Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 44 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 44 „Waad Hazmani" bis zur Einberufung der konstituierenden Versammlung weiter bestehen zu lassen. Zu dem Beschlüsse des Aufschubes der Delegiertenversammlung bemerkt der „Hapoel Hazair" vom 25. Oktober namens der zionistisch-volkssozialistischen Partei in einem Leitartikel: Man habe sich, nachdem man die Forderungen von Weizmann und Ussischkm vernommen hat, dem Befehl gefügt, in dem Bewußtsein, daß man ohne innere Unterwerfung und Disziplin nicht imstande sein .werde, die gemeinsame Arbeit zu leisten. „Wir fügten uns, ohne ihre Meinung zu teilen, denn wir glauben nicht, daß die Rabbis von Jerusalem im Lause von drei Monaten ihre Ansichten ändern werden und dann werden wir auf die gleichen Schwierigkeiten stoßen." (Diese Annahme ist sicherlich unbegründet. Die Orthodoxie ist gar nicht gewillt, ihren Standpunkt aufzugeben und auf Kosten der religiösen Vorschriften Konzessionen zu machen. D. R.) Aus polen. (Die Arbeit der Orthodoxie in Polen.) Der „Haderech", das Zentralorgan der Agudas Jisroel, veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der „Szlome Emune Jisroel" in Polen, dem wir unter anderem folgendes entnehmen: Der Organisation der „Szlome Emune Jisroel" gehören gegenwärtig in ganz Polen mehr als 600 Verbände an, die zirka 120.000 Mitglieder zählen. Fast alle Wunderrabbis und Rabbiner Polens, etwa 400 an der Zahl, sind Aktivmitglieder der genannten Organisation und entfalten eine rege Tätigkeit zugunsten der Agudah, die in mehreren Städten unter dem Namen „Jesodeh Hathora" Chedarim errichtet hat, in denen mehr als 50.000 Knaben ihre Erziehung und Ausbildung im Geiste der Thora finden. Auch für die Erziehung und Ausbildung jüdischer Mädchen ist gesorgt worden. Durch die Agudah haben die Jeschiboth nicht nur in Polen, sondern auch in denjenigen Teilen Litauens, die vom polnischen Heere okkupiert worden sind, eine kräftige Unterstützung erfahren. Zur Erleichterung der organisatorischen Arbeiten der Agudah werden die Arbeiten der Landesorganisation auf Bezirke verteilt. In jedem Bezirke wird ein Bureau eröffnet, das als Vermittlungsstelle zwischen dem Landes- Zentralverband und den Lokalverbänden dienen soll. Derartige Bureaus werden in Krakau für Westgalizien, in Lemberg für Ostgalizien, in Bialystok für Litauen und in Posen für Ostpreußen errichtet. Auch Kongreßpolen wird in sechs Bezirke eingeteilt werden. Die am 20. Siwan, der auf Initiative der Agudah als allgemeiner Trauertag eingesetzt wurde, durch die Lokalverbände gesammelten 200.000 Mark wurden für die Errichtung eines Waisenhauses in Galizien bestimmt. (Die Hetze gegen Rabbiner Perlmutter.) Dem „Israelit" wird aus Warschau geschrieben: Die Reise des Abgeordneten Rabbiner Perlmutter nach Amsterdam und London gibt der zionistischen Presse wieder einmal Anlaß zu einer wahnsinnigen Hetze, die vor den schlimmsten Verdächtigungen und Bändigungen des ehrwürdigen Greises nicht zurückscheut. Bekanntlich ist das Reiseziel Perlmutters die Aufbringung von Geldmitteln zur Unterstützung der orthodoxen Institutionen in Polen und der Notleidenden überhaupt. Offenbar ist man in zionistischen Kreisen noch immer von der Vorstellung beherrscht,. daß die Hilfsgelder aus England und Amerika ausschließlich durch zionistische Hände gehen müssen, um auf diese Weise nebenher zur Verstärkung der zionistischen Machtstellung beizutragen. Nur so läßt sich die Wut erklären, mit der im ganzen Lande eine förmliche Protest-Campagne gegen Perlmutters Reise arrangiert wird. