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Jüdische Korrespondenz · 1919-11-28 · 44 (28.11.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
44 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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B e z u g spr eis: Ganzjährig K 24, halbjährig K12, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 44. Wien, 6. Kislew 5680, 28. November 19f9. ’ V. Jahrgang. Die orthodoxe „Gefahr". Im Lager der Wiener Zionisten scheint man endlich die .Ueberzeugung erlangt zu haben, daß das Liebeswerben um die Orthodoxie, der Tanz um die Seelen der glaubenstreuen Juden, die Seelenfängerei gelegentlich der diversen Wahlen, vergeblich sei. Die bewußtsinnige, aufftrebende Orthodoxie erweist sich allen Schlagworten, Verheißungen und gleisnerisch-heuchlerischen Versicherungen unzugänglich und will sich von der Bahn, die sie im Sinne der Tradition der Väter als richtig erkannt hat, nicht abdrängen lassen. Sie war weder für den sogenannten „jüdischen Kongreß", der in Wirklichkeit eine zionistische Parteimache sein sollte, zu haben, noch hat sie sich dazu verleiten lassen, bei den Wahlen'für den „Nationalrat" den Nationalisten als Staffage zu dienen, noch will sie gelegentlich der Kultuswahlen den offiziellen und nichtosfiziellen. Emmiffären der Zirkusgasse Gehör schenken. — Da nun jede Hoffnung geschwunden ist, die Orthodoxie einzufangen, läßt man die Maske fallen und das Wiener zionistische Wochenblatt spricht offen von der orthodoxen „Gefahr". „Pelischtim ,ölecho Jisroel!" Offen gestanden, diese Offenheit ist uns viel, liebet als die die Pharisäer — aber fürchte die H'eüMer!" Daran hat sich die Orthodoxie stets gehalten. Sie wußte^ wessen sie sich, seitens der Neologen zu versehen hat, sie wußte es, wie sie die Angriffe des Reformjudentums abzuwehren hat; den Nationalisten gegenüber war die Sache etwas schwieriger. Diese eiferten in dem Versprechen, nur das Wohl des Judentums anzustreben, sie überboten sich an Versicherungen, das religiöse Moment im Judentum nicht im geringsten antasten zu wollen. Leider ist es dank dieser Heuchelei gelungen, im Lager der glaubenstreuen Juden gar manchen Fang zu machen. Nicht alle waren sich darüber klar, was unsere Nationalisten unter dem „neüen Judentum", das sie verheißen, verstehen. Nicht alle wußten es; daß da das „Chodosch ossur min hathora“ ganz und gar am Platze ist. Nun, da die Maske gefallen ist, da die Herren darangehen, der jüdischen Oeffentlichkeit reinen Wein einzuschenken, wird es leichter fallen, das schädliche ihres Treibens an den Tag zu bringen. Wir begrüßen daher dieses Ablegen der Maske und wollen dem Gegner, der offenen Kampf ansagt, entsprechend entgegentreten. Offenheit gegen Offenheit! Wir haben die Gefahr, die der moderne Nationalismus in sich birgt, nie verkannt und nie verleugnet. Kein Opportunismus der Welt konnte die organisierte Orthodoxie dazu veranlassen, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Die Versicherung, daß der Zionismus nichts gegen die Religion im Schilde führt, ist nie ernst genommen worden, wie sie nie ernst, gemeint war. Aber wenn das Zionistenorgan sich so sehr bitter über die „organisierte Orthodoxie" beklagt und derselben die Nichtorganisierten orthodoxen Massen entgegenhält, die hie und da ins nationalistische Netz eingefangen wurden; so ist dieser Umstand bezeichnend für den Parteiegoismus, der wohl in der Organisation das eigene Heil erblickt, aber dieselbe keiner änderen Gruppe gönnen möchte. Freilich, mit der Nichtorganisierten Orthodoxie haben die