Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 46-47 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Jüdische Korrespondenz Nr. 46/47 NchtM Ein Chanukkamärchen von Karl Darmstädter. Ein Nebeltest war am grauen Winterabend. Um hohe Lampen hingen graue Schleier. Sie spönnen das Licht ein, so daß es ganz gedämpft durchtönte. Um die auf den Straßen legten sich Nebelmäntel und machten sie unsichtbar. An den Häusern krochen sie wie ein Rebenranken empor und flatterten wie Vorhänge um die Fenster. Kaum ließen sie Lichtschein hindurch und machten den trüben Abend noch trüber. Von einer Kaserne rief ein Abendsignal wie das Nebelhorn eines Meerfahrers. Mitleidig lächelten die Nebel an einem der vielen Fenster. Lächelten spöttisch und höhnten: Willst du stärker sein als wir, du Lichtzwerg? Willst du dich mesien mit uns und uns durchdringen? Versuchs einmal und zeige dich den Menschen, vielleicht sehen sie dich von weitem und bleiben stellen, weil ein kleiner Zwerg sich wehrt gegen einen Riesen. O, du einfältiges Lichtlein! Blieb ganz stumm, das Licht in seiner Einsamkeit, und brannte weiter. Die Nebel tanzten durch die Nacht und verschwanden am Morgen- Am andern Abend kamen sie wieder. Das Spiel begann von neuem. Sie spannten ein großes Zelt auf. Das überdeckte alle Häuser und Felder und Wälder. Kein silberhelles Sternenlicht konnte man sehen durch das düstere Nebelzelt. Am Fenster wollten sie schauen, ob das kleine Licht sich wieder unterstehen würde, ihnen zu trotzen. Warum aus einem zweie geworden. Brannten gleichgroß und hell. Ihr wollt uns verhöhnen, ihr Lichtgesellen! O das nutzt euch nichts! Noch nicht einmal die Sterne lassen wir heut auf die Erde schauen, und ihr wollt hinausblicken und gesehen werden? Und die Nebelschleier verdichteten sich und legten sich wie eine Wand vor das Fenster. Da warens am dritten Abend drei Lichtflammen. Da blieb ein Wandersmann draußen stehen, der schaudernd und frierend und heimatlos den Nebel durchzog, und der dachte: Wo drei liebe Lichtkinderlein strahlen, da muß der Nebel nicht viel Gewalt haben, und vielleicht sind da auch keine Sorgenwolken auf den Stirnen. Und der müde Wanderer fand ernste und doch frohe Menschen,' die den Nebeln draußen und den Wolken drinnen ruhig entgegensahen und — sangen! Hoffnungsfreudiae Lichtlieder sangen sie . . . Und die kalten Nebel ballten sich vor Wut. Nach drei Abenden kamen die grauen Scharen wieder. Sie trieben es noch toller wie zuvor. Undurchdringlich wars wie ein weites, endloses Meer. Und eine frierende, weinende Nacht dazu. Aber am Fenster — o, sie jubelten und waren siegstolz, die Nebel, die abenddurchfahrenden. Die Lichtstrahlen waren nirgends zu erblicken. Die hatten doch gesehen, daß sie zu schwach und ärmlich waren, um auf die Dauer im Kampf mir Nacht und Nebel die Sieger bleiben zu können. Hochmütig waren die Nebel heute geworden, und vor Uebermut, weil sie glaubten, die kleinen Lichter zum Nachgeben gezwungen zu haben, wurden sie sorglos; gar nicht mehr viel lag ihnen daran, dem Abend ihr dunkles, feuchtes Gewand anzulegen. Da kamen auf einmal ganz hell und freudig sechs Sternlein am Abendhimmel zum Vorschein. O, die Lichter am Fenster hatten heut auch gebrannt. Aber frühe schon. Weil sie heut zum Sabbatanfang mitstrahlen durften! Weil sie heut mit dem hellen Schein der Sabbatlichter um die Wette leuchten durften! Und wie es dann Nacht ward, da wurden sechs Sterne, silberhelle Sternenlichter aus ihnen. Die ganze Sabbatnacht hindurch durften sie leuchten. Und die stolzen Nebel waren bitter enttäuscht. Wie sie die Lichter haßten! Am nächsten Abend, als es ganz dunkel geworden war, und sieben Lichter, eins neben dem anderen, brannten, und ein größeres dabei, da kannte die Wut der Nebelmassen keine Grenzen mehr; sie riefen den Sturm zu Hilfe, mit allem Windgebraus, das er finden konnte. Der sollte die Lichter auslöschen und den erzürnten Nebelheeren Genugtuung verschaffen. Der Sturm, der kam auch. Prallte an die Häuser und Menschen, prallte gegen das Fenster, schnaubte und grollte — aber den Lichtern konnte er nichts machen. Die brannten froh weiter. Da zerteilte und zersprengte der Sturm die Nebel, weil sie ihn umsonst gerufen hatten. Eine wahre Freude hatte er jetzt, weil er so recht wild in die Nebelwolken hineinfahren konnte und sie dahin und dorthin jagte. Verging ihnen alle Lust auf lange Zeit, und lange blieben sie den Winterabenden und Nächten fern. Und dann kam dex achte Abend. Da brannten überall wieder die Lampen heller ... Da sahen sich überall wieder.die Menschen besser. Keine Nebelmäntel hingen mehr düster und trennend um Menschen und