Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 42 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K 24, halbjährig K12, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstrafie 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Ereitag. Np. 42. Wien, 21. Marcheschwan 5680, 14. November 1919. V. Jahrgang. Nach einem Jahre. Gedenktage wurden diese Woche gefeiert. ES feierten die Sieger den Tag, an dem die Besiegten vor Jahresfrist die Waffen gestreckt haben; es feierten diejenigen, die die früheren Machthaber gestürzt haben und an deren Stelle getreten sind. Aber der Genius der Menschheit, der Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit, in dessen Namen der vierjährige Krieg angeblich geführt wurde, verhüllt sein Antlitz in Trauer und fragt skeptisch: ul'simcha ma su ausso? Worüber die Freude? Was haben die Sieger der vielgeplagten Menschheit mit ihrem Siege gebracht? Ist es jetzt auf Erdenbesser geworden? Sind Willkür, Gewalt, Raub und Mord völlig beseitigt, erfreut sich die Menschheit der wahren Freiheit, der Gerechtigkeit und des ungetrübten Glückes? Nein, sie gefällt dem Genius der Menschheit nicht, die neue Weltordnung, wie sie der November 1918 mit sich gebracht hat; es gefallen ihm nicht die neuen Grenzen, die zwischen Ländern und Völkern gezogen wurden; die neue internationale Konstellation, wie sie der Sieg der Entente mit sich gebracht hat, findet seinen Beifall nicht. Es ist ja gar nicht besser geworden! Der Imperialismus der Kleinen ist nicht weniger verwerflich als die Eroberungssucht der gestürzten Größen es früher war, die Herrsch- und die Unterdrückungssucht der zeitweilig und zufällig Schwachen haben nicht aufgehört. Der „besiegte" Militarismus tobt weiter. Was hat die Umwälzung gebracht und welchen Nutzen hat sie herbeigeführt? Ganz besonders wissen wir Juden davon ein Lied zu singen. Die Lage des jüdischen Volkes ist nach keiner Richtung besser geworden. „Jeschuauss bal naassu boorez!“ — Der Sieg der Westmächte, der Triumph der Wilsonschen Punkte, auf die gar manche so viel Hoffnungen gesetzt haben, haben uns wenig genützt und viel geschadet. Das, was im Laufe des letzten Jahres in Osteuropa vor sich ging und noch vorgeht, ist ja gewissermaßen die Frucht jenes Ententetriumphes vom November 1918. — Die Nachteile, die uns daraus erwuchsen, sind evident, handgreiflich. Hingegen hapert es mit den Vorteilen, die unS angeblich hätten erwachsen sollen, gar sehr. Die Zerreißung großer jüdischer Gemeinschaften in Mittel¬ und Osteuropa, die Ueberantwortung großer Teile des jüdischen Volkes an Staaten, die nur Haß, Verfolgung und Drangsalierung kennen, das alles ist handgreiflich, Tatsache. Die Sicherung der jüdischen Rechte durch den Völkerbund ist Zukunftsmusik und die Lösung der Palästinafrage noch weniger als Zukunftsmusik. Zum Schaden gesellt sich noch vielfach der Spott und die Verhöhnung. Das ist unsere Bilanz für die Zeitspanne November 1918 bis 1919. Noch nie war die Not unserer Brüder so groß, als in den letzten zwölf Monaten. Noch nie so groß die innere Zerrüttung und Verwirrung. Noch nie hat das „jirhawu naar basoken* seine Bestätigung so kraß gefunden, wie in dieser Zeitspanne; noch nie haben „grüne Jünglinge" sich so dreist angemaßt, die Führung des Volkes an sich zu reißen, wie jetzt. Noch nie hatte sich das leere Schlagwort, die hohle Phrase so breit gemacht, wie jetzt und noch nie ist in der jüdischen Gasse die Hilfsbereitschaft der glücklicheren Brüder