Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 39 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Die Araber und die palästinafrage. Die arabische Presse in Syrien beschäftigt sich in letzter Zeit wieder lebhaft mit den Juden und der Palästinafrage. Bezeichnend für die phantastischen Begriffe der Araber sind die Zahlen, die sie über die Einwanderung der Juden nach Palästina angeben. Sie teilen mit, daß die Zahl der in den letzten Monaten eingewanderten Juden' 25.000 (!) beträgt. An der Spitze dieser Berichterstattung steht der „Mukatabs" in Damaskus. Diese Zeitungen wollen offenbar nicht wissen, daß es sich im ganzen um etwa 1500 Personen handelt, von denen zwei Drittel während des Krieges von den türkischen Behörden aus Palästina vertrieben waren. Diese falschen Alarmnachrichten haben eine lebhafte Diskussion in der arabischen Presse hervorgerufen. Besonderes Interesse verdient der Bericht "des „Mukatabs" vom 30. Juli über die Hedschasbahn: „Es ist kein Zweifel", schreibt das arabische Blatt, „daß die Hedschasbahn die größte in Syrien ist und daß, abgesehen von ihrem ökonomischen Nutzen, ihr religiös-sittlicher Einfluß von hoher Bedeutung ist, indem sie den Hedschas mit Syrien verbindet. Die türkische Regierung hat den Bau der Eisenbahn begonnen, um die Pilgerfahrten zum Grabe des Propheten in Mekka zu erleichtern. Nach siebenjähriger energischer Arbeit ist die Bahnstrecke im Jahre 1907 bis Medina fertiggestellt worden. Die Unkosten, die sich auf etwa sechs Millionen türkische Pfund beliefen, wurden von den Mohammedanern in allen Weltteilen gesammelt. Die Eisenbahn ist als eine ausgesprochen mohammedanische, die für ein religiöses Ziel erbaut wurde, und jeder Mohammedaner hat daher die Pflicht, an ihr wieder aufzubauen, was während des Krieges zerstört worden ist. Die Kosten der Reparaturen werden sich nach Meinung von Fachleuten auf eine Million Pfund belaufen. Die Leitung der Eisenbahn hat bisher weder einen Kosten- Voranschlag noch einen Reparaturplan vorbereitet. Der treue Generaldirektorder Eisenbahn, Mr. Holmods, beabsichtigt jedoch, einen ausführlichen Wiederherstellungsplan auszuarbeiten.' Auch der Emir Faisul interessiert sich lebhaft für den Stand der Eisenbahn und hat bereits eine Kommission zu deren Instandsetzung ernannt. An der Spitze dieser Kommission steht Saad Pascha-Schakir, der Leiter der Finanzangelegenheiten in Syrien." „Mukatabs" meint, daß zur Deckung der Unkosten für die Reparatur der Eisenbahn der Friedenskonferenz eine Aufstellung aller durch den Krieg entstandenen Schäden einzureichen ist, um auf diese Weise die erforderlichen Gelder zu bekommen. Bon besonderem Interesse für uns ist folgender Passus in diesem Bericht der Zeitung: ,,.... Die Ausgaben der Eisenbahn übersteigen deren Einnahmen bei weitem. Die türkische Regierung zahlte den Leitern der Bahn nur 300 Pfund pro Jahr, hat ihnen aber zugleich die Erlaubnis gegeben, den Hafen in Haifa zu bauen, und ihnen Konzession erteilt, die warmen Bäder in Tiberias zu übernehmen und die Bodenflächen am Kinerethsee zu exploitieren." Der Bericht schließt: „Werden die Leiter der Eisenbahn weitsehend genug sein, um ihre Rechte zu wahren und werden sie verstehen, alle Schätze, die in dem Boden an der ganzen Bahnstrecke entlang ruhen, auszunutzen, so wird diese Bahn in der nächsten Zukunft eine der einträglichsten in der Welt sein." , . König Ferdinand über die rumänische Iudenfrage. Die Agentur Dacia nielbet: König Ferdinand von Rumänien äußerte sich in einem einem amerikanischen Journalisten gewährten Interview in folgender Weise über die rumänische Judenftage: Die jüdische Frage ist in Rumänien bis heute aus wirtschaftlichen Gründen nicht gelöst worden. In Rumänien haben niemals Judenverfolgungen wegen Nassen- oder Religionszugehörigkeit stattgefunden. Rumänien kennt keine Pogrome (?!) wie andere Länder. Jetzt sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten geschwunden und es sind deshalb keinerlei Gründe mehr dafür vorhanden, daß man den Juden