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Jüdische Korrespondenz · 1920-01-02 · 1 (2.1.1920) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1 Jüdische Korrespondenz Seite 9 Schicksals der Juden ernstlich angenommen, wei? es nicht in die englische Politik paßte, welche damals wie heute hinter dem Zionismus stehe. Die russische Regierung habe die Juden gleichberechtigt gemacht, sie könnten sich jetzt als Bürger des Landes fühlen wie die anderen Völker Rußlands. Dies sei aber nicht durch den Zionismus, sondern nur durch den Sozialismus zu erreichen gewesen. (Die jüdischen Gemeinderäte in Polen.) Die jüdischen Blätter in Polen veröffentlichen das Ergebms einer Enquete wegen Einberufung einer Konferenz der jüdischen Gemeinderäte in Polen. Es sind aus 73 Städten Antworten mit den erforderlichen Daten eingelaufen. Hiernach beträgt die Zahl der jüdischen Ratsmänner in ganz Polen 596. An erster Stelle stehen die Zionisten mit 173, ihnen folgen die Orthodoxen mit 99, an dritter Stelle steht der „Bund" mit 68 Ratsmännern. Die Poale-Zion sind durch 54, die Handwerkerorganisation durch 20, die Volksparteiler durch 10, die kaufmännische Organisation durch 7, die Gruppe der „Vereinigten" durch 6, die Assimilanten durch 3 Mitglieder vertreten. Der Rest gehört gar keiner Gruppe an. (Furchtbare Judenmassakers in Kiew.) Das Pariser Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz telegraphiert dem Prager Jüdischen Preßbureau: Wir erhalten soeben aus Konstantinopel aus absolut zuverlässiger Quelle Nachricht von einem ungeheuerlichen Pogrom, der vom 14. bis 18. Oktober in Kiew stattfand. Die Zahl der Opfer steht noch nicht genau fest. Die jüdische Intelligenz ist dezimiert. Es werden furchtbare Einzelheiten über die Bestialität der Mörder, hauptsächlich Soldaten der Denikinschen freiwilligen Armee, berichtet. Die Zeitung „Priasowsky Kraj", die in Rostow am Don unter Denikinscher Militärzensur erscheint, gibt folgende Zahlen an: In einem einzigen Viertel von Kiew, in Podol, sind 14.700 Ausgeplünderte registriert, in dem Viertel Lybed 8000, im jüdischen Handelsviertel 3000. (Die Zukunft Beßarabiens.) Nach den neuesten Meldungen scheint es, als ob die Rumänen ihren Widerstand gegen den Obersten Rat aufgeben wollten. Sie räumen Ungarn und sie scheinen auch bereit, den Friedensvertrag einschließlich des Minoritätenschutzes zu unterschreiben. Das ist natürlich noch kein Grund, die rumänische Judenfrage als gelöst anzusehen. Es wird sich erst zeigen, ob die Rumänen mit der Durchführung ihres Versprechens dieses Mal mehr Ernst machen, als beim Berliner und Bukarester Vertrag. Ungeklärt bleibt auch fernerhin die beßarabische Frage. Die Rumänen verlangen Beßarabien für sich. Die Alliierten wagen aber nicht, den Wunsch Rumäniens zu erfüllen, weil sie auf ihre russischen Verbündeten Koltschak und Denikin Rücksicht nehmen müssen, die Beßarabien für ein neues Rußland verlangen. Jedenfalls befindet sich im rumänischen Ministerium ein spezieller Minister für Beßarabien. Dieser veröffentlichte jetzt im „Temps" einen Auffatz, wonach die rumänische Regierung in Beßarabien die Rechte der Minoritäten schütze. 12 Prozent der Schulbudgets sei den jüdischen Schulen reserviert. In Kischinew werde eine jüdische Mittelschule erhalten und in allen Gemeindeverwaltungen seien die Juden prozentual vertreten. Die Ausführungen sind nach den bisherigen Erfahrungen mit großer Skepsis aufzunehmen. Die Entscheidung über die Zukunft Beßarabiens ist jedenfalls noch nicht gefallen. (Dr. Bernhard Münz gestorben.) Vorigen Mittwoch ist der Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde Dr. Bernhard Münz im 64. Lebensjahre gestorben. Ein gebürtiger Leipniker, war er durch sein tiefes Wissen in der Gelehrtenwelt sehr bekannt und geschätzt. Aus seiner Feder stammt eine ganze Reihe philosophischer Werke, so: „Die Keime der Erkenntnistheorie in der vorsophistischen Periode der griechischen Philosophie", „Die Erkenntnistheorie des Protagoras", „Lebens¬ und Weltfragen", Froschammer, der Philosoph der Weltphantasie", „Briefe von Und über Froschammer". Außerdem schrieb er über Adolf Pichler und Moritz Lazarus. Dr. Münz war Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften. (Loskauf?) Der Präsident der Budapester Kultusgemeinde übergab dem Oberkommandanten Horthy 100.000 Kronen als Spende der israeliüschen Kultusgemeinde ftir die nationale Armee. — Diesem Anlaß benützen die christlichsozialen Blätter, um gegen die Juden zu Hetzen. So schreibt „Uj Nemzedek": „Die Juden wollen uns jetzt Sand in die Augen streuen. Sie irren sich! Die Milliardenwerte, die die Rumänen mit Hilfe ihrer jüdischen Freunde aus