Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 Jüdische Korrespondenz Seite 3 in den tiefen Blumenkorb der offenbarten Lehren der Thora zu greifen. Unter Zittern und Zagen und Todesgefahren hat die Jugend vergangener Jahrhunderte sich mit der Thora beschäftigt, in voller, sorgloser Freiheit darf es die heutige Jugend Israels tun. Ohne Scheu, ja vielmehr mit Stolz soll unsere Jugend unsere Thora studieren, denn so sehr sie auch bei den Verfolgungen und allgemeiner Judenverachtung mitleiden mag, so sehr wird die Seele entflammt sein in Bewundernng der Ewigkeit unserer Thora. Die Bibel muß in dieser ernsten Zeit mehr gepflegt und verbreitet werden, damit unsere Jugend als Sieger aus dem furchtbaren Geisteskanlpfe, der wider uns entbrannt ist, hervorgeht Die Juden in Ungarn an das Judentum des Auslandes. Die führenden Kreise des ungarländischen Judentums veröffentlichen folgenden Aufruf: Das Judentum Ungarns blickt auf ein schweres, verhängnisvolles Jahr zurück und auch für die nächste Zukunft eröffnet sich seinen Blicken nur eine bange Erwartungen erweckende Aussicht. Die wirtschaftlichen Folgen des mit dem laugen Kriege verbundenen Niederganges, der tausende Existenzen vernichtet hat, die unendlichen, noch gar nicht ganz übersehbaren Verheerungen des Bolschewismus, sie alle vereinigen sich zu einem düsteren, trostlosen, erschütternden Gemälde. Diese ungarischen Juden haben im verflossenen Jahre der Trauer und Vernichtung ebenso viel gelitten wie ihre übrigen Mitbürger. Ja noch bedeutend mehr. Denn sie haben als treue Ungarn ebenso unter dem Drucke gelitten, der ihr gemeinsames Vaterland so verhängnisvoll betroffen und sie haben überdies in ihrem Judentum spezielle Leiden und Verwüstungen mitgemacht, die ihre Bürde nur noch schwerer, bedrückender erscheinen lassen. Tausende jüdischer Kinder sind für ihr Vaterland Ungarn gefallen. Tausende Existenzen, die bisher hier bodenständig gewesen, sind durch die allgemeinen Folgen des Weltkrieges vernichtet. Tausende Existenzen sind aber auch durch den Antisemitismus in ihren Wurzeln bedroht. Der Abfall von Tausenden, mit dem Judentum schon seit Jahren nur lose zusammenhängenden Individuen, die zu schwach waren, dem ersten Ansturm zu widerstehen und die beim ersten Wellenschläge der antisemitischen Hochflut sich eilends vom Glauben ihrer Väter lossagten, haben unsere Scharen im abgelaufenen Jahr gelichtet. Um die letzteren, um die Abtrünnigen unseres Glaubens ist uns nicht leid: sie haben schon längst nicht mehr dem Judentum augehört und ihr Abfall ist nur geeignet, die ewig frischen Säfte dieses Judentums besser zu konzentrieren. Doch auch ohne sie findet das ungarische Judentum durch die vielen unzähligen Opfer feilte Reihen sehr gelichtet. Größer aber als alle diese Verluste sind die Verluste, die dieses Judentum durch die Besetzung bedeutender Gebiete bereits zu erleiden gehabt. Die herrlichsten Stätten ungarisch-jüdischen Lebens wie die Slowakei: dieses unerschöpfliche Regenerierungsbecken unseres Judentums, das Banat und Siebenbürgen: diese blühenden Stätten ungarisch-jüdischer Industrie, befinden sich in Feindes Hand. So wie das herrliche Ungarland, auf mehr als die Hälfte reduziert, zerzaust, seiner wichtigsten Lebensnerven beraubt, verstümmelt aus dem gigantischen Völkerringen hervorgegangen ist und alle seine Kräfte aufs äußerste anspannen muß, um vielleicht in Jahrzehnten die Verluste dieses traurigen Jahres wettmachen zu können, so geht auch das ungarische Judentum zerzaust, verstümmelt, auf die Hälfte reduziert, aus diesem Kampfe gebrochen und ermattet hervor — überdies noch beladen mit dem Fluche des Bruderhasses, der sich diesem seinem Vaterlande so begeistert anhängenden Judentum an die Versen heftet. Und es wird drei- und vierfach alle seine übriggebliebenen Kräfte anspannen müssen, um seiner Pflicht für das ungarische Vaterland und seiner Pflicht für den Glauben seiner Väter entsprechen zu können. In dieser Bedrängnis, in dieser tiefen Not wenden M Blicke des ungarischen Judentums sich zu den