vizepräsident der Krakauer Kultusgemeinde, Herr Dr. Rafael L a n d a u, besonders rühmend erwähnt zu werden, der sich geradezu aufopfernd der Leitung der galizischen Hilfsaktionen widmet — haben alle Hände voll zu tun; die Riesenbeträge, die aus Amerika, England, Schweiz, Deutschland usw. einlangen, reichen kaum hin, die Not des Tages zu lindern. Von einem systematischen wirtschaftlichen Aufbau ist noch keine Rede. Dabei wirkt auch der Umstand mit, daß allzuviel politisiert wird, daß selbst die.Hilfstätigkeit vielfach nach parteipolitischen Gesichtspunkten geleitet wird, wovon wieder besonders die orthodoxen Kreise ein trauriges Lied zu singen wissen. Daß das moralische Niveau der jüdischen Volksmassen angesichts solcher Zustände wenig gewinnt, ist begreiflich. Man hört allzu häufig die Phrase von der „Hebung und Auflebung" der Volksmassen, von der „Erneuerung des jüdischen Geistes" und besonders die Zionisten tun sich darauf viel zugute — aber im Leben ist davon wenig zu spüren. Der „neue Geist" hat jenes hehre jüdische Leben verdrängt, das der „alte Geist" so lange aufrechtzuerhalten wußte — der Ersatz, der dafür geliefert wurde, ist nichts als ein Surrogat von zweifelhaftem Wert. An Stelle des gediegenen Inhalts ist die Phrase getreten, die politische wie die geistige. Nur ein energischer Ruck, eine entschiedene Abkehr von der bisherigen „Führung" und von den bisherigen Methoden kann da Abhilfe schaffen. Politisch sowohl als auch wirtschaftlich und geistig. Der Organisation der Orthodoxie harren große Aufgaben — möge sie nur die. richtigen Männer finden, die ihren Aufgaben gewachsen wären. MtLseryttLsmus. Don H. v. Gerlach.* Ich bin in meinen jungen Jahren leidenschaftlicher Antisemit gewesen. Warum? Ich wuchs auf in einem konservativ-orthodoxen f ause aus einem großen Gute Schlesiens. Ein solches Milieu präestiniert zum Antisemitismus, wenn ich auch nicht etwa direkt zum Judenhaß erzogen wurde. Aber die Mißachtung der Juden war traditionell. Es gab in unserer Gegend außer ein paar armseligen Felljuden eigentlich keine Juden. Mein Urteil war also durch Sachkenntnis wirklich nicht getrübt. Umso ungestörter konnte das Vorurteil sich entfalten. Der Gedanke, der mich in meiner Jugend weitaus am meisten in Besitz nahm, war der soziale. Meine Heimat war der Bezirk Deutschlands, wo die niedrigsten Landarbeiterlöhne gezahlt wurden. Der furchtbare Tiefstand der Lebenshaltung der Masie der Bevölkerung im Gegensatz zu dem feudalen Leben auf den Schlössern der Großgrundbesitzer erschütterte mich. Unauslöschlich prägte sich mir das „Gesindehaus" ein, wo die Knechte mit ihren oft sehr kinderreichen Familien samt und sonders je nur ein Zimmer zur Verfügung hatten und auf eine gemeinsame Küche angewiesen waren. Oder das Armenhaus im Nachbardorf, wo drei verschiedene Familien in demselben Raume hausen mußten. Ich wurde begeisterter Sozialreformer oder, was für mich damals dasselbe war, Antikapitalist. Und Antikapitalist war für mich gleichbedeutend mit Antisemit. Stöckers hinreißende Beredsamkeit hatte oen jungen Studenten in ihren Bann gezwungen. Er aber predigte ja unermüdlich: „Der ausgeprägteste und gefährlichste Vertreter 'des Kapitalismus ist der Jude." Otto Glagaus mit so unendlich vielem Material ausgestattete und deshalb scheinbar so beweiskräftige Schriften über den „Börsen- und Gründungsschwindel" hatten auf mich tiefsten Eindruck gemacht. Und er hatte ia das Wort geprägt: „Die soziale Frage ist die Judenftage." Die Juden selbst kannte ich nicht. Sie kennen zu lernen, hinderte mich der oberste Grundsatz des Vereines deutscher Studenten und der anderen antisemitischen Organisationen, denen ich mich angeschlossen hatte: Der Germane hat den korrumpierenden Umgang mit den minderwertigen Semiten zu meiden! Wie bin ich nun oazu gekommen, die Kinderkrankheit des Antisemitismus nicht nur zu überwinden, sondern auch gerade dadurch, daß ich sie durchgemacht habe, völlig immun gegen jede antisemitische Regung zu werden? Die Bekehrung vollzog sich nicht durch einen plötzlichen * Hellmuth von Gerlach, der Herausgeber der Berliner Zeitung „Welt am Montag", nimmt (durch eine gegen ihn gerichtete Preßkampagne veranlaßt) in der „Weltbühne" zur Judenfrage in einer Weise Stellung, .welche auch außerhalb Deutschlands Beachtung verdient. (Fortsetzung auf Seite 7.)