Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495460--1163-3496967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite ö Jüdische Korrespondent Nr. 46/47 fanden auch in den anderen größeren Städten der Vereinigten Staaten statt. (Aus Jugoflavien.) In Agram sind sämtliche Angehörige des deutschen, des österreichischen, des ungarischen, des bulgarischen und des türkischen Staates angewiesen worden, sich auf den Polizeibehörden zu melden. Die meisten haben bereits die Aufforderung erhalten, in vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen, doch ist vom Bonus diese Frist auf fünf Tage verlängert worden. Besonders hart ist diese plötzliche Ausweisung für viele Juden, die zum Teile seit Jahrzehnten in Agram ansässig sind, ohne aber bisher die südslawische Staatsangehörigkeit erworben zu haben. Um sich für sie beim Minister des Innern zu verwenden, ist der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde nach Belgrad gefahren. Als Grund der Maßregel wird die Wohnungsnot in Agram angegeben. (Die englische Kommission in Südrusiland.) Der englische Abgeordnete H. I. Mackindor, der von der englischen Regierung als höchster politischer Vertreter für Südrußland bestimmt wurde, geht Ende November, begleitet von Delegierten des Kriegsministerium und des auswärtigen Amtes nach Rostow ab. In Londoner jüdisch-politischen Kreisen schreibt man der. Reise der Kommission große Bedeutung zu. Man hofft, daß die Anwesenheit der Kommission im Hauptquartier Denikins einen günstigen Einfluß auf die Beziehnungen der freiwilligen Armee zu der jüdischen Bevölkerung ausüben wird. Wir haben, schreibt das jüdische Korrespondenzbureau, Grund anzunehmen, daß die Regierung der Kommission diesbezüglich entsprechende Weisungen erteilt hat. Ueberdies haben auch jüdische Politiker Abgeordneten Mackindor über die jüdische Situation in Südrußland informiert, um einer Wiederholung der leider häufig vorkommenen Tatsache vorzubeugen, daß uninformierte europäische Vertreter durch die antisemitische Propaganda gegen die Juden beeinflußt worden. (Der Beilisprozeß.) Das Londoner jüdische Korrespondenzbureau meldet: Ende September fand in Moskau der Prozeß gegen den Staatsanwalt Wiper statt, der bekanntlich im Beilisprozeß die Anklage vertrat. Der Prozeß, der drei Tage dauerte, erregte großes Interesse der allgemeinen und insbesondere der jüdischen Oeffentlichkeit. Als Staatsanwalt fungierte Krilenko, der erste Generalissimus der bolschewistischen Revolution. Er forderte für Wiper, der sich selbst verteidigte, die Todesstrafe. Das Tribunal verurteilte Wiper, der 50 Jahre alt ist, zu 20 Jahren Internierung im Konzentrationslager. (Das Schächtverbot in der Schweiz?) Der Schweizer Bundesrat hat seinen Beschluß vom 23. März 1918 betreffend. Ausnahmen vom Schächtverbot und die gestützt auf diesen Beschluß erlassene Verfügung des Justiz- und Polizeidepartements vom 17. Juni 1918 mit Wirkung auf 1. Jänner 1920 auf gehoben. Von diesem Zeitpunkt hinweg ist das Schlachten der Tiere ohne Betäubung vor dem Blutentzuge wieder ausnahmslos im ganzen Lande untersagt. (Oberrabbiuer Kuk in Jerusalem.) Am 2. Elul langte Oberrabbiner Kuk aus Aegypten kommend, in Lyda an, empfangen von zahlreichen Vertretern der Jerusalemer Gemeinden und Institutionen. Nach überaus herzlichen Begrüßungen antwortete Obberrabiner Kuk, daß er sich entschlossen habe, das ihm angebotene Jerusalemer Rabbinat abzulehnen, daß er aber dennoch seinen Wohnsitz nach Jerusalem zu verlegen gedenke, um dort als einfacher Privatmann in seinem Sinne zum Wöhle der Gemeinschaft zu wirken. Die Vertreter der Gemeinde Jaffa, die erst später anlangten, machten natürlich alle Anstrengungen, um Rabbiner Kuk von der Ausführung seines Entschlusses zurückzuhalten, was ihnen jedoch nicht gelang. Rabbiner Kuk versicherte, daß sein Herz nach wie vor seiner Gemeinde in Jaffa und in den Kolonien gehöre, und daß er auch von Jerusalem aus häufiger Gelegenheit