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Jüdische Korrespondenz · 1919-10-24 · 39 (24.10.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
39 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 39 Einzelheiten über die neuen Pogrome in Züdrußland. Ueber die neuen Pogrome in Südrußland veröffentlichen die französischen Zeitungen grauenhafte Einzelheiten. Obwohl man angesichts der tendenziösen Berichterstattung, die alles, was Rußland betrifft, irgendwie färbt, bei Aufnahme solcher Nachrichten sehr vorsichtig sein muß, so geht doch aus dem Gemeldeten zur Genüge hervor, daß die Vorgänge in Südrußland entsetzlich waren, auch wenn man einen Teil der Uebertreibung subtrahiert. „Humanitö" vom 6. Oktober schreibt: Diesmal sind es die Soldaten des Erzreaktionärs Denikin, die sich mit einer unerhörten Wildheit — Schrecken und Tod verbreitend — auf die jüdische Bevölkerung stürzen. Die eingelangten, durchaus verläßlichen Nachrichten geben ein düsteres Bild über die judenfeindlichen Handlungen dieser „Retter" Rußlands. Ueberall, wohin die Volontäre auf ihrem „Siegeszuge" eindrangen, fanden wilde Pogrome statt. In Charkow. Jekatermoslaw, Krementschug dauerten die Massakers mehrere Tage; aber auch eine ganze Reihe kleinerer Orte. als Grichino, Awdewsk, Eurkiewo, Walki, Bogoducho usw-, waren der Schauplatz furchtbarer Ereigniffe. Namentlich in Jekatermoslaw wurden die jüdischen Häuser in den vier Straßen der Stadt geplündert, zahlreiche Männer maffakriert und Hunderte von jüdischen Frauen vergewaltigt. ' In Charkow dauerten die wilden Vorgänge eine ganze Woche, ohne daß von irgendeiner Seite eingeschritten worden wäre. Ganz besonders aber arteten in Krementschug die Exzesse in Grausamkeiten unbeschreiblicher Art aus. Es floß Blut in Strömen. Hier wurden alle Häuser ohne Ausnahme geplündert. Die Juden wurden der Reihe nach hingemetzelt und die Frauen zu Hunderten vergewaltigt, die 12 jährigen Mädchen und die 60 jährigen Frauen. Die kleinen Mädchen wurden nach der Vergewaltigung — so wird erzählt — in die Aborte geworfen. ' Die Soldateska tobte sich auch auf den Elsenbahnzügen aus. Eine wahre Jagd auf jüdische Reisende wurde organisiert und die Opfer zumeist aus der Stelle totgeschlagen. In der Station Sufar (bei Krementschug) ließ man alle Juden die Waggons verlassen. Man beraubte sie bis auf die Haut, züchtigte sie und pferchte sie dann in einen Waggon. Niemand weiß, was aus diesen Leuten geworden ist. „Rettet Rußland!" „Erschlaget die Juden!" scheint der Schlachtruf der Denikin-Leute zu sein. Eine judenfeindliche, offiziell begünstigte Propaganda wird in der Armee in Szene gesetzt. Zeitungen. Plakate, Flugschriften fordern offen zu Pogromen auf. Bei den Soldaten, erregt durch Kämpfe und Metzeleien, findet die Propaganda fruchtbaren Boden. Man ist geneigt, die Richtigkeit dieser Nachrichten in Zweifel zu ziehen, aber in der kaukasischen Presse findet man eine Bestätigung dieser Anschuldigungen. Und nicht nur die Denikin feindlichen Zeitungen bringen diese Nachrichten, selbst das Organ „Slowo" in Tiflis, das Denikin freundlich gesinnt ist, fühlt sich verpflichtet, gegen die Vorgänge zu protestieren. „Es ist traurig" — heißt es sn einer Stelle — „daß der Antisemitismus selbst bei den russischen Truppen Eingang gefunden hat, die sich die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, den inneren Frieden und den Triumph der Gerechtigkeit zur Ausgabe machten. Die Judenexzeffe in Charkow und Jekatermoslaw, wenn sie auch von unverantwortlichen reaktionären Elementen provoziert wurden, sind ein