Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 30, halbjährig K15, vierteljährig K 8. — Ausland jährlich K 50. Einzelnummer 60 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 3. Wien, 25. Tebet 5680, 16. Jänner 1920. VI. Jahrgang. TlvinrlönS werden die P. T. Abonnenten gf * U-iyvJ-iVrJ ersucht, die Erneuerung des Abonnements vorznnehmen. Aie Abonnenten in der Tschecho-Slowakei werden ersucht, das Abonnement an Kerrn Isidor Lappen- Heim, Wreßvrrrg, Aonaustraße 26, einzusenden. Die Abonnenten und Werschkeißsiellen in Polen und Galizien belieben die WezugsgebüHr an die „Lndowa Kafa Zaliczkow a", Krakau, Gertrud a 9, für die „Indische Korrespondenz" eiuznsenden. Abonnements in Ungarn wollen an Kerrn Simon Schischa in Sopron, Wapred 10, erneuert werden. Aer Ordnung wegen ersuchen wir, die Administration von der Entrichtung des Abonnements zu verständigen. mSäSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSäSm Der „Friede". Scholaum, Scholaum — we-6n Scholaum! . Endlich ist jber erste Akt der. Friedens-Tragikomödie^endgültig zu Ende' gespielt worden. Gerade l4"voÄeMönäke nach dem Abschluß des Waffenstillstandes zwischen Deutschland und seinen Gegnern, länger als sechs Monate nach der Unterzeichnnng des Friedensvertrages in Versailles, ist nun am IO. Jänner der Austausch der Ratifikationsurkunden erfolgt und der mit so viel Ach und Krach zustandegekommene „Friede" kann in Kraft treten. Wie es mit diesem Frieden bestellt ist, wie viele seiner Bestimmungen sachlich und technisch undurchführbar sind, das ist hinlänglich bekannt. Der Friede, der nun in Kraft tritt, wird kein Friede sein; ein Kleinkrieg wird den bisherigen Zustand ablösen, ein Guerilla mit all seinen Sticheleien, Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten. Die so schwer geplagte Menschheit wird nach wie vor nicht zur Ruhe gelangen; das Damoklesschwert sich erneuernder und wiederauflebender Verwicklungen wird über ihr Haupt schweben. Ein Zustand der Unsicherheit und der Unruhe: Scholaum, Scho^um — we-en Scholaum! Soweit inwiefern es sich um den Friedensvertrag von Versailles handelt. Mit dem Friedensvertrag von St.-Germain hält man nicht einmal so weit. Das Staatsgebilde, das die „besten Köpfe" der zeitgenössischen Diplomatie dort geschaffen haben, kann weder leben, noch sterben. Es ist heute eine Last seinen Bewohnern und eine Last für die gesamte Kulturwelt. Ein Satanswerk, wie es ärger nicht geschaffen werden konnte ... Nicht besser steht es mit dem Friedenswerk von Neuilly. Auch das neue Bulgarien wird von einem Fieber der Unruhe und der Unsicherheit geschüttelt. Auch in jenem europäischen Wetterwinkel ist viel Explosionsstoff aufgehäuft worden und wer weiß, ob nicht von dort aus das verheerende Feuer wieder aufflammen werde. Ungarn und die Türkei harren noch immer der Entscheidung über ihr Schicksal. Das ungarische Problem ist kompliziert genug und dürfte den „Herren der Welt" viel zu schaffen geben. Die türkische Frage schließlich birgt so viel Gefahren in sich, daß die Herren der Entente sich noch gar nicht entschließen konnten, etwas entschlossener zuzugreifen, sie gehen den heißen Brei herum und sind froh, vorläufig Zeit zu gewinnen. Zu all dem kommt noch das Problem Rußland, das geeignet ist, eines schönen Tages alle Entscheidungen der heutigen Sieger über Bord zu werfen. Mochten auch alle Fri^ensverträge in Kraft treten, die Welt wird keinen Frieden haben, solange die russische Frage keine Lösung erfahren werde. Wo aber ist der Staatsmann, der die Macht hat, da einzugreifen oder auch nur die richtige Lösung vorzubereiten?! So sieht heute die Neuordnung der Welt aus, welche die Sieger geschaffen haben. Es ist ein Kamps aller gegen alle, militärisch, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Eine Welt der Irrungen und Verirrungen. Es mag heute lächerlich erscheinen, die Möglichkeit eines seinerzeitigen Sieges der Mittelmächte ins Auge zu fassen. Aber — die schlimmste Prognose für diesen Fall stellend — ärgere Folgen hätte auch ein Sieg Ludendorffs und des alldeutschen Klüngels nicht zeitigen können. Die Welt, die sich so viel von einem Sieg der Entente versprochen hatte, sie war allzu naiv. Mundus vult decipi, ergo decipiatur! Auch die Juden haben dasselbe erlebt. An dieser Stelle ist vier Jahre lang auseinander gesetzt worden, was ein Sieg der Entente den Juden bringen dürfte. Wir standen mit unserer Stimme fast vereinzelt da. .Als die Würfel gefallen waren, da beeilte sich gar mancher zu versichern, er habe schon früher den Sieg der Westmüchte vorausgewußt und sich davon dies und jenes versprochen. Ein jüdisches Heim in Palästina, Anerkennung der Juden als Nation, Minoritätsrechte und dergleichen in der Diaspora, eine Lösung der Judensrage im allergünstigsten Sinn. Heute, kaum ein Jahr nach den „glorreichen" Tagen des November 1918, stehen all die Optimisten enttäuscht, all die Großsprecher beschämt da. Im Osten fließt jüdisches Blut in Strömen, die Rechtsgarantien sind nichts als ein Fetzen Papier; in Palästina eine unruhige Gegenwart und eine unsichere Zukunft. Vergeblich die Versicherungen derjenigen, die seit Jahr und Tag die rosigsten Zukunftsbilder zeichneten .Vielleicht hat mancher sich versorgt — das jüdische Volk als Gesamtheit, die Volksmassen, sind besorgt aber nicht versorgt geblieben . .. Scholaum, Scholaum — we-en Scholaum! Friede, Friede — aber kein Friede! Das ist die Signatur der heutigen Situation! Wohin soll das führen?! Spectator. Oie Wichtigkeit des Audiums der Thora für unsere Jugend! Von Rabbiner Dr. Ezechiel Landau (Boskowitz). Wachet auf, wachet auf! Schlafende aus Eurem Schlafe, empor, empor, Brand ist im jüdischen Lager. Es ist höchste Zeit, daß wir erwachen, denn wir schlafen in unseren Tod hinein und brüten in unser Verderben. Die Tage sind zwar düster und trübe. Die Nacht desto kälter und schauriger, die sich erhebenden Nebel bewölken unseren heiteren Himmel, unser Gesichtskreis ist bewegt und beschränkt, alles Leben und Streben erstarren reg- und beweglos. Aber mitten in den dramatischen Ereignissen auf der Weltbühne, wo wir Juden nur Tragödie aufführen dürfen, in den letzten Zügen der Welt, wo ein seelischer Pesthauch auf uns liegt, durch die ein großes, entsetzliches Unheil über uns Juden hereingebrochen, daß wir vor Fieberftösten erschauern und uns die Augen zuhalten, um nicht dem noch schlimmeren Morgen ins Angesicht schauen zu müssen, ein Unheil, das die tränenreiche verwaiste Welt in einen wüsten