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Jüdische Korrespondenz · 1919-11-21 · 43 (21.11.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
43 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Stimme zu Gehör zu bringen. Und wir sind deß sicher, daß der Mut der selbständigen Handlung, wie sie unserem Geiste entspricht, uns viel mehr Ehre einbringen wird, als alle Nachahmungen und Nachäffungen äußerer Einrichtungen, die ja nur ein Zeichen innerer Schwäche sind. Was aber den dritten Gesichtspunkt betrifft, so ist das Ideal der jüdischen Frau eng verknüpft mit dem Ideal höchster Reinheit der Familie und des Volkes, ein Ideal, das im heutigen Kulturleben, bei all seinem äußeren Glanz, nicht erreicht werden kann. Dieses jüdische Ideal soll die Welt erobern und beherrschen. Jeder übereilte Schritt, der in entgegengesetzter Richtung unternommen wird, ist ein Rückschritt und ein Abweichen von dem Ziele, das wir zu erreichen haben. Nur die Rückkehr Israels in sein Land und sein Reich, zu seinem heiligen Geiste, zum Geiste seiner Propheten und seines Heiligtumes, nur diese mutige Rückkehr kann ihm und der Welt das höhere Licht bringen, nachdem heute alle tieferen Seelen sich so heiß sehnen. All dieses kann nur erreicht werden, wenn wir uns unseren alten wahren Charakter erhalten, getreu den Gesetzen der Thora, die uns zu einem höheren Leben hinaufführt, zu einem Leben der wahren Freiheit und der Erlösung. Dies meine innerste Ueberzeuguug, die ich Euch, geliebte Brüder, in aller Herzlichkeit und im Harren auf baldige göttliche Hilfe übermittele. Oie Juden in der Ukraine. Der frühere jüdische Minister der Ukraine, Herr Abraham Rewutzki, gab neuerdings aus eigener Kenntnis der Lage eine außerordentlich interessante Erklärung der Faktoren, die die gegenwärüge Lage der Juden in der Ukraine bestimmen, eine Erklärung, die sich aber in gar mancher Beziehung auch auf die Lage der Juden in den Ländern Mitteleuropas wohl anwenden läßt: In Zentralrußland, Polen und Finnland ist eine feste Macht, ob rot oder schwarz, proletarisch oder bürgerlich, jedenfalls aber doch eine gewisse einheitliche Ordnung vorhanden. In der Ukraine dagegen sind gleichzeitig einige Regierungen da. Im Norden Rakowski (Bolschewisten), im Westen Petljura (Ukrainer), im Südosten Denikin (russische Freiwillige). Zwischen diesen Machthabern find aber keine festen Grenzen vorhanden. Der Kampf wird mit der größten Erbitterung geführt und e§ gibt keine Stadt, die nicht im Laufe der letzten Zeit einige Male ihre Beherrscher gewechselt hat. Keiner von diesen Herrschern hat Zeit gehabt, eine feste Ordnung einzuführen. Dazu kommen noch die zahlreichen Bauernaufstände. In den von Denikin besetzten Gouvernements kommen solche Aufstände wegen der Gewaltakte der zurückkehrenden Gutsbesitzer vor; in den Ortschaften, die sich in der Macht der Bolschewiki befinden, entstehen die Aufftände infolge der unaufhörlichen . Brotrequisitionen und der Versuche, in den Dörfern eine Ordnung einzuführen, die den Bauern nicht in den Kopf will. Das aufgestandene Dorf wirft sich vor allem auf die Stadt, in der es den Quell allen Elends sieht. Kommt dabei ein Aufstand gegen die Bolschewiki vor, so läßt er sich leicht gegen die Juden richten. Außer der politischen Anarchie aber übt das ökonomische Chaos eine Rückwirkung auf die jüdische Lage aus. Die Valuta — die russische und besonders die ukrainische — ist sehr gefallen. Das Metallgeld, auch das Kleingeld, wird zurückgehalten. Die Zwangskurse rufen die größte Verwirrung hervor. Die Bolschewiki zum Beispiel befehlen, das Kerenskigeld nach dem gleichen Kurse wie das zarische anzunehmen. Die Ukrainer ihrerseits zwingen, die ukrainischen Karbowanzen zu gleichem Kurse wie die Rubel anzunehmen. In Wirklichkeit entstehen aber sehr schwankende Kurse. Das gleiche geschieht mit dem Kerenski- und Zarengeld, Kerenskigeld und österreichischen Kronen. Dann heißt es, die Juden spekulieren mit dem Geld. Ueberhaupt kommen Sachen vor, die dem einfachen Manne unbegreiflich sind. Will der Bauer einen Acker kaufen, bekommt er ihn für kein Geld. Will er einen Arschin Leinwand haben, so verlangt man von ihm 300 Rubel, statt der früheren 3 Rubel. Die ungebildete Masse sieht die ungeheure Erscheinung kann aber ihre Ursachen nicht verstehen. Selbst die Intelligenz sieht ja die Quelle aller Mißstände lediglich in der Spekulation. Und wer spekuliert? Natürlich Juden, heißt es dann. Im Herzen des einfachen Menschen sammelt sich daher ein ungeheurer Haß gegen alle an, die an dem jetzigen