Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 40 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 40 Sein Geist wird über uns schweben, sein Andenken uns stärken im Streben zur Vereinigung aller Kräfte im Dienste Gottes, der Thauroh und Jisroels. Seine im Druck erschienenen Werke: Ajin Ponim Latauroh, Lekach Tow, Asswon Deaurajtho, Zijoim Latauroh, Bes Hoauzar (2 Teile), Gewanas Schomajim, Ben Pauros (2 Teile), bedeuten eine erstklassige Bereicherung des jüdischen Schrifttums. Es wäre zu wünschen, daß die Freunde des Verblichenen die Mittel beschaffen, seine hinterlassenen Werke, von besonderem Wert die Glossen zum ganzen Talmud Babli, den er, wie den Jeruschalmi vollkommen beherrschte, durch den Druck der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. * Sonntag, am 2. Marcheschwan, fand das Leichenbegängnis statt. Die orchodoxe Jugendgruppe hatte die Totenwache besorgt und um 8 Uhr fand im Trauerhause die Taharoh statt. Eine unübersehbare Menschenmenge hatte sich eingefunden. Die Bahre wurde zum Bethause „Beth Israel" geleitet, wo ein Hesped abgehalten wurde. Alsdann wurde der Sarg in die Schiffschul vor den Oraun Hakaudesch gebracht, wo Herr Rabbiner Fürst, selbst tiefergriffen über den Verlust seines intimen großen Freundes, dessen Größe auf allen Gebieten jüdischen Wissens, seine ethische Vollendung, sein reiches Wirken in erschütternden Worten würdigte. - Redner bat, im Geiste des großen Toten die Einigkeit und Vereinigung aller Orthodoxen anzustreben. Herr Rabbinats-Assessor Baumgarten ergänzte diese Würdigung in ergreifenden Worten. —‘ Kein Auge blieb tränenleer. — Biele tausende Jereiim begleiteten den Trauerzug. Auf dem Friedhofe hatten sich viele Hunderte Leidtragende eingefunden, die dem großen Toten die gebührende Ehre erweisen wollten. Hespedim hielten die ehrwürdigen Rabbiner von Brody, Buczacz, Sokolow, Starysambor, Bohorodczany uni) Herr I. I. Thumim, Präsident der „Agudas Jisroel". Die Redner schilderten in bewegten, aus überquellenden Herzen kommenden und tief zu Herzen gehenden Worten die Größe des Dahingeschiedenen, den sie als den Ersten unter den Großen Israels bezeichneten, Herr Thumim forderte im Sinne des Niphtar auf, die „Agudas Jisroel" durch Beitritt und Mitarbeit zqm Zentrum der Weltorthodoxie auSgeftalten. Der Schwiegersohn des Verblichenen teilte den Trauernden den letzten Wunsch des Dahingeschiedenen mit, daß seine Werke in Druck gelegt werden. Eine Zeichnung am Grabe ergab einen ansehnlichen Betrag für diesen Zweck. Herr Vortrefflich, der den Verstorbenen während seiner Krankheit gepflegt hatte, sprach einige bewegte Worte. Des Samstags halber konnte das große jüdische Publikum nicht verständigt werden. Die Morgenblätter würdigten die Größe des Verblichenen, was aber nicht genügte, die nichtorthodoxen Kreise zur Teilnahme an der letzten Ehrenbezeugung ffnr diesen Erlöser in Israel zu veranlassen. Sämtliche Wiener und in Wien anwesenden orthodoxen Rabbiner und Großrabbiner, der Gesamtvorstand der Schiffschul, freien Vereinigung, Thovah Ez Chajim und Vertretet' vieler orthodoxen Vereine sowie Herr Amtsleiter W. Freistadt nahmen an dem Leichenbegängnis teil. Seetter Zaddik liwrocho. Die „weggememschaft" ZMcker-Lunschat. (Von besonderer Seite.) Um Mißverständnisse zu verhüten, erklären wir rundweg, daß wir die Juden als eine Nation auffassen, mit einer nationalen Vergangenheit und Zukunft, mir einem nationalen Eigenleben und mit allen Kriterien des Nationalismus — freilich als eine Gottesnation, für welche das religiöse Moment das Hauptkriterium bildet und welche unabhängig von allen äußeren Formen ist. Gerade deswegen, weil wir das nationale Moment im Judentum voll und ganz bejahen, glauben wir über das Vorgehen unseres „Ben-Jachid", des „einzigen jüdischen Vertreters" in der österreichischen Nationalversammlung frei urteilen zu dürfen. Dieses Urteil kann aber keineswegs zugunsten des Herrn Stricker ausfallen. Im Gegenteil. Von den diversen Entgleisungen, die diesem „Volkstribun" passierten, ist seine Entgleisung