Herren Zionisten ein leichtes Spiel, ebenso wie die Neologen und die Unterwürfigkeit der Nichtorganisierten orthodoxen Kreise in Frankfurt, Berlin und anderwärts unter das Diktat der Fortschrittler, ist ein Schulbeispiel dafür, wohin der Mangel an einer Organisation führt. Die organisierte Orthodoxie wird aber dieses Beispiel nicht nachahmen, mögen ihr die Herren Zionisten noch so zürnen. Daß das Auftreten der organisierten Orthodoxie der Sache des jüdischen Volkes Schaden gebracht hat, dafür müßten unsere Nationalisten den Beweis schuldig bleiben, es sei denn, daß sie in übelangebrachter Ueberhebung sich selbst und ihre oft vagen und gewagten Bestrebungen als die Sache des jüdischen Volkes bewerten. Dem ist aber bei weitem nicht so. Die organisierte Orthodoxie hat nach diefev Richtung gar keinen Grund, das „lechu no weniwoch’cho“ zu scheuen. Nur müßte man hiebei mit ehrlichen Wafftn kämpfen, nicht mit falschen Schlagworten, mit Verdrehung und Entstellung der Tatsachen. Denn nichts anderes als eine Verdrehung und^ Entstellung der Tatsachen, eine krasse Fälschung der Geschichte ist es, wenn das Zionistenorgan der Orthodoxie vorwirft, nichts für die Sache Palästinas getan zu haben und daraus den Schluß ableitet, daß die Orthodoxie in und über Palästina nichts dreirrreden darf. Im Laufe der 27 Jahre, seitdem der moderne TaGtam. urMet^chat v^jeder derartigen Arbeit lossagtsn und ihre Sammlungen bloß auf einen Punkt /konzentrierten, dabei einen gewaltigen Apparat entfaltend, der einen großen Teil der Einnahmen verschlang. Wenn die Herren Zionisten die Züricher Konferenz der „Ägudas Jisroel" gegen die Orthodoxie ausspielen wollen, so ist dieses wieder eine Entstellung der -Tatsachen. Das Interesse der Orthodoxie für das heilige Land war zu jeder Zeit überaus rege und die Erhaltung des alten Jischub ist jedenfalls eine Tat, die. sich sehen lassen kann. Freilich, eben dieser Jischub ist den Herren ein Dorn im Auge; sie können ■ es nicht verschmerzen, daß dank diesem Jischub die Orthodoxie in Palästina über die Majorität verfügt und in ihrer Wut verfingen sie sich sogar soweit, das oberste Prinzip der Demokratie zu ver-- leugnen und zu behaupten, daß „der Zionismus weder in seiner Ideologie, noch in seiner Praxis jemals von der Zählung, der Massen, sondern immer nur von ihrer Bewertung ausgegangen ist". Für dieses Bekenntnis einer schönen Seele sind wir sehr dankbar; es ist geeignet, auch den Naiven und Verblendeten die Augen zu öffnen, die sich einreden ließen, wenn die Orthodoxie einmal mit fliegenden Fahnqn und Wagendem Spiel ins Lager des Zionismus übergehen werde, würde sie dann als die Majorität über die Entwicklung der Dinge zu entscheiden haben. Nein! — ruft ihnen das Wiener Zionistenblatt zu — nicht die Massen haben zu entscheiden, sondern diejenigen, die sich ob ihrer Aktivität die Möglichkeit verschafft haben, die Zügel in Händen zu behalten. Eine schöne Perspektive fürwahr! Die Diktatur der Minderheit als oberster Grundsatz! Der Bolschewismus in-seiner widerwärtigsten Gestalt! Die Herren Misrachisten können sich gratulieren; sie können schon jetzt einen Vorgeschmack davon haben, welche Rolle ihnen in Palästina bestimmt ist. ' Das Wiener Zionistenorgan hält sich darüber auf, daß unser Blatt für die zionistischen Großsprechereien nichts als Ironie hat. Unsere Schuld tft es nicht, daß uns die Begeisterung fehlt. .Seit dem Charter-Rummel sind wir gewitzigt UV* vie P. X. Abonnenten werden bSflicblt gebeten, das Abonnement umgebend zu iberweilen.

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