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Jüdische Korrespondenz · 1919-11-28 · 44 (28.11.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
44 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 44 und Dr.Herzl war ja doch schließlich etwas mehr als seine Epigonen. Warum fordert übrigens das Zionistenorgan, wir sollen die Versicherungen der Herren Weizmann und Sokolow so ernst nehmen, wenn der Standpunkt dieser Herren in der Frauenwahlrechtsfrage und ihr zeitweiliges Entgegenkommen der Orthodoxie gegenüber genügt, um zionistischerseits die Autorität dieser Führer anzuzweifeln und ihnen die Leviten zu lesen. Wenn Jabotynski und die Schreiber des Wiener Zionistenblattes an der Stellung der Führer manches aussetzen dürfen, warum soll es andern verwehrt bleiben, ein Haar in der Suppe zu finden? — Hier auf dem Wiener Boden hatte man hinlänglich Gelegenheit, den Wert derartiger Vertröstungen richtig einzuschätzen. Das Wort vom „Durchhalten", vom „Endsiege", ist hier furchtbar diskreditiert — und was sind denn all die Reden des Sokolow, Weizmann usw. als derartige Vertröstungen, was sind die Berichte über die Fortschritte der zionistischen Sache in Palästina anders, als die bekannten „Generalstabsberichte", die schließlich nicht einmal eine Katze hinter dem Ofen herauslocken konnten. Die Herren Zionisten berufen sich auf die großen religiösen Autoritäten, die im zionistischen Lager stehen. Aber sie vergessen hinzuzufügen, wie groß die Zahl derjenigen Rabbiner ist, die seinerzeit der zionistischen Organisation beigetreten, aber nachher wieder ausgetreten sind, da sie sich von dem antireligiösen Treiben der Führer und ihrer Helfershelfer angewidert fühlten. Freilich, dann hörten sie auf, als Autoritäten zu gelten — „und der König absolut, wenn er unsern Willen tut". — Wie länge ist es her, da die Zionisten damit triumphierten, daß Rabbiner Kuck für ihre Sache gewonnen sei. Heute, da dieser Rabbiner in religiösen Dingen seinen eigenen Weg gehen will, wird seine Autorität abgeleugnet und irgend ein junges Bürschlein wagt es, diesen vielgefeierten Gaon in seiner „Derascha" zu unterbrechen und ihm zu diktieren, in welcher Sprache er zu seinem Auditorium zu sprechen hätte. Die Sprachenfrage soll hier nicht weiter berührt werden. Rabbiner Kuck spricht ausgezeichnet hebräisch und pflegt sich bereits seit Jahren dieser Sprache in ferner Deraschath zu bedienen:-Er dürfte wohl mit Rücksicht auf die Zuhörer einmal jiddisch gesprochen haben. Wohin kämen wir, wenn die Rabbiner auf der Kanzel vor Anrempelungen nicht sicher wären. Soll es nur ein orthodoxer Jude wagen, einen Zionisten in seiner Meettngrede zu unterbrechen; dann Zeter und Mordio. Die orthodoxe Synagoge, die für die Erhaltung des Judentums mehr getan hat, als alle Zionistenkongresse — so ist es, meine Herren Zionisten! — bietet aber dem Rabbiner keinen Schutz mehr! Weit ist es auf dem heiligen Boden gekommen und da wundern sich die Leute noch, daß man ihren Versicherungen mißtraut und daß die glaubenstreue Judenheit Bedingungen stellt und Garantien verlangt. „Durch Nachgiebigkeit wird der orthodoxen Gefahr nur Vorschub geleistet!" — ruft das Zionistenblatt am Schlüsse seines Leitartikels — also Kulturkampf! Wenn die Herren ein Tänzchen wagen wollen, wir sind dabei. Wissen aber mögen sie: Die glaubenstreue Judenschast wird sich das heilige Land, den Gegenstand ihrer Sehnsucht, nicht verschandeln lassen, mögen die Zionisten noch so sehr auf ihre angeblichen Erfolge pochen und den Anspruch erheben, den Herrn spielen zu dürfen. Das Fallenlassen der Maske seitens des Wiener Zionistenblattes kommt aber höchst gelegen: Die Wiener Orthodoxie wird nun wissen, welche Antwort sie den Zionisten bei den bevorstehenden Kultusw-ahlen erteilen soll. Diesen Elementen darf die Wiener Kehillo nicht ausgeliefert werden. Jehudi-Chored. Der Traum Jaakows. (Bettachtung zu P. ^'1-) Der Traum Jaakows, den uns der dieswöchentliche Bibelabschnitt erzählt, war nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Nachkommen bis auf den heutigen Tag von großer Bedeutung. Das, was der Ewige damals dem einsam aus seinem Baterhause fliehenden Jaakow verheißen hat, galt auch