Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 44 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6_Jüdisehe Korrespondenz Nr. 44 (Fortsetzung von Seite 4.) Vielleicht hoffte er auf die Verwirklichung der Pläne Herzls durch den Sieg der Verbündeten, vielleicht wollte er auch nur die moralische Kraft, die Würde des Judentums durch seine Opfer erhöhen. Er sagte seinen Freunden: Auf Wiedersehen in Palästina! Er zog als einfacher Soldat aus, brachte es bald zum Leutnant, wurde im Armeebefehl belobt und endlich für besondere Leistungen am 26. Dezember 1915 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt- Am 18. August 1916 fiel er an der Spitze seiner Leute, von einem Kopfschuß niedergestreckt." _ Rundschau. (Der Juden Punkt der Wiener Christlichsozialen.) Das Wiener christlichsoziale Montagblatt veröffentlicht einen sehr ausführlichen Aussatz über den Judenpunkt im neuen Programm der Wiener christlichsozialen Partei. Dieser Artikel ist im jetzigen Zeitpunkte besonders wichtig und charakteristisch, weil er geeignet erscheint, verschiedenen Illusionen, die in letzter Zeit recht verbreitet waren, die Spitze abzubrechen, und eine kräftige Warnung an die Adresse derer enthält, die sich bereits in dem Glauben wiegten, die Bekämpfung der Sozialdemokratie werde die Christlichsozialen veranlassen, den Judenpunkt zumindest zu mildern. Hiezu mochten offizielle und private Aeußerungen christlichsozialer Parteiführer, besonders solcher des linken Flügels und die Erwägung verleiten, daß es den Christlich sozialen darum zu tun sein werde, sich jüdische Stimmen zu sichern. Das erwähnte Montagblatt bezeichnet den Antisemitismus als das Fundament der Wiener Christlichsozialen und stellt sich vollkommen auf den Boden der Kunschakschen Forderung, die Juden als eigene Nation anzuerkennen, woraus es Folgerungen von größter Tragweite für die Stellung des Judentums in Oesterreich ableitet. Auch die Zitierung der Antisemitenführer von der Tendenz Kunschaks, Schneiders und Gregorigs mag als symptomatisch gelten. (Wal sagen dazu die Nationalisten?) (Der Antisemitenbummel.) Bei elendem Wetter veranstalteten die Deutschnationalen Sonntag den fünften Demonstrationsspaziergang auf dem Franz Josefs-Kai. In der Zeit von etwa halb 11 bis 11 Uhr kamen einzeln und in kleinen Gruppen nicht viel mehr als 150 Mann und promenierten zwischen Stephaniebrücke und Marienbrücke an der Flußseite auf und ab. An der Stadtseite zogen die Jüdischnationalen in ungefähr der gleichen Stärke straßenauf und -ab. Es kam aber nirgends zu Zusammenstößen. Wieder trennte ein starkes Aufgebot an Sicherheitswache zu Fuße und zu Pferde und Stadtschutzwache die feindlichen Parteien. Um halb 12 Uhr rückten die Deutschnationalen bei der Stephaniebrücke ab und auch die Jüdischnationalen verließen ruhig den Kai. (Der Antisemitismus in Ungarn.) Der Budapester Sonderberichterstatter des „Neuen Tag" schreibt: Die Bevölkerung Ungarns ist sich einig im Haß gegen die Bolschewiken, der auch eine neue Aera des Antisemitismus gezeitigt hat. Dieser ging so weit, daß man in einzelnen Dörfern die Juden ausmies, die dort, seit langem Handel treibend, tätig waren. Dieses von Haß diktierte unüberlegte Vorgehen hat da zu mancher komischen Szene geführt. So haben in einzelnen ungarischen Dörfern Bauerndeputationen nach einigen Tagen die vertriebenen Juden selbst wieder heimgeholt. Sie konnten sie in ihrem Geschäftsleben nicht entbehren und sie sahen, nachdem die blinde Wut sich gelegt hatte, selbst ein, daß sie zwischen jenen unterscheiden müssen, welche mit den Bolschewiken gemeinsame Sache machen, und zwischen den friedlichen Juden, die seit Jahrzehnten ihre Scholle teilen und mit ihnen fühlen und arbeiten. So sieht man denn auch in den Politischen Parteien Juden und Christen gemeinsam miteinander wirken. In der royalistischen Partei spielt neben dem Erzbischof der Oberrabbiner die führende Rolle, und beide, daß Oberhaupt der katholischen wie das der jüdischen Gemeinde, tragen als Schmuck und heiligt Symbol die Stephanskrone am Gewände. (Was Horthy den Juden verspricht.) Aus die Begrüßungsansprache einer Deputation des Ungarischen jüdischen Verbandes erklärteder Oberkommandierende der Nationalarmee, Nikolaus