Budapest verschleppt haben, können nicht durch 100.000 Kronen gutgemacht werden." (Milderung des FremdengesetzeS.) Der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet aus London: Im Oberhaus wurde bei der zweiten Lesung das Ausländergesetz trotz starken Widerstandes der Regierung wesentlich geändert. Lord Buckmaster sprach mit tiefer Ueberzeugung gegen die Verfolgung der.Fremden. Der Lordkanzler gebrauchte einige Redensarten gegen die Deutschen, mußte sich aber schließlich dazu verstehen, diejenigen Artikel, welche die Ausweisung früherer deutscher Untertanen verfügen, zu mildern. Eine andere wichtige Aenderung ist die, daß der Artikel, der den Minister des Innern ermächtigt, die Gesetzbestimmung auch auf Fremde auszudehnen, die nicht Staatsangehörige der ehemaligen feindlichen Länder sind, gestrichen wird. Somit werden die Prohibitivbestimmungen gegen tschechoslowakische, polnische, russische, rumänische Staatsbürger keine Anwendung finden. (Araber und Juden in Palästina.) Der palästinensische Korrespondent des Amsterdamer „Handelsblad" meldet dem Londoner Jüdischen Korrespondenzbureau zufolge, daß das arabische Blatt „Süd-Syrien" für einen Monat suspendiert wurde. Das Blatt hat gegen die jüdische Bevölkerung und die zionistischen Bestrebungen gehetzt. Wie schon der Name des Blattes andeutet, tritt es für die Einverleibung Palästinas in Syrien ein. Die Araber in Damaskus fordern in einer Resolution die Aufhebung dieser Maßregel. Die Juden in Transsylvanien. Ein verläßlicher Gewährsmann, der soeben aus Transsylvanien kommt, berichtet der „Jüd. Preßzentrale Zürich": Die Ausweisungen der aus den Dörfern in die Städte vertrie» denen Juden sowie aller derer, die ihren Wohnort gewechselt haben, werden mit unerhörter Strenge vollzogen, auch wenn sie bisher ungarische Staatsbürger waren. Wenn dem Befehls binnen 5 Tagen nicht Folge geleistet wird, werden die Leute in die Waggons verladen uno, wenn sie früher nicht im besetzten Gebiete gewohnt haben, über die Grenze geschafft. Unser Gewährsmann traf in Budapest solche Ausgewiesene, die wochenlang in Waggons leben mußten. Die Agrarreform mit ihren Enteignungsbestimmungen hat besonders viele jüdische Grundbesitzer und Pächter ins Elend gestürzt. Gewerbekonzessionen werden an Juden nicht erteilt. Geschästsläden der jüdischen Kaufleute werden enteignet und rumänischen Kaufleuten übergeben. Die Vertriebenen können in die Dörfer nicht zurückkehren, weil ihre ganze Habe vernichtet ist und die Bauern sich gegen ihre Rückkehr wehren. Entschädigungen werden nicht gewährt. Man hört auch nichts davon, daß strafgerichtliche Untersuchungen gegen die Plünderer eingeleitet worden wären. Die Korruption blüht. Für große Summen sind auch Aufenthaltsbewilligungen zu erlangen. Die Armen natürlich müssen wandern. Ein weitverbreitetes Spitzelwesen bedroht jedermann mit Denunziation. Das System der zaristischen Ochrana ist bei weitem in den Schatten gestellt. Das Lokal des jüdischen Nationalverbandes wurde requiriert. Die Forderung der Juden nach einer nationalen Schule wurde abgelehnt. Jetzt versucht man die Bewilligung zur Errichtung von sogenannten Religionsschulen zu erlangen, wie sie die Kultusgemeinden der Ungarn auch besitzen. Eine Enquete in Sachen des jüdischen Schulwesens erhielt nicht die behördliche Bewilligung. Die Verkehrsfreiheit war früher weniger beschränkt. Seit dem Zeitpunkt der Wahlen ist allgemeiner Passierscheinzwang eingeführt. Wer Rumänien kennt, weiß, welche Korruption das erzeugt. Bei den Wahlen zur sogenannten Konstituante haben sich die Juden der Wahl enthalten. Nur in der Provinz wurden einige Juden von den Präfekten gezwungen, sich an der Wahl zu beteiligen. Außer einigen Ungarn und Sachsen in den rein nicht-rumänischen Bezirken, wurden alle offiziellen Kandidaten natürlich gewählt. In Chij (Kolozsvar) wurde schon eine halbe Stunde nach Beginn der Wahlhandlung mangels jeder Beteiligung und mangels von Gegenkandidaten erklärt, daß die offiziellen Kandidaten gewählt seien. Und der Welt wird man einreden wollen, daß hinter der Konstituante das Volk steht. Die Universität wurde sofort romanisiert. Die Studenten, welche das Ausland zwecks Fortsetzung ihrer Studien auffuchen müffen, verlieren das Staatsbürgerrecht. Eine große Zahl von Beamten wurde entlasten. Die Advokaten werden verhalten, einen. Treueid al>- rulegen. Da die meisten sich weigerten, dies vor der Entscheidung durch die Friedenskonferenz zu tun, wurden sie zur Ausübung ihres Berufes ilicht zugelassen. Trotzdem zirka 30°/0 der Bewohner Nrchtrumänen sind, geht das Bestreben der Herrschenden auf dasselbe

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