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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 13

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 46/47 Jüdische Korrespondenz Seite 13 den andern in der sicheren Mitte der Schafherde, die Seele ist aber noch nicht ganz wach: sie träumt und irrt weiter. Man packt den Schwanz eines schmutzigen Schafes in der Meinung, daß es Gott weiß was märe, und führt in an den Mund ... Es ist zum Verrücktwerden! Ich irrte also im Traume! Es ist noch ein Glück, daß ich nicht allem war ... Der Traum war grau und wüst, aber ich sah doch das Aufleuchten von Blitzen, Lichtern, Fackeln und Lampen . -. Ich will es euch der Reihe nach erzählen: Sobald ich in das graue Nichts versank, wurde ich auf mich böse! Und wenn ich auf mich selbst böse bin, pflege ich mich laut, mit erhobener Stimme zu schimpfen; vor mir selbst habe ich doch keine Angst! „Pechvogel!" zchimpfe ich: „Wie kann der Mensch sich verirren?" „Der Mensch," sage ich weiter, „hat zwei sichere Anhaltspunkte: jeder Mensch weiß: woher er kommt und wohin er zu gehen hat... Und wenn man diese zwei Punkte kennt, so ist es nicht schwer, den rechten Weg, den kürzesten Weg zwischen den beiden Punkten zu finden! Wenn ein Hund zu einem Menschen läuft, wählt er auch den kürzesten Weg!" Und wie ich mich so mit Vorwürfen überschüttelte, spüre ich plötzlich den Geruch von alten Zwiebeln. 'Jemand legte mir seine Hand auf die Schultern, und eine helle Stimme fragt: „Was schreist du?" Im grauen Nichts erscheinen vor mir zwei leuchtende Augen. Ich erschrecke ein wenig und beantwortete die Frage mit einer Gegenfrage: „Wer bist du?" „Ich habe Heringe zu verkaufen!" antwortete mir die Stimme. „Und hast dich verirrt?" „Nein, ich gehe eben, Heringe einkaufen ..." „Warum gerade Heringe?" „Heute sind es Heringe, morgen Eier, übermorgen Hasenfelle ... Wie es gerade trifft." „Und wo wohnst du?" „Nirgends!" antwortete er. „Aber ich bin nirgends ganz fremd.. „Und wo gehst du hin?" „Wohin man mich gehen läßt..." Plötzlich sehe ich vor mir einen weißen Bart schimmern. „ Was seid Ihr," frage ich erschrocken: „alt oder jung?" „Aelter als alle und jünger als alle," antwortete er. „Ich werde immer wieder neu geboren..." Ich bin darüber gar nicht erstaunt. Plötzlich überkommt mich das glühende ,Verlangen, einen, der immer neu geboren wird, zu begleiten. „Nehiilt mich doch mit!" bitte ich ihn. „Gut, von mir aus!" sagte er. Und wir gehen... Ich folge dem Glanz seiner Augen, dem Schimmer seines weißen Bartes ... Und sehe ich den Schimmer nicht, so höre ich seine Helle Stimme... Und wenn ich die Stimme nicht höre, so spüre ich den Geruch der alten Zwiebel.... Jedenfalls bin ich nicht mehr allein! „Die Beine brechen unter mir zusammen!" klage ich nach einer Weile. „Man darf nicht stehen bleiben." antwortete er etwas streng. „Sonst erstarrt und erfriert man ..." „Es ist alles so grau, ohne Himmel ohne Sterne, ohne einen einzigen Lichtstrahl..." „Es wird ein Licht geben," antwortete er, wie nur scheint, etwas ironisch. „Es wird ein Licht geben ... Doch nicht aus der Höhe... Es wird von der Seite kommen... Je finsterer die Nacht ist. umso leuchtender strahlt jedes Feuer, das man unten entzündet..." — Was ist das für ein Kerl? — denke ich mir. — Der Mensch j verkauft Heringe und redet wie ein Philosoph! J Ich habe aber keine Zeit, ihn weiter zu fragen.! Plötzlich flimmert mir etwas vor den Augen, es ist ein roter Lichtschein. „Ich sehe etwas Rotes!" „Es ist ein Widerschein!" sagt er mir. Der flimmernde rote Nebel kommt immer näher an uns heran, und ich spüre zügleich mit dem Nebel einen Duft. „Was duftet so?" frage ich ihn.' . „Es sind frische Rosen," antwortete er. „Zuweilen handle ich auch mit Rosen... Es sind." sagte er, „glaube ich, weiße Rosen!" Und im rötlichen Nebel erscheint ein weißer Rosenkranz... Und unter dem Kranze eine weibliche Gestalt... Ich sehe einen alabasterweißen Hals und eine Flut roter Haare... Der rötliche Schein kommt von diesen roten Haaren ... Die Augen leuchten so hell wie die Sterne durch den Nebel uud blicken nachdenklich vor sich hin... In die Ferne starren die Augen. So stolz wie eine Königin schreitet sie durch das graue Nichts, der kleine Mund lächelt kaum wahrnehmbar, und die Hand hält einen Becher schäumenden Weines! Sie geht vorbei, und mein Herz zappelt wie ein verwundeter Vogel in einem engen Bauer. Erst als sie verschwunden ist, frage ich meinen Begleiter: „Wer ist sie?" „Wer weiß es? Eva aus dem Garten Eden, die Königin Wascht: aus dem Buche Esther ... Griechenlands schöne Helena... Vielleicht auch nur ein Stern aus einem Variete ..." „Weißt du denn, was ein Variete ist?" Er tut so, als ob er die Frage nicht hörte. „Aber sie kennt ihren Weg!" sagt