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Jüdische Korrespondenz · 1919-10-24 · 39 (24.10.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
39 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 39 war. Kattowitz war der Uebergangspunkt der Bewegung, die Züricher Weltkonferenz der erste Stützpunkt, die Kenessio Gedaulo wird die Krönung der Vorarbeiten sein, die die Schaffung der ersten jüdischen Weltorganisation erforderlich machte, der jüdischen Weltorganisation, deren Seele der Inhalt des Judentums, die Thora, ist. Wolf L. Jacobson. (Schluß folgt.) Die Mitarbeit der Melier orthodoxe« Judenjchaft bei den Linderaktionen. Die 500 Kinder, welche vor Tischa-beab durch die Aktion der unter Führung von Frau Anitta Müller stehenden sozialen Fürsorge nach Holland gebracht wurden, sind einige Tage vor Rosch-Haschana heimgekehrt. Da in Holland ein sehr großer Teil der angebotenen Freiplätze streng rituell war, konnte sich an der Aktion auch die orthodoxe Judenheit Wiens beteiligen. Sie hatte ihre gut bewährten Vertreter sowohl bei der Einteilung der Kinder wie bei ihrem Transport und ihrer Uebergabe in Holland dabei gehabt. Auch bei der Heimtransferierung der Kinder haben sie mitgetan. Die Kinder kamen alle gut erholt — mit frischen roten Wangen, durchschnittlich mit 10 Pfund mehr Körpergewicht als bei der Ausfahrt und reichlich beschenkt, mit schönen Erinnerungen nach Haufe. Die gründliche Erholung und körperliche Kräftigung den armen orthodoxen Kindern, die am schwersten unter den Kalamitäten der Fleisch- und Fettversorgung zu leiden hatten, ermöglicht zu haben, ist der schönste Erfolg, den die Mitarbeit der Orthodoxie an der segensreichen Aktion der Frau Anitta Müller gezeitigt hat. Da aber der echte Jude hinter allen körperlichen Erscheinungen den Geist sucht, der sie trägt, ist es nicht uninteressant, die Mitarbeit der Orthodoxie von diesem doppelten Gesichtspunkte aus zu betrachten. Es ist nun überaus erfteulich, feststellen zu können, daß dieser zweite Gesichtspunkt den Erfolg der Kinderaktion noch größer und bleibender erscheinen läßt, zumal der geistige Gewinn nicht nur bei den Kindern sondern bei allen Teilnehmern der Aktion wahrzunehmen ist. Orthodoxe und Nurnätionaljuden, die sich in Versammlungen und in Zeitungsartikeln als die bittersten Gegner befehdeten, trafen sich hier, von edler Hilfsbereitschaft für das notleidende, unterernährte, in dumpfen Massenquartieren schmachtende Proletarierkind beseelt, zu segensreicher Arbeit zusammen. Guter Wille hat die Reibungsfläche verringert, die Schwierigkeiten, die sich anfangs ergeben haben, beseitigt und aus der Mitarbeit haben schließlich beide Parteien gewonnen. Die Orthodoxen haben moderne Arbeitsmethode und organisatorische Tüchtigkeit. Die Nurnational'en haben wiederum das Volk kennen gelernt, in dessen Namen sie zu sprechen, pflegen, das zu vertreten sie überall für sich in Anspruch nehmen. Für so manchen unter ihnen war es eine Ueberraschung, wenn nicht ein Aergernis, daß zur Charakteristik einer jüdischen Aktion und eines jüdischen Kinderzuges nicht bloß die blauweiße Fahne gehört. Man kam zur Erkenntnis, daß die Bewußtheit der Volkszugehörigkeit viel tiefer als äußerliche Abzeichen es je zu künden vermögen, in unserer Seele verankert ist durch die Jahrtausende alten Formen, von denen man sich nicht lossagen, kann ohne sich am Wesen des Judentums zu versündigen. Nebst der weiß-blauen Fahne, welche die Eigenart unseres Zuges nach außen hin bezeichnet^ kam seit Mitarbeit der strenggläubigen Judenheit auch die althergebrachte, die breiten jüdischen Massen zusammenhaltende und bestimmende Lebensweise zu ihrem vollen Rechte. Die Eigenart der jüdischen Küche wurde vor allem überall beachtet. Erleichtert wurde dieses Vorhaben durch den edlen Wetteifer der jüdischen Gemeinden des durchquerten Gebietes. Sie haben ergreifende und unvergeßliche Beweise ihrer jüdischen Solidarität und ihrer Liebe znm jüdischen Kinde geliefert. Auch im