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Jüdische Korrespondenz · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 2 Der „Vertragsentwurf" über Palästina. Dr. D. Pasmanik, Mitglied des Komitees der Jüdischen Delegationen in Paris, äußerte sich in einer Unterredung mit dem Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" folgendermaßen: „Ein wirklicher, d. i. endgültiger Traktat zwischen der englischen Regierung und der Zionistischen Organisation existiert, soviel ich weiß, noch nicht. Alles hängt von dem Friedensvertrage zwischen den Alliierten und der Türkei ab, der nicht so schnell husttande kommen wird. In der Presse sprach man vor kurzem darüber, daß diese Verhandlungen erst im März 1920 stattfinden sollen. Trotz alledem kann man schon jetzt bestimmte Grundsätze feststellen. Die Frage unterscheidet sehr klug zwischen meritorischen Notwendigkeiten und Erwartungen des jüdischen Volkes, was gar nicht dasselbe ist. Sprechen wir zuerst von den letzteren. Das jüdische Volk, soweit es überhaupt zionistisch denkt, erwartete zwei Dinge: den Judenstaat und die baldige Massenimmigration nach Palästina. Umso mehr, als seinerzeit nach dem Erscheinen der Balsourdeklaration in den jüdischen Zeitungen — es wäre sehr interessant, festzustellen, auf wessen Veranlassung — nicht bloß wer Judenstaat, sondern sogar die Namen der Mitglieder der jüdischen Regierung in Palästima annonciert waren. Nun, einen Judenstaat in Palästina werden wir nicht erhalten, wie immer auch die Verhandlungen mit der Türkei ausfallen mögen. Davon ist gar keine Rede. Die diesbezügliche Kritik ist vollständig unbegründet und naiv. Nicht etwa wie Dr. Weizmann die Sache erklärt: Das Basler Programm verlange gar nicht den Judenstaat. Er vergißt, daß dieses Programm für die autokratische Türkei und nicht für eine Friedenskonferenz geschrieben war, die ja die berühmten 14 Artikel Wilsons verwirklichen sollte. Sondern die Sache ist ganz anders: Der Judenstaat in Palästina ist viel mehr eine arabische, als eine englische Frage. Und mit den Arabern haben wir fast gar nicht verhandelt. Kurz und gut: kein Judenstaat. Das wäre kein großes Unglück für uns. Leider Gottes wird auch die zweite Erwartung nicht erfüllt werden können: eine Massenimmigration nach Palästina ist in den nächsten Jahren unmöglich, trotz der Pläne des Herrn Trietsch. Wohl sind daran zum Teil äußere Hindernisse schuld, aber die Hauptschuld liegt daran, daß unser Volk für diese Riesenaufgabe unvorbereitet ist. Wir haben weder die riesigen! Finanzmittel noch die notwendige Volksorganisation, die man für die Verwirklichung einer planvollen Massenimmigration nach Palästina braucht. So einen Plan könne nur das geeinte Volk realisieren und nicht die zionistische Organisation, so wje sie jetzt existiert. Was nun die meritorischen Notwendigkeiten anbetristt, so kann man darüber nichts Bestimmtes sagen, weil eben noch kein festgelegter Vertrag vorhanden ist. Das Minimum der Notwendigkeiten ist folgendes: 1. Völlige Freiheit der Immigration unter der Kontrolle der Zionistischen Organisation und 2. Vorzugsrechte auf allen freien Boden und auf die großen Konzessionen (Häfen, Eisenbahnen, Drainage- und Bewässerungsarbeiten, Exploitation der Mineralreichtümer, Bankwesen usw.). Ich befmchte, daß wir in bezug ans die zweite Forderung zu kurz kommen. Ich bin überzeugt, daß — wenigstens vorläufig — England die Wirtschaft der freien Konkurrenz in Palästina etablieren will und dazu noch für sich das Recht der Kontrolle der Immigration beansprucht. Wir werden somit die Konkurrenz des englischen Kapitals und der arabischen Arbeit zu tragen haben. Das wird unsere Arbeit erheblich erschweren. Das heißt aber nicht, daß uns die Arbeit unmöglich gemacht wird. Jetzt wie früher hängt die Realisation des zionistischen Ideals von uns, von der Energie des jüdischen Volkes ab. Unser Zweck muß sein, so schnell als möglich in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen, d. i. in den nächsten 10 bis 15 Jahren nach Palästina wenigstens 800.000 Juden übersiedeln zu lassen. Dazu brauchen wir ungefähr eine Milliarde Franken und die. Energie des jüdischen Volkes. Bevor wir eine Mehrheit in