Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 1 Jüdische Korrespondenz Vertreter höchst epikuräische Gedanken zu machen. Die Rückwirkung dieser Mentalität ist zwar noch nicht offen in die Erscheinung getreten — aber die ersten Reflexe sind bereits sichtbar. Sollte es beispielsweise zu neuen Wahlen kommen, wer weiß, wie es dann mit der Begeisterung sür die Herren Grünbaum, Thon und Farbstein aussehen werde. Eine erfreuliche Erscheinung ist die fortgesetzte Erstarkung der Orthodoxie, deren Organisation „Schlome Emnne Jisroel" immer strammer wird und neue Anhänger gewinnt. Seit 16. Dezember gibt sie auch eine eigene Tageszeitung, „Der Jud", heraus und gewinnt dadurch eine Plattform für die öffentliche Propaganda. Lin Brief des Rabbiner Dr. M. 3mt& London. Herrn Jakob S. Schön, Ung.-Brod. Nach der allgemeinen Sztira denkt man hier in jüdischen Kreisen an den Binjan, Aufbau und Belebung des Judentums, natürlich ist mancher Binjan eine Sztira (Umsturz). Ich höre, die Broder Kehilla (Gemeinde) wird sich auch aufraffen und der^ Mittelpunkt vom orthodoxen Leben in Mähren werden. Die werden es begreifen, daß ich außerordentliches Interesse an Brod habe, da ich dort meine besten Jahre verlebt habe. Es würde mich sehr freuen, wenn es andern gelingen möchte, meine Ideale so zu verwirklichen. Ich könnte mir dann einbilden, daß ich manches beigetragen habe, um den Boden dafür empfänglich zu machen. Die Hauptsache bleibt, daß die Orthodoxie geeinigt wird und daß die Lösung aller Fragen religiöser, sozialer und ökonomischer Natur in die Hände nimmt. Der religiöse Gedanke muß bleiben der Beriach hatichaun. Für den Streit zwischen den Charedim und Zionim gibt es nur eine Lösung. Die Zionim müssen sich der Orthodoxie auschließen, die die Führerschaft haben muß in allen Fragen, die mit Religion in Verbindung stehen. Die Thora muß bleiben der Jossod des Judentums, alles andere kann nurim vollen Einklänge mit der Thora geschaffen werden. Der Krieg hat gezeigt, daß der Materialismus, konsequent durchgeführt, zur eigenen Zerstörung führt. Die Völker stehen am Grabe ihrer materialistischen Ideale, es wäre geradezu töricht, wenn wir in einer solchen Zeit der Ernüchterung den Materialismus als die Grundlage unserer Zukunft, als Volk betrachten sollen. Der Materialismus, der sich unfähig gezeigt hat, selbst mächtige Nationen zu erhalten! Es ist mehr denn je unsere Pflicht der Welt, die der Erlösung harrt, den Idealismus als das einzige Mittel zu empfehlen, das den Einzelnen sowohl wie die Nationen zum wahrhaften Glücke führen kann. Die ganze Orthodoxie, oder besser das ganze jüdische Volk, geeint durch den religiösen idealen Geist, wird einen mächtigen Eindruck auf die Völker machen. Das jüdische Volk muß ein Chajil bilden, aber ein Gedaul, ein Heer, in welchem die Zionim wohl als gemeine Soldaten kämpfen können, die Generäle aber müssen Charedim sein. Ich betrachte es als einen (Mul haseliem, daß, während die Aegypter und Araber kämpfen für Erez Jisroel aus religiösen Gründen, wir als Goj kodausch betonen, nur aus nationalen Gründen. Das bißchen Achtung, welches wir in der Welt genießen, verdanken wir unserem Goj kaudeseb-Charakter und wir begehen den alten Fehler, verlassen das Majim Chaim und erfinden Bauraut nischborim, betonen Gedanken, die gerade jetzt bankrottiert haben. Ich habe Herrn Glück wegen Agudas Jisroel geschrieben. Ich hoffe, Brod wird die Organisation der jüdischen Welt Mährens al jessod bathora in die Hand nehmen und mithelfen, daß das Ideal des jüdischen Volkes bezüglich Erez Jisroel durch die Orthodoxie verwirklicht wird. Dr. M. Jung, Oberrabbiner London, Mile End Bancroht Road 14. Joseph Löwen über die gegenwärtige zionistische Politik. Der Londoner Korrespondent der „I. P. Z." berichtet: Auf der Versammlung der West Zionist Association, die am 2. Dezember 1919 in Langford Place, London, stattfand, hielt Joseph Cowen eine Rede über die „Gegenwärtige