der ganzen Natton, die er begründen sollte. Und diese Verheißungen haben sich stets bewährt. — Die Geschicke unseres Vaters Jaakow sind ein Bild der schmerzensreichen Geschichte Israels und so oft dieselben uns vorgelesen werden, erwecken sie in uns manch traurige Erinnerungen an jene, mit Blut geschriebenen Blätter unserer Geschichte, flößen aber zugleich ttostreiche Hoffnung in unsere schwergeprüften Herzen. Jaakow war ein Mann des Kampfes; fast unaufhörliche Kämpfe durchzogen sein ganzes Leben. Diese Kämpfe begannen schon im Mutterschoße. „Und es stritten die Kinder in ihrem Innern und sie sprach: Wenn dem so ist, wozu bin ich da? Und sie ging hin Rat zu holen bei den Verkündern des Gotteswortes. Und der Ewige eröffnete ihr durch den Mund seiner Jünger: Fürchte nicht! die Zukunft deines Hauses ist nicht bedroht! Zwillinge sind in deinem Schoße, von denen zwei Völker abstammen, welche die größten Gegensätze bilden werden — daher der Widerstreit in deinem Innern. Und der Jüngere wird berufen sein, die Herrschaft des Geistes zu führen, welche den Ruhm und das erhabene Ziel deines Hauses bilden!" Schon bei der Geburt traten in der äußeren Erscheinung die Gegensätze zu Tage und sie vergrößerten sich zusehends, als die Knaben heranwuchsen. Der Widerstreit zwischen Jaakow und Effau führte schließlich dazu, daß Jaakow vor dem feindlichen Bruder in die Fremde flüchten mußte. Da aber nahm sein Schicksal eine ernste Wendung an. Der erste Weg war zu der Stätte, auf der sich das größte Ereignis in der Geschichte seiner Familie vollzogen hat. Er wanderte nach dem Berge Moriah, wo Abraham den größten Gehorsam und Jizchak die größte Hingebung bewiesen hatten. Der Flüchtling, der einsam und verlassen auf freiem Felde, einen Stein unter seinem Haupte, ruhte, wird nun mehr in einer wunderbaren Erscheinung der göttlichen Obhut für sich und seine Nachkommen, an jedwedem Orte und für alle Zeiten versichert. Nachdem er durch diese himmlische Erscheinung gekräftigt worden war, schritt er getrost den neuen Kämpfen entgegen, die seiner im Hause seines künftigen Schwiegervaters Laban harrten. Jaakow fiel eine schwierigere geistige Aufgabe zu als Abraham und Jizchak. Während Abraham mit seiner Gattin die heidnische, götzendienerische Umgebung verließ, während Jizchak seine Rebeka der götzendienerischen Umgebung schon in frühester Jugend entzog, mußte Jaakow seine Frau und seine Kinder inmitten der heidnischen Verwandten zum Dienste des einzigen Gottes erziehen. Er stand in einem Dienstverhältnis zu seinem götzendienerischen Oheim und Schwiegervater, seine Frauen waren im Götzendienste erzogen; wie schwer mußte es ihm da gewesen sein, sich und die seinen von den schädlichen Einflüssen Labans, seiner Söhne und seiner ganzen Umgebung frei zu machen. Aber es gelang. Als dann Laban dem ins Vaterhaus zurückkehrenden Jaakow nachjagte, ttat ihm der Ewige in den Weg und warnte ihn, Jaakow beileibe nichts Schlimmes zuzufügen. Da Jaakow der Tradition seiner Väter tteu geblieben ist, hat auch der Ewige sein Wort eingelöst. Er hat Jaakow nie verlassen, beschützte und behütete ihn überall wohin er ging und führte ihn in das Land seiner Väter zurück. * Die Geschicke unseres Erzvaters Jaakow sind ein Bild der schmerzensreichen Geschichte Israels. Gleich wie Jaakow war auch der jüdische Stamm der Träger des Gottesglaubens, der Vorkämpfer für die göttliche Wahrheit. Finsternis bedeckte die Erde, Dunkelheit die Völkerwelt, Geistesnacht hatte über die weiten Gefilde der Menschheit sich ausgebreitet — Israel aber war dazu berufen, den anderen Völkern voranzuschreiten und durch die Finsternis zum Lichte hindurchzudringen, die Pfade aufzusuchen, die zur Tugend führen und auf den Bahnen dahinzuziehen, auf denen die Ziele der geistigen Vollendung erreicht werden. Israel war der Lehrer seiner Zeit, so daß ein hervorragender Denker mit Recht sagen konnte: „Wenn der Athener der Künstler, der Römer der Politiker, der Phönizier der Handelsmann, der Assyrier der Astronom, der Aegypter der Astrolog und der Perser der Soldat war, so war der Jude der Priester des Altertums!" — Dieses Volk mußte schon in

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