Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Jüdische Korrespondenz Seite 3 unsere Väter für die Ehre und Erhaltung der Fahne des Judentums gelitten, gestritten, gesiegt und auch als Märtyrer gefallen sind. Es ist die heiligste Pflicht unserer Jugendbildner, unserer zukünftigen Geisteskämpfer, für unsere Thora mit den Lebensideen der Makkabäer bekannt zu machen, daß unsere Jugend den Stolz darin finde, Nachkommen der Fahnenträger der Gottesidee zu sein, in welcher sich die ewige Dauer unseres Volkes abspiegelt und von welcher die Erlösung der ganzen Welt ausgehen soll. Für unsere gesetzestreue Jugend ist die jüdische Geschichte das ewige beständige Licht, das ihre Herzen entflammt und begeistert für unsere Thora. Mit Recht sagt sogar Grätz: Auch wer nicht an Wunder glaubt, muß das Wunderähnliche im Geschichtsverlaufe des jüdischen Volkes zugeben. Darum öffnen wir der Jugend die heiligen Pforten der jüdischen Geschichte. Aber eine „methodische Erforschung" der jüdischen Geschichte begann erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunders und die Ergebnisse dieser Erforschung haben erst viel später in weiteren Kreisen Eingang gefunden, und zwar durch die Literaturvereine und die nationale Bewegung. Grätz hat die erste für das allgemeine Publikum brauchbare jüdische Geschichte geschrieben, die aber infolge ihrer subjektiven Erklärungen und Verspottung der ostjüdischen Geistesheroen der Jugend nicht in die Hand gegeben werden darf. Zu empfehlen sind das Werk „Donath Horischauoim" von Halevy und die Arbeiten von Wolf Jawitz. Die Juden in polen. (Reise-Eindrücke.) I. Der Eindruck, den eine Reise in Polen erweckt, ist nach keiner Richtung hin als günstig zu bezeichnen. Sowohl die Verhältnisse innerhalb der Judenheit in Polen als auch deren Lage nach außen hin läßt vieles zn wünschen übrig. Nichtsdestoweniger kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß Anzeichen der Besserung fortgesetzt in die Erscheinung treten und daß eine Sanierung der Zustände zu erwarten ist, vorausgesetzt, daß der Entwicklungsprozeß durch äußere Einflüsse keine Störung erfahrt. Die politische Umwälzung und ihre Begleiterscheinungen haben in Polen im allgemeinen eine Radikalisierung der breiten Volksmassen mit sich gebracht, deren Folgen sich recht unangenehm bemerkbar machen. , Die Spannung zwischen Polen und Juden hat dadurch eine wesentliche Verschärfung erfahren, deren Ausdruck die Ausschreitungen und Exzesse — um nur diese Bezeichnungen anzuwenden — waren, die mehrere Monate hindurch die Juden nicht zur Ruhe kommen ließen. Seit einiger Zeit ist diesbezüglich ein gewisser Stillstand und eine gewisse Beruhigung eingetreten. Die Regierungs- und Parlamentskreise, mit welchen der Schreiber dieser Zeilen zu sprechen die Gelegenheit hatte, versicherten feierlichst, daß alle Maßnahmen getroffen wurden und werden, um eine Wiederholung derartiger Vorkommnisse unmöglich zu machen. Man mag sich nun, nach den bisherigen Erfahrungen, solchen Versicherungen gegenüber etwas skeptisch verhalten, ohne hiebei den guten Willen der maßgebenden Kreise in Zweifel ziehen zu wollen. Aber Angesichts des Umstandes, daß tatsächlich eine kleine Entspannung zu konstatieren sei, kann man nicht umhin, die Aussichten für die Zukunft etwas günstiger zu beurteilen. Die Hauptsache wäre, daß die Staatsverwaltung etwas strammer gehandhabt werde und daß die Zentralbehörden stärker als bisher die Möglichkeit erhalten, gewisse Uebergriffe untergeordneter 'Organe zu ahnden. Die Klagen über diverse Unzulänglichkeiten der Administration lassen sich auch von anderer Seite vernehmen. Kommt es demnach zu einer Sanierung der Verhältnisse, so würde dies auch den Juden zugute kommen. Da die neue Regierung die Reform der Administrator: als eine ihrer Hauptaufgaben bezeichnet, kann erwartet werden, daß es dann gelingen dürfte, auch den Schutz von Leben und Vermögen der Juden sowie ihrer bürgerlichen und politischen Rechte wirksamer zu gestalten. Die maßgebenden Regierungsstellen sowie die Führer der verschiedenen Parteien — mit Ausnahme natürlich