Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-01-09 · 2 (9.1.1920) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495463--1190-3497063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 2 lieber den zweiten Punkt der Tagesordnung, „Stellungnahme zu den Kultuswahlen", referierte Herr Dr. Reiniger. Der Referent besprach zunächst die bisherige passive Haltung der Orthodoxie in Wien der offiziellen Kultusgemeinde gegenüber und die Motive hiesür und schilderte die Strömungen, die zurzeit innerhalb der Orthodoxie anläßlich der bevorstehenden Wahlen in die Erscheinung treten. Eine Richtung ist für weiteres passives Verhalten, da die Orthodoxie die Trennung anstrebt und mit der offiziellen Gemeinde nichts zu tun haben will. Eine zweite .Strömung ist für die Ausstellung einer eigenen orthodoxen Liste, eine dritte schließlich plädiert für ein Zusammengehen mit den Zentralwahlkomitee, welches der Orthodoxie nicht bloß eine ansehnliche Repräsentanz, sondern auch einen maßgebenden Einfluß aus die Führung der religiösen Institutionen der Gemeinde zusichern will. Der Referent betont zum Schlüsse, daß es sich heute um keine definitive Stellungnahme, sondern um eine Besprechung informativen Charakters handelt. Die endgültige Entscheidung soll erst in einem späteren Zeitpunkte fallen. Es entwickelte sich hiernach eine lebhafte Diskussion, in welcher die Wortführer aller drei Strömungen zu Worte kamen. Es sprachen die Herren Pappenheim, Hofbauer, Adler, S. Kohn, Dr. Polak, Dr. Brosdowitz, A. Goldberg, Felsenburg, Doktor Reiniger. Demnächst soll eine große orthodoxe Versammlung abaehalten werden, um die Entscheidung über dieses wichtige Problem zu füllen. Herr' B. Stroh lenkte hiernach die Aufmerksamkeit auf die Unzukömmlichkeiten, die bei der Taharas-Hamessin Vorkommen und regt einen stärkeren Beitritt der Orthodoxie zur Chewra-Kadischa an, dainit diese auch in Wien ihren Ausgaben gerecht werde. Die Anregung fand lebhaften Anklang und es wird eine diesbezügliche Aktion eingeleitet werden. Zum Schlüsse wurden noch die Fragen eines orthodoxen Konsumvereines, sowie das Mikwah-Problem besprochen und diesbezügliche Beschlüsse gefaßt. Judentum und Bolschewismus. Unter diesem Titel veröffentlicht der Rabbiner Dr. Scheftelomitz in Köln die folgenden beachtenswerten Betrachtungen über die im letzten Jahre zu so trauriger Aktualität gelangten Beziehungen des Juden» tums zum Bolschewismus. Er schreibt im Hauptorgane der deutschen Katholiken, der „Kölnischen Volkszeitung". Die Tatsache, daß viele russische und polnische Bolschewikenführer von jüdischer Herkunft sind, wird damit begründet, daß die Begeisterung vieler russischer und polnischer Juden für den bolschewistischen Zukunftsstaat nur eine Fortsetzung der Begeisterung ihrer Jugend für den Messianismus, das heißt „den Glauben an die Weltherrschaft des jüdischen Volkes sei". „Es ist das jüdischer Imperialismus, dem Bolschewismus. Diktatur des Proletariats und derlei Mittel zum Zwecke sind." Findet der Bolschewismus, wie im Artikel angenommen wird, wirklich in den Lehren des Judentums einen Nährboden? Die jüdische Religion steht dem Bolschewismus feindlich gegenüber, wie das Wasser dem Feuer. Sie gebietet die Wertschätzung und Heilighaltung eines Menschenlebens: „Wer nur ein einziges Menschenleben vernichtet, hat gleichsam die ganze von Gott erschaffene Menschenwelt vernichtet; wer aber nur ein einziges Menschenleben rettet, hat gleichsam die ganze Menschenwelt gerettet (Mischna Sanh. 4, S). Sie bekämpft die