Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 41 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Jüdische Korrespondenz Seite 3 und Amboß geraten, Gegenstand gegenseitiger Werbung, Anfeindung und Verfolgung sein. Das Schlagwort von der „Neutralität" ist ebenso sinn- und haltlos, wie jedes Schlagwort, das den realen Tatsachen keine Rechnung trägt. Friedlich nebeneinander ruhen die Gedanken, aber hart aneinander stoßen die Tatsachen. Die Juden an Ort und Stelle würden dann tagtäglich vor Entscheidungen gestellt werden,, denen man mit der Ausrede von der Neutralität nicht wird ausweichen können. Während des Provisoriums wird das Land nicht zur Ruhe kommen und die Juden würden, wie gewöhnlich, am stärksten darunter zu leiden haben. Und noch etwas: Wir. unterschätzen keineswegs die Schwierigkeiten und die Komplikationen der Judenfrage in Polen. Aber schließlich wird ein „modus vivendi“ gefunden werden müssen und gefunden werden, uni ein friedliches Zusammenleben und Nebeneinanderleben von Juden und Polen möglich zu machen. Bleibt aber das Schicksal Ostgaliziens eine offene Frage mit einer nach 15 Jahren vorzunehmenden Abstimmung, wobei den Juden eine wesentliche Rolle zukommen würde, dann müßten die fortgesetzten Reibungen und Spannungen zwischen Juden und Polen in Ostgalizien auf das beiderseitige Verhältnis im ganzen polnischen Staate ungünstig rückwirken und dasselbe nachteilig beeinflussen. Darunr muß vom jüdischen Standpunkte gesagt werden: Wie immer die Entscheidung über das Schicksal Ostgaliziens ausfallen möge: nur. kein Provisorium! Das wäre die unglücklichste Losung, die getroffen werden konnte. Das Teschener Problem ist weniger ernst, da die Zahl der in Betracht kommenden Juden nicht so groß ist. Immerhin spielt ihr Votum auch hier angesichts der nicht übermäßig großen Spannung zwischen den polnischen und den tschechisch-deutschen Stimmen — nur dann hätten die Tschechen Aussicht aus Erfolg, falls die Deutschen geschloffen mit ihnen gehen — eine wichtige Rolle. Im Bewußtsein dessen, haben die Tschechen mit einer intensiven Werbearbeit eingesetzt, den Juden werden „tzoldene Berge" versprochen, wenn sie nur für die Tschechoslowakei votieren würden. Wir wollen auch da die prinzipielle Seite der Frage nicht näher erörtern. Allein, wenn die Tschechen so freigiebig mit Versprechungen sind, so mögen sie an die Vorgänge in der Slowakei erinnert werden, wo die Pogrome, die Verfolgungen und Drangsalierungen der Juden eine tägliche, nicht von der Tagesordnung verschwindende Erscheinung sind, sowie an die antisemitische Hetze in Böhmen und Mähren, an die Exzesse in Prag, Brünn und mehreren Provinzstädten, mit einem Worte an die überaus unsichere und triste Lage der Juden in der jungen, mit so viel Emphase ins Leben getretenen Republik, die keineswegs dazu geeignet ist, die Juden zu veranlassen, sich für die tschechische Sache in Teschen zu exponieren. Der tschechische „Engel" ist beileibe nicht so rein, wie gewisse Agitatoren vorzuspiegeln belieben. Den hohlen Versprechungen stehen die harten Tatsachen gegenüber. Adas Iisroel (Gchiffschul). Wien, ll.. Große Schiffgasse 8. Die ordentliche Generalversammlung findet am 16. Marcheschwan 5680 (9. November 1919), um 10 Uhr vormittags, im Beth Hamidrasch, II. Große Schiffgasse 8, 1. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Mitteilungen des Vorsitzenden. 2. Rechenschaftsbericht und Rechnungsabschluß für das Jahr 1918. 3. Bericht der Revisoren. 4. Festsetzung des Mitgliedsbeitrages für das nächste Jahr. 5. Wahl der Revisoren. 