Rumäniens die vollständige politische Emanzipation versagen soll. So lautet auch niein Versprechen, das ich während des Krieges dem Jassyer jüdischen Komitee bezüglich der Emanzipation der rumänischen Juden gegeben habe. Dieses Versprechen wurde durch die Dekrete vom September 1918 und Mai 1919 erfüllt. Als das erste Dekret bei seiner Anwendung technische Schwierigkeiten aufkommen ließ, wurde es durch das zweite Dekret ersetzt, demzufolge alle Juden Rumänien» Staatsbürger des Reiches sind. Wenn auch das letztere Dekret aus gewissen Gründen teilweise undurchführbar sein sollte, werden gewiß die notwendigen Modifikationen kommen, denn das Land ist entschlossen, die jüdische Frage für immer zu erledigen. Ich bin den Inden immer wohlwollend gegenüber gestanden und ich hoffe, daß ihre Lage, wenn sie einmal Bürger geworden sind, nichts zu wünschen übrig lassen wird. Eine Annäherung und ein gutes Einvernehmen zwischen Juden und Rumänen ist notwendig. Ich werde alles, was an mir liegt, tun, um diese Annäherung herbeizuführen. Im neuen Rumänien darf es keine Judenfrage geben, alle Bürger müssen sich uneingeschränkt der gleichen Rechte im Staate erfreuen. Wir sind mit der Verhandlung der Minoritätenfrage durch die Friedenskonferenz nicht zufrieden. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Juden gute rumänische Bürger sein werden, zu ihrem eigenen Wohle und zum Wohle des Landes. (Ob es nur wahr sein wird?) Aus Ungarn. (Wekerle über die Juderrfrage.) Tr. Wekerle äußert sich einem Interviewer gegenüber wie folgt: Er fei zwar nicht der Meinung, daß die Oktoberrevolution sowie der Bolschewismus den Juden in die Schuhe geschoben werden könne und er glaube auch, daß das Wirtschaftsleben des Landes jetzt noch des Unternehmungsgeistes der Juden bedürfe, die mau nicht von heute auf morgen ersetzen könne. Aber die Juden dürften an führende Stellen nicht zngelassen werden und man müsse trachten, sie mit der Zeit zu ersetzen. Deshalb halte er cs für nötig, daß sich die Söhne des Landes praktischen Laufbahnen zuwenden. (Auch du, Brutus?) (Das Treiben der Ariedrich-Bube«.) Eine durchaus verläßliche Persönlichkeit, die aus Ungarn hier eingetroffen >sl, übergibt nachstehenden Bericht: Der weiße Terror gegen unschuldige Juden wird in Ungarn von den obersten Gewalten gehegt und gepflegt. Daß harmlose jüdische Reisende am Bahnhof in Szombathely (Steinamanger) vom Militär unter Hinweis, daß ihre Ausweispapiere nicht in Ordnung feien, zu wiederholteumalen halbtot geprügelt wurden, ist bekannt Große Aufregung verursachte vor einigen Tagen eine wüste L>zene, deren Schauplatz das Cafe Kovars war. Das Cafe, es war am Abend, war überaus stark besucht. An einem Tische saßen ungefähr 20 Offiziere, die tranken und sich von den Zigeunern aufspielen ließen. Plötzlich sprang ein Hauptmann auf, zog seine Uhr und rief in den Kaffeehaussaal: Juden! In fünf Minuten müßt ihr alle draußen sein, sonst schaut euch an! Da trat ein junger jüdischer Zivilist, der den Krieg als Offizier vom Anfang bis zum Ende mitgemacht hatte und für seine Tapferkeit zahlreiche Auszeichnungen erhalten hatte, den betrunkenen Offizieren entgegen und verwahrte sich energisch gegen diese Anmaßung. Daraufhin zog einer der Offiziere seinen Revolver und sagte dem jungen Zivilisten: „Schweig! Jude, sonst schieße ich dich nieder! Unerschrocken sagte der junge Mann: „Ich habe dem Feind hundertmal im Felde ins Antlitz gesehen, ich fürchte nichts! Schießen Sie, wenn Sie Mut haben!" Der Offizier fuchtelte wohl noch lange mit dem Revolver in der Luft herum, aber er drückte nicht los. Mit dem Revolver in der Hand ging er auch auf die übrigen Gäste los, die anderen Offiziere ihm nach und alle Anwesenden mußten sich legitimieren. Unter den Angehaltenen befand sich auch ein amerikanischer Journalist und erst als dieser sich als amerikanischer Staatsbürger ausgewiesen hafte, schienen die Offiziere ein wenig ernüchtert worden zu sein. Das Publikum, auch das nichtjüdische, verließ sodann unter Entrüstnngsrufen das Lokal.