Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 1 seine Täügkeit zum Ausdruck bringe. Der Antrag wird per Akklamation einstimmig angenommen. Es wird hierauf zur Kenntnis gebracht, daß demnächst eine ordentliche Generalversammlung der Wiener Ortsgruppe der Agudas Jisroel stattfinden wird. Fast sämtliche Anwesende haben ihren Beitritt zur Agudas Jisroel erklärt. Die Orthodoxie Ln. der Slowakei an die Agudas Jisroel. Die Organisation der Orthodoxie in der Slowakei hat an den Präsidenten des Zentralkomitees der Agudas Jisroel in Zürich, Rabbiner Dr. Löwenstein, folgendes Schreiben gerichtet: Sehr geehrter Herr Rabbiner! Für die innige Begrüßung seitens der Agüdah anläßlich meiner Wahl zum Präses der Landeszentrale der orthodoxen Judenheit der Slowakei, empfangen Sie in meinem Namen wie in dem meiner Mitarbeiter unseren aufrichtigsten Dank mit der Versicherung, daß unter den vielen Beglückwünschungen aus diesem Anlaß der Ihrige uns besonders wohlgetan, denn die Bestrebungen der Aguda, die orthodoxen Gruppen der Welt zu einer großen Gemeinschaft, zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufassen, ist den Zielen unserer Organisation Kongruent, welche die orthodoxen Gemeinden unseres Landes zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfaßt. In dem Maße, wie wir jedes Zusammengehen mit nichtorchodoxen Elementen im Rahmen unseres Landes entschieden perhorreszieren, ebenso denken wir uns den Zusammenschluß der Weltorthodoxie mit Ausschluß jeder anderen Organisation. Mit nachdrücklicher Betonung dieses unseres Standpunktes haben wir in der jüngst abgehaltenen Landesrepräsentantensitzung einhellig den Anschluß an die Aguda ausgesprochen. Ich darf es Ihnen nicht verhehlen, daß bei jeder Stellung-. nähme zu Fragen, welche die Orthodoxie berühren, auf den orthodoxen Rabbinen der Slowäkei große und schwere Verantwortung lastet. Wir haben ein heiliges Erbe von unseren Altvorderen übernommen, 270 große Rabbinen haben zur Zeit der Hochflut der modernen Richtung, welche die Grundsäulen der modernen Thora zu unterwaschen drohte, mit geradezu prophetischer Voraussicht die Richtlinien festgestellt, die den festen Damm bildeten, an dem sich die hochgehenden Wogen der unjüdischen Zeitströmungen brachen. Die Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre haben diese Größe nur zu sehr gerechtfertigt, daher können und werden auch wir in aller Zukunft von diesen als heiliges Vermächtnis übernommenen Grundsätzen unter keinen Umständen um Haaresbreite abweichen. Die erste Voraussetzung unseres Anschlusses an die orthodoxe Weltorganisation ist, daß die Erhaltung, Kräftigung und der Ausbau der Orthodoxie in der Slowakei ausschließlich den maßgebenden Rabbinen Vorbehalten bleibe, ferner darf keine nicht orthodoxe Gruppe der Slowakei der Aguda angehören. Eine weitere Voraussetzung unseres Anschlusses hängt mit den palästinensischen Fragen zusammen. Erez Jisroel bildet den Gegenstand der Sehnsucht und Verehrung jedes thoratreuen Juden, selbstredend ein Erez Jisroel, in dem das ganze Volksleben, wie auch sämtliche Institutionen vom Geiste der unverfälschten Jüdischkeit erfüllt sind. Daher erachten wir es als erste und wichtigste Aufgabe der Aguda, das religionsfeindliche Treiben anderer Organisationen zu verhindern, alles zu tun, daß ein wahrhaft jüdisches auf der Grundlage unserer heiligen Lehre basierendes, dem heiligen Boden würdiges Leben, dort heimisch werde. Die Landesrepräsentanz hat Oberrabbiner Schreiber, Oberrabbiner Jungreis (Kassa) und Rabbiner A. Katz (Neutra) mit weitestgehender Vollmacht ausgestattet, um diese unsere Tendenz, die sicherlich bei Ihnen vollstes Verständnis finden wird, im großen rabbinischen Rate der Aguda zur vollen Geltung zu bringen. Uebrigens wird uns ja Ihr Herr Vertreter, Herr Grünbaum, bald mit seinem Besuche beehren, wo sich uns Gelegenheit bieten wird, alle schwebenden Fragen zu