Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 39 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Kr. 89 so weit als möglich von der Seitenstettengasse unabhängig zu machen. Für die Trennung konnte in der alten Monarchie angesichts der Verhältnisse nicht mit der gewünschten Aussicht eingetreten werden. Heute aber sind die Verhältnisse anders. Bei einem planmäßigen Vorgehen könnte der Erfolg nicht ausbleiben. Dann aber müßte auch fernerhin hinsichtlich der Wahlen zumindest offiziell die Abstinenz proklamiert werden. Sollte aber die Entscheidung für die Teilnahme an den Wahlen fallen, dann müßte die. Agitation schon jetzt mit aller Kraft einsetzen. Will die Orthodoxie den Kampf um die religiösen Interessen in die Gemeindestube verlegen, dann müßte sie dort so stark als möglich sein. Es müßte auch rechtzeitig ein umfassendes Kehilloprogramm veröffentlicht und die Auswahl i)er richtigen Männer getroffen werden. Die Wahlbewegung ist offiziell noch nicht in Fluß geraten. Die Nationalisten, die früher die treibende Kraft waren, scheinen sich jetzt eine Reserve aufzüerlegen. Gewisse Vorgänge im eigenen Lager, die Mißerfolge in der Palästinafrage, der schleppende Gang der Wahlbewegung für den Nationalrat und das Versagen gewisser „Volksvertreter" in den allgemeinen öffentlichen Körperschaften mahnen die Herren scheinbar zur Vorsicht. Sie sind nicht mehr so siegesgewiß und das beeinträchtigt einigermaßen den Elan ihrer Agitationskraft. Aber schließlich dürste die Bewegung auch öffentlich lebhafter werden und die Orthodoxie müßte rechtzeitig über ihr Verhalten schlüssig werden. Die Verhältnisse bringen es mit sich, daß die bisherige Parole nicht mehr so ganz einfach angebracht ist. Jetzt heißt es: aktiv eingreifen, entweder in die Wahlbewegung oder für die Trennung! _ Jehudi-Chored. Die Tätigkeit des „Joint Distributions Tommittees" in Men. Das Präsidium des „Joint Distribution Committee", Abteilung Wien, teilt folgendes mit: In großzügiger Weise hat das „Joint Distribution Committee" in New Jork uns Mittel zur Verfügung gestellt, um den unmittelbar durch den Krieg in Not geratenen Inden beizustehen. Die Mittel, die uns zugewiesen wurden, ermöglichten eS uns, bisher au alle Juden, die infolge der kriegerischen Ereignisse ihr Heim verlassen und nach Wien kommen mußten, wenn sie hier in Not lebten, eine fortlaufende Geldunterstützung zu gewähren. Die Ausrechterhaltung der Bargeldunterstützung im bisherigen Umfang an alle bisher Beteilten ist aber leider unmöglich, so daß die im Verhältnisse zur großen Zahl der Petenten vorhandenen unzureichenden Summen den weiter unter angeführten Kategorien der gänzlich Hilflosen und vor allem den von uns erhaltenen Institutionen (Krankenfürsorge, Kinderheim, Kinderküchen und öffentliche Ansspeisungen) Vorbehalten bleiben müssen. Ab 15. Oktober l. I. werden daher in unserer Abteilung Mariahilferstraße nur die alleinstehenden Frauen, die für schulpflichtige Kinder zu sorgen haben, hilflose Greise samt deren Gattinen und fürsorgebedürftigen Kindern, ferner arbeitsunfähige Invalide, wenn die Bedürftigkeit feststeht, die fortlaufende Unterstützung, iusolauge als die vorhandenen Mittel ausreichen, beziehen können. Wir werden jedoch bemüht seich durch Verteilung von Lebensmitteln und Bekleidungsstücken, die uns vom „Joint Distribution Committee" in New Jork zur Verfügung gestellt werden, über den Kreis der vorerwähnten Personen hinaus, den Bedürfnissen der notleidenden Flüchtlinge gerecht zu werden. * Hiezu muß folgendes bemerkt werden: So sehr die Intentionen und die Leistungen des „Joint" Anerkennung verdienen und auch finden, so häufig sind die Beschwerden, die gegen die Leitung dieser Aktion in Wien seit deren Beginn laut werden. Diese Beschwerden richten sich sowohl gegen den Geist, der in der Leitung herrscht, als auch gegen die Person derjenigen, die an der Spitze stehen. Man führt Klage über die lange Dauer, die die Erledigung der Gesuche erfordert, gegen die Form der Recherchiernngen, die vielfach verletzend wirste. (So wurde uns unter anderem erzählt, daß zu einem der bekanntesten galizischen