Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1920-01-02 · 1 (2.1.1920) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495461-3495462--1181-3497053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 1 Bildung begriffen. Ein ständiges Bureau der britischen Landesorganisatton ist in Whitechapel Road 279, eröffnet worden. Nach einem Referate des Sekretärs über die erfolgreiche Intervention der Agudas in Sachen des Warschauer Hilfskomitees wurde eine Sonderkommission für philantropische Angelegenheiten gebildet. Eine planmäßige Propaganda für die Agudas Jsroel soll in ganz England einsetzen. (Die Hebung der jüdischen Produktion in Polen.) „Kuryer Warszawski" meldet: Vor seiner Abreise konferierte Sir Stuart Samuel mit einem Vorstandsmitglied der jüdischen Zentralhandelsvereinigung. Sir Samuel führte aus, daß er und seine Freunde, angesehene englische Finanzleute, eine große Aktion zur Hebung der jüdischen Produktion in Polen planen. Sie beabsichtigen in Polen drei Fabriken, eine Gummiwaren- und Galoschenfabrik, eine Möbelfabrik und eine Erzeugung elektrischer Beleuchtungsartikel zu begründen, welche Tausenden von jüdischen Arbeitern Beschäftigung geben sollen. Das nötige Kapital und Rohstoffe bringen Sir Samuel und seine Freunde auf. Zur Organisierung/dieser Unternehmungen sollen geschulte jüdische Ingenieure aus England entsendet werden, welche die ganze Aktton ins Werk setzen sollen. Angeblich hat Sir Samuel die jüdische Zentralhandelsvereinigung bevollmächtigt, ein Komitee von jüdischen Fabrikanten, Kaufleuten und geeigneten Fachkräften zu bilden, welches im Lande selbst die nötigen Vorbereitungen für die Verwirklichung dieses Planes treffen soll. Sir Samuel versicherte, daß er nach seiner Rückkehr nach England sofort mit allen Kräften an die Durchführung seines Planes gehen werde. (Die Internierung der galizischen Juden in Ungarn hat begonnen.) Aus Budapest wird berichtet, daß die Ausweisung und Internierung der galizischen Juden in Ungarn am Donnerstag begonnen hat. An diesem Tage ist vom Josefstädter Bahnhofe aus der erste Zug mit ungefähr 700 Ausgewiesenen abgelaffen worden. Der Zug nahm die Richtung nach Kasch au. (Die größte Bibel der Welt.) Die größte Bibel der Welt wird mit der Hand geschrieben, und zwar beteiligen sich daran alle führenden Männer und Frauen Englands, darunter der König und die Königin, der Prinz von Wales und die Minister. 12.000 solche „Schreiber" sind vorgesehen und es ist für jeden genau festgestellt, wieviel und welches Stück und an welcher Stelle er schreiben soll. Die Bibel wird den gesamten Text des alten und neuen Testaments enthalten. Diese Bibel wird 5 Fuß 2 Zoll hoch und 3 Fuß 6 Zoll dick sein, sie wird in rotes Maroquinleder gebunden und für den Einband werden die Häute zwölf großer Ziegen verwendet. Der Entwurf für den Einband zeigt in Blau und Gold die Wappen der Grafschaften von England und Schottland. Der Plan zu der Herstellung dieser größten Bibel der Welt ist von der englischen Bibelgesellschaft ausgegangen, die dieses einzigartige Werk für ihren großen Bibelfeldzug im Jahre 1921 verwenden will. „Die Bibel," sagt der Vater des Gedankens, der Rew. Powell, „soll auf einem Kraftwagen transporttert werden, der eigens für diesen Zweck gebaut ist und auch eine Kanzel und eine Rednertribüne enthält. Auf diese Weise wird die Bibel als ein bedeutsamer Zeuge für das Wort Gottes in fernen Gegenden vorgeführt werden." Ob das Unternehmen, das letzten Endes der christlichen Propaganda dienen soll, große Erfolge haben wird, muß noch abgewartet werden. (Hofrat Wiuternitz.) Der Präsident der Nationalversammlung hat dem in der Presieabteilung des Staatsamtes für Aeußeres in Verwendung stehenden, mit dem Titel eines Regierungsrates bekleideten Publizisten Jakob Winternitz den Titel eines Hofrates verliehen. Hoftat Winternitz gehört dem literarischen Bureau des Ministeriums des Aeußern seit 1876 an und ist noch heute, seinen 76 Jahren zum Trotz, unermüdlich im Amte. Er ist ein Schriftsteller von umfassendem Wissen und hat -sich auf politischem, wirtschaftlichem und literarischem Gebiet gleich hervorragend bewährt. (Die trostlose Lage der galizischen Juden in Ungarn.) Aus Warschau wird berichtet: Aust das dringliche Ersuchen des jüdischen