Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 40 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K24, halbjährig K12, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Organ für die Interessen des liidentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. 88r. 40. Wien, 7. Sfiarcheschwan 5680, 31. Oktober 1919. V. Jahrgang. Lhaffam Zzofer sichraunau liwrocho. Vor wenigen Tagen jährte sich zum achtzigsten Male die Jahrzeit des in der ganzen Judenschaft beider Hemisphären berühmten Oberrabbiners Moses Szofer von Preßburg. In althergebrachter Weise nahm die ganze orthodoxe Gemeinde an der Jahrzeitfeier teil. Es dürfte angezeigt sein, in unserer an wirklich großen Männern leider so armen Zeit das Wirken dieses hervorragenden Mannes zu würdigen, dessen segensreicher Einfluß auch noch in der Jetztzeit, nach nahezu einem Jahrhundert, sich geltend macht. Was Rabbi Jochanan Ben Sakkai seit achtzehnhundert Jahren für die ganze Judenheit ist, das wurde Rabbi Moses für die Judenschaft Mitteleuropas und darüber hinaus. Sprößling einer alten Familie von Talmide Chachamim in Frankfurt am Main, dieser seit vielen Jahrhunderten hervorragenden Musterkehilloh, wurde er schon als Kind zur Heiligkeit erzogen. Angeborene Herzensgüte und Bescheidenheit machten ihn zum Liebling aller Welt. Mit einer glänzenden Auffassungsgabe' vereinigt er echt deutsche Gründlichkeit und eine grenzenlose Arbeitslust, die ihn 18 Stunden im Tage lernen ließ. Diese herrlichen Eigenschaften kamen zur vollsten Entwicklung zu Füßen zweier Lehrer, wie seine Zeit keine größeren aufznweisen hatte. Rabbi Pinchas Horowitz und Rabbi Nathan Adler, der Chossid Schebekehunah. Deren Schule, sein Fleiß machten ihn mit achtzehn Jahren bekannt als bedeutenden Talmudisten. Volle sechzig Jahre, bis zu seinem Ableben, verfehlte er keinen Tag mit Schülern zu lernen; selbst Kolnidrenacht lehrte er. (Nur der 9. Ab bildete eine Ausnahme.) Wie er nnt seinen Schülern lernte, wie er bemüht war, ihnen vor allem echte Gottesfurcht, reine Menschenliebe einzuflößen, das könnten erschöpfend nur seine hervorragendsten Schüler schildern. Seine gewinnende Liebenswürdigkeit, seine Sorge um jedes Kind seiner Gemeinde, besonders aber um jeden seiner Schüler, erwarben ihm eine Liebe und Verehrung aller, die ihn kannten, die beispiellos war. Seine Schülerzahl stieg zeitweilig bis auf 8—900, so daß er vielen Tausenden Jüngern Meister und Lebensführer wurde. Jeder derselben wurde ein Pionier echter Jüdischkeit und noch heute lebt und webt sein Geist in Hunderttausenden fort. Seine Entscheidungen in religiösen Dingen wurden von aller Welt angerufen und sind auch heute noch maßgebend; seine Werke sind in aller Talmudgelehrten Hand und gehören vielleicht zu den meist konsultierten. Diesen weichen, mildherzigen Mann, dem Gott, Thauroh und Jisroel eine untrennbare Einheit bildeten, trafen die Reformbestrebungen wie ein Keulenschlag. Das Werk Gottes verunstalten, die Reinheit der Thauroh entarten, Jisroel seines heiligsten Gates berauben, ohne welches Jisroel seine Bestimmung verfehlt, ja unter den Völkern untergehen müßte, dieser Gedanke ließ ihm nicht Ruhe noch Rast. Im Vereine mit gleichgesinnten Großen, besonders Rabbi Akiba Eger und Moses Münz, nahm er den Kampf gegen die Neologie auf. — Dieser Mann, der jedem Sünder gegenüber nur' die Waffe der liebevollen Zurechtweisung