Schandfleck für die südrussischen Streitkräfte, die die Wiederherstellung des Staates anstreben. . ." „Slowo" hatte ganz richtig beobachtet, daß die Bewegung von den leitenden Kreisen der Volontärarmee ausgeht, denn diese Kreise sind wirklich aus jenen Elementen zusammengesetzt, die sich während des zaristischen Regimes durch gewalttätigen Antisemitismus bemerkbar machten. Die Offiziere, die sich um Denikin scharen, besonders jene, die eine hervorragende Stelle in der Armee einnehmen, und eine wirkliche Diktatur ausüben, stellen die Auslese der militärischen Diktatur der Zarenzeit dar. Diese Offiziere, Antisemiten von Geburt, züchten einen furchtbaren Haß gegen die Revolution. Verschlimmernd auf die Lage der Juden wirkt ein, daß mit dem Vorrücken der Volontärtruppen alle reaktionären Elemente aus ihren Verstecken herauskommen und in die Reihen Denikins laufen, wo sie mit offenen Armen empfangen werden. Die Südarmee ist in der Tat ein Anziehungspunkt für alle Gegenrevolutionäre geworden. Die ganze Demokratie Rußlands ist in Gefahr, am meisten aber die so schwer heimaesuchte jüdische Bevölkerung. Europa muß sich über diese schreckliche Lage klar werden. Wie denkt darüber die Entente, wie der Oberste Rat? Warum wird den Denikin-Truppen im Menschenmorden freie Hand gelassen? Man darf nicht vergessen, daß die Diktatur Denikins und seiner Offiziere beinahe mit Gewalt von der Entente der Bevölkerung in den Kosakenstaaten aufgezwungen wurde und die Entente ist es, die sie mit Kriegsmaterial versieht. Daher ist es eine elementare Pflicht der Ententeregierungen, rasch und energisch einzugreifen. Gegen Denikin.müssen sie sich mächtiger Mittel bedienen. In ähnlichem Sinne - äußern sich andere französische Journale, die m Denikin und seinen Leuten das alte Rußland mit seinen bestellten Mord- und Greueltaien, Beilisprozeffen usw. verkörpert sehen. Die Lage der Juden in Bulgarien. Bulgarien hat der Friedenskonferenz eine Note überreicht, in der e3 gegen die Minoritätenklausel protestiert. Um die besondere Freundlichkeit der bulgarischen Regierung den Juden gegenüber zu beweisen, überreichte die bulgarische Delegation der Friedenskonferenz eine von der jüdischen Gemeinde verfaßte Denkschrift, der wir unter anderem folgende? entnehmen: Bei seiner Gründung zählte Bulgarien, Südbulgarien inbegriffen, nur 15.000 Juden. Heute sind es 60.000. Diese Tatsache an sich ist schon sehr beredt, besonders wenn man bedenkt, daß in der gleichen Zeit Serbien und Griechenland keinen Zuwachs ihrer jüdischen Minoritäten zu verzeichnen hatten und Rumänien fast 100.000 jüdische Personen verlor. Die nach Bulgarien eingewanderten Juden sind fast aus allen Ländern Osteuropas gekommen, besonders aus Rußland, Rumänien und Polen, den Ländern der Pogrome. Ueber Rustschuk, Varn« und Saloniki sind jährlich Tausende auf der Flucht vor dem russischen und rumänischen Judenhaß nach dem toleranten Bulgarien gekommen. Als 1895 in Rußland Judenverfolgungen ausbrachen, hat Bulgarien allein unter allen Ländern Europas den jüdischen Flüchtlingen seine Tore weit geöffnet- Die meisten dieser Flüchtlinge sind bulgarische Bürger geworden und genießen alle politischen und bürgerlichen Rechte. Während des rumänischen Bauernaufstandes 1904, wurden alle bulgarischen Häfen von jüdischen Flüchtlingen überschwemmt. Anstatt ihnen den Eintritt zu verwehren, wie dies durch andere Länder geschah, hat die Regierung von Sofia an die Präfekten der Donaustädte ein Zirkulartelegramm erlaffen, in welchen! vorgeschrieben wurde, mit Hilfe der jüdischen Lokalgemeinden alle Maßregeln