Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 44 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Jüdische Korrespondenz Seite 3 der frühesten Jugend seines Volkslebens den Kelch der Leiden bis auf die Hefe lehren, schon an seiner Wiege wurde es von deü Aegyptern gehaßt und unterdrückt. Kaum der Knechtschaft in Aegypten entronnen, bedrohten es neue Gefahren. Wer nennt die Namen alter Völker, die im Laufe der Zeiten das jüdische Volk vom Erdboden vertilgen wollten!? Ueberall verfolgt wie ein Tier, gehetzt und getrieben mußten die Söhne Israels stets neue Zufluchtstätten suchen. Wie Laban gegenüber Jaakow, so brachten die Feinde Israels alle möglichen Mittel und Quertreibereien zur Anwendung, um ihm das Leben zu verbittern. Aber das Lamm Israel, unter siebzig Wölfe geworfen, bekundete mit seinem Leidensgeschick eine größere Lebenskraft als diejenigen, die es ob seiner Machtlosigkeit höhnten. Mit Wunden bedeckt ließen es seine Feinde auf dem Wege der Entwicklung der Völker verschmachtend liegen und hielten seine politische Passivität für das Zeichen des Todes. Wir waren in Ghetto aufgebahrt als Zeugnis unseres Ablebens und der Berechtigung der Ansprüche auf unsere Hinterlassenschaft. Doch, welch eine weltgeschichtliche Täuschung! Das ^Judentum lebte noch! Zum Trotze seinen Feinden trug der Baum Israels stets neue Blüten! Eine ganze Welt hatte sich gegen Israel verschworen, um es aus seiner lichten Höhe hinabzuziehen, und es ist gleich der unentwegt himmelwärts strebenden Palme gleich geblieben. Wie einst sein Vater Jaakow im Hause des götzendienerischen Laban dem Geiste der Wahrheit treu geblieben ist, so ist auch das sich nach ihm nennende Volk Israel, Gottesstreiter, seinen Traditionen stets treu geblieben und alle Bemühungen seiner Feinde konnten ihm nichts anhaben. Der Ewige hat sein Wort stets ein gelöst, er hat sein Volk nie verlassen. Unsere Weisen belehren uns. daß jene Leiter, die Jaakow im Traume sah, ein Symbol der Weltgeschichte sei. „Engel Gottes stiegen auf und nieder an ihr." Man hat die Frage aufgeworfen, warum es nicht umgekehrt heißt: „Engel Gottes gehen nieder und steigen auf an ihr", da wir uns doch die Engel als im Himmel wohnend vorstellen? — Die Erklärung ist, daß das Wort „Malach", ebenso wie Engel auch „Bote" bedeutet. Die Boten Gottes, von denen hier die Rede ist, so lehren unsere Weisen — sind die großen weltbeherrschenden Nationen, die großen Kulturvölker, die nacheinander gleichsam den Gang der Weltgeschichte dargestellt haben. Ein jedes dieser Völker hatte eine Mission auf Erden zu erfiillen, und war deshalb ein Bote Gottes, gesandt, die Entwicklung des Menschengeschlechts zu fördern. Solange eine solche Nation ihre Aufgabe auf Erden zu erfüllen hatte, stieg sie gleichsam empor an der Leiter der Weltgeschichte, um dann, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, den Niedergang anzutreten und einer anderen aufsteigenden Nation Platz zu machen. So war es mit den Aegyptern, Phöniziern, Assyrern, Babyloniern, Persern, Griechen, Römern usw. usw. Jedes dieser Völker stieg zunächst an der Leiter der Weltgeschichte auf, mußte aber nachher, als es eine Mission erfüllte, wieder den Rückgang antreten. „Und siehe, Boten Gottes steigen auf und nieder an ihr." Das alles, die Geschicke, den Ausstieg und den Niedergang aller Völker, zeigte der allwissende Gott unserem Vater Jaakow im Traume. Wohl waren alle diese großen und mächtigen Nationen Boten Gottes, die zur Entwicklung der Menschheit beitragen mußten. Aber ihnen fehlte das eine: Die Erkenntnis des einzigen Lenkers des Weltalls. Die Botschaft Israels auf Erden hingegen ist: die Verkündung der ewigen Wahrheit. Deshalb gibt es für Israel keinen Niedergang. Diese große Aufgabe bedingt es, daß für Israel ein Niedergang unmöglich ist. Wenn es diese Aufgabe erfüllt haben wird, so ist es dadurch zum Segen geworden für die gesamte Menschheit. An seine Stelle kann kein anderes emporstrebendes Geschlecht treten, sondern alle Völker werden dereinst anerkennen, daß Israel der Menschheit die höchste Vollkommenheit gebracht hat. Dann wird ein Volk das andere nicht mehr befehden, dann werden die Nationen nicht immer größere Kriegsheere aufstellen, dann wird der wahre Völkerbund entstehen und dann