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß sich auch der Misrachi, insbesondere sein Leiter. Farbstein, an diesem häßlichen Feldzug beteiligt, der von allen anständig Denkenden verurteilt werden muß. (Die Zahl der organisierte« jüdischen Arbeiter in Polen.) Laut den letzten Berechnungen beträgt die Zahl der in professionellen Vereinen organisierten jüdischen Arbeiter Polens mehr als 90.000; davon gehören über 50.000 dem „Bund" an. 34.000 stehen unter dem Einflüsse der Poale- Zionisten und zu den „Ferainigten" gehören gegen 6000. Aufruf. Durch den Krieg waren viele Hunderte Juden gezwungen, Palästina, wo sie seit Jahrzehnten ihr Heim gefunden, zu verlassen; sie wurden als „feindliche" Staatsbürger verjagt oder flohen selbst vor Hunger und Seuchen. Viele von ihnen, darunter die Mehrzahl hilflose Frauen und Kinder, haben in Wien, in Nikolsburg und anderwärts Zuflulht gesucht und zur Not gefunden. Kümmerlich genug haben sie bis heute ihr Leben gefristet. Nun sehen sie sich neuerdings, als lästige Ausländer bezeichnet und von der doppeltem Not des Winters bedroht, zur sofortigen Rückwanderung genötigt. Schiffsraum und Einreisebewilligung erscheinen gesichert, noch nicht aber die Mittel zur Deckung der hohen Fahrkosten, welche per Kopf, ohne Verpflegung, nicht weniger als 2500 Kronen betragen. In Wien, dem Hauptetappenpunkt für unsere Palästina' Heimkehrer, haben sich denn — angesichts der Dringlichkeit der Hilfsaktion, alle maßgebenden jüdischen Körperschaften (Jsraelittsche Kultusgemeinde, Israelitische Allianz, Binai Birith, Zionistische Organisation, American Joint Distribution Comitee, Palästinaamt, die Kolelim Oesterreich-Ungarn, Wien und Drohobycz und der Verein „Opfertag") in Erweiterung des schon früher bestandenen. „Komitees der 4 Organisattonen" zusammengeschlossen, um dies Hindernis zu überwinden. Da jedoch unsere Mittel nicht hinreichen, wenden wir uns an das jüdische Publikum mit dem warmen und dringenden Appell, durch rasche und ausgiebige Spenden die Durchführung der Aktion zu sichern. Unter jüdischen Brüdern braucht es nicht vieler Worte. Es gilt, Frauen mit ihren Männern, Kinder mit ihren Eltern nach Jahren bitterer Trennung und drückender Not wieder zu vereinen, eine ganze unglückliche Gemeinde ihrer Heimat, dem uns allen heiligen Lande wieder zuzuführen. Wir rufen, tut Eure Pflicht! Komitee zur Heimbeförderung der palästinensischen Flüchtlinge Wien, H., Zirkusgasse 33, Telephon 45.325. Oberrabbiner Dr. Z. P. Chajes, Eduard Deutsch, Professor Dr. S. Ehrmann, N. Hofstädter, Dr. Armand Kaminka, Dr. Arthur Kuranda, Wolf Pappenheim, Hoftat Dr. S. Rappaport, Oskar Schramek, David Schreiber, Löbl Taubes, Rev. Rud. Taussig, Dr. Egon Zweig. Zahlstelle: Allgemeine Depositenbank, Wien, I., Schottenring 1, Konto „Palästinaheimkehrer". (Indem wir uns diesem Appell wärmstens anschließen, wollen wir bei dieser Gelegenheit der aufopfernden Arbeit des orthodoxen Komiteemitgliedes Herrn Eduard Deutsch Erwähnung tun, der sich seit zwei Jahren zugunsten der Palästinaflüchtlinge eifrig betätigt und dem sie vieles zu verdanken haben. D. R.) Ein Wischer Lew. Vor einigen Tagen fand in Paris eine Feierlichkeit statt, welche eine interessante Begebenheit aus den ersten Kriegswochen in die Erinnerung der Teilnehmer rief. Der Verband der „Fremden Freiwilligen in französischen Diensten" war der Veranstalter und die Feierlichkeit bestand in einer Defilierung der Abteilungen dieser Freiwilligen mit ihren Fahnen. An dem Vorbeimarsch nahmen Belgier, Griechen, Juden, Armenier, Holländer und einige andere kleinere Kontingente teil. Im Armeemuseum wurde eine Denktafel enthüllt, welche die Tage des 21.'und 22. August verewigt, an welchem „freie Männer sich für Frankreich und das Recht zum Dienste meldeten". Der bekannte Führer der französischen Nationalisten Maurice Barres hat im „Echo de Paris" zwei Artikel veröffentlicht, in denen er insbesondere auf die Leistungen des jüdischen Kontingents hinweist. Es heißt dort: „In den ersten Tagen des Krieges fand im alten Pariser Ghetto eine Versammlung bei einem der Redakteure des „Peuple Juif" statt, in der besprochen wurde, die Juden aufzurufen, sich in den Dienst Frankreichs zu stellen. Der Aufruf hatte einen außerordentlichen Erfolg und es wurde ein Kontingent gebildet, aus dem eine Reihe ausgezeichneter Helden hervorgingen. Der eifrigste war ein Jude von 22 Jahren, Hörer der Ingenieurschule, klein, schwächlich, mit feurigen, fast fiebrigen Augen, eine starke und enthusiastische Seele. Er träumte davon, eine richtige jüdische Legion aufzustellen. Rothstein war Zionist. (Fortsetzung auf Seite 6.)