Häuser und Dörfer und Städte. Und nicht mehr um die Länder ... Brauchten sich nicht mehr hinter Nebelwänden zu verstecken, daß keiner wissen sollte, was der andere tat. Ein heller klarer Sternenhimmel war besät mit glänzenden Lichtblüten. Die Lichtblüten winkten hinunter zu einem Fenster, wo feierlich und siegesfroh, friedlich und schon acht Lichtkinder strahlen. Die Menschen sangen das uralte Chanukka-Siegeslied, und die acht Lichtkinder feierten heute selig und froh und jubelnd den Sieg der Lichthelle über die graue, schwere, sorgenvolle Nebelfinsternis. Oer Phonograph. Eine Chanukkah-Geschichte. (Wahre Begebenheit.) „Wer die Thora hält in drückender.Not, der wird sie endlich halten können im Wohlstände." (Spr. o. V.) Adolf Mendel, ein frommer Israelit, war ein vielbeschäftigter Uhrmacher in Kischenew in Rußland. Huden und Christen kauften gern bei ihm. denn man konnte sich aus ihn verlaffen; er war gewiffenhaft, ehrlich und geschickt. Die Leute brachten ihm nicht nur die Uhren, um sie wieder in Gang zu bringen, sondern auch Gegenstände aller Art, wie Fahrräder, Phonographen, elektrische Instrumente, kurzum alles, was nach der ausbessernden Hand des Mechanikers verlangte. Mendel fand immer bald die Fehler heraus und machte den Schaden wieder gut. Seine allseitig anerkannte Geschicklichkeit uud Zuverlässigkeit konnte es jedoch nicht verhindern, daß infolge der von gewissenlosen Bolksverführern angefachten Judenhetzen auch sein Geschäft zurückging. Die christlichen »Kunden ließensick nur zu leicht betören und folgten dem Rufe: Kauft nicht bei Juden! Und die jüdische Kundschaft war armj und mußte ihre geringen Mittel zur Beschaffung der allernotwendigsten Bedürfniffe verwenden. Wohl sah Mendel tiefbekümmerten Herzens seine Vermögensverhältniffe sich immer ungünstiger gestalten. Allein sein unerschütterliches Gottvertrauen und seine bescheidene Lebensweise ließen diese Sorgen hinter der weit größeren zurücktreten, die er in der stets zunehmenden feindseligen Gesinnung der Bevölkerung gegen die Juden erblickte. Er kannte die Habgier und Roheit des russischen Pöbels zu genau, um nicht bei dem Gedanken zu erschauern, welch namenloses Unheil über seine Familie und dre anderen Juden hereinbrechen würde, wenn der aufgereizte Pöbel seine schon so oft gegen die Juden ausgestoßenen Drohungen zur Ausführung bringen würde. Er sann hin und her, wie er seine traurige Lage verbeffern und sich und seine Familie vor der drohenden Gefahr retten könne. Endlich hatte er einen Ausweg gefunden. Als die Familie eines Abends beisammen saß, teilte er seinen wohlerwogenen Plan mit. „Meine Lieben," Hub er an, „ihr wißt, unser Gott, auf den unsere Väter stets vertraut und der auch unsere Zuversicht ist allezeit, ist ein großer, ein gütiger Gott. Und wenn er will, wird uns teine Not und kein Unheil treffen. Aber wir Menschen sind verpflichtet, unsere Schuldigkeit zu tun; dann ist unser Gottvertrauen die beste Hilfe. Ihr habt es wohl schon schmerzlich empfunden, daß mein Geschäft sich so sehr verschlechtert hat, daß unsere geringen Ersparnisse zur Neige gehen. Dann sehe ich aber täglich sich die Anzeichen mehren, daß es nur eines geringfügigen Anlasses oder eines Winkes bedarf, daß der Pöbel über uns herfalle. Diese meine Befürchtung stützt sich auf bestimmte Wahrnehmungen, welche ich auch dem Vorsteher unserer Gemeinde mitgeteilt habe. Ob etwas von ihm unternommen wird, um das drohende Verhängnis abzuwenden, weiß ich nicht. »Verlasse dich nicht auf die Vornehmen', so ruft uns der Psalmist zu, und er hat recht. Es ist darum mein unabänderlicher Entschluß, Kischenew womöglich schon morgen zu verlassen. Ich bringe euch samt unseren wenigen Habseligkeiten zu meinem Bruder nach Nikolajew. Ich trete sofort meine Reise nach Amerika an und will's Gott, daß ich dort einen Erwerb gefunden habe, der uns nährt, dann will ich euch nicht länger entbehren. Dann sollt ihr zu mir kommen, und dann soll uns nichts, nur der Tod, trennen!" Mit gespannter Aufmerksamkeit hatten die Frau und die Kinder zuaehört. Ein Tränenstrom, und lautes Schluchzen waren die Antwort auf Mendels Rede. So schmerzlich auch die Trennung den Eltern, dem vierzehnjährigen Markus und der zwei Jahre jüngeren Gittel wurde, sie mußten sich doch in das Unabänderliche fügen. Nachdem Mendel seine Familie in das gastliche Haus seines Bruders gebracht hatte, schickte er sich zur Reise nach Amerika an. Ein schmerzlicher Abschied war es. „Merkt es euch, geliebte Kinder," so sprach Mendel unter Tränen, „wer die Thora hält in drückender Not, wird sie auch halten können im Wohlstände. So sollt ihr, so will ich leben." Noch