Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-10-24 · 39 (24.10.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
39 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495453--1085-3496978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bezugspreis: Ganzjährig K 24, halbjährig K12, vierteljährig K 6. — Ausland jährlich K 40. Einzelnummer 50 Heller. Opgan für die Interessen des orthodoxen Indentunis. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. 'Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 39. Wien, 30. Tischri 5680, 24. Oktober 1919. V. Jahrgang. Zu den Kultuswahlen in Wien. Fast auf den Tag ist es ein Jahr, seitdem die Frage der Reform des Wiener Kultusgemeindestatuts in Fluß geraten ist. Damals, in den stürmischen Novembertagen, als der Thron der Habsburger und der Hohenzollern stürzte, erachteten die Wiener Nationalisten, die seit Jahren einen vergeblichen Kampf um die Eroberung der Kultusgemeinde führten und sich gelegentlich der letzten Wahlen mit zwei Kompromißvertretern begnügen mußten, die Zeit für gekommen, mit „kräftiger Hand" einzugreisen und die alten Machthaber zu stürzen. In aller Erinnerung ist noch jener stürmische Freitag, da die Gefahr bestand, es könnte in der Seitenstettengasse zu einem Staatsstreich und zu stürmischen Ereignissen kommen, die angesichts der damaligen Unsicherheit und dem Mangel einer jeden Ordnungsmacht böse Folgen hätte zeitigen können. Dem Eingreifen der besonnenen Elemente rechts und links ist es zu verdanken, daß die Sache eine friedliche Lösung fand. Unter dem Eindruck des ersten Schreckens waren die Machthaber zu den weitgehendsten Konzessionen bereit. Eine Kommission wurde eingesetzt mit der Direktive, binnen acht Wochen ein neues Matüt--auf . breitester moderner _ GrundlaLe^ rmZM, arbeiten und dem Vorstände' vorzulegen, der dasselbe prompt zu erledigen und neue Wahlen auszuschreiben hätte. Die Sache wickelte sich wohl etwas langsamer ab. Vom ersten Schrecken erholt, zeigten die bisherigen Machthaber wenig Eile und auch wenig Geneigtheit, die allzuweitgehenden Wünsche der Nationalisten zu befriedigen. Den ganzeNxWinter und bis tief in den Sommer hinein dauerten die Beratungen der Kommission und des Vorstandes, es kam hiebei oft zu sehr heftigen Zusammenstößen und wiederholt mobilisierten die Nationalisten die Straße, um mit deren Hilfe das zu erreichen, was ihrer Rhetorik versagt blieb. Schließlich konnte das neue Statut unter Dach und Fach gebracht werden — das letzte Wort hatte die Landesregierung als Aufsichtsbehörde zu sprechen. Inzwischen kamen die Ferienmonate und die Wahlen, die man im Sommer erwartete, lassen bis heute aus sich warten. Wie verlautet, hat die Landesregierung die Statuten bis heute noch nicht bestätigt. Vorläufig erhebt die Finanzverwaltung gegen das allzu hohe Hinaufschrauben des Steuermaximums Bedenken, mit der Mottvierung, die allgemeine Steuerkraft der jüdischen Bürger könnte Abbruch erleiden, wodurch der Staat in Mitleidenschaft gezogen würde. Die politische Behörde dürfte auch noch wegen des Ausschlusses der Ausländer vom Wahlrecht ein Wörtchen zu reden haben, da dies den Bestimmungen des Gesetzes vom Jahre 1890 widerspricht. Immerhin ist damit zu rechnen, daß die Sache in absehbarer Zeit ihre Erledigung finden werde. Die Vorbereitungen zu den Wahlen gehen auch schon vor sich, wenn auch vorläufig im Sttllen. Die Wiener organisierte Orthodoxie hat zu diesem Problem wiederholt Stellung genommen. Sie hat es zunächst bemängelt, daß ihre Vertreter nicht den Beratungen über das neue Statut beigezogen wurden und erklärte a priori, sich durch das seitens der Fortschrittler und der' Nattonalisten vereinbarte