zu treffen, damit für die ersten Bedürfnisse der Flüchtlinge gesorgt sei und sie in das Innere des Landes zu leiten. Keiner von ihnen hat seitdem das Land wieder verlaffen. Der Zutritt zu den öffentlichen Aemtern ist allen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Religion geöffnet. Das jüdische Element ist in einigen Ministerien und im Professorat würdig vertreten. Die freien Berufe stehen ebenfalls den jüdischen Akademikern offen. Es gibt in Bulgarien angesehene jüdische Aerzte, Architekten, Ingenieure usw. Viele Banken und' Jndustrieunternehmungen sind in jüdischen Händen. Prozeffe zwischen Juden und Bulgaren sind äußerst selten. Die Juden nehmen in hohem Maße am politischen Leben des Landes teil. Bei den letzten Abgeordneten-Wahlen befanden sich Juden auf allen Kandidaten-Listen. In den Direktionskomitees vieler Parteien sitzen Juden und ihre Stimme ist auch schon in der Kammer erklungen, wo sie bald vertraut sein wird. Niemals hat Bulgarien versucht, die Juden zur Assimilation zu veranlaffen. Der Bulgare denkt ganz richtig, daß ein Jude, der seine Nationalität verleugnet, auch kein guter Bulgare sein wird. Die Entwicklung des jüdischen Nationalgefühls unterliegt nicht nur keinerlei Einschränkung, vielmehr hat erst kürzlich ein Kabinettsmitglied voraeschlagen, alle jüdischen Schulen auf Staatskosten zu unterhallen. In Sofia unterhält die jüdische Gemeinde 3 Schulen mit etwa 2000 Schülern und einem Jahresbudget von 230.000 Frs. Diese Schulen sind roahre Stätten der nationalen jüdischen Kultur. Dokumente aus der Slowakei. Der offiziöse „Slovensky Dennik" schreibt in einer seiner jüngsten Nummern: „Unsere Slowaken sind entschiedene Antisemiten. Wenn es gilt, gegen die Juden zu schreien, da übertrifft sie niemand; nur die Taten zeigen etwas anderes. Jetzt, da es sich darum handelt, dieunermünschtcn polnischen Elemente zu entfernen, schickt ein Gemeindevorstand nach dem anderen Zuschriften an das 2upansamt in Nitra, worin die Herren slowakischen „Richter" bestätigen, daß Herr Chaim. Salomon usw. die unentbehrlichsten Leute für ihre Gemeinden sind. Wie wir hören, wird das 2upansamt, wenn die Herren Richter weiterhin solche Zeugnisse ausstellen, die Namen dieser Vorsteher veröffentlichen, damit man sieht, was für eifrige Antisemiten unsere Slowaken sind." Die „Jüdische Volkszeitung" veröffentlicht folgende Zirrularverordnung des Tyrnauer Oberstuhlrichters: Nr. 84/1919. Gegenstand: Revision der Lizenzen. An alle Pfarrer und Richter! Durch die Verordnung des bevollmächtigten Ministeriums für die Verwaltung der Slowake! hat endlich die lang erwartete Revision der Lizenzen laut Gesetz vom 10. Dezember 1918, G. S. Nr. 64, begonnen. Die Revision betrifft alle Ausschanklizenzen und Lizenzen zum Verkauf von geistigen Getränken im Groß- und Kleinvertrieb, die Gewerberechte' für Likör- und Rumfabriken sowie Haupt- und Kleintrafiken. Damit die Revision von Erfolg begleitet sei und das erstrebte Ziel erreicht werde, damit die Lizenzen größtenteils in die Hände der Angehörigen der tschechoslowakischen Nation übergehen und dadurch zu ihrer wirtschaftlichen Emanzipation beigetragen wird, ist es nötig, für alle Lizenzen fähige und geeignete Bewerber slowakischer Nation ausfindig zu machen. Hiebei wäre es am Platze, in erster Reihe auf geeignete Invalide und Witwen nach gefallenen Soldaten, und zwar hauptsächlich auf Legionär-Invalide und Witwen nach Legionären Rücksicht zu nehmen. Da die Befürchtung nahe liegt, daß unter den (Fortsetzung auf Seite 9.)

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