Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit® 10 Jüdische Korrespondenz Nr. 1 Ziel, das früher Ungarn erstrebte: mit allen Mitteln einen Nationalstaat einzurichten und jede nationale Regung der Minoritäten mit Gewalt zu ersticken. Alle einsichtigen Elemente sind überzeugt, daß die- System zum Abgrund führt. Verein „Liferes Bachurim". (Unlieb verspätet.) Der Verein „Tiferes Bachurim" hielt vor kurzem seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Herr Jakob Pinkas eröffnete in Anwesenheit des Vertreters der Israelitischen Kultusgemeinde Herrn Inspektor L. Wiesner und der Vertreter anderer Vereine sowie vor zahlreich erschienenem Publikum die Versammlung. Der Vorsitzende gedenkt der Mitglieder, die ihr junges Leben aus dem Schlachtfelde aushauchten, der Herren I. Fürst und N. Löwbeer; ferner des Todes eines unserer besten Männer, des Herrn Benzion Schiff. Er gedenkt in Dankbarkeit der verstorbenen Mitglieder, der Herren Sobel, Pragan und Saulus. Zum Zeichen der Trauer erheben sich die Anwesenden von ihren Sitzen. Der Obmann drückt den Mitgliedern der „Jugendgruppe" für ihre Leistungen für den Verein sein Lob aus. Der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde erklärt, daß.er sehr gern gekommen ist und daß er bei der Kultusgemeinde über die Tätigkeit des Vereineberichten wird. Hierauf erstattet der Kassier den Bericht und teilt unter'anderem mit, daß wir jetzt elf hiesige Bachurim in der Tschechoslowakei mit größeren Beträgen in tschechoslowakischer Währung unterstützen. Er fordert die Anwesenden auf, dem Verein als Mitglieder beizutreten und auch mit Spenden zu bedenken. Diese Aufsorderung brachte uns eine, schöne Anzahl von neuen Mitgliedern, wie auch Spenden von größeren Beträgen. An der folgenden Debatte beteiligten sich die Herren Jakob Stern, Jakob Fuchs, Berthold Stroh, Js. Frommer, Hertzka, denen der Herr Obmann verschiedene Auskünfte erteilte. Der Revisor Herr Wesel ersucht um Erteilung des Absolutvriums, was einstimmig genehmigt wird. Herr Brody verliest ein Entschuldigungsschreiben des- Herrn Dr. I. Reiniger wegen deffen Abwesenheit von der Versammlung. Der Obmann dankt dem Kassier Herrn Grünhut und dem Herrn D. Breuer für ihre fleißige Tätigkeit. Bei der stattgefundenen Neuwahl wurden die Herren I. Rosner, Grünhut, D. Breuer, Lamm, G. Wesel, D. Schiff, A. Bauer, R. Lunzer, M. Steinhof, Jg. Brody, Jos. Schick, L. Schischa, Jos. Wosner, I. Pinkas, Felsenburg und Sam. Stern in den Vorstand gewählt. Der Obmann dankt den Erschienenen und schließt die Generalversammlung. _ SamUiermachnchten. (Bar-Mizwah.) Samstag, den 3. Jänner 1920, halb 10 Uhr vormittags, findet im Bethause. VI., Stumpergaffe 42, :btc Bar-Mizwah- Feier von Walter Deutsch. Sohnes des Herrn Eduard Deutsch, Vizepräsidenten des „Vereines zur Wahrung der Jntereffen des orthodoxen Judentums". Vorstandsmitgliedes des „Adaß-Jisroel" (Schiffschul) usw., statt. Empfang: 3 Uhr nachmittags, VII., Neubaugaffe 10, woselbst der Bar-Mizwah eine Derascha halten wird. Korrespondenzen. Ung.