Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 43 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 43 darin blicken ließ, so sprach sie: ,Es gibt Menschen, die niemals Fleisch Mischen die Zähne kriegen, weil ihnen entweder die Zähne oder das Fleisch fehlen. Wer beides hat, muß Gott danken und sich die Zähne stochern/ Es war an einem Freitag, und Frummit hatte ein Feuer angemacht, daß eine dunkle Rauchwolke aus ihrem Schlote, wie von dem Opferaltar Abels, gerade gen Himmel stieg. Ihre Haustür war offen, und sie hatte sich dahinter verborgen, um die Nachbarinnen zu beobachten und zu erlauschen, was 'sie wohl sagen würden. Diese sprachen untereinander: .Unsere Ravbizin macht heute einen großen Schabbes/ .Wie sie mir gesagt, hat sie nur zwei Hühnchen und eine Torte, dazu braucht sie. ein solches Feuer nicht/ ,Die Hühnchen und die Torte sind auch nur Gerüchte, die ihr zum Munde herausgehen, wovon aber auch kein Bissen ihr zum Munde hineingeht. Und mit dem Feuer, da' macht sie uns nur einen blauen Dunst vor/ ,Jch habe sie nichts auf dem Markte kaufen sehen/ ,Zch habe sie nichts vor der Türe kaufen sehen' .Wovon soll sie auch etwas kaufen, um Schabbes zu machen? Ihr Vater ist arm gestorben, und ihr Mann hat nichts als seine Frömmigkeit/ Frummit, die jedes Wort gehört hatte, eilte weinend vor Verdruß zu ihrem Manne, welcher in Erwartung des Sabbats sich aller Gedanken entschlagen und ausgestreckt im bequemen Lehnsessel, sich dem süßen Schlummer überlasten hatte. Dreimal mußte sie ihn rütteln, ehe er erwachte und fragte: ,Weib! warum rüttelst du mich?' .Wir können nicht länger unsere Armut verbergen, alle Kunstgriffe, deren ich mich bis heute bediente, sind entdeckt/ ^Liebes Weib! wir müssen unsere Not ertragen, so lange Gott es will/ ,Gott ist dir gnädig und erhört alle deine Gebete, warum betest du nicht, daß er deine Lage verbessern möge?' ,Das hieße um meinen Tod bitten. Gott hat mir alle Freuden des Paradieses zugedacht, nachdem ich hier vollendet habe/ ,So bete zu ihm, daß er dir von den Freuden des Paradieses, welche er dir zugedacht, hienieden einen kleinen Vorschuß gebe. Nach deinem Tode kann er sich bezahlt machen, und du wirst der Freuden so viele haben, daß du den Abzug gar nicht merkst/ .Liebes Weib! Das eben träumte mir in eben dem Augenblick, wo du mich wecktest, indem du mich dreimal rütteltest. Höre zu! — Mir träumte, der Sabbat habe begonnen, und wir hatten nur Salz und Brot und ein Tröpfchen Wein zum Segen. Das war wenig, um Schabbes davon zu machen, und du fühltest dich sehr unglücklich. Deshalb sagte ich, ich wolle zu Gott beten, nicht um meinetwillen, sondern um deinetwillen, weil du dich unglücklich fühlst, daß er mir von den großen Paradiesesfreuden, die droben auf mich warten, hienieden eine Kleinigkeit vorschießen möge,, die er nachmals, wenn ich derselben teilhaftig sein werde, mir wieder abziehen möge. Darauf fing ich an zu beten, und als ich mein Gebet vollendet, streckte ich mich in behaglicher Sabbatruh wieder auf meinen Sessel aus und schlief ein. Da rütteltest du mich zum ersten Male, und ich fragte: „Weib! was rüttelst du mich?" — „Horch, diesen Lärm!" sagtest du. — Es rollte etwas im Schlot; es kollerte durch die Röhren; es fiel endlich zur Ofentüre heraus und glich einer großen feurigen Kohle. Als wir es aber näher besahen, war es ein goldener Tischfuß, so schwer, daß wir beide ihn nicht heben konnten. „Gott sei Dank," sagte rch, „jetzt bist du glücklich, und ich habe Frieden," und von neuem, so träumte mir, streckte ich in behaglicher Sabbatruh mich auf den Sessel aus und schlief wieder ein und' träumte wieder, das heißt, mein Traumschlaf versetzte mich in einen zweiten Traum, und dieser Traum im Traume