Landtagklubs, wegen Abstellung der unmenschlichen Behandlung der galizischen Juden in Ungarn die erforderlichen Schritte zu unternehmen, erhielt der Klub nunmehr die Mitteilung, daß die polnische Regierung durch ihren Budapester Vertreter bei der ungarischen Regierung wiederholt, und zwar mit Erfolg interveniert habe. Was die in der Zuschrift des Klubs angeführten konkreten Fälle betrifft, habe der Minister des Auswärtigen den Budapester Geschäftsträger beauftragt, an Ort und Stelle nachzuforschen und sofort Bericht zu erstatten. Das Ergebnis werde dem Klub bekanntgegeben werden. (Die rumänische Judenfrage im Friedensvertrag.) In dem von Rumänien unterferttgten Friedensvertrag befindet sich außer den allgemeinen Bestimmungen über die Minoritätenrechte folgender Artikel: „Rumänien verpflichtet sich, ohne jede weitere Formalität alle auf rumänischem Gebiete wohnenden Juden, welche sich nicht auf eine andere Staatsangehörigkeit berufen können, als vollberechtigte rumänische Staatsbürger anzuerkennen." Die allgemeinen Bestimmungen über die Rechte der Minoritäten sind ungefähr mit jenen im polnischen Vertrag identisch, doch sind die Artikel 10 und 11, die die Frage der jüdischen Schulen und der Sabbatruhe im speziellen behandelten, ausgelassen. (Prozentnorm an den ungarischen Hochschulen.) Aus Budapest wird berichtet: Am Dienstag fand der Parteitag des Verbandes der christlichsozialen Hochschüler statt, auf welchem Kultusminister Stefan Haller seinen in der „Wiener Morgenzeitung" bereits bekanntgegebenen Standpunkt bezüglich der Einschränkung der Zahl der jüdischen Hochschüler genauer präzisierte. Was er sagte, ist eigentlich nichts weniger als die Einführung der Prozentnorm gegen die Juden, wie sie unter dem Zarismus, iu Rußland praktiziert wurde. Minister Haller führte nämlich unter anderm aus: „Wir behaupten nicht, daß der Jude nicht zur Universität zugelaffen werde, hingegen bestehen wir darauf, daß nur der vom Standpunkte der Nation verläßliche Teil der Juden und auch dieser nur in dem Verhältnisse den Zutritt erhalte, als die Juden an der Tragung der Lasten des Landes teilnehmen. Es ist ja klar, daß gegen dieses Bestreben alle jene Elemente ankämpfen werden, denen es nicht paßt, daß im nächsten Semester beispielsweise an der medizinischen Fakultät nicht mehr wie bisher 50 bis 70 Prozent jüdische Hörer sein sollen. Dies zu fordern und zu erreichen, sei ein Recht der Nation und wenn sie leben will, ist es auch Pflicht der Nationalversammlung es durch ein Gesetz zum Ausdruck zu bringen. (Eine Verfügung des Generals Hennoque.) Der französische Kommandant der tschechischen Truppen im karpathorussffchen Gebiet, Hennoque, mit dessen antisemitischen Allüren wir uns schon einmal beschäftigt haben, hat eine Verfügung erlassen, in welcher er die Offenhaltung aller Lebensmittelgeschäfte sowie der Handlungen, die „die wichtigsten Waren des allgemeinen Bedarfes feilbieten, ohne Rücksicht auf den Glauben oder Konfession" an Sonntagen und an den Feiertagen der Einzelnen von 7 bis 10 Uhr öormittags anordnet. Die Verordnung, die sich auf die StadllUgvar (Uzhorod) bezieht, ist am 1. November in Kraft getreten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß hier eine grobe Verletzung des Rechtes der freien Neligionsübung vorliegt und es steht bei den Anschauungen des Generals Hennoque zu befürchten, daß er seine antisemitischen Praktiken zu einem System ausbauen wird. — Nun wird amtlich gemeldet, daß Hennoque seines Postens enthoben und durch General Paris ersetzt wurde. (Die Bolschewiken gegen den Zionismus.) Das Kommissariat für israelitisch-nationale Angelegenheiten und der Hauptverband der jüdischen Kommunisten Rußlands wenden sich in einem Aufruf an alle Juden der Erde, sich nicht der zionistischen Partei anzuschließen, welche mit der Entente Hand .in Hand arbeite, keine Freiheits-, sondern imperialistische Politik betreibe, die eingesessenen Araber aus Palästina ausweisen wolle und zur Aufstellung jüdischer Legionen ihre Zustimmung gegeben habe, die in Kleinasien gegen das Selbstbestimmungsrecht des türkischen Volkes kämpfen. Im zaristischen Rußland seien die Juden jahrzehntelang geknechtet worden und niemals hätten sich die führenden Zionisten des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.