Zuge selbst kam das jüdische Leben voll zur Geltung. Die Gruppen, bei denen Minyan bar-mizva Jungen vorhanden waren, und solche waren drei bis vier, haben sich ftüh und abends zu Gottesdiensten zusammengefunden, wie es beim jüdischen Volke gebräuchlich ist. Viele von den ftommen Jungen haben sich in der Mittagsstunde, wie es in den „drei Wochen" Sitte ist, auf den Boden gesetzt, um aus den mitgebrachten Chazoth-Büchlein die Klagelieder ob der Zerstörung Zions in den gewohnten Trauermelodien zu rezitieren. Auch eine Art Zionismus bemerkten viele — nur nicht so volksftemd. Einige ließen sich nicht nehmen, ihre Zugehörigkeit zum Volke „des Buches" in der althergebrachten Weise zu bekunden, wie dies in so manchen sentimentalen, neo-hebräischen Novellen über den Beth-Hamidrasch beschrieben steht. Jüdisches Leben, wie es im Volke unverwüstlich lebt, ist mit den orthodoxen Kindern dieses Volkes in den jüdischen Kinderzug eingezogen. Holland, das von Milch und anderen Lebensmitteln überfließende Land hat neue Ueberraschungen auf dem Gebiete des jüdisch-religiösen Leben gebracht. Die Entfernung und Entftemdung von den religiösen Einrichtungen und nationalen Bräuchen unseres Volkes, wie es hierzulande bei manchen auch sich jüdisch-national nennenden Kreisen in so erschreckenden Massen geübt, geduldet und gefördert wird, ist dort ganz unbekannt. Hingegen ist es dort nur selbstverständlich, daß alle jüdischen Institutionen jüdisch sind. Jüdisch nicht nur dem Namen und der Inschrift nach, sondern in dem Sinne, daß jede jüdische Institution von jedem Juden, möge er welcher Richtung und Gesinnung sein, mit -ruhigem Gewissen in Anspruch genommen werden kann. Daß hier in Wien die Verhältnisse anders wären, daß es hier öffentliche jüdische Institutionen gibt, die in der Assimilation so weit fortgeschritten sind, daß sie Sonntag statt des Sabbath als Ruhetag begehen, daß sie in ihrem inneren Gebaren die Bräuche und Einrichtungen des jüdischen Volkes mißachten und gröblich verletzten und somit ihre Inanspruchnahme dem größeren Teile des jüdischen Volkes unmöglich machen, wollten die braven Holländer einfach nicht glauben. Dieses ungläubige Kopffchütteln über unsere Verhältnisse, die dort für sündhaft und widersinnig, bei uns für selbstverständlich gehalten werden, wird so manchen unter jenen, die mit dem Kinderzuge nach Holland kamen, hoffentlich zu Umlernen bewegen. Nicht zuletzt die Kinder selber, sie haben ja für die Beachtung und Beobachtung solcher Dinge ein weit schärferes Auge als die Erwachsenen. Viele unter ihnen, die durch die religiöse Indifferenz ihrer Eltern, die Innigkeit und das Gemüt erquickende und bildende Wärme des echten jüdischen Hauses entbehrten, haben bei ihren „Sommereltern" nebst nie geahnten kulinarischen Genüssen, auch dies im reichen Maße genossen. So manche unter ihnen haben im Zuge auf der Rückreise in ihre Heimat jene ftommen Lieder gesungen, die sie mit dem unvergeßlichen Eindrücke eines Freitagabend und blumengeschmückten Sabbattisches in frommen Häusern Hollands in ihrer Seele für alle Zeiten aufgefangen haben. Viele Eltern werden verlegen nach Ausflüchten suchen müssen, wenn ihre K'nder unter dem Eindrücke ihrer holländischen Erlebnisse sie fragen werden, warum denn sie ihnen das unschätzbare moralische Kapitel einer echten jüdischen Lebensweise vorenthalten haben. Solche Fragen bedeuten in unseren Augen einen eben solch großen Gewinn und. Erfolg unserer Mitarbeit, wie die Kleider, Lebensmittel und Gewichtzuwachs, die unsere Kinder aus Holland mitgebracht haben. Durch solche Resultate glänzend gerechtfertigt, ist es Aufgabe der orthodoxen Judenheit, durch ihre Mitarbeit überall die Erkenntnis reisen zu lassen, daß die Lösung aller jüdischen Probleme nur in ihrem Sinne gefunden werden kann. Jüdische ßHefs und Aröeitsuchende wenden sich an den Werein Schomre Schaöbos- II., Kleine Schiffgasse 10- oder an die HrLHodore Jngendgruppe.

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