wird sich der Segen des Ewigen bewähren: Und es werden alle Geschlechter der Erde gesegnet werden durch Jaakow und seine Nachkommen. _ Ben-Zwi. Der Aufschub der palästinensischen Delegrertenversammlung. Der palästinensische Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" berichtet: Bekanntlich hat die am 22. und 23. Oktober in Jaffa tagende 8. Versammlung des „Waad Hazmani" den Aufschub der Delegiertenversammlung beschlossen. Trotz der unerwarteten Einberufung dieser Versammlung — die Mitglieder wurden alle telegraphisch eingeladen — erschienen die Mitglieder fast vollzählig. Nach einer beinahe zweistündigen Rede von Weizmann, die bei geschlossenen Türen und unter Ausschluß der Presse stattfand, über die also nichts berichtet werden darf, begann man mit der Erörterung der auf der Tagesordnung stehenden Frage der Delegiertenkonferenz. Das Mitglied des provisorischen Exekutivkomitees, Gissin, formulierte diese Frage folgendermaßen: Das Frauenwahlrecht hat bei den Orthodoxen, zu denen auch die Misrachi- und Bauernpartei gehören, eine' starke Opposition hervorgerufen. Deshalb wendet sich die Versammlung an die beiden Führer der zionistischen Bewegung, Weizmann und Ussischkin, mit der Frage, wie sie sich jetzt zu verhalten habe. Ussischkin, von jeher durch seine in solch kritischen Momenten bewährte Entschlossenheit und Festigkeit bekannt, wodurch er sich bei den Zionisten den Namen „Patisch hechasak" (Eisenhammer) erworben hat, führte daraufhin folgendes aus: Betreffs dieser Frage sei es nach Beratungen mit Weizmann und anderen Mitgliedern der zionistischen Kommission bereits zu einer bestimmten Entschließung gekommen. Er wolle jedoch vor Mitteilung derselben noch eine Erklärung machen, die nicht für' die Anwesenden bestimmt sei, sondern in die weite Oeffentlichkeit ihren Weg finden möge. Das Frauenwahlrecht sei für die Zionisten überhaupt keine Frage mehr. Schon auf dem Basler Kongreß wurde beschlossen, den Frauen das Wahlrecht einzuräumen. Die Zionisten gedächten an den Kongreßbeschlüssen festzuhalten und seien nicht geneigt, auch nur um Haaresbreite von ihnen abzuweichen. Sie seien daher entschlossen, entweder die Wahlen mit Teilnahme der Frauen vorzunehmen oder überhaupt auf die Wahlen zu verzichten. Den palästinensischen Rabbis, die im Namen der Thora die Beteiligung der Frauen an den Wahlen verbieten, könne man antworten, daß auch aus den Kongressen große Rabbis (?) zugegen waren, die gegen das Frauenwahlrecht keinen Einspruch erhoben, und daß wir nicht in der Lage sind, zu beurteilen, welche von ihnen maßgebender seien. Der Grund jedoch, aus welchem er und Weizmann für die Verschiebung der Delegiertenkonferenz seien, sei der: wir wollen in Palästina kein Papierhaus, sondern ein festes starkes Haus bauen. Eine konstituierende Versammlung müsse sowohl gesetzgebende als auch moralische Macht besitzen. Einer solchen Versammlung jedoch wie die bevorstehende fehlen diese Eigenschaften und es sei daher besser, wenn diese ganz und gar unterbliebe. Zum Schluß forderte der Redner ausi vorerst abzuwarten. Er könne die Zeit der Einberufung nicht genau bestimmen; es können bis dahin vielleicht drei Monate, vielleicht auch mehr verstreichen, jedenfalls sei es eine Frage von Monaten und nicht von Jahren. Er hoffe, daß der Moment nahe sei, der die Einberufung der Konstituante ermögliche. Diese Rede Ussischkins rief stürmische Diskussionen hervor. Hauptsächlich wurde getadelt, daß ein derart schwerwiegender Beschluß gefaßt worden wäre, ohne daß der „Waad Hazmani", der doch die Lage an Ort und Stelle besser kenne, befragt worden wäre. Ussischkin erwiderte, daß er auch jetzt nach Anhörung aller Einwände seine Meinung nicht geändert habe. Weizmann ersuchte, man möge ihm die kurze bis zur Erreichung des Zieles zurückzulegende Strecke nicht noch erschweren. Er begegne ohnehin genug Widersachern und Hindernissen, die ihm von Elementen in den Weg gelegt werden, mit denen man auch hier zu kämpfen habe. Ohne daß irgendeine Abstimmung nötig gewesen wäre, wurde beschlossen, die Delegiertenkonferenz zu verschieben. Alle Anwesenden, sogar die Linke, wie die Vertreter der „Achduth Haawodah" hatten das Gefühl, diesem von oben kommenden Befehl sich fügen zu müssen. Es wurde ferner beschlossen, den