gelegentlich der Diskussion über das Volkszählungsgesetz wohl die allerschlimmste. Man bedenke: Wien ist gegenwärtig der Schauplatz einer wüsten antisemitischen Hetze, welche nach keiner Richtung den „Glanzzeiten" der Schneider und Gregorig nachsteht. Es fehlt nur noch der Antrag auf Einführung des berüchtigten „JudenschußgeldeS" — vielleicht kommt auch dies noch —; die Herren Kunschak und Genossen veranstalten Pogromhetzen, antisemitische Straßenbummel und propagieren offen die „Abwehr der Tat". Ihr Hauptargument ist die nationale Fremdheit der Juden und als Palladium gegen alles „Judenunheil" proklamieren sie die Erklärung der Juden als eine eigene Nation, und in Konsequenz dessen die Anlegung eines Judenkatasters und Schaffung einer eigenen Judenkurie für alle Wahlen in die staatlichen und autonomen Vertretungskörper; Ausschluß der Juden von der Bekleidung eines Amtes als Mitglied der Staats- oder Landesregierung, Schaffung eines jüdischen Staatsamtes (Landsmannministeriums); Zulassung der Juden zum Staats-, Landes- oder Gemeindedienst nur. nach dem Verhältnis ihrer Volkszahl; Ausschließung der Juden vom Lehramt an allen deutschen Volks-, Bürger- und Mittelschulen, sowie Lehrerbildungsanstalten; Errichtung eigener jüdischer Volks-, Bürger¬ und Mittelschulen, sowie Lehrerbildungsanstalten; Zulassung der Juden als Hörer an allen höheren Lehranstalten nur im Verhältnis zu ihrer Volkszahl usw. In der Nationalversammlung unterbreiten die Gimpl, Waber und Genossen einen Antrag, bei der bevorstehenden Volkszählung die Juden als besondere Nation zu bezeichnen und sie gleichzeitig.als Fremdnattonale von der Volkswehr auszuschließen usw. In einem solchen Moment kommt der Jude Stricker und bietet Kunschak und Waber die Weggemeinschaft an. Arm in Arm wollen sie die Erklärung der Juden als eigene Nation durchsetzen — Stricker wohl mit der löblichen Absicht, auf diesem Wege seinem Parteiegoismus am besten zu dienen, Kunschak und Waber in der Entschlossenheit, dadurch die Gleichberechtigung der Juden zu sabotieren und sie als Fremdelement unter Ausnahmsgesetze zu stellen. Eine schöne Weggemeinschast: die Koalition zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten ist ein Lichtpunkt dagegen. Die Koalition bezweckt zumindest die Ermöglichung einer polittschen Weggemeinschaft für eine bestimmte Zeit und für ein bestimmtes Programm. Die Weggemeinschaft Stricker-Kunschak muß jedoch in die Brüche gehen, sobald es ihnen gelungen sein wird, das gemeinsame Ziel zu erreichen. Was aber dann? Wird Stricker dann die Kraft besitzen, seinen Weggenossen von gestern in den Arm zu fallen und daran zu hindern, auch ihr weiteres Programm in die Tat umzusetzen? Kann ein Mensch mit gesunden Sinnen glauben, daß der euphemäre Minoritätschutz ausreichen werde, die Juden vor Entrechtung zu schützen? Der Völkerbund lebt heute bloß auf dem Papier und wer weiß, ob ihm jemals ein realeres Leben beschicken sein wird. Die Entente, die heute in Wien gebietet, ist ein höchst zerbrechliches Ding, morgen kann von ihr nur noch Staub und Schutt Zurückbleiben. Wer wird dann für. die Einhaltung des Minoritätschutzes eintreten, wenn die Kunschak und Genossen in Wien gebieten werden? Die Behauptung Strickers und seiner Freunde, daß die Anerkennung der Juden als eigene Nation die Lösung der Judenfrage vereinfachen und erleichtern wird, ist bewußte Irreführung oder Selbstbetrug. Die Ereignisse in der Tschecho-Slowakei haben dies zur Genüge erwiesen. Feierlich haben die Machthaber in Prag den sogenannten „Jüdischen Nationalrat" als den einzigen Vertreter und Wortführer der Judenschaft anerkannt, was weder die Pogrome in der Slowakei, die Hetze in Prag und die Exzesse in Böhmen und Mähren verhindert, noch die Regierung davon abgehalten hat, mit den jüdischtschechischen Assimilanten zu liebäugeln und ganz offen die Assimilation der Juden zu fordern. Nur der Parteiegoismus unserer Nattonalisten kann durch derartige Dinge, wie sie Stricker anstrebt, auf seine Rechnung kommen. Die Gesamtheit aber wird die -Kosten bezahlen.