Chaos schuldig sind^ Ist das ein Arbeiter mit einem gewissen Grad von Bewußtsein, so wird er ein Bolschewist. Ist das ein Bauer mit einem Primitiven Gehirn, so geht er in die Stadt und schlügt die Juden. Viktor Adler war es wohl, der einmal sagte, daß der Wiener Anttsemitismus der Sozialismus der dummen Wiener Jugend ist. Ebenso könnte man sagen, daß der heutige Judenhaß in der Ukraine nur eine Art Bolschewismus der rückständigen ukrainischen Bauern darstellt. Wohlverstanden, die bewußten Bolschewiki sind weder direkt noch indirekt an den Pogromen schuldig. Jede Massenbewegung aber übt indirekt eine Rückwirkung auf solche Massen aus, die sich nicht orientieren können, und es ist nur natürlich, daß der Bolschewismus als Apologie der Gewalt in dieser Weise auf die Psychologie des analphabetischen, dem Bolschewismus oft feindlichen, Plebs abfärbt. Was die Beziehungen der ukrailtischen Regierung zu den Pogromen anbetrifft, so kann man sie nicht für eine der Pogromursachen halten. Indirekt aber werden die Pogrome durch den bewaffneten Kampf gegen die Bolschewiki stark unterstützt. Eine sozialistische Regierung, welche einen militärischen Kampf gegen die Bolschewiki führt, fällt leicht in die größte Abhängigkeit von reattionären Elementen und der Armee. Eine Reaktion in Osteuropa geht aber mit Judenhaß Hand in Hand. Ein bewaffneter Kampf gegen die Bolschewiki ist psychologisch mit Judenpogromen verbunden. Bei den Aussichten, die sich jetzt in Osteuropa eröffnen, ist das eine sehr traurige Wahrheit. Judenhaß, Verwilderung, Anarchie, ökonomisches Chaos, Valutasturz, Kampf gegen Bolschewismus, Reaktion — das ist ein Komplex von Ursachen, die die Judenpogrome Hervorrufen. Aus dieser Analyse geht klar hervor, daß mit dem baldigen Ende der Pogrome und Schlächtereien zu rechnen eine unberechtigte Illusion wäre. _ (K. f. d. O.) Der vierte Antrsernttenbummel. Die Korrespondenz Wilhelm meldet: Am Sonntag, den 16. November, haben die Deutschnationalen ihren vierten Sonntagsbummel auf dem Franz Josefs-Kai veranstaltet. Das Wetter war der Unternehmung nicht günstig. Ein schneidender Wind und später Schneetreiben machten den Äufenthalt auf der zugigen und dem Wind ausgesetzten Promenade höchst ungemütlich. Die Deutschnationalen kamen diesmal ftüher als sonst, schon vor halb 11 Uhr, und waren etwa zweihundert Mann stark. Unter ihnen waren zumeist junge Leute und nur vereinzelt ältere Herren. Auch einige Frauen und Mädchen sowie Studenten in Farben sah man unter ihnen. Sie promenierten in der vollen Breite des Asphalttrottoirs in Reihen zu etwa zwanzig Mann. Diesmal hatten die Jüdischnationalen anfangs Ausstellung auf der gleichen Seite bei der Marienbrücke genommen und blieben dort stehen. So oft die Deutschen vorbeikamen, wurden hinüber und herüber Schimpfworts gewechselt und es sah bisweilen so aus, als ob es zu Zusammenstößen kommen sollte. Später zogen sich die Jüdischnatwnalen, die annähernd in der gleichen Stärke zur Stelle waren, auf die Stadtseite zurück. Zur Vermeidung der befürchteten Zusammenstöße waren heute von der Behörde ausreichende Vorkehrungen getroffen. Bei der Stefanie- und Marienbrücke standen Kordons zum Schutze der Brücke. Patrouillen von Sicherheits- und Stadtschutzwache gingen sowohl mitten unter den beiden Zügen, als auch auf der Fahrbahn. Dann ritten auch, die beiden Parteien trennend, die Wachen zu Pferde hin und her. Ueberdies stand Volkswehr bei den Brückenköpfen, und Patrouillen der.Volkwehr gingen in gleicher Höhe mit den Demonstrationszügen. Die Deutschen sangen nationale Lieder, so die „Wacht am Rhein", das „Wenn alle untreu werden" und „Deutschland, Deutschland über Alles" (Melodie der Volkshymne). Um etwa halb l2 Uhr wurde den Kundgebungen auf dem Kai von dem Aufgebot an Sicherheits-, Stadtschutzwache und Volkswehr ein Ende bereitet. Die Jüdischnationalen wurden gegen die Rotentuimrstraße abgedrängt. Die Deutsch nationalen begegneten bei der Marienbrücke einem Kordon von Wache, der sie stromaufwärts drängte. Sie wurden gegen die Augustengasse abgedrängt und dort auf dem Rudolfsplatz in kleine Gruppe auseinandergetrieben. Das vollzog sich unter einigem Lärm, aber ohne besonderen Zwischenfall. In den verschiedenen Gaffen des Kaiviertels kam es. wenn Gruppen aufeinanderstießen, zu Anrempelungen, so in der Wipplingerstraße und auf dem Börseplatz, der auch von Reitern geräumt wurde. Gegen 12 Uhr war der Korso zu Ende. Auch diesmal wurde eine Anzahl Arretierungen vorgenommen. _

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