6. Allfällige Anfragen und Anträge. Die letzteren müssen nach Bestimmung der Statuten spätestens 3 Tage vor der Generalversammlung dem Vorstande zur Kenntnis gebracht sein. Die Adas Iisroel .versandte ihren Jahresbericht für das Jahr 1918. Mit knappen Worten bespricht derselbe die mannigfaltigen Gebiete der Vereinstätigkeit, die unter dem Druck der allgemeinen Verhältnisse standen. Sie bezieht sich auf das ganze Gebiet des jüdischen Lebens. in religiöser und charitativer Richtung. Hervorgehoben sei die Frühstücksaktion, die Arbeit des Kriegshilfskomitees, ferner die Sammlungen für die Pogromopfer, die Fürsorge für die Palästinaflüchtlinge, die Teilnahme an der Aktion „Kinder aufs Land" usw. Der Verein hat nach verschiedenen Richtungen sich bemüht, koschere Nahrungsmittel zu beschaffen. Ganz ungewöhnliche Bemühungen waren erforderlich, um die Mazzesbeschaffung nicht nur für den Verein, sondern für ganz Wien dürchznführen. Den Unterrichtsanstalten, die völlig umgestaltet wurden, wurde große Sorgfalt zugewendet. Im Berichtsjahre wurde das Haus, Große Schiffgasse 10 (neben dem bisherigen Bethause) augekauft, um den Platz'zum Umbau der Synagoge zu erhalten. Aus dem Ziffernbericht sei hervorgehoben, daß das Kassenrevirement die stattliche Summe von K 461.170 40 ausmacht, welchem Betrage noch K 10.616 — für das Kriegshilfskomitee, etwa K 30.000 — Erhaltungskosten für die Jesod Hathorah und ein ansehnlicher Betrag für das Beth Hamidrasch zuzuzählen sind. An Bethausspenden gingen K 110.708 42 ein, das Ergebnis aus den Sammelbüchsen ibeirägt K 7330 94, der Pessachsammlung K 3261'—, der Sitzmiete K 29.015 60 und so weiter. Für Gehalte und Pensionen wurden K 56.000'—, für Haschgachah K 17.000 — ausbezahlt. An Subventionen und Spenden an verschiedene Vereine wurden K 40.000'— verausgabt. Der Stand des Bethausbaufonds zu Jahresschluß betrug K 45.332 —. Die Anzahl der Mitglieder am Ende des Jahres war 452. Antisemitendummel Nr. r. Der „Bummel" gegen die Ostjuden in Wien hat seine Fortsetzung gefunden. Gleichwie am vorigen Sonntag veranstalteten die Äeutschnationalen auch am 2. November wieder einen Bummel auf dem Franz Josef-Kai von der Stephanie- bis zur Ferdinandsbrücke. In losen Gruppen kamen sie einige hundert Mann stark und gingen aus dem Asphalt längs des Vorkais auf und ab. Galizische Juden im Kaftan, die sich in die Schar der Promenierenden verirrten, wurden mit lautem Hallo angegriffen und hie und da mißhandelt. Sicherheitswache schritt in allen diesen Fällen ein. Das „Cafe Residenz", das zu Beginn der Promenade offen geblieben war, wurde im Laufe des Vormittags gesperrt. Gegen Gäste des „Hotels Metropole", die von den Fenstern und dem Balkon aus den bewegten Straßenszenen zusahen, wurden drohend Fäuste und Stocke erhoben. Die Brücken gegen die Leopoldstadt waren geschützt, und ein starkes Aufgebot von Sicherheilswache zu Fuß und zu Pferd und Stadtschutzwache sorgte dafür, daß die Massen in Fluß blieben und sich nicht sammelten. Der Korso dauerte etwa eine Stunde. Bei den Brücken sammelten sich immer wieder bei der Umkehr Gruppen an. Um die Mittagsstunde ging die Wache etwas energischer vor, um der Kundgebung ein Ende zu bereiten. Die in geschloffenem Zuge, aber lose Promenierenden wurden ersucht, sich in kleine Gruppen zu zerteilen, und die Menge wurde so ziemlich von der Kaipromenade weggebracht. Bei den Szenen sind einige Arretierungen vorgenommen worden. Ein kleiner Trupp, der zwischen dem Gitter des Vorkais und dem Kaipark gegen die Augartenbrücke weiterzog, von berittener Wache begleitet, erreichte den Schottenring. Er kam beim Cafe Adler vorbei und demonstrierte auch dort. Aus der Mitte der Demonstranten wurden sogenannte „Frosche", Feuerwerkskörper gegen den Boden geworfen. Sie explodierten mit einem Geräusche, das wie Schüsse klang. Wache zu Pferde ritt jetzt vor und drängte die Demonstranten gegen das Schottentor, wo sie sich endgültig zerstreuten. _ Das neue Sremdengesetz in England. Das Jüdische Korrespondenzbureau in London berichtet: Das englische Parlament hat am 23. Oktober das Fremdengesetz der dritten Lesung unterzogen. Bekanntlich haben reaktionäre Elemente bei den letzten Parlamentswahlen. welche ^ur Zeit der Beendigung des Krieges stattsanden, die öaßgesühle des Pöbels gegen alles Fremde, die durch den Krieg sehr gesteigert worden waren, ausgenützt, um in der breiten Oeffentlichkeit die Empfindung zu erwecken, daß eine