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Jüdische Korrespondenz · 1920-01-02 · 1 (2.1.1920) · page 11

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 Jüdische Korrespondenz Seite 11 Witwe und seine Kinder nach althergebrachtem Brauche zum Zeichen der Trauer im Sterbehause auf dem Boden saßen, kam der offizielle Bericht vom Militärgericht: Die Anschuldigung hat sich als unbegründet erwiesen und der Angeklagte ist freigesprochen. Wieder änderte sich die militärische Lage. Die Rusien greisen die Stadt neuerlich an, die Einwohner werden evakuiert, alles mußte in größter Hast fort. Die des Vaters beraubte Familie zog nach Lemberg, auch der alte Vater der Frau. In der entvölkerten Stadt raubten die einziehenden Russen alle Wohnungen aus, der ganze Besitz der Familie des Vorstehers der Judengemeinde wurde vernichtet. Die Familie war ganz verarmt. Die Mutter, die zwei Töchter, der Sohn und der alte Großvater lebten in Lemberg in bitterer Not. So vergingen die weiteren Kriegsjahre. Endlich trat der Waffen« stillstand ein und brachte eine Menge „vernünftiger" Bestimmungen mit sich, unter anderen die, daß Lemberg den Ukrainern zufiel. Aber da kamen die Polen und belagerten die Stadt. Sie verwendeten hiebei alle möglichen Kriegsmittel des XX. Jahrhunderts, daher auch Bomben. In das Haus, in dem die Familie wohnte, schlug eine solche Bombe em, bahnte sich den Weg bis in die Wohnung der Bedauernswerten und tötete die Mutter auf der Stelle. .Die älteste Tochter, die schon soviel Unheil miterlebt hatte, konnte diesen neuen Schicksalsschlag nicht verwinden. An der Leiche ihrer Mutter wurde sie wahnsinnig und stürzte sich zum Fenster hinab. Ihr Bruder, der dies alles geschehen sah, ivollte sie retten. Er eilte zum Fenster^ um sie zu fassen, aber er war zu aufgeregt, um genau zu sehen, was er tat, er hatte auch zu viel Schwung, beugte sich zuweit aus dem Fenster vor und stürzte selbst hinunter. Neben seiner Schwester blieb er auf dem Straßenpflaster liegen. Das Mädchen starb nach einigen Minuten, dem Bruder waren beide Beine zerschmettert. Er wurde aufgehoben und ins Spital geschafft. Der Großvater, der seine Tochter so sterben, seine Enkel so enden und leiden sah, wurde vom Schlage getroffen. Einen Tag später ging er in die ewige Ruhe ein. Zwei von der Familie waren noch am Leben, der Sohn, der im Spital lag, und die jüngere Schwester. Sie sorgte für das Essen ihres Bruders und brachte es'ihm jeden Tag ins Spital. Und jeden Tag wartete der Bruder auf seine Schwester, blickte mit Verlangen nach ihr aus. Einige Tage darauf nahmen die Polen die Stadt ein. Ein Juden« pogrom wird veranstaltet. Die Schwester, die eben ihrem Bruder das Essen bringen will, wird überfallen, mißhandelt und ermordet. Etwas ganz Gewöhnliches, ein Opfer des Pogroms. Ihre Leiche liegt irgendwo auf der Straße. Und der Bruder mit seinen zerschmetterten Beinen wartet auf seinem Krankenbette im Spital auf seine Schwester und wartet und wartet... Die Entdeckung eines altjüdischerr Mosaiks. Eine türkische Granate, die während der Kämpfe in Palästina in der Nähe der englischen Schüßengräben aufschlug, explodierte gerade an einer Stelle, wo seit uralter Zeit ein Kunstwerk dem Auge ver« borgen war, und legte zum Teil ein Mosaik von ungewöhnlichem Interesse frei. Die Resultate dieser unfreiwilligen Ausgrabungsarbeit der türkischen Granate werden von dem bekannten französischen Orien« talisten Clermont-Ganneau in einem längeren Aufsatz der „Times" eingehend besprochen und in ihrer künstlerischen wie geschichtlichen Bedeutung beleuchtet. Der Ort, an dem dieser Mosaikboden entdeckt wurde, heißt Ain Duk, einige Kilometer nordwestlich Jericho, am Fuße des sogenannten Quarantana« oder Karantal-Gebirges. Die durch die Granate begonnene Ausgrabung wurde von den englischen Soldaten