Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-11-07 · 41 (7.11.1919) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
41 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495455--1115-3497010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 Jüdische Korrespondenz Seite t (Fortsetzung von Seite 4.) (Die SabbaLruhe in Polen.) Der polnische Sejm- Präsident Tromptschinski hat eine Deputation jüdischer Handwerker empfangen, die an ihn das Ersuchen richteten, daß bei der Einführung der Sonntagsruhe die für die jüdischen Handwerker ruinös sei, ihre Interessen wahrgenommen werden sollten. Der Vorsitzende des polnischen Parlaments antwortete, daß er seinen Standpunkt bezüglich der Sonntagsruhe Morgenthau darlegte, der. mit ihm übereingestimmt habe. Die Delegation suchte dann den Referenten dieser Frage, Abgeordneten Schitawski (P. P. S.) auf, der die Erklärung abgab, daß er gleichfalls für die verpflichtete Sonntagsruhe eintrete und daß der „Jüdische Bund" nichts gegen dieses Gesetz einzuwenden habe. Er erklärte aber, daß er gegen gewisse Milderungen dieses Gesetzes nicht ankämpfen werde. (Orthodoxe Tageszeitung in Warschau.) Im Handelsregister des Warschauer Kreisgerichtes wurde eine Kommandit-Gesellschaft mit einem Kapital von einer Million Mark unter dem Namen „Jisroel" registriert, deren Kapital zur Herausgabe einer Tageszeitung „Der Jud" bestimmt ist. Auch andere Ausgaben werden in das Gebiet ihrer Tätigkeit fallen. Diese Kommanditgesellschaft wurde von der „Agudas Haorthodoxim" gegründet. (Die jüdischen Kriegswaisen.) „The Jewish Times" erführt aus sicherer Quelle, daß die englische Regierung am Lose der vielen tausend jüdischer Kriegswaisen, die ohne Aufsicht und Stütze in Polen und Rußland geblieben sind und dort kein Heim finden können, reges Interesse nimmt. Die englische Regierung plant deshalb in England spezielle Waisen-Anstalten zu schaffen, wohin man so viel Waisen als möglich aus den erwähnten Ländern zur Erziehung bringen soll. Die englische Regierung wird auch den in England lebenden Juden die.Erlaubnis geben, ihre verwandten Waisen aus Osteuropa privatim nach England zu bringen. Die Regierung wird jedoch verlangen, daß die in England lebenden Verwandten, die Waisen aus Polen und Rußland hinbringen, sich verpflichten, die Kinder angemessen zu erhalten, sie gut zu erziehen usw, worüber sie der Regierung gegenüber verantwortlich sein werden. Auch in Amerika hat das People Relief Comittee eine Aktion zur Ueberführung vieler tausender jüdischer Kriegswaisen nach Amerika unternommen, die jetzt in das Stadium der Verwirklichung zu treten scheint. Der Präsident der amerikanischen Federation of labour, Samuel Gompers, hat sich der Sache angenommen und führt die Unterhandlungen mit dem Staats- Departement. Er richtete in dieser Angelegenheit ein ausführliches Begründungsschreiben an Staatssekretär Lansing und es ist zu hoffen,' düß diese Aktion bald zu günstigen Resultaten führen wird. „Ls geschieht nichts Neues unter der Sonne." Der Prediger Salomon bekundete wahrlich tiefe Einsicht und legte Zeugnis von reicher Erfahrung ab, als er den Ausspruch äußerte: „Was einst gejchehen, wird wieder geschehen, was man einst getan, wird man wieder tun, es geschieht nichts Neues unter der Sonne". Gewiß, uns Kindern des 2Ö. Jahrhunderts will so was nicht in den Kram passen, pochen wir doch so viel auf unser Wissen und finden daran Gefallen, fortwährend zu betonen, wie weit