zeigte mir das Paradies, und ich saß darin mit allen Frommen und Rabbinen, jeder hatte seine Rabbizin bei -sich und Speiste mit ihr an einem goldenen Tische. Aber die Frommen flüsterten untereinander, und ihre Weiber betrachteten uns mit spöttischen Blicken, denn siehe, unser Tisch hatte nur drei Beine, das vierte fehlte; es war das goldene Tischbein, welches Gott uns im ersten Traume vorgeschossen und was er uns jetzt wieder abgezogen hatte, um sich bezahlt zu machen. Ich hatte ein gutes Gewissen und sprach zu dir: „Liebes Weib! dies ist nicht meine, sondern deine Schuld, denn um deinetwillen habe ich gebetet, weil du dich unglücklich fühltest." — Du aber fühltest dich letzt weit unglücklicher und sprachst: „Da du dein Leben lang studiert hast, hättest du wissen und mir sagen können, daß das Spott- und Hohngelächter der Rabbinerfrauen, die meinesgleichen sind, mir empfindlicher und kränkender sein muß als der Spott meiner Nachbarinnen, die nicht meinesgleichen sind." — „Oh," rief ich aus, „das ist noch nicht alles. Auf Erden entgeht man nicht so leicht dem Spotte und dem Gelächter; aber dort rst alles eitel und flüchtig und wird auch bald wieder vergessen. Aber im Paradiese hier ist alles ewig. Weh dem, der hier sich lächerlich macht." — „Und das sagtest du mir nicht auf Erden?" riefst du wie in Verzweiflung und faßtest mich an und rütteltest mich zum zweiten Male, so daß ich aus meinem zweiten Traum wieder in meinen ersten erwachte und fragte: „Weib! was rüttelst du mich?" — Du sagtest: „Es ist Zeit, zu Bette zu gehen." „Gut!" versetzte ich. „Warte einen Augenblick." Hierauf fing ich wieder an zu beten, daß. der hochgelobte Gott mir hienieden doch die Gnade wieder entziehen möge, die er mir voraus erteilt, damit ich sie da genieße, wo sie mir bestimmt sei. Und siehe! der Allgütige erhörte auch mein zweites, dem ersten ganz entgegengesetztes Gebet, und der goldene Tischfuß verschwand. Du aber riefst trostlos: „Was hast du getan, o Mann?" Ich sagte: „Es ist besser, du fühlst dich hienieden unglücklich unter den Nachbarinnen, die nicht deinesgleichen sind, als daß du droben dich ärgerst über deinesgleichen, die Frauen und Töchter der Rabbinen. Auf Erden entgeht man nicht leicht dem Spotte und dem Gelächter, doch auf Erden ist alles flüchtig und eitel und wird bald vergessen. Im Paradiese ist aber alles ewig, und weh dem, der dort sich lächerlich macht." Du aber warst sehr zornig und rütteltest mich wieder, daß ich von neuem erwachte, und zwar aus jenem Traum in die Wirklichkeit. Ich fragte: „Weib, was rüttelst du mich?" Da klagtest du mir, unsere Not sei groß, daß wir sie nicht länger geheimhalten können! — Was ich dir darauf zu erwidern habe, kannst du dir jetzt denken: Besser, du fühlst dich hienieden unglücklich unter den Nachbarn und Nachbarinnen, welche nicht meines- und deinesgleichen sind, als droben im Himmel unter meines und deinesgleichen. — Nicht leicht entgeht man oem Gespülte und dem bösen Leumund auf Erden, doch auf Erden ist alles eitel und flüchtig und wird leicht vergessen. Doch weh dem, der im Paradiese Gespötts und böse Nachrede sich zuzieht, dort ist alles ewig, und nichts kann vergessen werden/ Frummit beherzigte diese Lehre, und wenn der Sabbat kam, tat sie nicht mehr geschäftig, prahlte nicht mehr von Leckerbissen und ausgesuchten Speisen, sondern wenn die Nachbarn sie fragten, womit sie sich eine Güte getan, antwortete sie bescheiden: ,Wir sind leider arm und haben kaum Salz und Brot und nur ein Tröpfchen Wein zum Segnen/ Gott hat däS Herz des Menschen mitleidig geschaffen, und als man in der Stadt vernahm, der fromme Chanina Ben Dotha habe nichts, wovon er Schabbes mache, gab ihm jeder von seinem Ueberflusse ab. Er