bereinigen, wodann ich mit dem ganzen Gewicht meiner amtlichen Stellung die hohen und heiligen Ziele der Aguda fördern werde. Ich begrüße Sie aufs herzlichste und zeichne mit besonderer Wertschätzung Oberrabbiuer Koluman Weder, Präsez. was ist jüdische Geschichte! Don Rabbiner Dr. Ezechiel Landau (Boskowitz). Schmerzgebeugt ohne Vater und Mutter, jung und einsam stehe ich da. Keinen Bruder, keinen Freund, nur die Geschichte nenne ich mein. Geschichte ist der Lebenshauch, der Lebensnerv, der Erhaltungstrieb des jüdischen Volkes, die Geschichte sind die Atmungsorgane, die Lebensseele unseres Volkes, sein geistiges Dasein. Es schreibt darin seinen Lebensabschnitt. Die jüdische Geschichte ist der Lebensfaden, den unsere heroischen Vorfahren aus der Gedankenfülle und den Schätzen ihres Gemütes gesponnen haben. Wir spinnen denselben fort. Das Schicksal unseres Volkes spiegelt sich in unserer Geschichte ab. Unsere Geschichte ist voll von Wundern und Rätseln. Die Geschichte ist ein Zeugnis .für die Wahrheit des Wunders, der Unsterblichkeit des jüdischen Geistes. Die Geschichte ist das tiefe Bewußtfein von der erhaltenden Macht des Volksgefühls und von der vernichtenden Gewalt des Egoismus. Die jüdische Geschichte ist die Begründerin einer neuen geistigen Welt. Nicht Krieg, nicht das Niederringen und Besiegen anderer Völker soll der jüdischen Geschichte die Krone der Macht verleihen, sondern die ruhmgekrönte Toga des Gottesgeistes soll das uneinnehmbare Bollwerk des Judentum» in der Diaspora sein, in der Weltwüste des Evangeliums des Judenhasses, wo das jüdische Lebensschiff in der größten Seenot kämpft. Unsere Geschichte, das weltliche Evangelium des jüdischen Geistes, die weltliche Offenbarung des Judentums, unsere Geschichte ist die Begründerin des geistigen Adels, des geistigen Militarismus, des Adels der Seele, der Heimat eines geistigen, unsichtbaren Tempels, eines Zentralheiligtums des Judentums, das überall aufgestellt werden kann und für jeden zugänglich ist. Unsere mit Blut geschriebene Leidensgeschichte ist die Haupterzieherin und Bildnerin des jüdischen Volkscharakters; denn das Studium der Vergangenheit, die Kenntnis des inneren und äußeren Lebens unserer Heldenväter, ihrer Nöte und ihrer Leiden, ihrer Bestrebungen und ihrer Ideale, ist geeignet, den Zusammenhang mit seinem eigenen Volke zu pflegen und zu stärken, die Liebe zum Talisman, zum lebenspendenden Kleinod, zur Thora zu erhöhen. Unsere Geschichte, die nur eine Geistesgeschichte ist, interessiert weniger das Leben der Geisteshelden als der Inhalt ihrer Werke, die man studiert und deren Ideen man in sich aufnimmt. Sie lehrt uns, was man tun und was man nicht tun soll, sie lehrt uns auch, welche Pflichten wir als Juden und Menschen zu erfüllen haben, daß wir vor allem die Pflicht haben: Verzicht auf Eigenmacht und Anerkennung der Gesamtheit. Unsere Geschichte lehrt einen Idealismus, der verwirklicht werden kann und soll. Unsere Geschichte lehrt uns, daß das, was unseren Vätern wertvoll, uns heilig sein soll; denn unsere Geschichte, die größte Tragödie der Weltliteratur, das unzerstörbare Denkmal des jüdischen Heroismus, ist zugleich die Geschichte unserer Lehren, weshalb man Israel den Beinamen „Am Hassefed" gab; besonders seit der Zerstörung des Tempels und der Vernichtung der staatlichen Selbständigkeit. Unsere Geschichte, die geistige Triumpfstätte, der Lebensteppich, die Hegemonie des Judentums, lehrt uns die Anerkennung der Echtheit der Thora und der übernatürlichen Kraft des Thoraschöpfers. Daher ist die Unkenntnis der jüdischen Geschichte der Tod des Volksgedankens, des Zusammengehörigkeitsgefühls des Judentums trotz natio» naler Heimstätte, trotz jüdischen Gemeinwesens und jüdischer Ackerbauer. Die Geschichte ist das beste Mittel zur Stärkung des Judentums. Unsere Jugend der Gegenwart muß vom Geiste unserer Geschichte beseelt werden. Sie muß erfahren wie