Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-11-07 · 41 (7.11.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
41 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495455--1109-3497004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bezugspreis: Ganzjährig K 24, halbjährig K12, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Organ für die Interessen des | orthodoxen Judentums. i Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Ni*. 41 Wien, 14. Marcheschwan 5680, 7. November 1919. V. Jahrgang. Oie Jugendstische des alten Judentums. (Betrachtungen von P. ^1-) „Maasse aboth ssimon Iebanim.“ Wie es den Ahnen erging, so ergeht es auch ihren Nachkommen, vorausgesetzt, daß auch die Taten der Ahnen von den Nachkommen nachgeahmt werden. Ist dies der Fall, so können die Nachkommen damit rechnen, daß ihnen das Schicksal ihrer Vorfahren beschieden sein wird. Abraham war 100, Sara 90 Jahre alt, als die drei Engel ihnen die Verheißung der Geburt Jizchaks überbrachten. Mit einem wehmütig lächelnden Skeptizismus warf Sara die Frage auf: „Achre belaussi hajso li edna?“ „Nachdem ich verblüht bin, soll mir noch Jugendfrische zuteil werden!" Aber der Ewige tut diese Zweifel mit der Erklärung ab: „Hajipole mehaschem dawar?“ Bei Gott ist alles möglich. Und siehe: »Wahaschem pakad es Sara kaascher amar.“ Zur Jahresfrist ging die Verheißung in Erfüllung. Die Wiederkehr der Jugendfrische bei Abraham und Sara ist symbolisch für ihre Nachkommen, die Söhne Israels. Wie oft. hörten wir die verzweifelte Frage: Kann dieses alters- ÄÄMe ..Volk/noch, leben., und wirken? Ist es nicht auf das verdorrt? Fristet es denn sein Dasein nicht nur noch kraft der Erinnerungen an seine Glanztage, an die Perioden der Herrlichkeit, der Macht und des geistigen Aufblühens? Kann nach dem Verblühen und Verwelken seine Jugendfrische noch wiederkehren? Wie oft waren wir Ohrenzeugen dieser skeptischen Fragen? Ja, selbst diejenigen, die Vorgaben, die Erhaltung und Verjüngung des Volkes anzustreben, meinten: mit den alten Lebenssäften ist es nun einmal vorbei! Mit dem Buche der Bücher allein, mit dem Talmud und dem Schulchan-Aruch, mit der Tradition und mit alten Gebräuchen wird der Verfall nun einmal nicht aufzuhalten sein — ein neues, moderneres Lebenselixier muß in die verdorrten Knochen hineingeträufelt werden. Das religiöse Judentum ist zum Absterben verurteilt — es lebe das nationale Judentum! Die Narren! ,»Hajipole mehaschem dawar!“ Das Wort „unmöglich" fehlt im Wörterbuche des Ewigen. »Henika banim Sara.“ Nicht bloß Jizchak zur Welt gebracht hat Sara, sondern die Nachbarinnen, die eine Mystifikation vermuteten, brachten Sara ihre Säuglinge und sie stillte sie der Reihe nach, damit die Welt die Ueberzeugung gewinne: »Abraham haulid es Jizchak!“ Das neue Leben, das zur Wtlt kam, es war die Frucht Abrahams,. Geist von seinem Geiste, wie Blut von seinem Blute. Auch, der alte jüdische Geist hat nichts von seiner Frische eingebüßt; seine Säfte sind keineswegs vertrocknet. Noch ist es ihm beschieden, den Völkern eine Leuchte zu sein und Israel ein Wegweiser, „mekaur majim chajirn“, ein Quell lebendigen Wassers, der nie'versiegt. Das „neue Judentum", das heute so oft gepredigt wird, kann nur dann echt sein, wenn es außer der Blutkontinuität auch eine Geisteskontinuität aufzuweisen haben wird. Alles andere ist leerer Wahn. »Ei lau jirasch ben haama hasaus im beni im Jizchak!