-Brod. Herr Jakob S. Schön hat an das hiesige Gremium folgende Zuschrift gesendet: Bei der am 22. November stattgefundenen Ausschußsitzung wurde über die Frage der Sonntagsruhe verhandelt. Das vorbereitete Gesetz läßt einzelne Ausnahmen für die Sonntagsarbeit offen. Damit der Standpunkt der jüdischen Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer, welche nachweislich an Samstagen und jüdischen Feiertagen ihre Geschäfte und Betriebe geschloffen haben, dadurch dem Bureaupersonal die gebührende 24 ständige Ruhe, von Freitag abends angefangen bis Samstag abends, in ausgiebiger Weise gewähren. Falls in dem Gesetze diese Ausnahme nicht Platz finden würde, so wäre ein solcher Betrieb und ein solches Geschäft durch zweieinhalbtägige Ruhe gänzlich unmöglich, weil ohnehin die Post, Telegraphen, Bahnverbindungen und sonstigen Transportverhältniffe eine Kalamität für das Geschäft bilden und außerdem die beschränkte Arbeitszeit eine Aufarbeitung der notwendigsten Arbeiten unmöglich macht und gerade am Sonntag, wo die Betriebe stillstehen, unaufschiebbare schriftliche Arbeit gemacht werden muß, so erlaubt sich der ergebenst gefertigte Volksrat im Interesse der jüdischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Gesetze diese Ausnahme dahin aufzunehmen, daß den jüdischen Arbeitgebern im Einverständnis mit den jüdischen Arbeitnehmern gestattet sei, in geschlossenen Räumen, welche der Oeffentlichkeit unsichtbar sind, die üblichen Arbeiten verrichten zu dürfen. Baden bei Wien. Am 21. Dezember fand im vollgefüllten Saale deS Hold Schey eine Makkabäerfeier statt, welche nach der schwungvollen Festrede des Herrn Oberrabbiner Reich und den prächtigen Chorgesängen, geleitet von Oberkantor Kreutstein mit Harmoniumbegleftung durch Frau Stößel einen sehr animierten und weihevollen Verlauf nahm. Besonders erwähnenswert sind die lyrischen Vorträge des Fräulein Marta Weiß-Freiwillig und der kleinen herzigen Selma Glaser. Mit Verständnis und besonderer Sicherheit absolvierten die Schülerinnen der israelitischen Religionsschule, und zwar Geschwister Regner, Wyscher, Stößel, Austerlitz, Heller, Josefsthal und Schnürdreher den deklamatorischen und choralen Teil des reichhaltigen und schönen Programms. Um die Veranstaltung, welche zugunsten der hiesigen vom Maler Professor David Kohn geschaffenen Volksküche ein reichliches Reinerträgnis abwarf, machten sich besonders verdient: Die allzeit rührige Präsidentin des hiesigen Frauenwohltätigkeitsvereines Frau Rechnungsrat Freiwillig, Fräulein Elsa Adler-Popper, als derzeitige Leiterin der Volksküche, Fräulein Helene Kohn und Gemeindesekretär und Leiter der jüdischen Mädchenschule Herr Löwenthal. Herzlicher Dank gebührt Herrn David Schey für die kostenfreie Ueberlaffung seiner Lokalitäten. Aufruf! Die Talmud-Thora-Dolksschule ist in höchster Gefahr, ihr weiterer Bestand in Frage gestellt, sofortige Hilfe ist notwendig! Der Krieg hat auch hier verderblich gewirkt, indem er die Finanzen zerrüttete. Die Ausgaben sind ins Unendliche gestiegen, die Einnahmen gingen ständig zurück, so daß der Zusammenbruch droht. Dies darf aber nicht geschehen, rasche Hilfe tut deshalb not! In erster Reihe sind die ehemaligen Schüler, die hier ihre grundlegende Bildung erhielten und so manche Wohltat genossen, berufen, ihre Dankbarkeit zu zeigen. Es ergeht daher an alle diese der dringende Ruf, sich zu einer großzügigen Aktion zusammenzuschließen. Jene aber, die das segensreiche Wirken der Talmud-Thora-Schule kennen, mögen unser Vorhaben durch tatkräftige Unterstützung fördern. Jeder erkläre seine Bereitwilligkeit und trage sein Scherflein bei, damit dieser Stätte jüdischen Geistes der Fortbestand ermöglicht werde. Komitee der ehemaligen Schüler der Talmud-Thora-Schule. Eine ostgattzrsche SamilientragödLe. Es klingt wie ein Märchen, ein grauenhaftes Märchen, daS wir erzählen, so schreibt das „Allgemeen