Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 Jüdische Korrespondenz Trümmerhaufen verwandelte und dem herzlosen Feinde der Menscheit die unumschränkte Herrschaft über uns einräumte, mitten in den ungeheuren Flutwellen des Meereshasses, die das Leuchten der Sonne verdüsterten und die ägyptische Finsternis über uns brachte, lebt ein Talisman ernster Kraft, ein lebenspendendes Kleinod, ein geistiges Kraftzentrum, von dem für unseren siechen Volkskörper die Ströme lebendiger Erneuerung ausgehen werden. Nicht in den Vergnügungen und Genüssen der Welt liegt verjüngende Macht. Im Gegenteil, die Welt reibt ihre Kinder schnell auf und macht sie vorzeitig alt. Gedankentief erzählt die Sage. Ein Jüngling durchschwelgt auf üppigem Schloß die Nacht, am Morgen erwacht er in der Wüste, mühselig schleppt er seinen siechen Leib an einen Bach. Im Wasserspiegel erblickt er sein Bild. Doch wie muß er erschrecken, welk ist geworden sein Antlitz, grau ist geworden die Locke, ein Greis ist er geworden über Nacht. Aus dem Becher weltlicher Freude schäumt keinem unter uns der Labetrunk der Verjüngung. Nur die Thora, unser geistiges Kraftzentrum, ist die Urquelle, aus der die Jugendseele ihre unsterblichen Kräfte schöpft. Die Thora ist ein Werkzeug, das aus Schwächlingen, Helden, aus kalten indifferenten Träumern Eiferer formt. Denn nur ein Werk, das auf Gottesgeist gebaut, ist dem Untergänge nicht geweiht. Sinnig sagen unsere Weisen, Buch und Schwert stelen vereint vom Himmel und eine Stimme ertönte, hütet ihr das Buch, dann seid ihr gefeit gegen das Schwert. Im Buche, in unserer geistigen Ertüchtigung, liegt unsere Macht und unsere Zukunft. Nicht der ist verwaist, dessen Vater und Mutter gestorben, sondern der für Herz und Geist keine Liebe und kein Wissen erworben. Und wir Juden des Lebensexils tragen auf unserer Wanderfahrt im Galuth den herrlichsten Schatz, dessen Besitz uns mehr gilt als die Welt, die Thora, die viel angefeindete Bibel, das Grundbuch unseres geistigen Lebens, das nunmehrige Vaterland unserer Lebensziele. Aber ein Buch hat seine Schicksale, ein Buch bedarf der Beglaubigung, ein Buch ist Gegenstand historischer-philologischer Kritik. Aber unser Lebensschatz ist kein der Weltbühne, kein selbständiges Werk des menschlichen Zeitgeistes, unsere Thora ist ein Leitfaden, ein Grundriß, ein Repetitorium all der Lehren, die Gott Moses gekündet und Josua und dieser den Aeltesten überliefert. Diese ewig zeitgemäße Thora wurde seit Jahrtausenden in unserer Mitte gelehrt, erklärt, gelesen und bildete den Hauptbestandteil des öffentlichen Gottesdienstes und unserer geistigen Nahrung. Und wo Israel infolge der Ungunst der Zeiten vom öffentlich politischen Leben ausgeschlossen war, da erhielt das Bibelstudium den jüdischen Geist frisch und arbeitsfähig. Die Widersprüche der Bibelkritik sind nur scheinbar vorhanden. Es bleiben nur Widersprüche für den, der das tote Buch in Händen hat, dem die Quelle der Tradition nicht fließt. Wer sich eigene Zisternen baut und die Quelle des lebendigen Wassers außer acht läßt, der wird freilich Zisternen bauen, die das Wasser nicht fassen können, der wird Theorien konstruieren, die in unzähligen Punkten anseinanderklaffen, die das Ganze, die Thora unmöglich umspannen können. Darum ist die Tradition die Grundlage unserer Weltanschauung. Darum ist unser Lebensprinzip, das Wesen des Judentums, die Thora. Unsere Lebensanschauung beruht auf den Glauben an die Echtheit, an die Heiligkeit der Thora. Unsere Lebensanffaffung ist beherrscht von der Erfüllung der Thora. Ein Judentum, das sich nicht selbst geistig erhalten oder ausweisen tat, ein Judentum, das auf die Thorakost verzichtet und Anregungen von außen bedarf, gerät infolge der geistigen Unterernährung' in Verkümmerung mtb Bedeutungslosigkeit. Nur der göttliche Geist und die Eigenart unserer Thora ist unsere Jugendkraft, unsere nie versiegende Lebensquelle in der Weltwüste, unser Manna in der Weltwildnis, unsere Immunität gegen unsere grausame Verfolgung,, gegen die Ausrottungsplane der geistigen Inquisitoren in der Gegenwart, unser Bollwerk gegen die gefährlichen Granaten und Brandbomben der ruchlosen Demagogen. Die Thora ist unsere Soldateufahne, unsere Volksfahne, der wir treu dienen müssen, für sie leben, heldenmütig kämpfen und wenn es sein muß, für sie sterben. Diesen Grundsatz, dieses Axiom des Judentums muß unsere Jugend