Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 41 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 41 Fremdengefahr für England in bedrohlicher Weise vorhanden wäre. Die gelbe Presse tat das ihrige, um die öffentliche Meinung gegen die Fremden aufzuhetzen und zahlreiche „Anti-aliens" zogen in das Parlament ein. Die Regierung, welche sich aus die Majorität des Parlamentes stützen muß, sah stch gezwungen, ein Fremdengesetz auszuarbeiten, das zahlreiche Härten enthält. Das neue Gesetz macht das Schicksal jedes Fremden von dem Minister des Innern abhängig, der das Recht hat, Fremde zu deportieren und ihnen deu Eintritt in das Land zu verwehren. Feder Fremde ist verpflichtet, sich bei der Polizei zu melden, ihr jede Adreßveränderung mitzuteilen, sich jeder Agitation für Streik zu enthalten und an keiner Bewegung teilzunehmen, die gegen die Oronung des Staates gerichtet ist. Auch eine Anzahl von Beschränkungen im Handel sind in dem Gesetze vorgesehen. Das Ministerium hat das Recht, Fremden zu verbieten, sich von einem Orte nach einem anderen zu begeben. Wiewohl das von der Regierung ausgearbeitete Gesetz hart genug ist, haben die Anti-oliens im Parlament sich während der Debatte bemüht, eitic Verschärfung seiner Bestimmungen durchzusetzen. Die Debatten haben gezeigt, daß es selbst im englischen Parlament an antisemitischen Empfindungen nicht gebricht. Einige Reden haben deutlich genug bewiesen, daß das Fremdengesetz vor allem gegen Juden gerichtet ist. E. Milde (Konservativer) erklärte in einer Rede, daß, „wer an der Frcmdengefahr zweifle, sich nur in das Eastend zu bemühen brauche, um von ihrer Existenz überzeugt zu werden. Ganz Whitechapel sei von Fremden verpestet". Mc. Rein (Konservativer), Bottomley (Wilder), Billing (Wilder), Butcher und andere haben gleichfalls in ihren Reden antisemitische Töne angeschlagen. Dagegen haben einige Liberale, Konservative und Arbeiter-Abgeordnete gegen den Gesetzentwurf entschieden Stellung genommen. Major Ormsby- Gore protestierte in seiner Rede gegen die antisemitischen Auslastungen der früheren Redner. Die Arbeiter-Abgeordneten richteten sich mit scharfen ironischen Bemerkungen gegen i«ne Reden,, welche gegen ein Zusammenarbeiten von englischen Arbeitern mit fremden Arbeitern gerichtet waren. Das Fremdengesetz beabsichtige lediglich der Völkerverhetzung zu dienen. Kealey (Whitechapel) wies auf die großen Verdienste hin, die die Fremden für England erworben hatten. Während der Kriegsjahre hatten die Fremden von Whitechapel die englische Armee mit Uniformen im Werte von 610.000.000 versorgt. Major Rothschild war der einzige jüdische Abgeordnete, der au der Debatte Anteil nahm. Er bedauerte den antisemitischen Charakter der Debatten und schlug in seiner Rede vor, allen Fremden, welche deportiert ober welchen der Eintritt in das Land verwehrt werden solle, die Möglichkeit zu bieten, an ein Gericht zu appellieren. Der Antrag wurde abgelehnt. Rundschau. (Antisemitische Propaganda in Graz.) Mit dem Antisemitismus ist jetzt ein gutes Geschäft zu machen. Diese Konjunktur nützt das „Neue Grazer Tagblatt", das Organ des Nationalrates Dr. Watte, ergiebig aus. Der Zorn über die politische Untätigkeit, zu der die Deutschnationalen durch die Koalition verurteilt sind, entlädt sich täglich in Schmäh- und Hetzartikeln gegen die Juden. Da aber dieses ohnmächtige Schimpfen bis jetzt wirkungslos blieb, griffen die Hintermänner dieser Politik zu anderen Mitteln. In der Nacht zum 18. Oktober ergoß sich über Graz eine Zettelflut. Haustore, Mauern, Auslagen, überhaupt alles Erreichbare wurden mit roten, gelben und blauen Zetteln mit Schmähinschriften gegen die Juden überklebt. Am 24. Oktober wurden in der Nacht an jüdische Häuser und Geschäfte mit Oelfarbe hetzerische Sätze gemalt, wie: „Hinaus mit den Juden!" „Kauft nicht bei Juden!" Der Präses der Kultusgemeinde, Herr S. Rendi, hat beim Leiter der Sicherheitsbehörde vorgesprochen und erhielt den Bescheid, daß zwei Personen verhaftet wurden, gegen die bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige wegen unbefugter Kolportage und Verleitung zum Aufruhr erstattet wurde. (DcnLschnativnale Bolkspartei und Juden.) Am 6. Oktober fand ein Deutschnationaler Parteitag in Berlin statt. Aus diesem hat sich gezeigt, daß die deutschnationalen Herrschaften mehr noch als bisher das antisemitische Hetzmittel zur Verfechtung ihrer Politik benutzen wollen. Ein Rittmeister von Ramm hat über die „Judenfrage" gesprochen, und zwar