Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 43 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis : Ganzjährig K24, halbjährig Kl 2, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Korrespondenz p für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.29V. Erscheint jeden Freitag. Nr. 43. Wien, 28. Marcheschwan 5680, 21. November 1919. V. Jahrgang» Erstgeburt und Zegen. (Betrachtungen zu P. Es ist das Schicksal des jüdischen Volkes, gehaßt und verfolgt zu werden. Jaakow erwarb die „Bechauro", das Recht der Erstgeburt, bei seinem Bruder, der ja dieselbe nicht allzu hoch eingeschätzt hatte und sie sogar mißachtete. Worin bestand nun der Vorteil dieser Bechauro? Waren es materielle Güter, Reichtum, irdische Schätze? Nein, darüber erwähnt ja die heilige Schrift kein Wort. Nicht einmal Essau klagt seinen Bruder nach dieser Richtung an. Stammhalter wollte Jaakow sein, die Fortsetzung und Fortspinnung der Abrahamschen Tradition wollte er sicherstellen. Zum zweitenmal, als er Gelegenheit fand, vor seinen greisen Vater als Essau zu erscheinen, erschwindelte er keineswegs irgendwelche Vorteile bei der zu gewärtigenden Hinterlassenschaft. Den Segen seines Vaters, die „Beracha", erbat er sich, wohl wissend, daß er nur dann würdig und berufen sein werde, der Stammhalter Jizchaks zu sein, wie Jizchak der Stammhalter Abrahams war. »Ki bejizchak jikore lacha. sera!“ . Essau aber, dem an der Erhaltung der Tradition wenig gelegen war, der kein „Isch Tamjauschew oholim“, sondern ein Jäger, ein „Isch Zajid“, war, haßte dennoch seinen Bruder und trachtete ihm nach dem Leben. Jaakow mußte zum Wanderstab greifen, in die Fremde ziehen, um sein nacktes Leben, „Ki bemakli owarti es hajarden“, zu retten. Das jüdische Volk, die Nachkommen Jaakows, erlebten und erlitten dasselbe Schicksal. Auch sie werden gehaßt und verfolgt, weil sie für sich das Recht der Auserwähltheit, der „Bechauro", in Anspruch nehmen. »Ata bech artano mikol hoamim — wekidaschtanu bemizwaussecha!“ Du hast uns auserwählt von allen Völkern, nicht um uns Macht, Reichtum, Herrschaft zu verschaffen, sondern um uns mit Deinen Geboten zu heiligen. Welchen Grund hätten da die Völker zu Haß, Neid, Klage über Ueberhebung? Sie wollten ja die Thora gar nicht in Empfang nehmen; sie mißachteten ja die Bechauro! Aber, wie Essau, fehlt ihnen das Verständnis dafür, was die Juden unter dem Begriff der „Auserwähltheit" verstehen. Der Haß und der Neid machen blind. Jaakow mußte sein Vaterhaus verlassen — aber er durfte bei Kanaan keine Anlehnung suchen. Zu den Blutsverwandten nahm er seine Zuflucht; auch in der Stunde der Not blieb er der Familientradition treu. Deswegen war auch der Gott seiner Väter mit ihm und er war auch im Galut vom Glück begünstigt. So müßten es auch seine Nachkommen machen. - Not, Drangsal und Verfolgung dürfen Israel seinem Gotte nicht entftemden. Dann wird ihnen weder Essau noch Laban etwas anhaben können. Unsere Weisen betonen, daß Jizchaks Segen von vornherein dem Stammhalter bestimmt war. Jaakow mußte deswegen die Bechauro von Essau käuflich erwerben, damit ihm auch der Segen rechtmäßig zuteil ward. Sonst wäre sein Bemühen, als Essau aufzutreten, ohne Effekt. In Gedanken dachte Jizchak weder an Essau, noch an Jaakow, sondern an den Erstgeborenen, an den Stammhalter der Familientradiüon. Diesem gebührt der Segen — der Name tut nichts zur Sache. Jaakow hat