Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 43 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 43 mitleidig darüber. Nur eine Bemerkung mag hier gestattet sein: Wenn diese Wortführer der „Misrachisten" im zionistischen Lager auch nur einen Teil jener Energie und jener Wortsülle aufbringen, möchten, wenn es gilt, die religiösen Interessen zu verteidigen — was sie angeblich zu tun erklären — so stünde es heute mit der Haltung der Nationalisten der religiösen Frage gegenüber ganz anders. Tatsächlich aber verhalten sich die Misrachisten innerhalb des Zionismus ziemlich kleinlaut — sie werden ja dort kaum geduldet! Die Nationalisten kennen die Verhältnisse innerhalb der Orthodoxie zu gut, um nicht zu wissen, daß die Misrachisten kaum einen verschwindenden Teil der Orthodoxie vertreten, daß sie, wenn sie sich als Wortführer des glaubenstreuen Judentums ausgeben, eine Ware verkaufen wollen, die sie nicht besitzen. Herr W., der sich so sehr über die kausinännische Ethik gewisser Kreise ereifert und in der Hitze des Gefechtes sich zu der Behauptung versteigt, es gebe eigentlich keine OÄhodoxen mehr — weil er in höchst eigener Person mit einigen Holzhändlern im Osten keine guten Erfahrungen gemacht habe, wobei es noch ungewiß ist, welche Erfahrungen diese mit ihren Geschäftsfreunden aus dem Westen gemacht haben — möge es sich gesagt sein lassen, daß es auch eine politische Ethik gibt, die es verbietet, in einem Flugblatt sich als Wortführer einer Gruppe auszugeben, die gar nicht existiert. Der Verlauf der Generalversammlung der Schiffschul zeigte hinlänglich, wieviel Misrachisten es innerhalb dieses Kreises gibt. Wer es mit dem anderen so genau nimmt, sollte in seinem eigenen Auftreten etwas vorsichtiger sein! Jur Sache selbst mag noch einmal betont werden, daß die. israchisten" im zionistischen Lager nur die Rolle des fünften Rades am Wagen spielen, sie sind die „Parade-Orthodoxen", mit welchen man gelegentlich Staat macht. Ihr Einstuß ist gleich Null und der Umstand, daß sie mit den Nationalisten gehen, bietet in religiöser Hinsicht gar keine Gewähr. Die Glaubenstreue der Misrachisten soll nicht im geringsten angezweifelt werden. Sicherlich gibt es unter ihnen wohl aufrichtige Jereim — allein, das Religiöse geht ihnen in der Regel mit dem Zionismus durch. Wenn der Ausdruck nicht so abstoßend wäre, könnte man sie als „religiöse Drückeberger" bezeichnen. Sie haben keine Macht und versuchen nicht einmal, den kleinen Einfluß, den sie haben könnten, geltend zu machen. Wenn sich Einzelne wie die Geschäftsreisenden darauf verlegen, der Firma recht viele Kunden zuzuführen und dadurch in eine höhere Position aufzusteigen, so müßten sie dies mit sich selbst ausmachen. Die Orthodoxie läßt sich nichts vormachen; sie weiß, was das A und W dieses Beginnens ist. Daß sich wirklich glaubenstreue Juden über all das hinwegsetzen, was zionistischerseits gegen die religiösen Interessen getan und .geplant wird, erscheint unbegreiflich; daß Männer von Intelligenz und Welterfahrung all der Ruhmrederei von der Macht der zionistischen Organisation und ihres Einflusses so ohne weiteres Glauben schenken und es als feststehende Tatsachen weitererzählen wollen, wirkt befremdend. Aber selbst wenn dies wahr wäre, wenn die Mächte tatsächlich im Begriffe wären, Palästina nicht dem jüdischen Volke, sondern den Zionisten auszuliefern, was Herr A. mit Emphase verkündet und daran die Drohung knüpft, die Zionisten werden dann die Herren sein und nach Belieben schalten und walten, so mag er sich gesagt sein lassen, daß noch nie ein Volk, am wenigsten das jüdische, dauernd einer Minorität ausgeliefert bleiben kann. Die „Schwachen an Geist" mögen aus Angst ins Lager der Herrschenden überlaufen. Die Mutigen harren aus und siegen; Bangemachen gilt nicht. „Lau almon Jisroel!