Unsittlichkeit und betont die Heiligkeit der Ehe; sie verbietet jeden unrechtmäßigen Eingriff in fremdes Eigentum. Nur wegen der umsichgreifenden Sittenlosigkeit und Raubsucht hat Gott nach jüdischer Auffaffung die Sintflut yereinbrechen lassen (Talm. Sanh. 57). Als Ebenbild Gottes soll der Mensch Gott, dem Inbegriff der Sittlichkeit, ähnlich handeln, ebenso wie Gott barmherzig und liebevoll gegen alle Geschöpfe ist, soll auch der Mensch barmherzig und liebevoll sein. Daher wird das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" als die vornehmste Grundlehrtz der Bibel angesehen. Die Schwachen sollen geschützt und gestärkt werden. Darauf beruhen vor allem die sozialen Gesetze der Bibel, die den Besitzenden zu uneigennütziger Hilfsbereitschaft gegen einen Hilfsbedürftigen in weitgehendem Sinne verpflichtet. Eines der sieben Gebote, die Gort gemäß der jüdischen Lehre durch Noah der Menschheit verkündet hat. legt den Menschen die Pflicht auf, eine auf Recht und Gesetz sich stützende Obrigkeit einzusetzen und anzuerkennen (Sanh. 56 a). „Bete für das Wohl der Obrigkeit, denn bestände keine Achtung vor derselben, so würde ja der eine den anderen lebendig verschlingen" (Abot 3, 2). „Wie unter den Fischen im Meere die größeren die kleineren verschlingen, so würde es auch unter den Menschen der Fall sein, wäre keine Obrigkeit vorhanden" (Aboda zara 4). Der Jude ist somit religionsgesetzlich verpflichtet, einer auf Recht und Gesetz sich stützenden Regierung, mag sie monarchistisch oder sozialistisch sein, Gehorsam, Treue und Ehrfurcht zu erweisen. Das Wort des Propheten Jer. 29, 7: „Erstrebet das Heil des Staates, wohin ich euch verpflanzt habe, betet für ihn. denn in seinem Wähle liegt auch euer Wohl" hat der glaubenstreue Jude zu allen Zeiten beachtet. Wie steht es nun mit den messianischen Zukunftshoffnungen des Judentums, die den Bolschewismus gefördert haben sollen? Das Judentum erwartet am Weltenende das Erscheinen des Messias. Gott wird dann die Bösen endgültig vernichten, worauf die Zeit der restlosen sittlichen Glückseligkeit anbrechen wird, die frei ist von sittlichen Leidenschaften und Begierden. Das Reich Gottes wird die ganze Menschheit brüderlich einen. Die wesentlichen Züge des Messianismus sind: Die allgemein vorherrschende reinste Erkenntnis des einzigen Gottes, die Betätigung der geläutertsten Sittlichkeit durch den Wandel in seinen Wegen und der ewige, im Gefühle der brüderlichen Zusammengehörigkeit aller Menschen 'begründete Weltenfriede, „denn voll wird die ganze Erde der Erkenntnis Gottes sein, gleichwie das Wasser den Meeresgrund deckt" (Jes. .11, 9). Die Lehren des Judentums sind daher mit den Theorien des Bolschewismus unvereinbar. Woher kommt es aber, daß eine Anzahl russischer und polnischer Bolschewiken von jüdischer Herkunft sind? Atheismus, harte Knechtung und soziales Elend sind die Urquellen des Bolschewismus. Im ehemaligen russischen Zarenreiche war die moderne Bildung die schlimmste Feindin der Religion. Es gab dort kaunl einen Gebildeten, der noch gläubig war. Die Gymnasien waren die Brutstätten des Atheismus. Jeder Gymnasiast der obersten Klassen mar vertraut mit den Lehren Nietzsches, Darwins und Höckels, er sprach von der Verkehrtheit der Moralbegriffe und der notwendigen Umwertung der Moralwerte. Die Theorien über die Entwicklung der Menschheit, über den Affenmenschen usm. hielt er für unumstößliche Wahrheiten. Jüdische Abiturienten, die, von solch materialistischer Weltanschauung erfüllt, die Religion verspotten