Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 41 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 41 Nun können die zionistischen Führer für die Verschleppung der Entscheidung über das Schicksal Palästinas nicht verantwortlich gemacht werden; aber so viel Mut sollten sie doch aufbringen, der Oeffentlichkcit reinen Wein einzuschenken, anstatt die R, W. zu mobilisieren und Rabbiner und Abgeordnete zu strapazieren, um den Volksmassen das Durchhalten zu predigen, jenes „Durchhalten", das gerade auf dem Wiener Boden so diskreditiert ist. In Wirklichkeit ist der gegenwärtige Stand der Palästinafrage keineswegs günstig. Wir haben der Balfourschen Deklaration nie ein großes Gewicht beigelegt. Er selbst hätte sich auch nicht gescheut, daran zu „vergessen", wenn es das Interesse des englischen Imperialismus gefordert hätte. Aber zumindest war er durch sein Wort bis zu einem gewissen Grade gebunden. Nun ist er zurückgetreten und Lord Cecil nimmt seine Stelle ein. Es gehört nun eine Mutwilligkeit dazu, versichern zu wollen, Cecil werde die Palästinapolitik Balfours getreu fortsetzen. Cecil ist der energischeste Exponent des englischen Imperialismus; die Sicherung des Landweges nach Indien war und ist sein Lebensideal. Viel stärker als Balfour wird Cecil seine Hand auf Palästina legen wollen; viel intensiver als seine Vorgänger um die Gunst der Araber buhlen, die sich ja mit Händen und Füßen gegen die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina wehren. Daran können seine Gelegenheitserklärungen nichts ändern. Wer auf die Führung eines Volkes Anspruch erhebt, muß es mit der Wahrheit doch etwas genauer nehmen. Mit dem Feiern exotischer Gedenktage kommt man nicht übers Wasser. Wie es in Wirklichkeit um die Palästinasache bestellt ist, zeigt die Meldung einer für die Zionisten sicherlich verläßlichen Stelle, des zionistischen Bureaus in Kopenhagen, wonach Bonar Law im englischen Unterhause erklärt habe, es stehe noch gar nicht fest, was das Schicksal der ehemaligen türkischen Gebiete sein wird und welche Gebiete unter englischer Oberherrschaft stehen werden. Anderseits mußten Frankreich in der Syrienfrage weitgehende Konzessionen gemacht werden. Man sieht, zum Feiern des Verheißungsgedenktages ist noch Zeit genug. * Für das Verhalten der Araber ist wieder folgendes charakteristisch: „Algeemeen Handelsblad" in Amsterdam bringt den Bericht eines aus Holland nach Palästina ausgewanderten Vorkämpfers des Zionismus, Jacob Israel de Haan, über eine Unterredung, die er mit Azef Pascha El Dajani, einem der bekanntesten Araberführer und Todfeind der Zionisten, hatte. Er schreibt über seinen Besuch in der Höhle des Löwen: „Seine Exzellenz ist Präsident einer „Vereinigung mohammedanischer und christlicher Araber"; die Vereinigung verfolgte früher nur Unterrichts- und Wohltätigkeitszwecke und w8r damals rein mohammedanisch. Seit der Besetzung durch die Engländer hat eine Verschmelzung mit christlichen Vereinen stattgefunden mit dem Ziel der Verteidigung des Landes. „Gegen uns?" frage ich lächelnd. „Aber gewiß", sagte der Pascha. Er will nichts wissen von einem jüdischen Staat oder etwas ähnlichem in Palästina. Er ist auch gegen die Einwanderung von Juden hierher. , Die Wxdbev werden die Einwanderung mit Gewalt verhindern. Er bestreitet auch unsere historischen Ansprüche auf Palästina. Wenn wir ein Recht haben auf Palästina, dann haben die Araber ein Recht auf Spanien. Ich wendete ein, daß die Araber sich nicht im Geiste so an Spanien festgeklammert haben, wie wir an Palästina und Jerusalem. „Außerdem besitzen die Araber ein Territorium von Marokko bis Mesopotamien. Wir haben nichts." Azef Pascha bestreitet also in erster Linie unsere historischen Rechte. Und betont weiter: „Es wohnen in Palästina eine Million Araber und ungefähr 300.000 Beduinen. Ihnen stehen nur 65.000 Juden gegenüber, davon höchstens ein Drittel, deren Eltern im Lande geboren sind. Darf eine so kleine Minderheit herrschen? Ist