Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Jüdische Korrespondenz Seite 3 um sich greifenden Verelendigung retten! Die Wohltätigkeit ist keine Lokalfrage mehr und das Ausland will und kann nur helfen, wenn auch das Inland organisatorisch mitarbeitet. Durch die mangelnde Organisation der gesetzestreuen Juden, sind wir bisher bei Verteilung der ausländischen Hilfsaktionen tatsächlich ganz leer ausgegangen, oder mit unverhältnismäßig kleinen Beträgen bedacht-worden! Die soziale Försorgeaktion der Adaß Jisroel hat nun die dankeswerte Aufgabe, die geeinigte Orthodoxie Deutschösterreichs nach außen zu vertreten, durch sie soll die Auslandshilfe den einzelnen, sozialen Institutionen der thoratreuen Judenheit zufließen, durch sie sollen unsere erholungsbedürftigen, unterernährten Kinder im hilfsbereiten, gastfreundlichen Auslande, bei streng religiösen Glaubensgenossen untergebracht werden. Es müßte darauf geachtet werde, daß das In- und Ausland auch den rituellen Bedürfnissen Rechnung trägt, daß das zugewiesene Fleisch und Fett auch uns zur Sättigung dienen kann. Wir müssen nicht nur aus rituelle Volksküchen und Kinderausspeisungen bedacht sein, sondern auch eine rituelle Mittelstandsküche schaffen, damit die religiösen Kreise nicht ausgeschlossen bleiben von der rettenden Hand des hilfespendenden Auslandes! Wir sehen in Deutschland, daß die glänzende Organisation der thoratreuen Juden es erreicht hat, in allen staatlichen Lebensmittelkommissionen vertreten zu sein! Die soziale Fürsorge darf sich aber nicht nur darauf beschränken, die Not und den Hunger der Gegenwart zu lindern, es müssen Institutionen geschaffen werden, die die soziale Entwicklung des sabbathaltenden Glaubensbruders fördern! Durch Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten, durch Errichtung von Banken und Kreditvereinen, will sie der Lösung eines Problems näherrücken, welches den sozial denkenden glaubenstreuen Juden am meisten beschäftigt! Dabei öffnet sich eine weite Perspektive, die uns auf praktische Palästinaarbeit einen zukunftsreichen Ausblick gewährt. — So soll und muß die „soziale Fürsorge" mehr sein als ein Verein oder eine Vereinigung, nicht nur das Herz unserer Gemeinde, das Armen hilft und beisteht, nicht nur die Hand, die die Spenden der Begüterten entgegennimmt, sondern die Verkörperung jenes sozialen Idealismus, der unserer Tohra hakedauschph innewohnt. — Thoratreue Juden Wiens, fördert, unterstützet und arbeitet für unsere soziale Fürsorge! provmzialraLbiner Dr. Michael Lahn ges. A. , In der Nacht zum zehnten Tewes verschied in Fulda Provinzialrabbiner Dr. Michael Cahn ges. A. Einem Nachrufe, den das Organ der Orthodoxie in Deutschland, „Der Israelit" (Frankfurt) dem Verblichenen widmete, seien folgende Stellen entnommen: In Rüdesheim am Rhein von einfachen, frommen Eltern erzogen, wußte der Verstorbene s. A. schon als Zwölfjähriger dem Vater die Erlaubnis abzuringen, in dem benachbarten Mainz seinen Wissensdurst stillen zu dürfen. Zu den Füßen von Rabbi Schmuel Bondi s. A. lernte er mit Feuereifer Thora, dabei in unsäglichen Mühen durch Unterricht sich die Mittel zum Lebensunterhalt verdienend. So durste er nach schweren Jahren das von Israel Hildesheimer s. A. ins Leben gerufene Rabbinerseminar in Berlin beziehen. Es war die Zeit, in der der „Rebbe" in der Vollkraft seiner Jahre jedem einzelnen seiner Schüler die ganze Fülle seiner begnadeten Persönlichkeit spendete, und sicherlich hat das engelgleiche Zeniaus, das den Meister auszeichnete, mehr vielleicht als bei irgend einem seiner Schüler in der Seele des jungen Michael Cahn gezündet undWurzel geschlagen. Nach erlangter Hatarat Haurooh und mehrjähriger Amtswirksamkeit in der posenschen Gemeinde Samter folgte der junge Rabbiner einem Rufe/ der ihn wieder in die Nähe seiner süddeutschen Heimat führen sollte, nach Fulda. Was er hier innerhalb der Gemeinde und in einem ausgedehnten Landbezirke in den vier Dezennien seiner Lebenswirksamkeit als Rabbiner geleistet, davon legen die Institutionen dieser Gemeinden Zeugnis ab. Mit der ganzen Wucht seiner unvergleichlichen