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Jüdische Korrespondenz · 1919-10-24 · 39 (24.10.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
39 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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£ir. 39 Jüdische Korrespondenz Seite 5 - ■ ™ -- —■ ' t JUGENDGRUPPE-BEIBLATT Die Aufgabw unserer Jugend. In der Welt brandet ein gewaltiges Chaos. Gewaltige Reiche, die eisern und festgefügt schienen, sind untergegangen, junge Staate« sind erstanden. Paläste wurden zu Ruinen zusammengeschossen und neues Leben blüht aus den Ruinen. Staatliche Verordnungen, die für die Ewigkeit schienen, wurden umgestürzt und auf dem Boden des brandenden Ozeans schaukelt der Nachen des jüdischen Volkes. Wenn nur natürliches Geschehen den Lauf der Dinge bestimmte, dann müßte dieses jüdische Volk schon längst vom Strudel verschlungen sein. Aber o Wunder! Je tiefere Wunden man dem Körper des jüdischen Volkes schneidet, je willkürlicher man die Massenzentren trennt, je grausamer und vertierter Pogrome wüten und Antisemitismus an allen Ecken und Enden auflodert, desto stärker wird der Geist des jüdischen Volkes, desto Heller und reiner leuchtet die Flamme seine Ewigkeit. Ueberall, wo Juden sind, steht die jüdische Frage, aktiv oder passiv, im Brennpunkte der Interessen, und es scheint fast, daß das alte Wort sich bewahrheiten will, daß die Kriege unter den Völkern nur um Israels wegen, geführt werden. Die jüdische Frage, das jüdische Volk, das jüdische Land, nicht nur die jüdischen Zeitungen, auch die Tageszeitungen, sind voll von diesen Dingen. Von dem aber, was der jüdischen Frage tieffter Inhalt, des jüdischen Volkes erste und letzte Ursache ist, des jüdischen Landes Anspruchsrecht bestimmt, hört man gar wenig: von der jüdischen Lehre! Und doch ist für die großen, großen Massen des jüdischen Volkes die Judentums-Frage vitaler als die Judenheitsfrage. Niemand will die Dinge zurückschrauben, aber das soll klar und unzweideutig ausgesprochen werden: Die großen Massen des jüdischen Volkes haben sich fast zwei Jahrtausende hindurch mit den „Begriffen" jüdischer Nation, jüdischen Landes nicht beschäftigt. Das Volksbewußtsein floß aus dem Areiwusgefühl, Palästina- Sehnsucht und -Arbeit aus im Gebete jeden Tag neu belebter Zukunftshoffnung. Doch die Thora, die stand immer im Mittelpunkte von Denken, Fühlen und Handeln. Und all die vielen Jahrhunderte hindurch bedurfte es keiner Organisation, die „jeweilige jüdische Gesamtheitaufgaben im Geiste der Thora" lösen sollte. Es gab gar keine Gesamtheitsaufgaben, die selbst nur ein verschwindender Bruchteil der Juden anders zu lösen bestrebt gewesen wäre, als im Geiste der Thora,, wie es überhaupt keine Juden gab, die etwas anderes wie Thora als die Seele des Gesamtorganismus betrachteten. Den Unterschied zwischen Judenheit und Judentum kannte man nicht. Wer sich dem Judentum entfremdete, hatte sich zugleich der Judenheit enffremdet. Es ist anders geworden, die Thora ist zwar nicht bei den Massen, aber doch in weitem Kreise aus dem Zentrum in die Peripherie gedrängt worden, und die, welche kraft ihrer politischen Schulung, ihrer geistigen Kapazität in den Augen der Völker das jüdische Volk repräsentieren, die Organisationen, welche heute bei den anderen als das Sprachrohr des jüdischen Willens angesehen werden, reden von allem, plaidieren für alles, opfern sich auf für jüdisches Volk und jüdisches Land, aber Volkes Kraft und Landes Sinn haben sie vergessen: Die Thora. Wieso kam das? Jene hatten die Organisation, und die Massen thoratreuen Judentums glaubten sie entbehren zu tonnen, glaubten, daß die alle zusammenschmiedende Idee, die Einheit des Denkens, Handelns und Zieles genügte, und man der Organisation nicht bedürfe. Sie halten vergessen, daß auch die köstlichste, duftigste Essenz verfliegt, wenn sie nicht in richtigem Kruge verschlossen gehalten bleibt. Gewiß dann, wenn andere darauf ausgehen, Wasser in diese Essenz zu mischen. Wir leben nun einmal in einer stofflichen Welt, in der das Geistige nur in Verbindung mit dem Stofflichen