das dem Selbstbestimmungsrecht der Völker gemäß?" Und ich: „In der Tat trifft dieses Prinzip auf Palästina nicht zu. Aber das Land wird nicht gefordert für die Juden, die dort wohnen, sondern für alle 13 Millionen Juden der Erde. Diesen gegenüber sind die Araber des Landes weit in der Minderzahl." „O," sagt wiederum der Pascha mit tödlichem Wohlwollen, „wenn Sie mit Ihren 13 Millionen Juden kommen, so komme ich mit 350 Millionen Mohammedanern, die alle Gegner eines jüdischen Staats in Palästina sind, während die Juden sich nur zum Teil dafür einsetzen." Der Pascha gibt mir die Versicherung, daß die Mohammedaner hierzulande die Hilfe der Mohamruedaner Aegyptens und Indiens anrnfen werden, um England zu veranlassen, die Balfour-Deklaration zu widerrufen, oder sie doch wenigstens so lückenhaft auszuführen, wie es der vage Wortlaut nur gestattet. Der Pascha bringt noch einige Zahlen: Die Juden besitzen nur 500 Quadratkilometer, das ist ungefähr eineinhalb Prozent der Gesamtoberfläche Palästinas, zweieinhalb Prozent des urbaren Bodens. Ich antwortete, daß wir gerne mehr erhalten möchten, aber daß man uns immer daran gehindert hat. Der Verein hat der Friedenskonferenz ein Memorandum überreicht. Seine Forderungen sind: ein integrales Syrien, vom Taurus bis Aegypten. England wird dieses integrale Syrien nicht gerne in den Händen Frankreichs sehen und umgekehrt. Es wurde darum in dem Memorandum verlangt: entweder völlige Autonomie, zu der sich die Araber vollkommen fähig erachten, oder wenn das nicht gehen sollte: ein amerikanisches Mandat. Sie werden, sobald sie autonom sind, die jüdische Einwanderung verbieten. Werden sie erst später autonom und sei es nach Jahren, so werden sie ein Gesetz erlassen zur Entfernung aller Juden, die seit dem Weltkrieg ein gewandert sind. Ich sage: „Nur zu!" „Jawohl", sagt der Pascha, „wir wollen lieber sterben als einen jüdischen Staat hier zu sehen". Ich frage, warum er die Einwanderung so sehr bekämpft? „Aus-diesem Grunde: die Juden sind reich, gut unterrichtet, tüchtig im Handel. Dagegen kommen die Araber nicht auf. Erst wenn die Araber, denen jetzt auch viele neue Möglichkeiten gegeben sind, den Juden ungefähr gewachsen sein werden, erst dann kann von einer Einwanderung die Rede sein." Ostgalizien, Teschen und die Juden. Zu den Fragen, die die Friedenskonferenz bisher keiner definitiven Lösung zugeführt hat, gehören Ostgalizien und der Teschener Kreis im ehemaligen österreichischen Schlesien. Ueber das Schicksal Ostgaliziens, auf welches sowohl die Polen als auch die Ukrainer Anspruch erheben, verlautet, daß dortselbst ein 15 jähriges Provisorium eingeführt werden sollte. Während dieser Zeit soll das Land unter Zuerkennung einer breiten Autonomie unter polnischer Herrschaft stehen. Nachher soll eine Volksabstimmung über die definitive Zugehörigkeit desselben entscheiden. Für Teschen ist schon jetzt eine Volksabstimmung darüber augeordnet worden, ob der Kreis Polen oder der Tschecho-Skowakei einverleibt werden soll. Sowohl die Entscheidung über das Schicksal Ostgaliziens, als auch die Abstimmung im Teschner Kreis tangieren wesentlich die jüdischen Interessen. Es muß daher zu diesen Fragen auch vom jüdischen Gesichtspunkte Stellung genommen werden — fteilich, ausschließlich vom jüdischen Gesichtspunkte. Die Frage, ob die polnischen oder die ukrainischen Ansprüche auf Ostgalizien stichhältiger sind, ob Teschen polnisch odertschechisch werden soll, soll hier nicht näher behandelt werden. Was Ostgalizien anbetrifft, so muß gesagt werden, daß die Festlegung eines Provisoriums vom jüdischen Gesichtspunkte geradezu als eine Katastrophe bewertet werden müßte. Die 15 Jahre des Provisoriums hindurch würde das Land für die Juden eine wahre Hölle sein. Polen wie Ukrainer, die schon jetzt die jüdischen Stimmen für sich reklamieren, würden dann ihre Bemühungen und Anstrengungen verdoppeln und die Juden werden es keiner Volksgruppe recht machen. Sic würden zwischen Hammer