Ueberzeugungskraft, einer nimmer erlahmenden Energie und Tag und Nacht nicht rastender Gewissenhaftigkeit wandte er dem Kleinsten wie dem Größten, der Schule, der Mikwa wie der Schechita, dem Geschäfts- und Familienleben der Gemeindemitglieder, der Art der Mizwo-Erfüllung wie der Rechtsstellung der Gemeinden und ihrer Beamten seine Fürsorge zu. Mit den Lehrern der Landgemeinden wußte er in ein enges Freundschaftsverhältnis zu treten, das aus Vertrauen und Verehrung beruhte. Vor allem lag ihm neben der Ausgestaltung der jüdischen Volksschulen das eigentliche Thoralernen am Herzen, und seine Lieblingsschöpfung, das Beshamidrasch, das er in Fulda geschaffen, und mit dem er den Namen seines großen Vorgängers auf dem Fuldaer Rabbinatssitz, des Maharam Schiff s. A. in seiner Gemeinde praktisch zu Ehren zu bringen gedachte. In seinem Dikduk bemizwauth gatl Dr. Cahn vielen als eine strenge Natur — aber wer auch nur eine Ahnung von der Vielgestaltigkeit, von der Wesensart seines Gemilus Chesed hatte, der mußte in ihm einen Main: von übersprudelnder Menschenliebe erblicken. Da war keine Witwe, keine Waise in seinem Rabbinatsbezirke, die in ihm nicht den Annehmer, kein schwergeprüfter Familienvater, der nicht Rat und tatbereite Hilfe im Rabbinerhause zu Fulda gefunden hätte. Dazu war eine umfassende Sammeltätigkeit innerhalb wie außerhalb des Bezirkes nötig, deren Mühen und Unbilden nur eine so herzbezwingende Persönlichkeit wie Michael Cahn überwinden konnte. Die auf das Persönliche eingestellte, die Menschen gewinnende, das Bedürfnis des jüdischen Lebens tief erfassende Art verdankte er Hildesheimer;, die Prinzipien klare, mit eisener Konsequenz auf die Reinheit des religiösen Gedankens hinzielende Formgebung seiner politisch-religiösen und literarischen Wirksamkeit war gewiß eine Frucht der von dem Frankfurter Meister ausgestreuten Saat. So trat er diesem von der Gründung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" an als hervorragendster Mitarbeiter und Mitstreiter zur Seite und hat als einer der Führer dieser Organisation, in treuer Freundschaft auch dem Nachfolger Hirsch's verbunden, drei Jahrzehnte lang dem Wirken der „Freien Vereinigung", namentlich in allen Politischen Dingen den Stempel seines starken Wollens aufgedrückt. Was er hier auspraktischem wie auf politischem Gebiete, beim Schutze der Schechito, des Sabbats, der Mezizo, beim Kampfe um die jüdische Volksschule, der Gründung des gesetzestreuen Lehrerbundes, in der Abwehr der unheilvollen Bestrebungen zur zwangsweisen Vereinheitlichung des Judentums, im Ringen um die Reinheit der religiösen Begriffe, gegen das Schlagwort von der „Gleichberechtigung der Richtungen" Gewaltiges geleistet, das zu beschreiben, würde den Rahmen dieses kurzen Nachrufes sprengen. Der Inhalt dieses seines Wirkens, das auch innerhalb der „Freien Vereinigung" sich nicht erschöpfte, sondern mit gleichem Ernste, soweit es das Alter gestattete, auch Agudas Jisroel galt, umfaßt eine verwirrende Fülle von Einzelheiten — allein alle getragen und geordnet von dem einen Strebeziel, ernst zu machen mit der Gewinnung der jüdischen Gesamtheit für ihre alleinige Aufgabe, die Erfassung und Verwirklichung des Gotteswillens auf Erden. Charakteristisch für die innige Verflochtenheit des Praktisch- Politischen und des Grundsätzlichen in Cahns Persönlichkeit ist das große Werk, das er kurz nach den Broschüren: „Die Verbände und das Judentum" und „Das Plaidoper des Herrn Justizrat Makower" erscheinen ließ: „Die religiösen Strömungen im zeitgenössischen Judentum". Hier folgen auf die ins Kleinste gehenden gründlichen Auseinandersetzungen über die Vorgänge bei der Schaffung des Volksschulunterhaltungsgesetzes oon 1906 tiefeindringende Untersuchungen zu den dogmatischen Grundproblemen der jüdischen Lehre. Ihm war eben Politik nichts anderes als die Verwirklichung der Gotteslehre im öffentlichen Leben, nnd der kleinste Buchstabe in einem Gesetzesparagraphen gewann ihm Würde und Heiligkeit, wenn an ihm Gedeihen oder Verderb für. Mizwo-Tat oder Thora-Erkenntnis zu hängen schien. Secher Zaddik Liwrocho.