gelernt hatten, empfanden es besonders'unerträglich, daß sie nur um ihrer Abstammung willen den drückenden Sondergesetzen unterlagen und viele von ihnen vom Universitätsstudium ausgeschlossen wurden, weil die Negierung Juden nur in beschränkter Anzahl zum Hochschulstudium zuließ. Voll Verbitterung pflegten sie sich daher den radikalen politischen Richtungen anzuschließen. Glaubenslose Elemente unter den russisch-polnischen Juden gab es bereits lange vor dem Kriege nicht nur unter den Gebildeten, sondern auch unter dem großstädtischen Proletariat. Dadurch, daß die Juden Rußlands nur in einem verhältnismäßig kleinen Landstreifen wohnen durften, war ihnen die Existenzmöglichkeit sehr erschwert. In den Großstädten der jüdischen Ansiedelungsbezirke wuchs ein Proletariat heran, das nur notdürftig sein Leben fristete. Nicht alle konnten trotz der elenden Hungerlöhne hinreichend Arbeit finden. Unter diesem Proletariat traf man vielfach Unglaube, Unbildung und Unsittlichkeit an, was zum Teil mit ihrer vöÜigen Unwissenheit in religiösen Dingen und ihrem Mangel an jeder elementaren Bildung zusammenhing. Denn obligatorischer Unterricht existierte nicht im russischen Zarenreiche. Von ungläubigen Studenten, die sich zur Aufgabe machten, das Volk aufzuklären, waren sie jedoch mit den das Gemüt vergiftenden Lehren des Materialismus vertraut gemacht worden. Nur bei den gläubigen Juden Rußlands findet man strenge Moral und Keuschheit, ein reines, gesundes Familienleben. Hingegen ist der ungebildete russisch-polnische Jude, der die Religion von sich abgestreift hat, in moralisches Elend gesunken. Für ihn gilt alles als erlaubt: Ehebruch, freie Liebe, Lug usw. Unter solchen glaubenslosen Juden fanden sich nicht nur Sozialisten, sondern auch Anarchisten, die ihre ehemaligen Glaubensgenossen brandschatzten und überfielen. Bereits im März 1917 hatte ich in mehreren Artikeln „Zur Charakteristik der Ostjuden" (erschienen im „Israelitischen Gemeindeblatt", Köln, Nummer 10 bis 13) darauf hingewiesen. Die glaubenslosen, meistens dem „Bund" zugehörigen Arbeiter der Großstädte trieben öffentlich mit der Religion Spott. Selbst das heiligste jüdische Fest, den Versöhnungstag, suchten sie zu verhöhnen. So hatte mir vor etwa zehn Jahren der Rabbiner einer polnischen Industriestadt berichtet, wie jüdische, glaubenslose Arbeiter am Vorabend des Versöhnungsfestes an alle Synagogenbesucher Zettel verteilten, worin es etwa hieß: „Heute abend findet im Saale X. eine Festversammlung statt. Es wird dort diskutiert werden über die Sünden und Verbrechen, die Gott im letzten Jahre begangen hat. Jnr Anschluß hieran finden Festesten und Tanz statt." Am Versöhnungstage selbst suchten glaubenslose Arbeiter den Gottesdienst in den Synagogen zu stören. Derartige glaubenslose Elemente, welche die schlimmsten Feinde der jüdischen Religion sind, haben sich nun mit Feuereifer dem Bolschewismus angeschlossen. Sie terrorisieren heute die jüdischen Gemeinden, suchen das religiöse Leben zu ersticken, die religiöse Erziehung der Jugend zu hemmen, die Herzen der Kinder frühzeitig zu vergiften. Die gläubige Judenheit in Rußland und Polen leidet seelisch schwer unter dem bolschewistischen Terror. Der Bolschewismus, besten Stifter übrigens ein Russe und kein Judenabkömmling war, ist der schlimmste Feind nicht nur des Judentums, sondern jeder positiven Religion. Daher sollten die Gläubigen aller Religionsgemeinschaften geschloffen den Bolschewismus bekämpfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.