zu politischen Zwecken so mißbraucht worden, wie in der Periode seit dem politischen Umsturz, da die Demagogie sich ungehemmt austoben kann. Sie ist furchtbar traurig, die Bilanz, die wir von den letzten zwölf Monaten zu ziehen haben. Unser einziger Trost ist bloß die immer stärker erwachende Erkenntnis, die immer deutlicher werdende Ernüchterung, die eine Wandlung und eine Wendung zum Besseren verspricht. Zum Feiern der Gedenktage haben wir somit wenig Veranlassung. Indem wir innerpolitisch die Wendung, die die Dinge genommen, voll und ganz akzeptieren und uns in aller Loyalität auf dem Boden der neuen Ordnung stellen, können wir nicht umhin, festzustellen, daß die neue internationale Ordnung, wie sie der November 1918 mit sich gebracht hat, unseren Beifall nicht findet und daß wir nur harte Enttäuschungen erlebt haben. „Mi fiten tohaur mitome!“ Mit egoistischen Aspirationen kann Ideelles nicht geschaffen werden. Wer der Menschheit Glück bringen will, der muß frei von jeder Eroberungssucht sein — Imperialismus und Freiheit, Herrschsucht und Gerechtigkeit, können keinesfalls harmonisch Hand in Hand gehen. „Im Haschern lau jischmaur Ir, schow schokad schaumer!“ — Das goldene Zeitalter, daunsere Propheten vorausgesagt haben, kann und wird kein Menschenwerk sein. _ Speetator. Generalversammlung der Adas Iisroel szchifffchny. Wien, 10. November 1919. Wahrhaft jüdische Angelegenheiten finden bei wahrhafte« Jehudim stets lebhaftes Interesse. Das beweist die ungewöhnliche Teilnahme an der gestrigen Generalversammlung der Adas Iisroel. Zur festgesetzten Stunde von dem greisen Obmann Herr» Philipp Back eröffnet. Mit herzlichen Worten begrüßte er di» Erschienenen, insbesondere den Vertreter der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Markus Spitzer. Er erklärte mit Rücksicht auf sein hohes Alter den Vorsitz nicht führen zu können, worauf Herr Dr. Reiniger den Vorsitz übernahm. Er gedachte mit warmen Worten der seit der vorigen Generalversammlung verstorbenen Mitglieder und der Opfer der Pogrome in allen Ländern. Er bemerkte, daß der Rechenschaftsbericht die einzelnen Zweige der Vereinstätigkeit nur flüchtig andeute, da er ein erschöpfendes Bild derselben nicht geben könne. Die Vereinstätigkeit bezieht sich auf alle Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft. Unser Bes Hamidräsch, unsere Jessode Hathora, unser Tomech Ewjonim, unsere Tiferes Bachurim und unsere ausgezeichnete Agudas Bachurim (Jugendgruppe), sowie die vielfache Tätigkeit unserer Gruppen auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge ruht auf unseren Schultern und ewäre sehr zu wünschen, daß wir alles dies zusammenfassen, um uns selbst zum Bewußtsein zu bringen, was wir leisten. Wir würden an berechtigtem Selbstbewußtsein gewinnen und unbesser zur Geltung bringen. Mut zu unserer Arbeit gibt unS die Geschichte des jüdischen Volkes, das den mehrtausendjährigen Druck aufrechten Sinnes ertragen konnte, weil es G'tt vor Augen und die Thora im Herzen hatte. Die Erkenntnis, daß die Befolgung ihrer Gebote und das Leben in ihrem Sinne einzig und allein das jüdische Volk zu erhalten imstande war und bleiben wird, wollen wir pflegen und in diesem Sinne unsere Arbeit fortsetzen. (Allgemeiner Beifall.) Als Berichterstatter über die Vereinstätigkeit nahm Herr Wolf Pappenheim das Wort. Redner berührt die Tätigkeit der einzelnen von der Schiffschul gegründeten und von deren Mitgliedern erhaltenen Vereine und Aktionen. Beth Hamidrasch