nach der „Kreuzzeitung" im Sinne von Anträgen, die „entschiedene Stellung gegen den Zersetzenden jüdischen Einfluß, Ausschließung oder Fernhaltung der Juden von der Deutschnationalen Volkspartei, Blutbekenutnis (!!) der deutschnationalen Führer usw." verlangten. Mit großer Mehrheit wurde ein Antrag des Vorstandes angenommen: „Wir bekennen uns zur völkischen Auffassung in der Politik. Darum bekämpfen wir scharf den überragenden, ihrem kleinen Prozentsatz zur Bevölkerung nicht entsprechenden Einfluß der Juden. Wir fordern entschiedene Stellungnahme gegen den zersetzenden Geist des Judentums." Zugleich wurde der Vorstand beauftragt, bei der Hauptvorstandssitzung zu wirken, daß keine Juden ausgenommen werden. (Umwandlung des Verbandes der deutschen Juden.) Der Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden am 30. November, die voraussichtlich im Plenarsaal im Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt in Berlin, Leipzigerstraße 3, tagen wird, soll eine den Forderungen und Ausgaben der Gegenwart entsprechende Aenderuug der Organisation des Verbandes zur Beschlußfassung vorgelegt werden. (Die Absallbewegunq.) In Berlin betrug 1916 der Durchschnitt der Austritte aus dem Judentum 15 im Monat, 1918 stieg die Ziffer aus 207, 1919 aber bereits auf 40; 1918 gab es insgesamt 207 Austritte, 1919 bis September schon 362, im September allein 149. (Judenausweisungen in Bartfeld.) Am 24. Oktober hat eine Deputation der Kultusgemeinde Bardijov (Bartfeld) unter Führung des Herrn Klafter beim Volksverbande der Juden für die Slowakei in Angelegenheit der Ausweisungen von 55 jüdischen Familien vorgesprochen. Die Ausgemiesenen haben schon lange vor dem Kriege auf dem Gebiete der tschechoslowakischen Republik ihren Wohnsitz gehabt, viele von ihnen sind hier seit Jahrzehnten ansässig. Der Volksverband hat durch Intervention beim Ministerium in Bratislava erwirkt, daß die Ausweisungen zurückgezogen wurden und den betreffenden Familien Zeit gegeben wurde, Gesuche an das Tupansamt zu richten, zwecks Erlangung der Heimatszuständigkeit im tschecho-slowakischen Staate. („Nur Christen dürfen Gesuche einreichen.") Herr Rabbiner Jsak Lemberger in Ro2nava (Rozsnyo) schreibt dem Volksverband der Juden für die Slowakei am 24. Oktober 1919: „Gestern und heute wurde hier auf den Straßen durch Trommelschlag, wie üblich, bekanntgegeben, daß die Gesuche um Erneuerung der Trafikrechte und Ausschanklizenzen bis zum 1. November 1919 einzureichen seien. Hinzugefügt wurde, daß nur Christen Gesuche einreichen dürfen! Sie können sich denken, welche Bestürzung diese amtliche Bekanntmachung nicht nur unter den Trafiken und Wirtshausbesitzern, sondern unter der gesamten jüdischen Bevölkerung hervorgerufen hat, die sich damit von maßgebender amtlicher Seite als Bürger zweiter Klasse hingestellt sah. Ich suchte den Bürgermeister auf, der mir auch sein Befremden über die Angelegenheit zum Ausdruck brachte. Er versicherte mir, daß ihn selbst kein Verschulden an dem Vorfall treffe und zeigte mir die zur öffentlichen Bekanntmachung bestimmte Originalverordnung des 2upanats in Rimovska Sobota, die er Wort für Wort hatte austrommeln lassen. Die Verordnung trägt die Zahl 1523/1919, ist vom 17. Oktober datiert und von Hanes, 2up. radca gezeichnet." (Die Juden in Posen.) In dem bisher preußischen Regierungsbezirk Posen gab es bis in die Achtzigerjahre eine zahlreiche jüdische Bevölkerung. — Stöcker hatte gegen sie die Protestanten aufgehetzt, die nur bei den Wahlen sich ihrer erinnerten, damit sie mit ihnen wählten. Die Polen dagegen feindeten die Juden an, weil sie deutsch wählten. Infolge dieser Verhältnisse zogen seit jener Zeit viele Juden aus der Provinz Posen nach anderen Teilen Deutschlands. Jetzt gibt es im Regierungsbezirk Posen nur noch vier Städte, die eine jüdische Bevölkerung von mehr als 500 Seelen aufweisen. Es sind dies: Posen mit rund 5500, Lissa mit 800, . Kempen und Ostrowo mit je 700. Der Regierungsbezirk Bromberg zählt in Bromberg selbst rund 1300, in Hohensalza (Jnowrazlaw) 900, in Gnesen 700 und in Schneidemühl nicht ganz 600 jüdische Seelen. In allen anderen Städten schwankt die Zahl der jüdischen Bewohner zwischen 400 und unter 100. Es handelt sich hier um eine biedere und hochintelligenet Bevölkerung. (Die Pogrome in der Ukraine.) Die Schäden in der Ukraine lassen sich vorläufig nicht feststellen. Ueber 300 Dörfer sind vollkommen zerstört, bei den Pogromen kamen über 30.000 Juden ums Leben. (Fortsetzung auf Seite 7.)