Palästina haben, ist unsere ganze zionistische Politik zum größten Teil „Stadlonus" oder Sentimentalität. Unsere Hauptpolitik muß jetzt vor allem nach innen gerichtet werden, um die verschiedenen Teile des jüdischen Volkes einander zu nähern und sie um das eine Ziel — die Kolonisation Palästinas — zu vereinigen. Und dann müssen wir eine weitsichtige und zum verständnisvollen Zusammenarbeiten führende Araberpolitik begründen." Aus dieser Antwort ist zu ersehen, daß man sich nach wie vor davon hüten muß, sich übertriebenen Hoffnungen hinzugeben. Mn chxMcher Gelehrter über den Antisemitismus in Deutschland» In Deutschland ist der Antisemitismus in letzter Zeit wesentlich verschärft geworden. Selbst ftühere liberale Kreise schillern antisemitisch. Ümso bemerkenswerter ist die folgende. Stellungnahme eines christlichen Gelehrten, deren erster Teil in den „Münchener Neuesten Nachrichten" veröffentlicht wurde: „Die Diskussion des Judenproblems in Deutschland ist heute bereits genau so verfahren wie die des Kommunismus. Mau unterlegt sich gegenseitig schmutzige Motive, sucht ehrliche Ueberzeugungen zu verdächtigen. Uüd doch verlangt die Wahrhaftigkeit, zuzugestehen, daß auch unter den Antisemiten wie unter ihren Gegnern sich Menschen genug finden, die ehrliche Sorge um unseres Volkes Zukunft zu ihrer Stellungnahme treibt. An diese Ehrlichen unter den Antisemiten, nicht an die Interessierten, auch nicht an die Denkunfähigen tuenden sich diese Zeilen. Es sind vor allem zwei Faktoren, die den heutigen Charakter des Judentums bestimmen: die religiöse Selbsterziehung und der politisch-soziale Druck, das Ghetto.. Die Entwicklung des religiösen Lebens der Juden führte zu einer Lebensweise streng nach dem „Gesetz". Das heißt, die Juden lebten nicht nach ihren Trieben, sondern rational. Sie kontrollierten jede ihrer Handlungen nach dem Gesetz. Sie erlernten so eine außerordentliche Fähigkeit der Selbstbeherrschung, der bewußten Zweckmäßigkeit in der Lebensführung und damit eine große Steigerung ihrer Energie und Ausnutzung ihrer intellektuellen Kräfte. Die Ausnahmsgesetze gegen sie verengerten anderseits ihren Erwerbsspielraum. Sie lehrten sie kleinste Vorteile beachten und Schwächen der Mitmenschen benutzen. Sie verwiesen sie außerdem riün auf Handelstätigkeit und erzogen sie so zu Virtuosen dieser Betätigung. Mit dieser geistigen Disposition trat das deutsche Judentum in unsere Wirtschaft ein, als die Beschränkungen des Ghettos fiele;:. Die Wirtschaft selbst, in der sie jetzt frei .Mitarbeiten konnten, war aber nicht mehr die alte zünftlerisch gebundene. Unter dem englischen Einfluß war ein Wandel vor sich gegangen. Die „freie Wirtschaft" stellte gerade die handelsmäßige Durchführung der Wirtschaft in den Vordergrund. Zu ihr aber waren in Deutschland eigentlich nur die Juden geistig vorbereitet. Die große Masse der nichtjüdischen Deutschen lebte in traditionellem Denken. Sie mußte sich notwendigerweise viel schwerer in den neuen Verhältnissen zurechtfinden, als die deutschen Juden, die ihre geistige Erziehung durch Religion und Ghetto in diesem neuen wirtschaftlichen Wettkampf außerordentlich begünstigte. So ist es ganz natürlich, daß den jüdischen Deutschen seit etwa hundert Jahren ein ganz außerordentlicher wirtschaftlicher Aufschwung zuteil wurde. Die Konkurrenz der übrigen Deutschen - war eben geistig nicht genügend auf die geänderten Verhältnisse vorbereitet. Diese, den jüdischen Deutschen förderlichen, den nichtjüdischen nachteiligen Momente aber vererbten sich zum Teil noch traditionell — durch Glauben, Sitte, Familienerziehung — weiter. Menschlich bedrückend, aber wirtschaftlich nützlich für die jüdischen Deutschen wirkten außerdem noch die Rechte des Ghetto, die auch nach der Judenemanzipation bestehen blieben. Berufe, wie die des Offiziers, des Beamten, blieben dem Inden zumeist verschlossen. So wurden die starken Intelligenzen unter den jungen jüdischen Deutschen immer wieder in das Wirtschaftsleben gedrängt, während die gesündesten, geistig regsten und am besten vorgebildeten nichtjüdischen Deutschen dem Wirtschaftsleben durch diese Berufe entzogen wurden.

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