erhielt Speisen in Hülle und Fülle, und einer wetteiferte mit dem anderen, ihm das Schönste und Beste zu senden, und rühmte sich dessen." _ Ausgrabungen rn Palästina. Die „Times" erhielt von Herrn Charles Clermont-Ganneau, dem bekannten französischen Orientalisten und Mitglied des Instituts, den nachstehenden Bericht über die Auffindung einer hebräischen Mosaik in Palästina, die in Ain Duk bei Jericho durch ein zufälliges türkisches Geschoß während des Feldzuges ans Tageslicht gebracht wurde. Die Mosaik selbst und die darauf befindliche Inschrift wurde von einem englischen Offizier photographiert, und die Photographie wurde der französischen Akademie des inscriptions et Belles-Lettres zugesandt, welche dieselbe ihrem bewährten Mitglieds, Herrn Clermont-Ganneau, zur Uebersetzung übergab. Dieser gab folgenden Bericht: Wir verdanken dem Kriege die Entdeckung verschiedener alter interessanter Denkmäler in einigen Teilen des östlichen Kriegsschauplatzes. In Palästina zum Beispiel war es. die schöne byzantinische Mosaik, welche durch die Einnahme eines türkischen Schützengrabens in Shellai, südlich von Gaza, zutage gefördert und, sorgfältig in einzelne Teile zerlegt, nach Australien gebracht worden ist. Eine ebenso glückliche Entdeckung brachte uns der Krieg nicht viel später unter ähnlichen Umständen in einem Ort weit entfernt von dem erstgenannten, nämlich in Ain Duk. das einige Meilen, nordwestlich von Jericho liegt. Eine türkische Granate, welche auf die englischen Schützengräben in dortiger Gegend abgefeuert wurde, fiel zufällig herab und explodierte gerade auf der Stelle, wo ein Schatz verborgen lag, und wieder einmal wurde ein Mosaik teilweise bloßgelegt, ein Mosaik von ganz besonderem Interesse. Die Arbeit, welche durch diese zufällige Granate begonnen war, wurde hastig vollendet, und die Ueberreste eines großen Mosaikfußbodens wurden bloßgelegt, die eine Inschrift in wenig leserlichen Buchstaben zeigten. Major A. M. Furber^ welcher gerade dort anwesend war, machte eine photographische Ausnahme davon und sandte diese bei seiner Rückkehr nach England, nach Paris, an unsere Akademie, mit der Bitte, um Aufklärung über die Bedeutung dieser Inschrift. Die Aufgabe, die Inschrift zu prüfen, fiel mir zu, und beim ersten Blick erkannte ich sie als einen Text in hebräischen Buchstaben in viereckiger Kursivschrift, in jüdisch-axamäischer oder aramäisch-jüdischer Sprache, die viel Gemeinsames mit den Inschriften,' gleichfalls in Mosaik, der galiläischen Synagogen in Keir, Kenna (dem biblischen Cana) und Sefuriye (Sephoris) hat, die ich bereits früher aufdeckte. Die Inschrift hatte teilweise sehr gelitten, und verschiedene optische Verzerrungen, die durch die Umstände, unter denen die Photographie zustande gekommen ist, hervorgerufen waren, vermehrten noch die Schwierigkeiten, Buchstaben zu entziffern, die durch die Perspektive entstellt waren. Es soll hinzugefügt werden, daß rechts und links vom Text Spuren von sehr verwischten Zeichnungen sind, welche zurzeit wie die Umrisse eines seltsamen Tieres, einem Löwen nicht unähnlich, erscheinen, und gegenüber befindet sich das Fragment eines menschlichen Armes. Aber ehe dies endgültig gesagt werden kann, ist eine erneute Nachforschung am Platze selbst erforderlich. Das Ergebnis meiner Entzifferung auf Grund dieses ersten photographischen Beweismittels ist wie folgt: „Geehrt werde das Andenken Binyamins (Benjamins), des Parnas (Gemeindeverwalter), des Sohnes Iosehs (Joseph). Geehrt werde (auch) das Andenken aller derjenigen, welche Hilfe leisten, und eines jeden, der diesem Heiligen Ort Gold, Silber oder irgend etwas Wertvolles gegeben hat oder geben wird. Seid nicht träge, diesem Heiligen Ort zu spenden. Amen!"