zionistische Politik". Cowen richtete eine scharfe Kritik gegen die Politik der führenden Zionisten. Vor allen Dingen griff er den Mangel an Offenheit an, der die Gefahr der Geheimdiplomatie in sich berge. Er hoffe, daß die Zionisten noch vor der Basler Konferenz besser informiert würden, damit sie die Gegenstände unter sich diskutieren könnten und die Basler Konferenz nicht einseitig ausfalle. Der Zionismus, führte Cowen aus, sei seit 1913 innerlich nicht erstarkt. Er vermisse Männer, die nicht fehlen dürften, wie Bentwich, Gaster, Greenberg und Zangwill. Auch in den Augen der Welt wären die Zionisten seiner Meinung nach nicht ,-> stark wie vor zwei Jahren, zur Zeit der Deklaration. Damals sagte Lord Robert Cecil, daß Armenien den Armeniern, Arabien den Arabern und Judäa den Juden gehören solle. Das wurde von der Bevölkerung dieses Landes dahin aufgefaßt, daß ein souveräner Staat sür die Juden in Palästina geschaffen werden würde. Er persönlich verlange keinen unabhängigen Staat, aber es bestände doch ein ungeheurer Unterschied zwischen einem jüdischen Staate und einem kraftlosen Mandate, unter dem man vollständig von der Gnade Englands abhängig sei. Die öffentliche Meinung sei den Zionisten nicht mehr so günstig, wie vor zwei Jahren, und dies wirke auf die Regierung zurück. Er wüßte, daß das Bündnis mit England die einzig richtige Politik sei, jedoch wäre mehr Offenheit gegen diejenigen, die man als seine Alliierten ansehe, am Platze. Das Mandat müßte besser definiert und begrenzt werden. Das einzige, was man von der Regierung erreicht hätte, sei die Deklaration, und dies sei eine Deklaration des Kompromisses, durch welches die englische Negierung die Zionisten sowohl als auch die Antizionisten zufriedenstellen wollte. In den Staatswörterbüchern ist so etwas wie ein „Nationales Heim" unbekannt. Dies ist ein unbestimmtes poetisches Wort, das wohl vor 20 Jahren genügt hätte. Was na:n brauche, sei eine feste Abmachung, sonst könnte ein neuer Pharao kommen, „der den Joseph nicht kannte", und die Zionisten würden wie Shylock die Erlaubnis erhalten, ihr Pfund Fleisch zu nehmen, jedoch ohne einen Tropfen Blut zu vergießen. Man wolle das Recht haben, sagen wir nach 25 Jahren, Freiheit und Unabhängigkeit zu verlangen. Nationen sind ein komplizierter Organismus und es könnte sein, daß England, wenn die Zeit gekommen ist, in der Lage wäre, unsere rechtmäßigen Forderungen abzuschlagen. Man solle offen gegen die englische Regierung sein wie auch gegen die Araber. Nur so wären gute Beziehungen mit diesen möglich. Die Araber werden Arabien erhalten und große Gebiete wurden ihnen für ihr nationales Heim versprochen, jedoch müßten sie sich klar sein, daß diejenigen, die in Palästina blieben, ihrer Nationalität nach Juden (?) sein würden. Eine andere Frage, die der Aufklärung bedürfe, sei die Stellung gegenüber den Juden des östlichen Europas, die zu Tausenden darauf warteten, nach Palästina zu gehen. Ist ihnen erklärt worden, daß in den nächsten Jahren Palästina nur eine geringe Anzahl Menschen aufnehmen kann? Ihm sei gesagt worden, daß ein beratendes Komitee geschaffen worden wäre. Wozu? Warum leben wir in der ägyptischen Finsternis? Die Zionisten müßten vereint an die Führer herantreten und Einzelheiten über diese Sache verlangen. Er wäre zufrieden, wenn er den Ball ins Rollen gebracht hätte. Die Opponenten, unter denen sich auch Leo Hermann befand, führten aus, daß von Geheimdiplomatie keine Rede sein könne, daß man mit den gegebenen Umständen rechnen müsse und diese erlaubten nicht die Gründung eines autonomen Staates; wenn die jüdische Nation politisch reif sein würde, wofür gerade ihre Abhängigkeit vom britischen Staate bürge, würde sie auch die Autonomie erlangen. Die Zionisten hätten ihre Aufgabe zunächst darin zu erblicken, die Minorität in Palästina in eine Majorität zu verwandeln. Was die Konferenz in Basel betreffe, so würden (Fortsetzung auf Seite 7.)