gleichsam mit der Muttermilch einsaugen. Sie muß erfahren, daß auch die ganze christliche Menschheit mit dem Neuen auch das Alte Testament unter ihre heiligen Bücher ausgenommen und Gesetzgebung und soziale Fürsorge von ihm beeinstussen lassen. Und wie das Christentum ist auch der Koran von der Thora beeinflußt. Aber ilicht das blutbefleckte Schwert Muhameds und nicht die glaubenseifrige Zudringlichkeit der Missionäre sind die Verbündeten des Judentums, um seinen Prinzipien, seinen Ideen und seinen Grundwahrheiten zum Siege zu verhelfen, sondern die Thoralehre der Gleichberechtigung aller Geschlechter auf Erden. Die Thora will den Menschen nicht bloß für Gott und den Himmel, sondern auch für den Menschen und Erde, die Gesellschaft und den Staat bilden, sie hat daher neben den Lehren vom Gottesglauben und der Gottesverehrung auch eine ausführliche Rechts-,,Staats- und Sittenlehre. Die Rechtslehre ist nach den Gesetzen der Vernunft und der Erfahrung aufgebaüt, doch so, daß in derselben dem menschlichen Herzen volle Rechnung getragen wird. Es ist nicht das römische Recht, welches zu seinem Wahlspruch: „Fia Justitia pereat mundus — Gerechtigkeit geschehe, die Welt gehe unter", sondern das die Zeit und die Verhältnisse berücksichtigende Recht, das besondere Rücksicht nimmt auf die Schwachen und Bedrängten, daß ihnen der nötige Schutz nicht fehle. Denn schon die Thoradarstellung der Abstammung des Menschengeschlechts von einem Menschenpaar ruht auf der Annahme der Gleichheit und führt zum Grundsätze der Gleichberechtigung aller Menschen, ein Grundsatz, zu dessen Anerkenntnis und Betätigung die Menschheit nur allmählich heranreift. Kerne Gesetzgebung bei irgend einem Volke der antiken Welt hat so sehr für das Wohl aller gesorgt als die Thora und auch die Gesetzgebung der modernen Staaten stehen in mancher Hinsicht gegen unser Grundbuch zurück. Die Gesetzgeber der Völker des Altertums habeit dem Staate eine unumschränkte Macht über Gut und Blut seiner Bürger eingeräumt oder sie haben eine Klasse zugunsten der anderen unterdrückt, der einen nur Vorrechte zuerkannt, der anderen nur Lasten auferlegt, so daß die eine Volksklasse über Leben, Eigentum und Freiheit der anderen gebieten konnte. Zwei Völker gab es im Altertum, welche den ganzett Schatz der Humanität begründet und auf die neue Zeit überliefert haben, das sind die Hellener und die Inder. Aber das hellenische Gesetz bedurfte einer Vermittlung durch den Geist der Thora, um eine warme hmnane Entwicklung zu erzielen. In der Thora ist es zum ersten Male seiner Zeit ausgesprochen worden: Du sollst nicht töten. Die alten Historiker erzählen uns, daß in den Bergen Griechenlands oft das Geschrei der kleinen Kinder zu hören war, welche von den Eltern mißhandelt und ausgesetzt rvurden. Es war erlaubt, den Sklaven zu töten, der als freies Eigentum angesehen und mit den Tieren auf die gleiche Stufe gestellt wurde. Der größte Philosoph des Altertums, Aristoteles, sagt, daß die Natur bei der Erschaffung der Menschen die einen zum Befehlen, die anderen zum Gehorchen bestimmt hatte. Im Prinzip der Thora-Anschauung hat diese Institution keinen Raum. Die Sicherstellung der Person und des Lebens betrachtet die heilige Schrift als eine der dringendsten Aufgaben; und während das größte Kulturvolk des Altertums die Fremden „Barbaren" nennt, verkündet die Thora: Du sollst auch den Fremdling lieben. Turmhoch steht das kleine Volk Israel über den Hellenen und anderen Kulturvölkern jener Tage und selbst späterer Zeiten. Denn auch in beit modernen Staaten ist. es den Gesetzgebern noch nicht gelungen, eine vollständige Gleichberechtigung aller Stände und Klassen durchzusetzen. Also nur unsere Thora beruht auf der Grundlage der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze und der Beseitigung aller Unterschiede der Geburt, der Nation, des Bekenntnisses und des Vermögens. Der Gedanke der Gleichheit aller, ist nur ein jüdischer Gedanke. Jeder vorurteilslose Denker muß daher seine Ehrfurcht vor dem Geiste der Thora und seinen unsterblichen Taten im Dienste der Menschheit bekennen. Die Menschheit verdankt ihr das Köstlichste, den Geist des wahren Humanismus, der Vereinigung aller Menschen zu einer Gesellschaft, zu einem Bund von Brüdern, von Söhnen eines Gottes. Wir müssen daher das Haupt unserer Jugend mit den Blütenkränzen unserer Thora schmücken, niemandem darf es versagt werden,