wir es gebracht haben in unserer Zivilisation — der Natur haben wir ihre Geheimnisse abgelauscht und sie gezwungen, Frohndienste für uns zu leisten, wir können uns gar nicht genug tun in der Bewunderung all der Errungenschaften der Technik. Welch ein Unterschied zwischen einst und heut! Zwischen dem Zeitalter, wo man einen Feuerfunren nach mühseliger, anstrengender Arbeit der Natur kaum abzwingen konnte, und heute, wo die Elektrizität ihre Triumphe feiert, wo im Handumdrehen, durch Fingerdruck Lichtmeere sich ergießen und Sonne und Mond beinahe entbehrlich machen. Was einst in der Macht der Gottheit stand, das ist heute dem Erdensohn ohne weiteres möglich geworden: „Es werde Licht, und es ward Licht." Und doch hat der weise Salomon recht, es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Unser unbescheidenes Gebaren, unsere maßlose Selbstüberhebung gegenüber dem Altertum beruht auf unserer Unkenntnis desselben, wir studieren allzuwenig seine Schriften und im Wahne, daß wir überall das letzte Wort gesprochen, geben wir uns gar keine Mühe, den Sinn der Denkmäler jja ergründen, die die früheren Generationen uns überlasten haben. Da nehmen wir einmal die bedeutendsten Erfindungen unseres Zeitalters, den Telegraphen, das Automobil und das Lufrjchiff. Waren die Alten dieser Quint-; essenz unserer modernen Zivilisation teilhaftig gewesen? Ich merke es, der Leser schüttelt über den Schreiber diefer Zellen den Kopf und sagt sich: Dem fehlt wohl eine Schraube da oben; er wird aber ganz andere Augen machen, wenn ich ihm zum Beispiel folgende Beschreibung des Telegraphen aus dem neunzehnten Psalm vorführe: „Es ist keine Sprache, keine Rede, es geht eine Schnur in alle Länder und ihre Rede erreicht der Welt Ende". Wahrlich, deutlicher konnte man in so bündiger und knapper Sprache, den hervorstechendsten Zug des biblischen Stils die Drahtvorrichtung unseres Nachrichtendienstes nicht schildern. Und das Automobil, da waren die Alten uns sicherlich nicht dahinter. Bei ihnen scheint dieses Vehikel ebenso solid wie leicht beweglich gewesen zu sein, da es den Bedürfnissen des Krieges entsprach. Der Prophet Nacyum, der über die sündige Weltstadt Niniwe sein unheimliches Orakel verkündet, verfehlt es nicht die Rolle des Automobils zu ermähnen, die es in der Vernichtung der frevelhaften Stadt spielen wird: „Die Schilde seiner (des Feindes) Starken sind rot. sein Heervolk siehet wie Purpur, seine Wagen leuchten wie Feuer, wenn er sich rüstet; ihre Spieße beben. Die Wagen rollen auf den Gassen und rasseln auf den Straßen; sie glänzen wie Fackeln und fahren untereinander wie die Blitze. Ich überlasse es den Fachkundigen, Betrachtungen darüber anzustellen, welches Brenmaterial zur Krafterzeugung angewandt wurde, um solche Schnelligkeit herbeizusühren, aus welchem Stoff die dazu notwendigen widerstandsfähigen Pneus hergestellt wurden und auf welche Weise man die blendenden Reflektoren erzielt hatte. Angesichts dieser unwiderlegbaren Zeugnisse wird der Leser, nolsn« volens, das Vorhandensein der beiden erwähnten Verkehrsmittel im Altertum zugeben müsten; — aber das Luftschiff, dessen Erziehung noch heute so viele Menschenopfer fordert, das können doch die Alten unmöglich gekannt haben. Und dock! da können wir es recht sehen, wie weit wir aus dem 20. Jahrhundert hinter unfern Vorfahren stehen. Hier muß ich aber das Gebiet der Bibel verlassen und mich auf die der Tradition berufen, und zwar auf die der