Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Jüdische Korrespondenz Seite 3 So sind Verhältnisse, die sehr gegen den Wunsch der deutschen Juden zu ihrem Nachteil geschaffen wurden, wirtschaftlich zu ihrem Vorteil ausgeschlagen. Es zeigt sich hier der gleiche Vorgang, wie ihn Max Weber für die radikal-protestantischen Sekten in England, Amerika und auch Deutschland aufgezeigt hat. Deshalb erscheint es als unberechtigt, hier von Rasseeigentümlichkeiten zu sprechen, wo die Auswirkung einer besonderen geistigen Erziehung vorliegt, die ohne Unterschied der Raffe überall zu den gleichen Ergebnissen führt. In dieser Tatsache mag auch der Hauptgrund liegen, warum Juden und Engländer beziehungsweise Amerikaner, aber auch Juden und Calvinisten in Ungarn viel reibungsloser miteinander leben als Juden und Deutsche beziehungsweise Russen. Es besteht eben bei ihnen eine größere Uebereinstimmung in der geistigen Einstellung auf die heutige Welt, die ihre wirtschaftlichen Formen nun doch einmal vor allem durch den Nationalismus des radikal-protestantischen Sektentums erhalten hat. Sind somit Gründe der geistigen Selbsterziehuug und der geschichtlichen Verhältnisse die Ursache für die überragende Stellung so vieler Juden im Wirffchaftsleben, so sind sie auch für die Hinneigung vieler anderer Juden zum Sozialismus und Kommunismus maßgebend. Der Marxismus will die Unterschiede der Menschen in jeder Hinsicht, sei es der Nation, der Nasse, der gesellschaftlichen Stellung usw. aufhebeu. Er will durch Umsturz aller bisherigen Verhältnisse die Freiheit und Gleichheit aller Menschen herbeiführen, fo, daß alle Menschen gleich geachtete Brüder sind. Diese Lehre muß auf Menschen, die mißachtet und verfolgt werden, natürlich eine außerordentliche Anziehungskraft ausüben. Vor allem auf das so gedrückte Ostjudentum und ganz besonders auf diejenigen unter ihnen, die nicht mehr gläubig sind und deshalb auch nicht in der Religion einen Trost für ihre Leiden finden. Dabei mag auch noch die alte Messiashoffnung des Judentums bei ihrem Uebergang zur marxistischen Erlösungsreligion nachwirken. Denn das Judentum hat aus seiner Religion heraus die Fähigkeit zum Schwärmer- und Märtyrertum, sonst hätte es nicht trotz aller Bedrückungen durch Jahrtausende so treu seinen Glauben bewahrt. Daß bei der Verwirklichung des Kommunismus auch Rachesehnsucht im einzelnen Menschen Mitwirken mag, soll nicht bestritten werden. Wer von uns weiß denn, welche Triebe ein polnisches oder russisches Ghetto in uns auslösen würde. Die reinen Lumpen und Geisteskranken aber müssen bei dieser Betrachtung natürlich außer acht bleiben. Sie sind ja nicht nur bei Juden zu finden, wie so manche Revolutionsfigur bei uns beweist. Für die deutschen jüdischen Sozialisten kommt allerdings als Ursache ihre Stellungnahme jenes Ghetto nicht in Betracht, wie es ini Osten besteht. Aber ein gewisses geistiges Ghetto bestand doch auch noch bei uns und will vom Antisemitismus neu verstärkt werden. Wichtiger als dieses Stimmungsmoment aber scheint mir das deutsche geistige Milieu. Welchen Halt und welche Richtlinien bietet den jüdischen Deutschen unser nichtjüdisches Volkstum? Ich habe in meinem „Kommunismus als Lehre vom tausendjährigen Reich" darzulegen versucht, wie von Lessing aus dem pietistischen Gedankenkreis heraus eine philosophische internationale Menschheitserlösungslehre — ein „philosophischer Chiliasmus" — entwickelt wird, der über Kant, Fichte, Hegel weitergebildet wird und im Marx-Engelsschen Sozialismus seine letzte große theoretische Formung findet. Er sucht dann in dem heutigen Kommunismus seine konsequente praktische Amvendung. Dieser internationalistisch gerichtete philosophische Chiliasmus beherrscht das Denken unserer Klassiker und großen Philosophen. Er ist durch sie Gemeingut deutschen Denkens geworden.' Marx und Engels haben ihn nicht etwa erfunden. Sie haben nur die längst ausgesprochenen Forderungen übernommen und mit einer ökonomischen Theorie neu zu begründen gesucht. Daß der Internationalismus und der Kommunismus, richtiger gesagt der Marxismus, eine jüdische Erfindung sei, ist eine Naivität von