Glaubensbrüdern des Auslandes. Wir können nicht glauben, daß sie, denen wir Jahrzehnte hindurch ein Hort und Schutz in der Bedrängnis gewesen, uns jetzt in den Stunden bitterster Not im Stiche lassen werden. Wir können nicht glauben, daß sie, die dem ungarischen Judentum eine so große Zahl weltbekannter jüdischer Gelehrter und Forscher zu verdanken haben, jetzt mit verschränkten Armen zusehen werden, wie diese Pflanzstätten jüdischer Lehre, jüdischer Forschung verdorren und dahinwelken. Wir können nicht glauben, daß unsere Glaubensbrüder in der Welt, die in den dahingeschwundenen Jahrzehnten so oft staunend und voll des Lobes unsere ungarisch-jüdischen Gemeinde- und Wohlsahrtsinstitutionen anerkannt, diese Stätten jüdischer Humanität und jüdischen Wissens rettungslos verkommen laffen werden. An sie, an unsere Glaubensbrüder im Auslande ist unser Hilferuf gerichtet. Wir ungarische Juden wollen Ungarn bleiben, wollen unser ungarisches Vaterland gerade jetzt in den Zeiten seiner größten Not, in den Jahren seiner schweren Reorganisation nicht verlassen; wir wollen an dem Wiederaufbau unseres heißgeliebten Vaterlandes Mitarbeiten mit aller Kraft, mit der ganzen Zähigkeit und Begeisterung unserer Abstammung. Wir ungarische Juden wollen aber auch unsere Pflanzstätten jüdischen Lebens, unsere humanitären Einrichtungen als freie Bürger eines freien, seiner Entwicklungsfähigkeiten nicht beraubter! Landes mit dem gleichen Eifer, mit der gleichen Hingebung pflegen, wie es unsere Väter getan. Zu diesem Behufe bedürfen wir aber eines ungebrochenen, unangetasteten Ungarns mit freien Entwicklungsmöglichkeiten, bedürfen wir unserer Glaubensbrüder in der Slowakei, im Banat, in Siebenbürgen, die unser Fleisch und unser Blut sind und bleiben sollen. Darum, ihr Glaubensbrüder in England, Frankreich, der Schweiz, Amerika und Australien: unterstützet mit eurem Einfluß, mit euren Bitten bei euren Regierungen die Bitten der ungarischen Friedensdelegation, die auch die Bitten eurer ungarischen Glaubensbrüder sind. (Es spricht sicherlich für den Patriotismus der ungarischen Juden, daß sie trotz des gegenwärtigen antisemitischen Regimes so warm für ihr "Vaterland eintreten. Die Machthaber in Budapest mögen es sich aber gesagt sein lassen, daß, wenn sie an die Welt um Gerechtigkeit appellieren, sie im eigenen Lande sich etwas mehr von der Gerechtigkeit leiten lassen sollten. D. R.) Die französischen Zionisten zur Valästinafrage. Die „Jüdische Preßzentrale Zürich" entnimmt dem soeben erschienenen offiziellen „Rapport sur la Politique generale de 1'Organisaiion Sioniste de France“, der der Jahreskonserenz der französischen Zionisten am 1. Dezember 1919 vom Berichterstatter Dr. E. F. Braunstein vorgelegt wurde, unter anderem folgendes: Nach einem Ueberblick über die Tätigkeit der Zionisten in Frankreich, um die französische Oeffentlichkeit für die zionistischen Ideale zu interessieren, wird das der Friedenskonferenz überreichte Memorandum kritisch beleuchtet und hie „Proposals" einer Prüfung unterzogen. Zuerst wird die englische Mandatfrage besprochen, wobei es unter anderem heißt: Haben die Zionisten klug gehandelt, als sie verlangten, daß England das Mandat über Palästina übergeben würde, ohne irgend anderswo ein Gegengewicht gu suchen, um die englischen Forderungen anszugleichen? Wenn nun Englands Verwaltung schlecht sein sollte, so können die Juden sich an niemand, nicht einmal an den Völkerbund um Hilfe wenden, denn erstens hat England mit seinen Dominions darin das Uebergewicht, zweitens hat das jüdische Volk die Mandatarmacht frei gewählt. Sodann wird die Frage behandelt, wem die souveräne Macht in Palästina zustehen wird. Die Vorschläge sagen, dem Völkerbund, die Juden aber wollen nur das jüdische Volk als Souverän anerkennen. Dieses soll seine Regierung wählen. Also .wird die Regierung nicht Großbritannien gehören. Der Völkerbund wird die Mandatarmacht kontrollieren, die je nach , Wahl des zionistischen Kongresses, heute England, morgeT Frankreich oder Amerika sein wird. Wir können nur in un^