von Horthy, er nehme mit aufrichtiger Befriedigung die Bereitwilligkeit des ungarischen Judentums zur Kenntnis, an der Arbeit der nationalen Wiedergeburt im patriotischen Sinne mitzuwirken. Die Armee stehe jeder Parteipolitik ferne und kenne nur ein einziges Ziel, das Heil des Vaterlandes. Aus diesem Grunde wird sie jede antinationale, umstürzlerische Tendenz im Keime ersticken, mit eiserner Strenge die öffentliche Ordnung wiederherstellen und alle jene schützen, welche mit ehrlicher Arbeit und in patiotischem Sinne den Interessen der Nation dienen. (Die Judenfrage im englischen Unterhaus.) Das Kopenhagener Zionistische Bureau meldet: Am 17. November verlangte Sir Alfred Short im englischen Unterhaus Informationen betreffs der Pogromgcbiete des früheren russischen Reiches, insbesondere Details von Polen und des derzeit von Denikin besetzten Gebietes, ferner nach, der schätzungsweisen Anzahl der getöteten Juden. Harmsworth antwortete, daß er eine Erklärung betreffs der Behandlung der Juden in Polen bis nach Rückkehr Sir Stuart Samuels aufschieben möchte. Das Foreign Office kann die Zahl der in anderen Teilen des früheren Rußland getöteten Juden nicht schätzen, da heutzutage die Beantwortung einer solchen Frage eine lange Untersuchung an Ort und Stelle durch eine Spezialkommission notwendig macht. Kommandeur Kenworthy fragte an, ob die britischen Vertreter in Denikins Armee die Lage der dortigen Juden sorgfältig überwachen und ihr Aeußerstes zur Verhinderung von Ausschreitungen tun. Harmsworth antwortete: Ich kann zuversichtlich sagen, daß dies so ist. — In der Debatte über Rußland legte Colonel Malone ein Exemplar einer Proklamation vor, welche von Denikins Soldaten verteilt wurde und worin folgender Satz enthalten ist: Bauern! Bewaffnet euch und erhebt euch gegen den gemeinsamen Feind unseres russischen Landes! Gegen die Juden, Bolschewiken und Kommunisten! Malone erklärte auch, daß er davon überzeugt sei, daß eine Ordnung der zionistischen Frage bevorstehe. Kapitän Ormsby Core gab der Hoffnung Ausdruck,.daß, soferne Großbritannien das Mandat über Palästina erhielte, dieses Mandat einer einzigen Nation zufallen würde. Es unterliege dann außer dem Völkerbund keiner internationalen Kontrolle. Balfour äußerte sich dahin, daß in Syrien keine Rivalität zwischen England und Frankreich bestehe, und welche Schwierigkeiten auch immer vorliegen sollten, wünsche er ernstlich eine befriedigende Lösung. Weiter könne vorderhand nichts gesagt werden, da seitens der Friedenskonferenz die türkische Frage noch nicht erwogen worden wäre. (Rumänische Drangsalierungen.) Der Pariser M., Gewährsmann der „Jüdischen Preßzentrale Zürich", berichtet: Ebenso wie in der Bukowina veranstalten die Rumänen auch in Transsylvanien systematisch Judenaustreibungen und hoffen durch diese Methode, wie Eingeweihte berichten, zumindest 100.000 Juden über die Grenze zu schaffen. Die Wohnungen, respektive die Geschäftslokale der Juden werden kurzerhand requiriert: nur eine ganz kurze Frist von zwei bis fünf Tagen wird zur Räumung gewährt. Ein Rechtsmittel gegen den Ausweisungsbeschluß gibt es natürlich nicht. Nach Ablauf der Frist werden die Mobilien und Waren der Juden unter militärischer Bedeckung auf Lastautos geladen und an die Stadtgrenze oder zum Güterbahnhof geführt, wo sie einfach abgeladen werden. Um die Wiedereinquartierung der „Fremden" bekümmert sich die Behörde dieses „Wohlfahrtsstaates" nicht. Die Vertriebenen sind somit gezwungen, in den frostigen Herbstnächten mit Kind und Kegel im Freien zu übernachten. In den WohUungen werden dann die „Sieger", rumänische Beamte oder Kaufleute, einquartiert. Gleichzeitig zwingt man alle übrigen Bewohner unter Strafandrohung, ausschließlich rumänische Aufschriften anzubringen. Durch alle diese Machenschaften hofft die rumänische Regierung, daß die neuerworbenen Städte auf den Fremden bald den Eindruck rumänischer Kulturzentren machen werden. (Die Exzesse in Kiew.) Dem Londoner jüdischen Korrespondenzbureau wird aus Odessa der Text der offiziellen Bekanntmachung übermittelt, die in Kiew am 27. August erlassen wurde. Die Bekanntmachung ist vom Stadtkommandanten gezeichnet. Sie lautet: „Ich erhalte Berichte über einzelne