Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 46-47 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46/47 Jüdische Korrespondenz Seite 15 einmal segnete er die geliebten Kinder, und nun ging's mit Windeseile in die weite ungewisse Welt. ' * * * Drei Wochen bangen Wartens und sehnsüchtigen Harrens vergingen. Da endlich meldet eine Karte Mendels glückliche Ankunft in New Äork. Dann hatte die Familie weiter nichts von ihm gehört. — Ein Jahr war inzwischen verflossen- Chanukkah war da, alle dachten des vergangenen Jahres, wo sie das Fest, wenn auch in gedrückter Stimmung und voller Not und Sorge, doch gemeinschaftlich begangen hatten. Traurig saßen sie heute beieinander, und bangen Herzens fragten sie sich: „Wie mag es dem Vater ergehen? Ob er gesund ist? Ob er seinen Lebensunterhalt gefunden? Ob er uns bald Nachkommen lassen wird?" Die sorgenschweren Fragen und Gedanken werden durch das Erscheinen eines Postboten plötzlich unterbrochen; er gibt eine große Kiste aus St. Louis ab. „Vom Vater, vom Vater!" jubelten alle. Die Mutter öffnet die Kiste, Markus und Gittel helfen emsig dabei. Ein Brief liegt obenauf, die Mutter öffnet ihn hastig. Was ist das? Das sind ja drei Fahrkarten nach St. Louis! Endlich, endlich kann der Vater also die Familie Nachkommen lassend Bald werden wir wieder vereinigt sein! Der Brief zittert in ihrer Hand, so übermannt sie die freudige Erregung, kaum kann sie die lieben, so lang entbehrten Schriftzüge lesen. Ern leises Dankgebet steigt aus ihrem Herzen empor zu dem Lenker aller Geschicke. Die Kinder, so gern sie den Inhalt des Briefes hören möchten, wagen doch nicht, die Mutter in ihrer stillen Andacht zu störerr. Leise und behutsam packen sie inzwischen die Kiste aus, in der einzelne Maschinenteile, ein Schallrohr und Gummiplatten liegen. „Es ist ein Phonograph," flüsterte Markus, der dem Vater schon früher bei seiner Arbeit oft hilfreiche Hand geleistet hatte und daher die Maschine zusammenzusetzen verstand, seiner Schwester zu. Die kleinen geschickten Hände haben die Maschinenteile bald regelrecht aneinandergefügt. Die Mutter hatte sich nun ermannt und las den Kindern des Vaters Brief vor. So erfuhren xfte von den Sorgen und Mühen, die ihn in der ersten Zeit heimgesucht hatten. „Aber mein Gottvertrauen hat mich nie verlassen," stand in dem Briefe, „sondern mich in Not und Sorge aufrecht erhalten. Nach wochenlangem vergeblichen Suchen nach einer paffenden Beschäftigung erhielt ich endlich in einer Phonographenfabrik eine Anstellung als einfacher Arbeiter. Nach und nach erwarb ich mir das Vertrauen des Chefs; ich erhielt die feinen und verantwortungsvollen Arbeiten zugeteilt, und als im vergangenen Jahre die Ausstellung in St. Louis eröffnet wurde, schickte mich der Chef als Leiter mit einigen geschickten Arbeitern dorthin, um die Maschinen zu montieren, den Betrieb , zu überwachen. und. den Verkauf zu bewerkstelligen. Ich arbeitete unverdrossen mit so großer Liebe und Treue, daß mein Chef mich in Anerkennung meiner Leistungen zum Teilnehmer an dem Zweiggeschäft in St. Louis machte. Gottes Segen waltete sichtlich auf meinem Tun. Es verging kein Tag, an dem nicht große Bestellungen von Besuchern der Ausstellung erteilt wurden. Oft mußte ich denken, wie wahr es ist: .Befiehl dem Ewigen deine Wege, so werden deine Entwürfe wohl gelingen!" . Markus hatte die Maschine bald in Gang gebracht und die Kurbel rn Bewegung gesetzt, und bald vernahm die Familie mit Entzücken des Vaters bekannte und vertraute Stimme. Das Chanukka-Lied war's, das er dem Phonographen anvertraut hatte und das jetzt die Lauschenden erfreute. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, stimmten alle mit ein, und laut und begeistert klang aus aller Kehle: ,öloau8 zurj’schuossi.11 Wohl lag der große Ozean zwischen den Familienmitgliedern, der fromme Gesang hatte aber das Gefühl der Trennung völlig aufgehoben. Friedlich strahlte der Chanukka-Lichtschein durch das Gemach, gemahnte an überstandene Kämpfe und an errungene Siege, und eine seleruche, weihevolle Stimmung zog in alle Herzen und erfüllte sie mit Hoffnung und froher Zuversicht. Mendels Befürchtung hat sich leider nur zu rasch und in zu grauenhafter Weise als berechtigt erwiesen. Die scheußlichen, an den .^udttl m Kischenew verübten Greuel haben die ganze gebildete Welt mit Entsetzen erfüllt. Aus aller Herren Länder liefen Beiträge ein, um das Elend in Kischenew zu mildern. Unter den zuerst eingegangenen Spenden befand sich auch ein namhafter Betrag, den Mendel kommen^tteß er^en Ersparnissen seinen unglücklichen Brüdern zu- Jch habe selbst die Ausstellung von St. Louis besucht, wo ich Mendel kennen lernte und zu beobachten Gelegenheit hatte. Auch mit seiner Familie, die sofort nach Empfang der Schiffskarten nach Amerika ubersiedelte und sich dort mit erstaunlicher Raschheit in die amerikanischen Verhältnisse emlebte, bin ich näher bekannt geworden. - M?*" einfachen, aber sauberen und gemütlichen Heim hat der lelbstgesertigte Phonograph den Ehrenplatz gefunden und wird auch wohl am diesjährigen Chanukkah die Hymnen erklingen lassen. Ich aber gedenke noch jetzt, so oft ich im Kreise meiner Lieben das Makravaerfest feiere und das »Aoauo zur j'8ebuo8si" erklingt, Mendels, kutrf) Fleiß und Strebsamkeit mittlerweile zu Wohlstand gebracht, aber stets semen Wahlspruch beherzigt: „Wer die Thora in drückender Not hält, der wird sie endlich auch im Wohlstand halten können." Bettina von Gutfeld. Neue Bücher. „Kritik deS Zionismus." Von Heinrich Magulies. 1. Teil: „Volk und Gemeinschaft." A. Löwit Verlags Wien und Berlin. Preis geheftet Mk. 8-—. — Mit diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch unternommen, daS ganze Gedankenaebäude des Zionismus umfassend darzustellen und gleichzeitig eine Art Geschichtsschreibung der jüdischen Bewegung zu geben. Der vorliegende erste Teil enthält den Aufbau der gedanklichen Grundlagen und eine längst erwünschte Klarstellung strittiger Begriffe. Eingebettet in die Gedankengänge der modernen Philosophie und Soziologie, bietet er den Entwurf eines soziologischen und sozialethischen Denksystems, wie es großzügiger und umfassender kaum vorgestellt werden kann. Wer den Zionismus nicht nur als eine Summe praktischer Bestrebungen kennen lernen will, wer darüber hinaus die geistigen Wurzeln dieser Bewegung erfassen und sich aus ihnen eine harmonische, abgeschlossene Weltanschauung bilden will, wird von diesem. Buche ausgehen müssen. „Ei» Jahr in der Reichskanzlei." Erinnerungen an die Kanzlerschaft meines Vaters. Von Karl Graf von H e r t t i n g, Rittmeister. Mit zwei Bildern und einem Faksimile. Großoktav (VIII und 192 Seiten). Freiburg i. Br., 1919,HerderscheVerlagshandlung.KartonniertMk. 12*— (oaju die im Buchhandel üblichen Zuschläge). — Der am 4. Jänner zu Ruhpoldina in Oberbayern verstorbene Dr. Georg Graf von Hertling war wohl wertesten Kreisen in und außer Deutschland schon bekannt, ehe er in hohem Lebensalter an die Spitze der Reichsregieruug berufen wurde. Das vorliegende Buch erzählt von der Amtstätigkeit des vorletzten Reichskanzlers und gibt einen anschaulichen Einblick in das große militärisch-politische Räderwerk des „alten Systems", dem heute von vielen die Schuld an dem namenlosen Unglück der Heimat zugesprochen wird. Vielleicht wird mancher Leser vergangene Zeiten anders beurteilen, wenn er das Buch aus der Hand legt, und ein ehrendes Andenken dem Manne bewahren, der in schwerster Stunde sein Bestes für die Rettung des