derjenigen, die auf einen ausgesprochenen antisemitischeu Standpunkt Men — versichern, daß obwohl es keineswegs zu leugnen sei, daß in Polen zurzeit eine antisemitische Strömung vorhanden ist, diese jedoch weder eine konfessionelle, noch eine Rassengrundlage haben, sondern eine Erscheinung der ökonomischen Verhältnisse sowie der Parteikämpfe im Staate sei. Gerade deswegen, so wird erklärt, läßt sich die Strömung beseittgen. Doch kann dies angesichts des angehäuften Reibungsstoffes nicht von heute auf morgen geschehen. Die Regierung und die erwähnten Parteien versichern feierlichst, auf den Standpunkt der vollständigen und restlosen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung aller Bewohner Polens zu stehen,'womit auch die Juden gemeint sind. Hingegen ist man fast einstimmig in der Ablehnung des Verlangens, die Juden als besondere Nationalität anzuerkennen und ihnen in Konsequenz dessen spezielle nationale Rechte zu gewähren. Bloß ausgesprochen antisemitische Gruppen sind für die Proklamierung der Juden als besondere Natton; sie verhehlen dabei aber nicht, daß es keineswegs das Gerechtigkeitsgefühl ist, das sie leitet, sondern die Absicht, dann erst recht wirksam gegen die Juden als „fremdes Element" kämpfen zu können. Für die besondere jüdische Eigenart besteht ein gewisses Verständnis, doch wird erklärt, daß dies eine innere jüdische Sache sei. Ohne die Angelegenheit mit politischen Nebenzwecken zu verknüpfen, wäre es möglich, im Rahmen des neu zu schaffenden Kultusgemeindegesetzes den Juden die Möglichkeit zu bieten, diese ihre Eigenarten zu wahren und in ihrem inneren Leben gewissermaßen nach der eigenen Facon selig zu werden. Nach außenhin müßten sie sich samt und sonders ebenso als Polen deklarieren, wie sich die Juden in Deutschland als Deutsche, in Frankreich als Franzosen und in England als Engländer deklarieren. Freilich, offen wird zugegeben, daß der gegenwärtige Sejm den Juden nicht besonders freundlich gesinnt ist. Die Regierung war jedoch bisher zu schwach, um den Sejm nach dieser Richtung beeinflussen zu können. Die jüdischnationalen Abgeordneten werden polnischerseits beschuldigt, mit ihren Austreten aufreizend zu wirken, was die Abneigung der Parteien der jüdischen Postulation gegenüber noch verschärft. Man glaubt aber, daß die schrittweise Beruhigung der Gemüter, die sich unstreitig bemerkbar macht, auch da kalmierend wirken werde. Vorläufig hat aber das Gesetz über die Sonntagsruhe unter den Juden eine gewaltige Aufregung hervorgerufen. Im Vorstehenden seien, wie erwähnt, die Erklärungen und Versicherungen der Regierungs- und der parlamentarischen Kreise wiedergegeben worden. Von jüdischer Seite wird nach wie vor über Rechtsverletzungen und Zurücksetzungen geklagt, wenn man auch zugibt, daß die Verhältnisse sich in letzter Zeit etwas gebessert haben. Es fehlt aber auch noch an Sümmen, und dies selbst in den nationalen Kreisen, die mit der Taktik der jüdischnationalen Abgeordneten unzufrieden sind und dieser Unzufriedenheit offen Ausdruck geben. Der jüdische Klub im Sejm hat bisher gar keinen Erfolg aufzuweisen. Er ist völlig isoliert und hat es nicht verstanden, sich irgendwie Freunde zu verschaffen. Eine kleine Minoritätsgruppe, die es nicht versteht oder nicht dazu bringen kann, sich irgendwelche Unterstützung zu sichern, ist a priori zu Mißerfolgen verurteilt. Die breiten Volksmassen können nicht immer von den rhetorischen Leistungen ihrer Vertreter im Sejm satt werden. Ueben diese nach außen hin keine Wirkung aus, so verlieren sie mit der Zeit jeden Wert und jeden Effekt. Die Minoritätsschutzbestimmungen des Friedensvertrages, auf welche sich unsere Nationalisten so -üel zugute hielten, erweisen sich in der Praxis als eine Niete. Sie sind weder imstande, die Juden vor derartige Gesetze, wie die völlige Sonntagsruhe, die Einführung des Befähigungsnachweises in Handel usw. zu schützen, noch einen wirtschaftlichen Boykott hintanzuhalten. „Im-ken ma hauilu Chachamim betikantom?“ Was ist uns mit all dem geholfen? — fragt die Volksmasse und beginnt sich über die Taktik ihrer jetzigen