Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 30, halbjährig K15, viertel-/ jährig K 8. — Ausland jährlich K 50. Einzelnummer 60 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Nr. 2. Wien, IS. Tehet 5680, 9. Jänner 1920. Vi. Jahrgang. werden die P. T. Abonnenten 14 iy v-4ersucht, die ßrneuernng des Abonnements vorznneHmen. Are Abonnenten in der Tfchecho-Slowakei werden ersucht, das Abonnement an Kerrn Ifidor Lappen- Heim, Wreßbnrg, Aonar^traße 26, einzusenden. Die Abonnenten und WerschteWellen in Polen nnd Galizien belieben die WezugsgebnHr an die „Ludowa Kasa Zaliczkowa", Krakau, Gertrud a 9, für die „Jüdische Korrespondenz" einznsenden. Abonnements in Ungarn wollen an Kerrn Simon Schischa in Sopron, Wapred IO, erneuert werden. Aer Hrdnung wegen ersuchen wir, die Administration von der Entrichtung des Abonnements zu verständigen. Moses Mission. (Betrachtungen zu P. rnöÄ’-) „Das Land Aegypten liegt offen vor Dir. Im besten Teil des Landes lasse Deine Väter und Deine Brüder wohnen." (JL B. M., 47, 6.) — Also sprach Pharao zu Josef, als er ihm die Kunde von dem Anlangen seiner Familie überbrachte. Es war dies — um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen — eine feierliche „Deklaration", welche die Rechte der Söhne Israels für alle Zukunft verbriefen sollte. Absr gar bald änderten sich die Zeiten. Es entstand ein neuer König über Aegypten, der von Josef nichts wußte; die Juden büßten eines schönen Tages ihre Freiheit ein und wurden zu elenden Sklaven herabgedrückt, die den Pharaonen Frondienste leisten mußten. „Und es ächzten die Juden unter der Arbeit und wehklagten wegen der Arbeit und ihr Geschrei stieg empor zu Gott." (II. B. M. 2, 23.) Mosche Rabenu ward dazu auserwählt, der Erlöser des jüdischen Volkes zu sein. Vom flammenden Dornbüsche aus wurde ihm.feine Mission verkündet — als er die Einwendung erhob: Wer bin ich, daß ich zu Pharao gehen und daß ich die Kinder Israel aus Aegypten führen soll? erhielt er die göttliche Antwort: „Ich werde mit Dir sein und es sei Dir das Zeichen, daß ich Dich sende: wenn Du das Volk geführt hast aus Aegypten, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge." Die wahre Bedeutung der Erlösung Israels aus Aegypten ward hier festgelegt. Wohl kommt der Ewige das jüdische Volk „zu retten aus der Hand. Aegyptens und es wegzuführen aus diesem Lande in ein Land, wo Milch und Honig fließt" — aber es handelt sich nicht um eine bloße materielle Erlösung, sondern in'erster Linie um eine geistige „und das sei Dir das Zeichen, daß ich Dich sende: wenn Du das Volk geführt hast aus Aegypten, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge." Mosche Rabenu war kein Mann der Rede, die Gabe der Rhetorik war ihm nicht beschieden, und er erhob weitere Einwendungen gegen die Uebernahme der Mission, die ihm auferlegt wurde. Die Exegeten der Heiligen Schrift warfen die Frage auf, warum denn Mosche die Rednergabe vertagt blieb? Der Ewige, der ihn mit allen geistigen und körperlichen Gaben gesegnet hat, konnte ihm doch sicherlich auch die Gabe der Rede verleihen? Die Antwort darauf ist, daß gerade darin die hohe Bedeutung unseres großen Lehrers liegt. Es ist eine bekannte Tatsache, daß man mit der Hilfe der Rede sehr weit kommen kann. Dem Volkstribun, mag er auch der ärgste Demagog sein, gelingt es oft, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen; mit seinem hinreißenden Redestrom kann er aus Tag — Nacht, aus schwarz — weiß machen. Wäre Mosche Rabenu ein Redner von Gottes Gnaden, man wäre versucht und seine Gegner hätten es sicher nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, seine Bedeutung und seinen Einfluß eben seinem Rednertalent zuzuschreiben. Daß er das jüdische Volk zu „naasse we-nischmo“ Hinreißen konnte, würde man eben der Wirkung seiner Rhetorik zugeschrieben haben. Mit Absicht war ihm also die Rednergabe versagt geblieben. Was er verkündete, sollte durch die Kraft der ewigen Wahrheit, und nicht durch den Klang schöner Worte wirken. Bileam, und alle falschen Propheten, waren Schönredner; die Lüge bedarf der Rhetorik, der Betäubung und Berauschung der Zuhörer — wer die Wahrheit zu verkünden hat, braucht solche äußere Mittel nicht. Deshalb blieb Mosche Rabenu ein „Arall Szefossajim“ — das erhöht die Bedeutung des Wortes Gottes, das er zu verkünden hatte. Uns sollte dieser Umstand auch in unseren Tagen ein richtiger Wegweiser sein. Nicht diejenigen sind die Verkünder der Wahrheit, die schöne Worte zu drechseln verstehen; dieses Kunststück war auch allen falschen Propheten zu eigen. Die Wahrheit wirkt durch ihr eigenes moralisches Schwergewicht; sie bedarf der äußeren Kunststücke nicht. Vom berühmten Rabbi Hirsch ges. A. aus Zydaczow wird folgende Anekdote erzählt: Der Rabbi war kurzatmig und pflegte am Rosch Haschana nur mit schwerer Mühe das Schofar- Blasen vollbringen. Eines Rosch Haschana, da der greise Rabbi sich nicht ganz wohl fühlte, ging es mit dem Schofar-Blasen noch schwerer vonstatten und der Rabbi konnte nur kaum vernehmbare Töne hervorbringen. Seine Chassidim-Gemeinde wähnte, nicht ganz mit dem Tekias-Schofer jauze gewesen zu sein und zog sich, als der Rabbi die Mußaf-Schemone-Essre verrichtete, in ein Nachbarhaus zurück, um die Tekiaus durch einen geübten Schofar-Blaser vornehmen zu lassen. Der Rabbi, der nachher davon erfuhr, knüpfte bei Tische seine Thora an den Satz des „Unsanne Tukef“ an: „Ubaschaufer godaul jituka wekaul demomo dako jischoma umaluchim jechofezin“ und gab demselben die folgende Deutung: Wenn ein Großer in Israel Schofar blase, mochten die Töne noch so dünn sein, ihre Wirkung ist dennoch gar groß. Es kommt in großen Dingen nicht darauf an, in welcher äußeren Form man sie verkünde, sondern darauf, wer sie verkündet und in welchem Sinne sie verkündet werden. Die Newie habaal schrien sich heiser, als sie das himmlische Feuer herabholen wollten, doch vergebens — Eliahu hanowi begnügte sich mit einem stillen Gebete und wirkte Wunder. Diese Wahrheit sollten wir uns besonders heute vor Augen halten, da die Demagogie wie selten jemals sich in unserem Lager breit macht und sich darauf verlegt,»mit ihren wohl hohlen, aber mit dem Aufwand großer Stimmittel verkündeten Schlagworte die Volksmassen zu betören. Möge sie nur weiterhin all ihre Register spielen lassen — es ist nicht die Wahrheit, die solcher Mittel bedarf. 8apienti sat! Ben-Zwi.