Araber. Es durfte darin mancher Wink sich befinden, der einem Flieger zugute kommen könnte. Die Erzählung lautet folgendermaßen: Der Erzvater Ibrahim, der biblische Abraham, der zuerst den Glauben an einen einzigen Gott verkündete, hat dadurch den Zorn des damaligen Königs, Nimrod, auf sich gezogen, da letzterer sich als Gott hat anbeten lassen und in Abrahams Lehre eine Schmälerung, ja eine Vernichtung seiner Göttlichkeit erblickte. Er beschloß, den Abraham los. zu werden, ließ ihn holen, und nachdem er ihn trotz vielen Androhungen von seiner standhaften Ueberzeugung nicht abbringen konnte, befahl er, ihn ins Feuer zu werfen. In diesem Augenblick, wird es weiter überliefert, rief der Himmel mit seinen Engeln und die Erde mit allem darauf Erschaffenen einstimmig aus: Gott Abrahams! dein Freund, der allein dich auf der Erde anbetet, wird ins Feuer geworfen, erlaube uns, ihn zu retten. Es folgt nun der Bericht der wunderbaren Errettung Abrahams, deren Details uns zu weit führen würden. Nimrod aber ward nicht gebessert, er faßte vielmehr den Entschluß, einen hohen Turm bauen zu lassen und womöglich sich dem Himmel zu nahen, um den Gott Abrahams darin aufzusuchen. Der Turm ward bis zu einer Höhe von fünftausend Ellen gebaut, da aber der Himmel noch immer fern blieb, und die Arbeiter nicht weiter imstande zu bauen waren, ließ Nimrod zwei Adler auf dem Turme erziehen und fortwährend mit Fleisch füttern. Dann ließ er sie mehrere Tage hungern und als sie ausgehungert waren, befestigte er an ihre Füße eine leicht geschlossene Sänfte mit einem Fenster nach oben und einem nach unten und setzte sich mit dem Jäger hinein. Dieser nahm eine lange Stange, an welcher ein Stück Fleisch befestigt war, in die Hand und hob sie durch ein Fensterloch in die Höhe, so daß die hungrigen Adler immer aufwärts flogen und die Sänfte in die Höhe hoben. Als die Adler einen Tag immer gen Himmel geflogen waren, da hörte Nimrod eine Stimme, welche ihm zurief: Wohin willst Du, Gottloser? Nimrod nahm den Bogen seines Jägers und schoß einen Pfeil ab, der alsbald mit Blut befleckt wieder zum Fenster hereinfiel, so daß der Ruchlose glaubte, den Gott Abrahams verwundet zu haben. Er ließ daher, da er so weit von der Erde war, daß sie ihm nur noch wie ein Ei erschien, die Stange nach unten halten, so daß sich die Adler wieder nnt der Sänfte herabließen. Welch einfaches Verfahren! Dazu ist noch zu bemerken, daß die Erzählung, die auf viele Einzelheiten eingeht, die ich unerwähnt gelassen, nicht vom geringsten Unfall während dieses tollkühnen Aufstieges zu berichten weiß, sondern — da die Tradition der Erklärung der Vielheit der Sprache dienen soll — hinzufügt, daß, als Nimrod ganz triumphierend wieder die Spitze des Turms erreichte, Gott den letzteren mit einem solchen Getöse Umstürzen ließ, daß alle vor Schrecken außer sich waren und jeder eine andere Sprache redete. Nimrod aber blieb unversehrt. So verstand man es schon im grauen Altertum, die Luftregionen zu befahren mit einer Sicherheit, die uns neidisch machen könnte. Die Herren Flieger, wenn sie davon Kunde erhalten, werden wohl gut tun, ihre Ueberhebung ein wenig einzudämmen, wennies ihnen gelingt, einen Höhen- oder Dauerrekord zu fchlagen, den Nimrod überflügeln sie kaum je. Allenfalls hat der weise Salomon recht: „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne." Dr. A. Abraham. (Ir. W. f. d. Schweiz.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.