fortgesetzt und das ganze große Mosaik freigelegt, das eine längere Inschrift zeigt. Eine von einem britischen Offizier aufge« nommene Photographie wurde an die Pariser Akademie gesandt und von dieser Clermont-Ganneau zur Beurteilung übergeben. Die In« Kijt in eckigen hebräischen Kursivbuchstaben geschrieben und in idisch-aramäischen Sprache verfaßt; sie hat eine große Aehnlichkeit mit Mosaikinschriften, wie sie in den galiläischen Synagogen von Kefr Kenna, dem Kana der Bibel, und Sefuriye, dem griechischen Sephoris, entdeckt wurden. Trotz mancher Verstümmelungen ließ sich die Inschrift gut entziffern; sie hat folgenden Wortlaut: „Geehrt sei das Andenken Binyamins (Benjamins), des Pharnas (Gemeindeverwalter), des Sohnes deS Aoseh (Joseph). Geehrt sei das Andenken aller derer, welche Hilfe leisten, und eines jeden, der gegeben hat oder geben wird dieser heiligen Stätte, es sei Gold oder Silber oder etwas anderes Wertvolles. Sei nicht lässig im Spenden für diesen heiligen Platz! Amen!" Es ist also eine Aufforderung zur Wohltätigkeit. Die Gaben sollen entweder für die Bezahlung des Personals oder für die Ausstattung der Synagoge oder für die Armen oder sonst auf eine mildtätige Weise verwendet werden. Zweifellos handelt es sich um den Fußboden einer Synagoge. Die Bezeichnung „atrah. gaticha*, das heißt der heilige Platz, erinnert an den Namen, den nacy den Angaben Philos die Essener den Synagogen beilegten. Nun weiß man, daß diese jüdische Sekte gerade in den Gebieten rund um die Mündung des Jordan und das Tote Meer lebte. Jedoch ist es unwahrscheinlich, daß das Datum für die Entstehung des Mosaiks in die Zeit der Essener, also in den Beginn der christlichen Zeitrechnung, verlegt werden kann. Diese essenische Bezeichnung der Synagogen hat sich lange erhalten und istnuch von anderen späteren jüdischen und Misch-christlichen Sekten, wie den Nazarenern, den Gibeoniten usw., übernommen worden. Clermont-Ganneau vertritt die Ansicht, daß man das Datum der Inschrift so spät wie nur möglich ansetzen muß, denn es ist durchaus unwahrscheinlich, daß die Synagogen zu Beginn der christlichen Zeit bereits Mosaikfußböden hatten; vielmehr bestanden alle Fußböden, soweit bis zur gegenwärtigen Zeit bekannt ist, aus dicken Steinfliesen. Für die Datierung gibt der Name des Ortes Anhaltspunkte, an dem das Mosaik gefunden wurde. Die Stadt, die in der Ebene von Jericho in der Nähe des Stromes, welcher am Fuße des Quarantana-GebirgeS entspringt, erbaut war und die von den Arabern Ain Duk, d. h. die Quelle des Duk, genannt wird, geht zweifellos auf das alte Dük zurück, den festen Platz, an dem sich im zweiten Jahrhundert v. Chr. die Tragödie von der Ermordung des Simon Mac« cabäus abspielte. Das Dük der Maccabäer lag aber etwas weiter inS Gebirge hinein als das heutige Ain Duk. An der Stelle, an der das Mosaik entdeckt wurde, lag vielmehr der Ort, der bei Flavins JosephuS Noara heißt. Don hier leitete der Tetrarch Archülaus, der Sohn des Herodes, das Wasser nach Jericho, um die Palmenhaine zu speisen. Es ist das Na'aran des Talmud und daS Noorath, von welchem die Kirchenväter Eusebius und Hieronymus sprechen. Durch diese christlichen Zeugen wissen wir. daß auch nach der Zerstreuung der Juden durch Hadrian hier noch ein jüdischer. Mittelpunkt bestand und daß noch im 4. und 5. Jahrhundert in dem nunmehr Noeros genannten Ort Juden wohnten, die heftige Angriffe gegen die Mönche deK Gebirges unternahmen. Das Mosaik ist also der Fußboden der alten Synagoge von Noeros, und weitere Ausgrabungen dürften noch manchen interessanten Fund ans Licht fördern. Mne geplante jüdische Universität im Mittelalter. Zu den intereffantesten Kapiteln der jüdischen Geschichte in den Zeiten des Mittelalters gehört die Geschichte der Juden in Sizilien, die in wechselnden Bildern Glanz und Elend