“ Auch Jischmael war Blut von Abrahams Blut, Fleisch von seinem Fleische — aber der Geist fehlte — und deswegen konnte er der richtige und gleichwertige Erbe jener hehren Schätze nicht sein, die der Erzvater des jüdischen Volkes seinen Nachkommen zurückznlassen hatte. »Ki bejizchak jikore loch sera!“ Nach der Rassentheorie war Jischmael sicherlich der vollwertige Erbe, das nattonale Kriterium fehlte ihm keineswegs, ebenso wie es eine Generation später dem Bruder Jaakows, Essau, nicht abgesprochen werden konnte. Aber nicht die Rasse allein tuts, nicht das Blut und nicht die Sehnen, sondern der Geist, der reine, die Heiligkeit der Gotteserkenntnis. „Hajadaim jedej Essau“ — aber „hakaul kaul Jaakow!“ Das physische Moment ist nicht entscheidend; der Stimme, die die Gefühle, das Sinnen und Denken zum Ausdruck bringt, kommt die wahre Bedeutung zu. Die Söhne Jischmaels und Essaus sind sicherlich unsere Rassenbrüder, aber sie gehören nicht zu uns, weil ihnen der Geist fehlt, der unser Dasein bildet und ausfüllt. Freilich, mit dem Bekenntnis zum Geiste Abrahams und Jizchaks allein ist es nicht getan. Achad hadebarim hoele we-hoclekim nissa es Abraham! Mit bloßem Bekenntnis allein ließ sich der Ewige auch unserem Erzvater gegenüber nicht begnügen. Zum zehntenmal legte er ihm eine Prüfung aus, die härteste und schwerste von allen. Abraham aber und auch Jizchak bestanden die Prüfung, sie lieferten den Beweis ihrer Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit — dann erschien .ihrmu,^.^.Mte Gottes Uhd^verNndete ihnen die neue Verheißung. Auch die Nachkommen des Erzvaters rönnen mit dem bloßen Lippenbekenntnis ihren Pflichten nicht gerecht werden. Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit für das wahre Judentum nach jeder Richtung hin, gegenüber allem und jedem — das muß unsere Parole sein! Dann wird sich auch an uns der Satz bewähren: »Achrej belauthi hajso li edno.“ Maasse aboth ssimon lebanim. _ Ben-Zwi. „Verhnßrmgs"-Gedenktage. (Zur Palästinafrage.) ' Jedes Volk begeht feine historischen Gedenktage. Freudige Ereignisse werden gefeiert, traurige Vorkommnisse betrauert. Das jüdische Volk trauert am 1. Äb, es jubelt und illuminiert am Chanukka und rauscht vor Freude auf am Purim. Freilich, dieser letzte Gedenktag hat im abgelaufeuen Jahre keine Gnade vor den Augen des Herrn R. W. in dem Wiener Zionistenblatt gefunden. Die jungen Juden feiern Purim nicht! — hat er dekretiert. Dafür aber begeistert er sich furchtbar für einen anderen Gedenktag — chadaschim nükeraum bou, lau scheurim awaussenu — für den .. . „2. November", den Jahrestag der Balfourschen Deklaratton, mittelst deren die Errichtung eines jüdischen „national Home“ (über die eigentliche Tragweite dieser Worte, ist man sich bis heute nicht im klaren) verheißen wurde- -Dieser 2. November (man merke, nicht einmal das jüdische Datum wurde für den „Feiertag" gewählt) soll nun ein historischer Gedenktag werden, den man »bechol tefizaus Jisroel“ feierlich begehen soll. Verheißungen zu feiern, Versprechungen, deren Erfüllung zumindest nicht ganz sicher ist, ist etwas neues bei unserem Volke. Unsere Geschichte weiß gar nicht davon zu berichten, daß der Gedenktag der denkwürdigen Koreschschen Proklamation jemals gefeiert würde, und die Koreschsche Proklamation bedeutete sicherlich etwas mehr und war greifbarer als die Deklaration Balfours. Die Proklamierung des Verheißungsgedenktages verfolgt sicherlich den Zweck, die infolge der Mißerfolge der zionistischen Politik etwas gedrückte Stimmung ein wenig aufzupulvern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.