kannte, der sein ganzes Volk mit heißer Liebe umfaßte, wurde zum unbarmherzigen Streiter für Gott und seine Thauroh. „Wer ist Weise? Wer die Zukunft voraussieht." „Der Weise steht höher als der Prophet." Lange kämpfte Rabbi Moses mit sich selbst, bis er sich zu der Erkenntnis durchzwang, daß die Milde, die man den Sündern aus Leichtsinn oder Leidenschaft gegenüber anweudeu muß, den Neuerern gegenüber nicht am Platze sei. Diese Erkenntnis zwang ihn zu der Entscheidung, „ich erkläre, daß wir sie aus unserer Gemeinschaft ausschließen müssen, auf daß sie nicht unsere Kinder anziehen und verderben" (Responsen 'VT., 81—91). Dieser Ausspruch aus dem Munde einer unbestrittenen Autorität, eines Mannes, dessen Liebe an jedem Partikelchen seines Volkes sprichwörtlich war, har seinen Freunden und Schülern den Weg gezeigt, der allein das Judentum erhalten hat, .trotz aller Gewaltakte der Reform, die oft scheußliche Gestalt annahmen. — Kein Kompromiß in Glaubenssachen; intensive Pflege der drei Säulen des Judentums: Lehre, Gottesdienst und Menschenliebe. Nur so kann das Judentum erhalten werden und werden wir würdig sein der großen Zeit, wo alle Völker der Erde nach Zion wallen werden, um sich zu beugen vor dem einigen einzigen Gott Jisroels. Rabbiner Iosef Engel ges. A. Wisset ihr nicht, habt ihr nicht gehört, daß ein Fürst, ein Großer in Jisroel heute gefallen. Auf die Lippen aller religiösfühlenden Juden Wiens drängte sich dieser Ausruf, als sich am jüngsten Samstag die Kunde verbreitete, daß Rabbiner Josef Engel (Krakau), der seit fünf Jahren in Wien einen Mittelpunkt des jüdischen Lebens bildete, iin Alter von nur sechzig Jahren verblichen ist. Der allergrößten Einer in unserer verwaisten Zeit, läßt er eine klaffende, nie ausfüllbareLückezurück. JnTarnow geboren, kam er in jungen Jahren nach Russisch-Polen, wo sich sein riesiges Wissen, seine Klarheit im Lernen rasch Anerkennung schaffte. Hervorragende Gelehrte fragten in Casual-Entscheidungen bei ihm an, so daß sein Name bald universell bekannt war. Ein durchdringender Geist, ein unermüdlicher Fleiß machten ihn in jungen Jahren zum Meister der Talmudgelehrtheit. Hier in Wien, wo sein schwacher Körper durch das ungünstige Milieu, die schwierigen Verhältnisse schwer litt, erregte er die Ver- und Bewunderung aller Nachbarn. Um 12 Uhr nachts, um 4 Uhr morgens war sein Lernzimmer hell erleuchtet. Seine reine Gottesfurcht, die Lauterkeit seines Charakters, sein scharfer Verstand, der Menschen auf den ersten Blick richtig beurteilte und für alles klares Verständnis hatte, machte ihn zum beliebten Richter und zum gesuchtesten Berater. Mit besonderer Freude begrüßte er die Gründung der „Agudas Jisroel". Der Gedanke, die ganze thoratreue Judeuschaft geeint und organisiert zu sehen, erfüllte ihn mit der frohen Hoffnung, daß der rapide Niedergang der Religiosität nunmehr aufgehalten werde und das ganze fromme Jisroel Zusammenwirken werde zur Ehre Gottes und seiner Lehre. — Das verderbliche Weltdrama, zu dessen schwer geprüften Opfern auch der edle Verblichene gehört, hat die Erfüllung dieser Hoffnung vertagt. — In Wien bemühte sich Rabbiner Josef, der dem Rabbinerrat der „Agudas" angehörte, alle strengfrommen Kreise zu vereinen. Besondere Liebe und Anerkennung brachte er der „Agudas Jisrol" entgegen, die er als den Krystallisationskern der Jüdischkeit in Wien bezeichnete.