“ Das jüdische Volk hat schon so manche Gewaltherrschaft abgeschüttelt... Der „Misrachi" ist palästinensisch aktiv — oft sogar aggressiv — aber religiös passiv; die bewußtsinnige Orthodoxie ist religiös aktiv, mag sie auch palästinensisch weniger aktiv sein. Die Misrachisten mögen sich mit dem Ruhm begnügen, eifrige Rufer im Streite für Palästina zu sein — wenn es sich aber um religiöse Interessen handelt, dann kommt die Führung denjenigen zu, für die das religiöse Moment im Judentum die Hauptsache ist. Es mag als überaus fremd erscheinen, daß die Nationalisten in religiöser Beziehung schädlicher und gefährlicher als die Neologen gelten — aber es ist dem so. Die Schuld haben sie sich selbst und ihrem antireligiösen Treiben zuzuschreiben; mitschuldig sind aber auch die „Misrachisten", die ihnen die Mauer machen, anstatt für die Wahrung der religiösen Interessen einzutreten. Daß Mitschuldige Werbearbeit leisten wollen, mag als eine Wiener Spezialität, als ein Zeichen der Zeit, bewertet werden. Für die organisierte Orthodoxie kann es da nur eine Richtschnur geben: „Lau jelech beni imachem!“ _ Jehudi-Chored. Das Lrauenwahlrecht. Wie wir bereits in voriger Nummer berichtet haben, haben die Wahlen für die jüdische Landesversammlung in Palästina neuerdings eine Verschiebung erfahren. Einer der Gründe, die diese Verschiebung bewirkt haben, ist der Kampf um das Frauenwahlrecht, das die Zionisten einführen möchten, wogegen aber die Orthodoxie, selbst der „Mizrachi", scharf opponiert. Oberrabbiner Kuck (Jerusalem) hat diesbezüglich ein Sendschreiben veröffentlicht, von welchem der „Israelit" folgende Auszüge reproduziert: Ich bin um meine Meinung in der Frage des Frauenwahlrechtes für das jüdische Parlament in Palästina angefragt worden und will mich hier in gedrängter Kürze dazu äußern. Es kommen für mich bei Behandlung der Frage drei Gesichtspunkte in Betracht: 1. Das Religionsgesetz. 2. Der praktische. Wert der Einrichtung für die jüdische Gesamtheit. 3. Die moralisch-ideelle Seite der Sache. Was die religionsgesetzliche Seite der Frage anbelangt, so habe ich dem übereinstimmenden Gutachten meiner rabbinischen Kollegen nur wenig hinzuzufügen. Haben sie es doch aus Thora, Propheten, Kesuwim, Halacha und Agada bewiesen, daß die Pflicht der Gemeindearbeit nur den Männern obliegt, und daß die Ausübung von Gerichtsbarkeit, Verwaltungsgeschäften und dergleichen der jüdischen Frau nicht zusteht. Das Bestreben, in der öffentlichen Betätigung eine scharfe' Trennungsgrenze zwischen Mann und Frau zu ziehen, geht wie ein roter Faden durch die ganze Thora. Somit unterliegt es keinem Zweifel, daß jede Neuerung, die zu einer gemeinsamen ' Betätigung beider Geschlechter in Versammlung und Gesellschaft führen muß, gegen den Din verstößt. Fragen wir nun nach dem praktischen Nutzen, der uns in politischer und sozialer Hinsicht aus dieser Neuerung entstehen könnte, so müssen wir uns vor Augen halten, daß die englische Deklaration, die unsere Rechte auf Palästina anerkennt, aus der Grundanschauung der englischen Nation hervorgegangen ist, daß Israels Verhältnis zu Palästina ein gottgeheiligtes ist, und in der heiligen Schrift, die heute von allen Kulturvölker:: als Heiligtum anerkannt wird, verbrieft und verbürgt ist. Die gleiche heilige Schrift, die unser Recht auf Palästina enthält, spricht aber in ihrem ganzen Geiste gegen jeden Versuch, die Grenze, die man aus Gründen der Sittlichkeit im öffentlichen Leben zwischen Mann und Frau gezogen hat, aufzuheben oder zu lockern. Ist es doch schon ohnehin eines der Argumente unserer Feinde, daß das heutige Judentum seinen Ruf als Volk der Bibel nicht mehr in dem Maße aufrecht erhalten könne, um darauf seinen Anspruch auf das Land der Bibel zu stützen. Um so mehr müssen wir auf der Hut sein, bei jeder Gelegenheit der Welt zu zeigen, daß Israels Volksseele nach wie. vor in seiner Schrift wurzelt und daraus sein Recht auf das Land der Väter herleitet. Schon aus diesem Grund müssen all unsere staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen im neuen Palästina den Geist der Bibel atmen und sich von europäischen Kulturauswüchsen, zu denen auch die Betätigung der Frau im öffentlichen Leben an der Seite des Mannes gehört, fernhalten. Es muß dabei laut betont werden, daß wir auf unserem Wege zur Geulah gar nicht die Aufgabe haben, uns als treue Schüler der europäischen Kultur zu bewähren, die nach der Richtung der Moral und Ethik ja vollkommen versagt hat, sondern unser eigenes jüdisches Ich zur Geltung und unsere