er. Da schlägt mir ein Geräusch ans Ohr... Ich höre das Getrabe von Pferdehufen auf der harten Erde, obwohl wir keine Erde unter den Füßen haben. Von Blitzen umgeben erscheint ein Reiter. — er und das Pferd sind in Stahl und Eisen geschmiedet. Das Eisen funkelt, der Mund des Reiters und das Maül des Pferdes sind von perlendem Schaum bedeckt... Auf dem bloßen Schwert tanzt der Blitz . . . Dem Blitz jagt er nach! An der hohen Stirne klebt ein Tropfen Blut... Ueber dem roten Flecken glänzt eine goldene Krone, sie verdeckt den Blutfleck nicht.. . Ueber der Krone kreist eine glänzend-schwarze Krähe, — ihre Augen brennen, die Luft stöhnt unter ihren glänzenden Flügeln... Sie fliegt dem Reiter nach, und er folgt der Spitze seines Schwertes!... „Wer ist?" frage ich. „Was weiß ich? Kain, wenn du willst Nebukadnezar ... Schau nur, wie es durch die finstere Nacht leuchtet.. Und dann kommt wieder das graue Nichts. Wir irren Tage und Wochen, vielleicht ganze Monate und geraten plötzlich in ein Meer von Licht! Wir befinden uns in einem Tale zwischen Bergen. Im Tale liegt eine Stadt und will die Berge hinaufklimmen... Und alles leuchtet und brennt! Die Abhänge der Berge sind mit kleinen Flämmchen übersät.. . Die kleinen Flämmchen belecken zitternd die spärlichen Grashalme, die aus der Erde sprossen, und kleine Rauchwolken umschweben zitternd die kleinen Flämmchen und steigen immer höher hienauf.. . Es ist, wie wenn neugeborene Seelen zum Himmel hinauffteigen, von Schatten verfolgt . . . Unten am Rande des Berges brennen die Pechfässer . - . „Es ist eine Neumondfeier'?" frage ich. „Eine Festbeleuchtung?" antwortete er. „Schau!" Und er zeigt mir auf die Stadt. Häuser und Paläste! Und alles badet in einem Meer von Licht! Kleine Flämmchen irren und hüpfen und kriechen die senkrechten Wände hinauf, und kleine Rauchwolken jagen ihnen nach ... Auf den Altanen leuchten Lichter und Augen ... Aus der Mitte der Stadt steigen feurige Schlangen in die Höhe und zerstieben krachend in tausende von Sternen, und immer neue Schlangen steigen hinauf.. - Die Sterne des Himmels erbleichen voll Schreck, der Mond ist vor Neid grün und gelb ... „Was ist das für eilte Festbeleuchtung?" „Es war einmal ein Hirte, und er hüttete Gänse. .. Die Gänse retteten Rom . . . Heute ist sein Todestag . . ." , So erklärte er es mir. Und wieder kam das graue Nichts, und wir irrten wieder im Finstern. Und plötzlich sahen wir vor uns ein neues Licht . . . Es ist der blanke Spiegel eines Flusses, er glänzt uud schimmert. Eine dicke Nebelsäule erhebt sich in der Mitte des Flusses auf, die steigt in den Himmel und stürzt ihn . . . Aus dem Nebel leuchten kleine Lichtchen wie Glühwürmer hervor... „Es sind Boote", erklärt nrir mein Heringmann. „Sie möchten weit, weit fortschwimmen, aber der Nebel hat sie umschlossen und läßt sie nicht heraus!" Aber um den Nebel herum gleiten freie Boote — „Es sind Lustboote!" erklärt er mir — mit bunten Lampions und Blumengewinden geschmückt... Männer und Frauen sitzen in den Booten ... Ich höre sie fingen, der Gesang ist etwas traurig und ausgelassen, etwas heiser und trunken... Am Ufer vor der Stadt, die auf den Borg hinaufklimmt, steht eine lange Reihe brennender Laternen. Sie spiegeln sich im schwärzlichen Wasser am Ufer als Lichtsäulen, und auf diesen Säulen scheint die Stadt zu ruhen... Auf dem Rücken des Berges treiben Flämmchen und Lichtchen, in Rauch gehüllt. Sie steigen in die Stadt hinanf und verlieren sich in den lustig leuchtenden Fenstern und den goldenen, flammenden Dachspitzen... „Es ist ein flammender Willkommengruß!" sagte er. „Für wen?" „Für den Enkel..." „Für wessen Enkel?" „Für den Enkel des Großvaters! Des Großvaters, der einst als Feind gekommen war und die Stadt verwüstet hatte.. „Auch damals gab es eine Festbeleuchtung! Die Häuser brannten wie Laternen ... Ströme warmen Blutes dampften in den Gaffen, und Ströme brennenden Oeles und Weines schwammen auf den Blutströmen..." „Heute kommt er als gnädiger Herrscher ... Und das ist der Willkvmmengruß für ihn!" Ich bin nicht mehr imstande, alle die Flammen, Festbeleuchtungen und Willkommgrüße, die ich im Tranme gesehen und die Nlir nlein Begleiter erklärt hatte, aufzuzählen und zu beschreiben ... Mir brannten die Augen, mir brannte die Seele! Zuletzt, ganz zuletzt sah ich aber Joffel den Krämer Chanukkahlichter benschen... Im kleinen Fensterchen zitterte das Flämmchen eines kleinen Wachslichtes... ,-Eines nach dem andern/' sagt er, „gemacht: heute eins, morgen — zwei, übermorgen — drer... Und so weiter! Bis es ganze acht Lichter sind!" Das ist die Festbeleuchtung zu Ehren der Hasmonäer! Joffel, der Krämer, entschwand meinen Blicken, und ich erwachte.

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