Menschen, die die deutsche Jdeengeschichte nicht kennen. Den jüdischen Deutschen kann man höchstens den Vorwurf machen, daß sie allzu nachgiebig Torheiten nichtjüdischer Deutscher angenommen haben. Das Judentum weist nun allerdings überall die Eigentümlichkeit auf, sich der stärksten geistigen Richtung jenes Volkstums anzuschließen, in dessen Mitte es lebt; vorausgesetzt, daß ihm Anteil am Gemeinschaftsleben gewährt wird. Unter Völkern mit stark entwickeltem Nationalismus und kräftiger Ablehnung des Sozialismus ist der Jude deshalb auch nationalistisch und antisozialistisch gesinnt, wie die Verhältnisse in England und Frankreich, Italien zeigen. Man denke nur an Disraeli und d'Annunzio. Selbst Rußland bestätigt die Regel. Sobald die Juden dort im Bolschewismus Anteil am Gesamtleben des Volkes hatten, wurden sie großrussisch-national. Nur bei uns neigen sehr viele von ihnen internationalistischem und sozialistischem Denken zu. Aber sie sind auch hierbei in Einklang mit dem Denken der Mehrzahl ihrer nichtjüdischen Volksgenossen. Die Zionisten erheben im Gegensatz zum Antisemitismus die Anschuldigung, daß der Jude zu leicht in anderen Nationen aufgehe. Die deutschen Juden bilden hiervon keine Ausnahme. Auch in ihrer Hinneigung zum Internationalismus und Sozialismus empfinden sie typisch deutsch." Antisemitische Exzesse in Rumänien. Man berichtet aus Bukarest dem Komitee der jüdischen Delegationen iu Paris: Die pogromistische Agitation, die von der alten Regierung des General Vaitojana unter dem Deckmantel der antibolschewistischen Propaganda organisiert wird, hat angefangen Früchte zu tragen. Die Regierung des Generals Vaitojana hat im ganzen Lande große Plakate mit der Aufschrift „Die roteu Bestien" anbringen lassen und hat Millionen in staatlichen Druckereien gedruckter Broschüren verbreiten lassen, in denen gesagt ist, daß einzig die Juden Bolschewik: sind, und daß man einen Kampf bis aufs Messer mit ihnen führen müsse. Die seitens der Juden bei der Regierung unternommenen Schritte, ein Ende dieses gefährlichen Treibens zu erreichen, sind fruchtlos geblieben. In Adjud an der Moldau, das von vielen Juden bewohnt ist, haben oben erwähnte Plakate sofort antisemitische Exzesse hervorgerufen. Der Leutnant Constantinesco, der Militärkommandant von Adjud, fing an, die Juden am hellen Tage zu behelligen. Er schlug einige grausam, folterte und verhaftete andere und plünderte verschiedene Geschäfte aus. Der Präsident der jüdischen Gemeinde, Hermann Marcoviei, wurde gefoltert. Die Namen der schwerverletzten Juden sind folgende: Cretzu, Artur Rosenberg, Mayer, eine alte Frau Mina Goldenberg und ihre zwei Schwiegersöhne. Die ganze jüdische Bevölkerung von Adjud flüchtete nach Focshani, der Distrikthauptstadt. Die jüdische Bevölkerung von Rumänien ist äußerst beunruhigt. Man fürchtet, daß die Ausschreitungen von Adjud das Signal für einen allgemeinen Pogrom sind, auf den die Partei Bratianos und die anderen antisemitischen Gruppen schon seit langem hinarbeiten. verband der orthodoxen Bethausveretne in Wien. Dienstag, 6. Jänner, abends, fand eine Delegiertenkonferenz des Verbandes der orthodoxen Bethausvereine in Wien statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Reiniger, eröffnete die Sitzung und erteilte dem Referenten, Herrn W. Pappeuheim, das Wort zum ersten Punkt der Tagesordnung: Gründung der Agudas Jisroel in Wien. Der Referent schilderte eingehend den Werdegang der Agudas Jisroel und die große Bedeutung einer solchen Zenträlorganisation für das religiöse Judentum, besonders für die Entwicklung der Verhältnisse in Palästina, wo es dringend geboten ist, daß die Orthodoxie sich einen entsprechenden Einfluß sichert. Es empfiehlt sich daher, auch in Wien eine starke Ortsgruppe zu bilden und der Referent fordert die Bethausvertreter auf, den Beitritt der Bethäuser als solche sowie ihrer Mitglieder zur Agudas Jisroel zu fördern. In der Diskussion sprachen die Herren S. Kohn, Dr. Pollak, Bernhard Hofbauer, Dr. Brosdowitz und andere, worauf beschlossen wurde, in nächster Zeit in den orthodoxen Bethäusern Propagandaversammlunger: für die Agudas Jisroel abzuhalten.