Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 42 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 42 mit einem Budget von K 55.000, Jessode Hathora K 30.000, um deren Verwaltung. sich die Herren Wilhelm Kritzler und Leopold Lederer besonders verdient machen, die Teeküche, Kriegshilfskomitee, Aktion für Erhaltung der Palästinenser und jetzt für die Heimbeförderung derselben, die Mitarbeit an der Errichtung und Ueberwachung der vom Joint Distribution Comite, von der sozialen Fürsorge der Frau Anitta Müller geleiteten koscheren Kinderausspeisung, unröie sich besonders unsere Mitglieder, die Herren Ludwig Adler und Sandor Adler verdient gemacht haben. Besonderen Aufwand an Zeit und Mühe verursachte die Beschaffung von Pessachmehl. Dank der Unterstützung unserer Freunde, der Herren Lettner und Oskar Grün in Zürich ist es uns gelungen, Mazzos, wenn auch in beschränktem Maße, für die ganze Wiener Judenschaft zu besorgen. Herr Rabbiner Kornfein (Zürich) hat in völlig uneigennütziger Weise die rituelle Ueberwachung übernommen. Die Summen, welche unsere Mitglieder für private Wohltätigkeit spendeten, überschreiten weit die Ziffern unseres Budgets. Nur auf einem Gebiete hat unsere Tätigkeit versagen müssen: in der Beschaffung ritueller Lebensmittel. Kein Trost, aber eine Erklärung liegt in den traurigen Verhältnissen, die es auch dem Staate und der Stadt Wien unmöglich machen, die Not zu lindern. Wir haben bereits im März bei unseren amerikanischen Gesinnungsgenossen Schritte unternommen, um von dort Koscherfleisch und -fett zu erhalten und haben dieselben beim amerikanischen Hilfskomitee die Absendung einer beträchtlichen Menge erwirkt,-welche bereits auf dem Wege nach Wien ist. Wann das Fleisch anlangt, hängt von den Verkehrsverhältnissen ab. Zudem haben wir einige tausend Büchsen Fleischkonserven mit großen Opfern aus der Schweiz bezogen. Wir setzen unsere Bemühungen zur Besorgung von Fett und Geflügel fort und hoffen bald zu einem Erfolg zu gelangen. Selbstverständlich soll das Ergebnis dieser mühevollen Arbeit nicht nur dem engsten Kreis der Schiffschulmitglieder, sondern allen Juden Wiens, die eine koschere Haushaltung führen wollen, zustatten kommen. Ebenso ist auch die Hauroho unseres Rabbinats so übermäßig angewachsen, weil sie von allen religiösen Juden in ganz Wien in Anspruch genommen wird. Herr Rabbiner Fürst, der die rituelle Einrichtung der Kinderausspeisung durchführte und sie überwacht und Herr Rabbiner-Assessor Baumgarten werden darin von Herrn Hilfsrabbiner Fleischmann unterstützt. Einen erfreulichen Fortschritt in unserer Entwicklung bedeutet der Ankauf des Nachbarhauses. Wir haben dadurch die Möglichkeit, bei dem dringlichen Umbau unseres Beihauses ein der Wiener Orthodoxie würdiges Gotteshaus zu errichten. Dieser Ankauf wurde uns ermöglicht durch die munifizente Spende' eines Mitgliedes im Betrage von K 50.000 und eines gleichhohen Darlehens eines anderen Mitgliedes. Die stetige Ausdehnung unserer Aufgaben und die immer neuen Anforderungen, die die Zeit an uns stellt, veranlaßten uns in der Person des Dr. Joel Pollak einen arbeitsfreudigen und sachkundigen Sekretär zu bestellen. Redner richtet an die Mitglieder und Freunde den dringenden Appell, auch fernerhin die Zwecke' unserer Gemeinschaft in bewährter Opferwilligkeit zu fördern. (Beifall.) Herr Jakob Stern erstattet den Kassenbericht und vergleicht die Ziffern deS vorliegenden Gebarungsausweises mit denen des Vorjahres, woraus sich bedeutende Fortschritte in allen Zweigen' ergeben. Besonders hebt er das Anwachsen der Spendeneingänge für alle Vereine und Wohltätigkeitsanstalten und die sehr bedeutenden Mehraufwendungen für Gehälter und Remunerationen hervor. Er verweist darauf, daß man die Dringlichkeit des Vethausbaues nicht aus den: Auge verlieren dürfe. (Beifall.) Herr Siegm. Figdor berichtet namens der Revisoren, daß sie die Gebarung in allen Teilen einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und in mustergültiger Ordnung gefunden haben. Er beantragt Genehmigung des Berichtes. Ohne Debatte einstimmig angenommen. Der Jahresbeitrag wird in der bisherigen Höhe belassen. Herr Lamm verweist auf die Wichtigkeit des