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Jüdische Korrespondenz · 1919-11-28 · 44 (28.11.1919) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
44 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 Jüdische Korrespondenz Seite 7 Ausschreitungen, die gegen die jüdische Bevölkerung in der Stadt begangen werden. Während der Einnahme von Kiew wurden einige Dutzend Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes erschossen, der sich mit Zustimmung der Stadtverwaltung organisierte, um die Stadt in der Uebergangszeit zu bewachen. Die Bevölkerung wird zu Pogromen aufgehetzt. Ich mache hiermit bekannt, daß ich nicht davor zurückscheuen werde, die schwersten Strafen gegen jene anzuwenden, die durch ihre Gewalttaten die Schaffung normaler Verhältnisse der Stadt verhindern. Das zerstört die Macht der freiwilligen Armee (Denikins). die es als ihre Pflicht betrachtet, im strenggesetzlichen Rahmen des Staates tätig zu sein und welche die Hilfe unberufener Wohltäter nicht benötigt. Das Kommando der freiwilligen Armee wird rücksichtslos die Bolschewiki (Kommunisten) bestrafen., Sie verbürgt aber mit ihrer ganzen Macht die Sicherheit der Bevölkerung ohne Unterschied von Nationalität, und wird in der strengsten Weise gegen gewalttätige und Pogromausschreitungen Vorgehen." Dieses offizielle Dokument bestätigt demnach, daß unschuldige Juden, welche die Stadt schützen wollten, erschossen wurden. (Zur Airswanderungsfrage.) In einer Versammlung im Logenhause in Berlin ist ein Verein „Jüdische Emigrationsorganisation" gebildet worden, dessen Leiter die Herren Professor Dr. Silbergleit, Direktor des statistischen Amtes der Stadt Berlin, und Professor Dr. Kalischer sind. Der Verein soll sich mit der jüdischen Wanderbewegung wissenschaftlich und praktisch befassen und verspricht Neutralität gegenüber allen politischen und religiösen Bestrebungen innerhalb des Judentums. Schriftführer ist Dr. Sußnitzki. Als weitere Mitglieder des'Vorstandes werden genannt Dr. Ernst Cassierer, Redakteur Fritz Engel, sowie die Rabbiner Dr. Baeck und Doktor Warschauer. Es handelt sich also offensichtlich um eine liberale Gründung, die unter Umständen, zu einer weiteren Zersplitterung der Kräfte auf diesem doch wahrlich zur einheitlichen Bearbeitung geeigneten Gebiete führen kann. (Eine Autipogrom-Medaille.) Gelegentlich einer großen Versammlung, die anr 26. Oktober im Konzertgebäude von Amsterdam abgehalten wurde und die der Hilfsaktion für das ausgehungerte jüdische Kind im Ausland gewidmet war, wurde eine kleine Medaille verkauft. Diese Medaille, welche durch die bekannte Bildhauerin Rachel M. von Dantzig entworfen wurde, wird in künstlerischer Ausführung iu Bronze, Silber und Gold angefertigt und zum Preise von 1*50, beziehungsweise 5 und 50 Gulden holländischer Währung verkauft. Die Vorderseite der Medaille zeigt in den drei Hauptfiguren alles Elend, dem die Juden im Osten ausgesetzt sind. Ein Greis, der eine tote Frau und einen ermordeten Säugling zu seinen Füßen sieht, vermag nur noch den Schrei „Schma Jisroeil" hervorzubringen. Eine Bande von Pogromhelden mit Messern und Veilen bewaffnet, die im letzten Augenblick noch auf die Opfer ihrer Heldentaten zurückblicken. Die Rückseite ist sehr einfach gehalten. In der Randschrist steht „Für die Pogromopfer", in der Mitte befinden sich die Worte „Auf, uns zur Hilfe!" in Hebräisch und Holländisch. (Befreiung vom Schulbesuch am Sabbat.) In einer Verfügung des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an die Regierungspräsidenten wird erneut darauf hingewiesen, daß jüdische Kinder in den öffentlichen Volksschulen auf Antrag der Erziehungsberechtigten am Sabbat und an jüdischen Feiertagen vom Schulbesuch zu befreien sind, einerlei, ob die Kinder Gelegenheit haben, einem Gottesdienst beizuwohnen oder nicht. (Der amerikanische Handel in Palästina.) Nach einer Meldung der „Schweizer Export-Revue" haben sich 15 amerikanische Handelsgesellschaften unter dem Namen „American Foreign Trade Corporation" mit einem Grundkapital von 20 Millionen Dollar zwecks Ausdehnung des Handels nach dem nahen Osten zusammengeschlossen. Die Zentrale dieser Gesellschaft wird in Konstantinopel sein. Filialen werden in Smyrna, Syrien und Palästina eingerichtet. Lamiliennachricht. (Verlobung.) Herr Adolf Pappenheim, Sohn des Herrn Wolf Pappenheim (Wien II.), hat sich mit Fräulein Paula Klein (Fiume-Vacz) verlobt. _ Der hohe Rabbi Löw und der Tod. Nach einer Prager jüdischen Sage. In den Zeiten des hohen Nabbi Löw kam die Pest über die Stadt Prag. Der Würger Tod schritt durch die Gassen und es war kein Haus, das er verschonte: wo ehedem die Fiedel klang, schallten jetzt Grabeslieder; wo eben bunte Kleider prahlten, hüllte man sich in graues Bußqewand. Und die Tage vergingen, aber das Sterben blieb. Wer