Vaterlandes gab. „Enthüllungen über de» ZnfamMenbruch." Von Konteradmiral a. D. Fo ß. Preis in auffallendem Umschlag Mk. 3'—. Richard Mühlmann Verlagsbuchhandlung (Max Grosse), Halle (Saale). — Ein echter Freund seines Volkes, der engste Begehungen zur Diplomatie, zu Heer und Marine seit -langen Jahren unterhält und hinter die Kulissen geschaut hat, deckt mit schonungsloser Offenheit die Fehler auf. die zum Zusammenbruch Deutschlands geführt haben. — Die von Parteirücksichten freie, rücksichtslose Darstellung öffnet dem Volke die Augen über seine wahre Lage, klärt es auf über seine vielen Fehler, läßt dem Leser einen tiefen Einblick gewinnen in die innere und. äußere Politik während der Negierungszett Wilhelms II., schildert viele sonstige Ereignisse, die die Entwicklung des Reiches entscheidend beeinflußt haben. Nur wenn wir politisch reifen, unsere Fehler erkennen und sie ablegen, unser Vaterland und Volk wieder lieben lernen, ist eine Wiedergeburt Deutschlands denkbar. „Einführung in die Psychologie." Von Wilhelm W u n d t. Kleinoktav (VIH, 129 Seiten). 1911. Dürrsche Buchhandlung, Leipzig. Preis gebunden Mk. 4—, ungebunden Mk. 2 —. Ordentliche Veröffentlichung der „Pädagogischen Literatur-Gesellschaft Neue Bahnen". Für Abonnenten der Zettschrift „Neue Bahnen" kostenlos. — Wundt schreibt im Vorwort: „Die folgende Einführung in die Psychologie hat weder die Absicht, die naturwissenschaftlichen oder philosophischen Vorbegriffe der Psychologie zu erörtern, noch will sie eine Uebersicht über die Untersuchungen und Resultate der Psychologie selbst geben. Was dieses Büchlein erstrebt, ist vielmehr eine Einführung in die Grundgedanken der experimentellen Psychologie der Gegenwart, unter Beiseitelassung allen für ein eingehenderes Studium unentbehrlichen Beiwerkes an Tatsachen und Methoden. Auch eine Einführung in diesem Sinne kann freilich heutzutage ebensowenig der Tatsachen wie der experimentellen Methode entraten. Doch um den wesentlichen Gedankengehalt der neueren Psychologie zu erfassen, dazu bedarf es nur verhältnismäßig weniger Ergebniffe von grundlegender Bedeutung; und um den Charakter der Methoden dieser Psychologie zu kennzeichnen, dazu kann man zwar nicht die Experimente, wohl aber die mehr oder weniger verwickelten Instrumente entbehren, die zur Forschung unerläßlich sind." „Kriegsursach en." Beiträge zur Erforschung der Ursachen des Europäischen Krieges mit spezieller Berücksichtigung Rußlands und Serbien-. Von Dr. M. Bogyitschewitsch, ehemaliger serbischer Geschäftsträger in Berlin. 182 Seiten, Oktav-Format. Preis Frcs. 3-50 (Mk. 4*50) Verlag Art. Institut Orell Füßli, Zürich. — Der bi- 1915 im serbischen diplomatischen Dienst an hervorragender Stelle tätig gewesene Verfasser liefert hier namentlich dank seiner persönlichen Bekanntschaft mit maßgebenden Männern der beiden Mächtegruppen sehr wertvolle Beiträge zur Vorgeschichte des Krieges. Die Ausführungen rücken die Gefährlichkeit der Geheimdiplomatie und der persönlichen Gegensätze zwischen den damaligen Herrschern und Staatsmännern der verschiedenen Länder ins richtige Licht. Es zeigt sich dabei aufs deutlichste, daß man aus den bisher bekanntgegebenen amtlichen Dokumenten der einzelnerr Staaten noch keine zwingenden Schlüsse über Fragen der Verantwortlichkeit und Schuld ziehen kann. Als Ergänzung seines flammenden Protestes gegen die Geheimdiplomatie veröffentlicht hier Dr. Boghitschewitsch eine Reihe bisher geheim gebliebener Dokumente, die in der Tat dazu angetan sind, die Schuldsrage in eine ganz neue Beleuchtung zu setzen. Der Verfasser sagt mit Recht, daß angesichts der Ungeheuerlichkeit der Ereignisse alle Rücksichten auf Systeme und Personen der Vergangenheit fallen müssen, wenn aus den Trümmern