sich erhalten kann, in der die Idee sich nur erhält, wenn eine Organisation ihr dient. Die anderen waren organisiert, wir waren es nicht. Hätten es nicht gebraucht, wenn die Juden das gewesen wären, was sie all die Jahrhunderte waren und was das Glück ihres Golus.war, ein abgeschlossenes Ganzes, eine Welt für sich in der großen Welt. Als aber die Juden heraustraten aus der Mauer des Getto, der besten Organisation im kleinen Stile, als moderne Begriffe und modernes Wesen Eingang fanden in den Reihen der weiten Massen, da hätte man bedacht sein müssen, sich von der Moderne, die der Destruktion Vorschub leistete, auch das Mittel der Konsolidierung zu leihen: Die Organisation. Man hat sehr lange gewartet und als man sich besann und zur Tat aufraffte, da war es spät, sehr spät, doch nicht zu spät; konnte es schon deshalb nicht zu spät sein, weil alles, was jüdisch ist, ewig ist. Man organisierte auch die Thorajudenheit. Doch wie organisierte man sie? Nach den Ländern, in denen die Juden wohnten. Man organisierte sie unter verschiedenen Gesichtspunkten, nach den verschiedenen örtlich bedingten Umständen. Und man vergaß, daß man das gesetzestreue Judentum nur einheitlich organisieren kann, daß es, ebenso wie die Thora ihre Bekenner nicht nach politischen Landesgrenzen verschieden verpflichtet, sondern einheitlich, den polnischen Juden gerade so wie den französischen, den ungarischen genau so wie den galizischen, einer einheitlichen Weltorganisation bedurft hätte, sollte die Auflösung nicht der Zersplitterung Platz machen. Eine Organisation, die aus der Thora fließende Kräfte in die feste Form gießen, um die Thora gescharte Menschen organisieren sollte, mußte natürlich eine Weltorganisation werden. Denn sonst hätten die in einem Land organisierten, auf dieses Land konzentrierten Kräfte nicht belebend wirken können auf gleichen Zielen zustrebende Kräfte in andern Ländern. Dann wären staatliche Grenzen Trennungslinien geworden zwischen den Erfüllern des absolut einheitlichen jüdischen Geistes, den Bekennern der absolut einheitlichen Thora, den Angehörigen des absolute Einheit bildenden jüdischen Volkes: Denn Gott, Israel und die Thora sind eine homogene Einheit. Daß eine Organisation der Orthodoxie, die ja kein Zweckverband zur Erreichung irgend eines in der Zukunft liegenden Zieles ist, sondern nur die Schaffung einer Hülle für die schon vorhandene Seele anstrebt, ausschließlich unter diesem Gesichtswinkel der Einheit und Einheitlichkeit geschaffen werden dürfte, daß die Organisierung der Massen ihre Ziele nur in der Schaffung einer Weltorganisation suchen und finden konnte, liegt heute vor jedem Blicke klar. Vor einigen Jahrzehnten war aber die über Kehle-Politik herauswachsende orthodoxe Landesorganisation schon eine Tat. Erst die Kattowitzer-Tagung, das Ergebnis vorangegangener langwieriger Verhandlungen zwischen den geistigen Führern des Ostens und denen des Westens, zeigte, daß die Orthodoxie sich den Gedanken der Weltorganisation zu eigen gemacht, daß der Wille sie beseelte, alle im Golus und durch das Golus zersplitterten Kräfte einheitlich zusammenzufassen und zu organisieren, die dem Gotteswort treu gebliebenen zu einigen, die unter ihnen entstandenen Gegensätze und Reibungen zu beseitigen. Kattowitz brachte es der jüdischen Welt zum Bewußtsein, daß die Gegensätze, hervorgerufen durch die verschiedenen Lebensbedingungen, unter denen die Juden in den verschiedenen Ländern lebten und die eine unterschiedliche Stellungnahme zu den Problemen der Bildung und der Organisation bedingten, nicht verkleistert zu werden brauchten, um zu einheitlicher Organisation zu gelangen. Das Problem der Jugenderziehung beispielsweise wird der russische Raw anders ansehen, wie der Deutsche, und doch werden beide über die gemeinsamen Schritte beraten müssen, gegenüber dem Abfall, dem die Jugend in Ost und West, gleichermaßen ausgesetzt 3n keinem orthodoxen Hanfe fehle die „Milche Komfpondenz“. große Mittel erfordert unfere paMtina-Mtion. jeder glaubenstreue Jude nimmt daran teil!

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