Tiferes Bachurim und ersucht um tatkräftige Unterstützung. Herr Ludwig Adler lenkt in wirksamer Rede die Aufmerksamkeit der Schiffschul auf die Dringlichkeit einer ausgiebigen Förderung der Kinderausspeisung. (Allseitige Zustimmung.) Bezüglich der Besorgung koscherer Lebensmittel bringen die Herren Lederer, Ardel, Kronfeld, Michal Figdor Wünsche vor, an deren Besprechung sich die Herren Dir. Lemberger, S. Kohn, Hofbauer, Groß, Richter beteiligen. Herr Moritz Leitner gibt namens des Vorstandes erschöpfende Anschlüsse und schildert eingehend die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten. Auf Schleichhandel könne sich die Schiffschul nichteinlassen. Er teilt mit, daß die Arbeiten für die Beschaffung des Pessachmehles für den nächsten Pessach im vollen Flusse seien. Herr Lederer beklagt die Mißstände im Ritualbad und verlangt, daß die Adas Jisroel die Verwaltung übernehme. Herr Pappenheim antwortet: „Dazu wären zwei notwendig." Seit 16 Monaten haben wir es begreiflicherweise nicht leicht, das Heizmaterial für Rechnung der Kultusgemeinde zu besorgen. Wir werden weiter bemüht sein, den Betrieb zu ermöglichen. Herr Bernhard Hofbauer bringt die bevorstehenden Kultus- Wahlen zur Sprache und wünscht, daß die orthodoxe Judenschaft entschieden gegen die Jüdischnationalen auftrete,'weil er in dem Austreten derselben eine Gefahr für die wirtschaftliche und soziale Stellung der Juden sieht und im Falle, daß die Jüdischnationalen die Kultusstube erobern, dieselben infolge ihrer Abneigung gegen alles Religiöse der glaubenstreuen Judenschaft böse Zeiten bereiten könnten. Er beantragt eine Resolution, durch welche der Vorstand aufgefordert werden soll, den Eintritt ins Zentralwahlkomitee in Erwägung zu ziehen, welches sechs von uns nominierten orthodoxen Kandidaten zum Siege verhelfen will. Herr Wolf Pappenheim betont, daß die Orthodoxie als solche seit 50 Jahren entschieden die aktive Beteiligung an den Kultuswahlen abgelehnt hat, weil sie es mit ihren Gewissen nicht vereinen konnte, Männer, mögen sie auch' an Charakter, Bildung und sozialer Stellung noch so schätzbar sein, für die Leitung und Verwaltung jüdisch-religiöser Angelegenheiten zu empfehlen, die in ihrer Weltanschauung und Lebensführung von der jüdischen Religion völlig abgekehrt sein. Diesbezüglich könne Redner zwischen diesen und den Jüdischnationalen keinen Unterschied machen, wenn er auch Herrn Hofbauer beipflichten müsse, daß die Jüdischnationalen den orthodoxen Anschauungen viel weniger sachlich gegenüberstehen. Trotzdem könne er eS nicht empfehlen, ein kleineres Nebel zu wählen, weil es eben ein Nebel ist; der Einzelne mag nach seinem Empfinden entscheiden. Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte, an der sich mehrere Redner beteiligen. Direktor Lemberger verlangt eine orthodoxe Liste. Herr Lederer ist für vollständiges Desinteressement. Moritz Felsenburg stimmt Hofbauer zu. S. Kohn spricht sehr temperamentvoll für den Standpunkt Lembergers. Nach seinen Erfahrungen mit den Nationalen muß er vor ihnen warnen. Herr Js. Austerlitz bekennt sich als jüdischnationaler Misrachist, er anerkennt den würdigen, sachlichen Ton der Debatte, widerspricht den Ausführungen Hofbauers, die er für phantastisch erklärt, weil er ihm keine mala fides zutrauen will. Winkler erklärt sich als Freund und Verehrer der bisherigen Kultusvorstehung. Trotzdem muß er den Ausführungen Hofbauers widersprechendessen Haltung unkonsequent ist. Er greift Hofbauer heftig an. Dieser mache den Jüdischnationalen zum Vorwurf, daß ihre Bestrebungen den Beifall der Antisemiten fänden, Hofbauer selbst habe für die christlichsoziale Liste gestimmt. Wolf Pappenheim widerlegt in gelungener Weise die Ausführungen Austerlitz' und Winklers. Die Zustimmung der Herren Austerlitz und Winkler sei ihm unbehaglich, da sie beweist, daß eine solche Stellungnahme den Nationalen förderlich sein könne, was immerhin zu bedauern wäre. — Austerlitz und Winkler, die selbst strengreligiöse Juden sind, bleiben trotz der Art und Weise, in der religiöse Juden und jüdische Religion von den nationalen Juden behandelt werden, in dem perversen Verhältnis zu den arespektive antireligiösen Jüdischnationalen.