zeigt. In einer der zahlreichen lichteren Epochen wandte sich die sizilmnische Judenschaft an den König Johann von Aragon und Sizilien mit dem Anträge, ihr die Errichtung einer „Hohen Schule" zu gestatten. Am 17. Jänner 1466 hat König Johann seinen treuen Judengemeinden in Sizilien die Konzession erteilt, in einer im Einverstänonis mit dem sizilianischen Vizekönig zu wählenden Stadt Siziliens eine Universität zu errichten. Eine reckte und wirkliche Universität mit Professoren, Magistern und allen anoeren Lehrern für Jurisprudenz und andere Wissenschaften, mit dem Rechte, akademische Grade zu verleihen und alles andere zu tun, was bei einer Universität üblich ist. Im Eingang der Stiftungsurkunde legt der König die Ursachen dar, die ihn zu dieser für damalige Zeiten ganz unerhörten Konzession bewogen haben: „Die Hoheit des Königs bewilligt gerne alles, was zur Erfüllung des Willen- Gottes, zur Erkenntnis der Wahrheit und zur Verbreitung guter Sitten die Menschen anleiten und führen kann." Am Schluffe der königlichen Urkunde wird erklärt, daß die Universität, deren Professoren, Magister und Studenten unter besonderem Schutze des Königs stehen. Jede Verletzung des Universitätsprivilegs soll mit einer Strafe von 10.000 Goldunzen (50.000 Mark) geahndet werden. Leider läßt sich in den Urkunden Siziliens nichts über die Wirksamkeit dieser jüdischen Universität finden. Sie scheint überhaupt gar nicht ins Leben getreten, sondern von klerikalen Einflüssen erstickt worden zu sein. Neue Bücher. „Probleme des Judentums." Bon Rafael Selig mann. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin, 1919. Preis geheftet X 16'—, ebunden X 20'—. — Ein gedankentiefes Buch, das nicht an Ober« ächlichkeiten haftet, sondern mit aller Schärfe des philosophischen Geistes den Dingen auf den Grund sieht. Der Komplex der aufgerollten Fragen umfaßt keineswegs die Tagesprobleme des Judentums allein, die ui aller Mund sind. Die Denkgesetze des jüdischen Geistes, die Urkräfte seiner spezifischen Weltanschauung erfahren hier durch einen in allen philosophifchen Disziplinen geschulten Denker, der zugleich ein Künstler ist, lichtvolle und formenstarke Würdigung. Christentum und Judentum, Monismus und Monotheismus, die Lehren Spinozas, Schopenhauers, Dergsons, Prophetie und Messianismus, dies allewird in einer Reihe von Einzelbetrachtungen, die in ihrer Gesamtheit ein auf festem Boden gegründetes Gedankengebäude errichten, zum Ausgangspunkt tiefschürfender Erörterungen gemacht. Es ist ein schöne- Buch, nicht bloß dem Aeußeren nach, es wird jedem, der mit Ernst und Verantwortungsgefühl an die Probleme unserer Zeit herantritt, schöne und fruchtbringende Stunden der Lektüre verschaffen. „Erlebnisse und Betrachtungen ans der Zeit des Weltkrieges." Von General von Stein, Generalquartiermeister und Kriegsminister a. D. Ein Band von 200 Seiten mit Bild des Verfassers. Leipzig 1919. K. F. Koehler, Verlag. Preis gehestet Mk. 10-—, gebunden Mk. 14-50. — Der ehemalige Generalquartiermeister gibt in diesem Werke nicht militär.viffenschastliche Aufzeichnungen wieder, sondern seine persönlichen (Sue6mife. Wir lernen in dem Buche nicht nur den General, sondern auch den Menschen Stein kennen. Offen legt er hier seine Anschauungen nieder. Mit Wärme, doch ohne die neue Zeit zu verdammen, tritt er als alter Offizier für seinen kaiserlichen Herrn ein. Einfach, schlicht und kernig, aber gerade dadurch packend, spricht er von des Reiches Glanz und Sturz. Seine Aufzeichnungen tragen den Stempel seines großen Charakters. Trotz des schweren Schlages, der unser Volk getroffen hat, glaubt er an eine bessere Zukunft, an ein Wiedererstehen von Deutschlands Größe. Wer den Glauben an die deutsche Nation noch nicht verloren hat, wird gern diese Zeilen

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