somit rechtmäßig gehandelt. Die Bechauro hat er gekauft; damit aber auch das Recht auf den Segen. So ist es: wenn Israel das Recht der „Bechauro", der Auserwählbarkeit, rechtmäßig erwirbt; wenn es sich hiefür als würdig erweist durch Treue, Anhänglichkeit und Hingebung an die Lehre der Väter — dann erwirbt er das Recht auf den Segen seines himmlischen Vaters und der Segen wird — auch im Galut — nicht ausbleiben. Ben-Zwi. Die wiener Orthodoxie und die kultuswahleiu Vorigen Sonntag, gelegentlich der Generalversammlung der Schiffschul, hat die organisierte Wiener Orthodoxie ihre , Haltung zu den bevorstehenden Kultuswahlen einer Erörterung unterzogen. Es ist charakteristisch, daß, während sich für ein Zusammengehen der Orthodoxie mit dem Zentralwahlkomitee einige gutorthodoxe Stimmen erhoben haben — darunter die des bewährten Streiters für die Sache des religiösen Judentums, Herrn Hofbauer — der Gedanke eines eventuellen Zusammengehens mit den Nationalisten allgemeine und entschiedene Abweisung fand. Bloß 2 (sage und schreibe zwei) Mitglieder der Schiffschul, die sich als „Misrachisten" deklarierten, versuchten, einem Zusammengehen mit den Nationalisten das Wort zu reden. Sie fanden aber trotz ihres großen Aufwandes an nationalistischen Schlagworten bei der zahlreichen Versammlung keinen Anklang und konnten sich — auch abgesehen von der wenig geschmackvollen Szene, die einer derselben provozierte — überzeugen, daß ihr Weizen da nicht blühen werde. Wären unsere Nationalisten nicht so verschlagen und in die eigenen Schlagworte nicht so versessen, so müßte ihnen dieser fast elementare Widerwillen der Orthodoxie etwas zu denken geben. Wie arg muß ihr Treiben, ihre fortgesetzte Verletzung aller religiösen Gefühle, ihre Bedrohung aller religiösen Interessen sein, daß sich die bewußtsinnige Orthodoxie schon gegen den Gedanken aufbäumt, mit den Nationalisten zusammenzugehen. Eine solche elementare Abneigung kann keineswegs das Werk einiger „schwarzer Führer" (?) sein — da heißt es: Vox popuii, vox Dei! Man sollte meinen, daß unsere Naüonalisten und ihre misrachistischen Mitläufer die Ueberzeugungen gewonnen hätten, daß nunmehr ihre Liebesmühe eine vergebliche ist. Aber weit gefehlt! Der Tanz wird fortgesetzt! Man hat fast den Eindruck, daß die zwei Herren ihre Versuche, innerhalb der Orthodoxie Seelenfängerei zu betreiben, auf eigener Faust, aus Wichtigtuerei betreiben — die Parteileitung dürste ja kpum so naiv sein, anzunehmen, gerade diese beiden, schon wiederholt abgeblitzten Agitatoren seien geeignet, einen Erfolg zu erzielen. Wie dem aber immer sein mag, die Tatsache, daß die Herren A. und W. fortgesetzt in Wort und Schrift darauf hinarbeiten, für die nationalistische Liste in orthodoxen Kreisen Propaganda zu machen, läßt es als geboten erscheinen, dem Meritum der Sache noch einmal näher zu treten. Auf die Taktik dieser Herren, die aus Mangel an sachlichen Argumenten jede Feststellung der orthodoxen Wortführer als „Schlagwort", als „Pschetl" abtun zu können glauben, soll nicht weiter eingegangen werden. Wer in der Führung öffentlicher Angelegenheit einige Erfahrung besitzt, der weiß diese Takük, die nur die Armut an Gedanken bemänteln oder eine nicht ganz richtige Sache beschönigen will, gehörig einzuschätzen. Aber gesagt mögen es sich die Herren sein lassen, daß sie damit I nicht weit kommen werden. Man merkt die Absicht und lächelt