Handelsblad", aber die Geschichte hat sich, wie unser Gewährsmann erzählt, wirklich zugetragen. Wort für Wort ist wahr, nichts erdichtet, keine Kleinigkeit, keine Einzelheit, nichts, und doch klingt eS wie ein Märchen. In einem Stäbchen Ostgaliziens, in Boracze oder Kamorcze, der Name ist uns entfallen, wohnte ein angesehener Jude. Er gehörte zu den Führern der jüdischen Gemeinde seiner Stadt und verwaltete ihre Angelegenheiten mit Herz und Seele. Er konnte es tun, er hatte Zeit dazu, denn er war ein reicher Mann. Seine Frau war eine „Figur" in dem Städtchen. Wo es Wohltätigkeiten üben galt, durch Geld oder werktätige Hilfe, stand sie in erster Reihe. Nicht aus Ruhmsucht, um in die Zeitung zu kommen, denn dafür, daß man selbst zu den Armen geht, wenn sie krank sind, und sie in aller Stille pflegt, kommt man nicht in die Zeitung. Allen Armen half sie, ob sie Juden oder Christen waren. Das Ehepaar hatte drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, der in der letzten Klaffe im Gymnasium saß. Da brach der Krieg aus. Galizien wurde von den russischen Armeen überschwemmt. Ueberall begann die russische Eroberung der Städte mit einer Judenverfolgung. Gewöhnlich wurden die Vornehmsten der Judengemeinde zuerst aufgehängt oder erschossen. Oder die Russen drangen sofort nach ihrem Einrücken in die Synagoge ein und hängten etwa zehn der Anwesenden gleich im Bethaus auf. Im vorliegenden Fall griffen die Russen nicht gleich nach dem Leben des Vaters, aber da er der Vorsteher der Judengemeinde, also Vertreter der Juden war, wurde er wenigstens unter einer falschen Beschuldigung verhaftet. Ein Russophile klagte ihn an, austrophil zu sein, das heißt, er beschuldigte ihn, daß er Oesterreich, zu dem er doch gehörte, gut gesinnt war. Wenn man Jude war, durfte man das nicht. Da hieß es stets, gut Freund mit jener Partei zu sein, die gerade die Macht hatte, Juden zu mißhandeln und zu ermorden. Der Beschuldigte wurde vor den russischen Kommandanten geführt. Er wurde dort mißhandelt und geschlagen, so daß sein Körper mit Wunden bedeckt war, und im Gefängnis, in das man ihn nachher warf, erkrankte er infolge der Verletzungen. Er wurde so schwach, daß die Aerzte, die ihn untersuchten, erklärten, sein Leben hänge an einem Faden. Seine Familie und seine Freunde kauften ihn loS, das heißt, sie bezahlten dem russischen Kommandanten ein paar tausend Rubel. So kam der Vater totkrank, in einem schrecklichen Zustand, nach Hause. Nach einigen Wochen änderte sich die militärische Lage. Die Russen wurden verjagt und die Oesterreicher zogen in die Stadt ein. Ob eS derselbe Mann war, der früher den Russophilen gespielt hatte, wissen wir nicht, genug, der Vater wurde bei den Oesterreichern angeklagt. Wessen? Dian sollte eS nicht glauben, aber es ist so: Er wurde angeklagt, in der Stadt für die Russen Propaganda gemacht zu haben. Da er ein Jude war und der österreichische Kommandant ein Pole, wurde er auf Grund der Anklage sofort in Hast genommen. Es folgte allerdings ein gerichtliches Verfahren, um die Anschuldigungen zu überprüfen. Im Gefängnis verschlechterte sich der Zustand des Mannes, der noch nicht vollständig genesen war, derart, daß die Aerzte auf seine Enthaftung drangen, was auch nach Erlegung einer hohen Bürgschaftssumme gewährt wurde. Das vermochte aber den Unglücklichen nicht mehr zü retten, einige Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis starb er. Als er zu Grabe getragen war und seine