Kompromiß keineswegs als gebunden zu erachten. Sie steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß nur die Möglichkeit der Bildung gesonderter orthodoxer Gemeinden am besten den Wünschen und den religiösen Interessen der glaubenstreuen Juden entsprechen würde. Sie hat auch kein Hehl daraus gemacht, daß sie sich durch die Phraseologie der Nattonalisten keineswegs beirren läßt und so sehr sie gegen die derzeitigen Machthaber und ihr Verhalten religiösen Fragen gegenüber vieles einzuwenden hat, sich aber darüber klar ist, daß es in religiöser Hinsicht viel schlimmer bestellt sein wird, falls die Nationalisten die Leitung der Kehilla in ihre Hände bekämen. Die heutigen Machthaber verhalten sich in der Regel religiösen Fragen gegenüber vornehmlich passiv. Da das sogenannte „Reformjudentum" längst bankrottiert hat und höchst unzeitgemäß wäre, in dessen Namen zu handeln, so bringt die Prinzipien- und Grundlosigkeit der Machthaber es mit sich, daß die Kehilla mehr eine Verwaltungskanzlei geworden ist, wo bestimmte Agenden rein mechanisch und bureaukratisch „erledigt" werden, alles andere der Privattnittattve überlassend. Deswegen war es wohl immer schwer, die Herren in der Seitenstettengasse für die Befriedigung religiöser Wünsche und Forderungen zu haben, — aber man begegnete bei ihnen keinem prinzipiellen Widerstand und kaum war es gelungen, ihnen Verständnis für die Sache beizubringen, konnte man auch das notwendigste durchsetzen. Diesex Zustand war keineswegs ideal und die friedenheit mit diesem Stande der Dinge — aber es war immerhin leidlich. Ganz anders dürste sich die Sache stellen, falls es den Nationalisten gelingen sollte, die Macht in der Kahalstube zu erlangen. Diese aggressive Partei würde den Wünschen und Forderungen der Orthodoxie nicht nur einen „prinzipiellen" Widerstand entgegensetzen, sondern auch nach verschiedenen Richtungen eine aktive Tätigkeit entfalten, die den religiösen Interessen direkt schädlich sein würde. Man bedenke nur, welche Gefahr das sogenannte „nattonale Schulprogramm" in sich birgt, das ein minderwertiges Surrogat der religiösen Erziehung, aber um so gefährlicher ist, als es darauf berechnet ist, weniger standhafte Kreise zu täuschen und eine Seelenfängerei zn betreiben, über deren Folgen nur die wenigsten sich klar sind. Gegenüber einer nationalistischen Herrschaft in der Gemeinde müßte sich die Orthodoxie viel stärker als bisher zur Wehr setzen und die Herren Nationalisten, die vielfach darauf losgehen, auch unter der Orthodoxie Anhänger zu werben, sollten sich darüber keiner Täuschung hingeben. Zwei Wege stehen der Orthodoxie offen, um diese Abwehr zu führen: die Teilnahme an den Wahlen, die Aufstellung eigener Kandidaten und das Bestreben, deren so viele als möglich hineinzubringen, mm dann in der Kahalstube einen energischen Kampf für die Wahrung der religiösen Interessen zu führen. Angesichts des Proporzsystems ist eine solche Möglichkeit sicherlich gegeben, ohne sich in kompromittierende Kompromisse einlassen zu müssen. Oder aber völlige Abstinenz zu predigen, aber gleichzeitig eine lebhafte Agitation für die Erlangung des Rechtes H^.:e Gemeinden zu bilden, einzuleiten und nicht eher zu ruA.?bis dieses Recht erlangt sein wird. In der neuen deutschem V erfassung ist diese Möglichkeit gegeben — warum soll Deutschösterreich anders sein, das doch so lebhaft den Amschluß an das Reich draußen wünscht und fordert. f - Bisher hielt sich di^eganisierte Wiener Orthodoxie von der TeilnahmeandenKultuswahlenzurück. Siebildete ihren eigenenKultusi verein, hatte eigene Institutionen und Funktionäre und suchte sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.