abends, die Feder am Hute, zur Liebsten ging, lag morgens kalt und starr mit erloschenen Augen und aschgrauem Antlitz im Sande. Der Ritter, den Fuß im Büge( schwang sich nicht in den Sattel, eine kalte Faust zerbrach sein Herz unter dem Harnisch. Dem Schalksnarr erstarrte der Witz auf den Lippen, das Mädel, das singend zum Brunnen schritt, taumelte, stöhnte und verstummte für immer. Und die Säuglinge auf dem Arme der Mutter erloschen wie kleine Flämmchen, die der Wind ausblies; ja die Vögel fielen aus der Luft und in den Ställen verreckte das verlassene Vieh. Schon begrub man die Toten nicht mehr; denn das Entsetzen lähmte jede Kraft: von allen Türmen wimmerten die Glocken, in allen Kirchen klatschten die Geißeln auf sündige Rücken, und während die Frommen beteten und büßten, raubten leichtfertige Buben in den leeren Häusern oder feierten rauschende Feste auf den Hügeln der Toten.... Und die Tage vergingen, aber das Sterben blieb. Die Geißel Gottes schlug die verruchte Welt und verschonte nicht den Ueberrest Judas, der sich in dem engen Prager Ghetto zusammendrängte. Tag für Tag sammelte sich die Gemeinde zur Totenfeier, Tag für Tag waren es weniger, die den Kaddisch sagen konnten, und Tag für Tag waren es mehr, die man in das traurige Gebet einschließen mußte. Da einten sich die Trauer und die Verzweiflung in inbrünstigem Flehen, daß die Gebete der Armen die verschlossenen Pforten des Himmels sprengten und den Weg fänden zum Herzen des Ewigen, gelobt sei er. Und der Herr erhob einen Mann über alle Welt und gab ihm Kraft, sein Volk zu trösten in dieser Not; denn noch war des Sterbens kein Ende. Da scharten sich die Juden um Rabbi Löw und er war unter ihnen wie ein Unsterblicher. Denn er pflegte die Kranken und segnete die Sterbenden und küßte den Schwachen den Schmerz von der Stirn. Seine Seele war aber so stark in den Werken der Liebe, so ganz unirdisch und dem Hohen und Heiligen Mgewandt, daß der Tod kerne Macht über ihn hatte und den stillen Glanz seiner Augen nicht ertragen konnte.... Eines Tages nun hatten sie einen Jüngling zu Grabe getragen von des Rabbis Lieblingsschülern, einen jungen, sonnigen Menschen, von tiefer Frömmigkeit, der den Meister begleitet hatte auf all seinen Wegen. Der Rabbi konnte den Verlust kaum verwinden; wie er auch den Schmerz bekämpfte, der seine ruhige Heiterkeit trübte, sein Herz blieb traurig seit jenem Tage. Und da er so gar sehnsüchtig war, stand er um Mitternacht auf und schritt zum Beth Chajim, dem Friedhof, um am Grabe des Schülers zu weinen. Schon steckte er den Schlüssel in das verrostete Schloß, eben wollte er öffnen — da sprang das Pförtchen von selbst auf und im kalten Glanz des Mondes stand eine hohe, bleiche Gestalt in grauem Gewände, ein Pergament in der Rechten. Da war es dem Rabbi, als wollte er versinken in unendlicher Sehnsucht, da schien es ihm, als streckte der tote Freund ihm die Hände entgegen — doch schon dachte er der Vielen, für die er lebte und denen er die letzte Stütze war, und sein Herz wurde stark, daß er dem Bleichen unverzagt ins Auge blickte. — Der aber hob die Rechte gegen ihn, geheimmsvoll leuchtete die Rolle in seiner Hand, da griff der Rabbi zu und entriß dem Entsetzlichen das Pergament. Und während die graue Gestalt im Nebel zerfloß, erschollen schwer und dunkel die Worte: Diesmal entgingst Du mir; hüte Dich, hüte Dich vor dem nächsten Begegnen. Nachdenklich kehrte der Rabbi vom Friedhofe zurück. Im Kreise seiner Jünger öffnete er die Nolle; da stand sein Name ausgezeichnet auf dem Gelb des Pergamentes in dunkelleuchtender Schrift. Schweigend schauten die Schüler auf den, Meister, der aber erhob seine Stimme und pries den Herrn und sang und betete bis zum Morgen. An diesem Tage erlofch die Seuche in der Stadt. Jahre und Jahre vergingen; der Rabbi wurde alt und weiß; aber seine Seele blühte in seiner ewigen, heiligen Jugend und die Geheimnisse des Himmels und der Erde waren offen vor der Schärfe seines Geistes. Aber durch all die Zeit spürte er den Tod in sich, er hörte das Rauschen dunkler Fittiche und lauschte in schwarzen Nächten dem Ticken des Totenwurms in den alten Truhen. Er jedoch blieb heiter und ruhig all seine Zeit und war nur ein Wille in ihm, Gott zu dienen und zu versinken in der ewigen Allmacht. Da vermochte der Würger nichts wider ihn. Einmal aber feierte der Rabbi ein Fest im Kreise seiner Jünger und inmitten allen Volkes, das ihn bewunderte und verehrte. Der Himmel war blau und hell, im Garten schlugen die Vögel, es blühten die Blumen, weiße Schwäne zogen auf den silbernen Wellen des Sees. Da dachte der Greis der Tage seiner Jugend und daß er allein übrig war von all denen, die ihm einst lieb gewesen-waren. Und wieder war ein stilles Sehnen in ihm, wie in jener Nacht an der

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