Rabbiner, einer talmudischen Koryphäe, der sich im ganzen Lande großen Ansehens erfreut und dessen Verhältnisse hinlänglich bekannt sind, irgend ein junger Bursche als Recherchent entsendet wurde, der mit dem greisen Rabbiner ein Protokoll wie ein Untersuchungsrichter aufnahm, allerlei verfängliche Fragen stellend, was wahrlich als „Schefichath-Dam" qualifiziert werden muß.) Man führte auch Klage über den Mangel an Objektivität bei der Beurteilung der Gesuche, über das Weitläufige und den Formalismus des Geschäftsganges trotz des überreichen Personales, über die Kosten der Regie, über den Mangel an Wohlwollen besonders gegenüber den orthodoxen Petenten, die sogar in dem Listenverzeichnis als solche gekennzeichnet wurden. (Wahrscheinlich, damit man weiß, wie sie zu behandeln wären usw.). _ Wir haben es bisher unterlassen, diese Beschwerden zu veröffentlichen^ da uns bekannt war, daß einige Mitglieder des Komitees sich ernstlich bemühten, die Uebelstände abzustellen, anderseits, weil es ja bekannt ist, daß jede Aktion in ihren Anfängen gewisseKinderkxankheitcn durchmachen muß. Wirwollten demnach die Entwicklung der Dinge abwarten. In letzter Zeit fanden jedoch diese Beschwerden in einen anderen jüdischen Blatte Ausdruck; die Einstellung der Bargeldzahlungen hat große Erregung hervorgerufen; besonders angesichts des Berichtes, der vorher in einem jüdischen Blatt veröffentlicht wurde, wonach Abgeordneter Stricker für diese Maßnahme eintrat, mit der Motivierung, daß man durch diese Bargeldunterstützungen nur das „Schnorrertum" (?) züchte. Die Motive der Einstellung waren somit keineswegs der Mangel an Geld- Mitteln. Auch kursiert das Gerücht, daß die Wiener Leitung ‘ des „Joint" den Plan hegt, das Haus der Produktenbörse in der Taborstraße anzukaufen, um für gemeinnützige jüdische Zwecke ein eigenes Heim zu besitzen. All diese Umstände anlassen uns, aus der bisherigen Reserve herauszutreten undWDW die Angelegenheit öffentlich zu behandeln. Vor allem geben wir der allgemein erhobenen Forderung Ausdruck, die Leitung des Komitees möge einen Rechenschaftsbericht über ihre bisherige Tätigkeit und eine Darstellung der zur Verfügung gestellten Mittel, sowie deren Verwendung veröffentlichen/Die Aktion ist keine Privatangelegenheit der Leitung, auch keine einseitige Parteisache, mochten sich auch die Nationalisten derselben bemächtigen und nach Belieben schalten und walten (die Vertreter der anderen Gruppen bilden eine kleine Minorität und haben fast gar keinen Einfluß auf die Leitung). Unsere Brüder in Amerika haben zugunsten ihrer schwerbetroffenen Brüder eine so großzügige Aktion ins Leben gerufen. Diejenigen, für die das Geld bestimmt ist, haben das Recht, zu wissen, wie dasselbe verwendet werde. Die Leitung hüllte sich bisher in Schweigen, nur hie und da erschien irgend eine offiziöse Ankündigung in einem Wienerjüdischen Blatte, das wahrscheinlich aus unbekannten Gründen dem Komitee nahe steht. Das geht so weiter nicht. Es handelt sich um keine Parteisache, die im Parteiklub irgendwie entschieden wird. Die breite jüdische Oeffentlichkeit hat ein Recht, zu wissen, was eigentlich vorgeht. Erst dann wird sie in der Lage sein, zu beurteilen, ob die Maßnahmen der Leitung gerechtfertigt sind. Sonst bleiben für aller Art Gerüchte — Tür und Tor offen. Indem wir zunächst der Erwartung Ausdruck geben, daß die Leitung des „Joint" sich veranlaßt sehen wird, der Oeffentlichkeit einen detaillierten Bericht über Tätigkeit und Geldgebarung zu unterbreiten, behalten wir uns vor, nachher zu den diversen Beschwerden Stellung zu nehmen. Unsere Brüder jenseits des Ozeans machen wir aber schon jetzt aufmerksam, ihrerseits darauf Einfluß zu nehmen, daß ihre großherzige Aktion ebenso großherzig durchgeführt werden soll. Zum Wohliun gehört ein warmfühlendes Herz, nicht bloß der kalte Bleistift „Ein baudlun limsaunaus!“ war stets die Maxime unser Zedoko. Es ist kein Unglück, wenn hie und da irgend ein Unwürdiger eine Unterstützung herausschwindelt. Die überwiegende Zahl der Würdigen darf darunter nicht leiden. Das sollte sich die Leitung der „Joint" merken.