nehmen werde, sie zu besuchen. (Unzufriedenheit mit Ussischkin^) Wie die Londoner „Jewish Times" berichtet, macht sich in Palästina Widerspruch gegen verschiedene Handlungen und Aeußerungen Ussischkins bemerkbar. Ussischkins festes und rücksichtsloses Auftreten sei leider mit Taktmangel verbunden, was bei der jetzigen delikaten Lage in Palästina besonders bedauernswert sei. Es soll auch bereits zu Mißverständnissen zwischen Ussischkin und Weizmann gekommen sein und es kursieren Gerüchte, daß Ussischkin in Bälde von der Leitung der zionistischen Arbeit in Palästina wird zurücktreten müssen. (Beschleunigte Lösung des türkischen Problems.) Anläßlich der Reise Clemenceaus nach London weist der „Temps" im Leitartikel auf die großen Gefahren hin, welche die weitere Hinausschiebung einer Lösung des türkischen Problems in sich birgt. Wenn die Entente sich nicht beeilt, die innere Lage der Türkei irgendwie zu verbessern, so muß entweder eine innere Auflösung des Landes eintreten oder das Chaos würde neue Formen annehmen. Im ersten Falle hätten es die Alliierten mit dem Anschwellen der nationalen Bewegung zu tun, deren Aktionen zu hindern heute keine Macht in der Türkei aus eigener Kraft imstande wäre. Im letzteren Falle sei es unvermeidlich, daß die Nationalisten mit den Bolschewiken gemeinsame Sache machen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß der bolschewikische Einfluß bei den Ottomanen bereits festen Boden gefaßt hat. Die Vorgänge in Aegypten und, der Abzug der englischen Truppen aus Aserbeidschan beschleunigen und erleichtern die Herstellung der Verbindung zwischen den Bolschewiken und den revolutionären nationalistischen Elementen in der Türkei. England habe bisher auf alle Warnungen in dieser Richtung bloß die eine Antwort gehabt, man könne ohne Amerika nicht an der Lösung des türkischen Problems herantreten. Dies sei aber falsch. Die temporäre Absenz Amerikas dürfe die Alliierten Europas nicht hindern, diese für Europa dermalen wichtigste Arbeit zu leisten. Sie müßte allerdings in Etappen durchgeführt werden. Alle Fragen bis zur endgültigen Regelung der Grenzen könnten auch ohne Amerika geregelt werden, während die Grenzfragen verschoben werden könnten, bis Amerika schon wissen werde, ob es gewillt sei oder nicht, im Orient ein Mandat zu übernehmen. In keinem Falle aber geht es an, die Türkei, dieses für die wirtschaftliche Zukunft-Europas so unschätzbare Land, aus welchem Grunde immer der völligen Vernichtung zueilen zu lassen. (Die Juden t« Algerien.) Die Juden von Algerien haben ein goldenes Buch mit einem Verzeichnis aller im Kriege gefallenen Juden herausgegeben. Von den 50.000 Juden Algeriens sind 2000, also 4 Prozent, gefallen, während der Prozentsatz in der ganzen französischen Armee auf 8 86 berechnet wurde. Nach Abzug der Kolonial-Truppen soll der Verlust der städtischen Bevölkerung sogar nur gegen 2 Prozent betragen. Der Abgeordnete Gustav Rouns schrieb über dieses Buch einen Artikel, in dem er die Frage stellt, ob die Administration und die Negierung auch weiterhin den Antisemitismus in Algerien begünstigen und auch die Menschen- und Bürgerrechte der französischen Juden verletzen wollen, deren Mut und Vaterlandstreue durch obige Ziffern so gut illustriert werden. (Zur Geschichte von Cypern.) Bekanntlich ist von jüdischer Seite vor etlichen Jahren die Besiedelung der vorwiegend von Griechen bewohnten Insel Cypern mit jüdischen Kolonisten befürwortet worden. Die Insel, welche in alten Zeiten eine sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung aufwies, wird gegenwärtig von kaum mehr als 100 Juden bewohnt. Interessant ist, daß Cypern, welches in den ersten Monaten des Weltkrieges von England annektiert wurde, das schon seit 1878 die Insel in faktischen Besitz hatte, durch die Wirksamkeit eines Juden in türkischen Besitz kam sowie es andererseits wieder ein Jude war, der die Insel den Türken abnahm. Im Jahre 1570 stachelte der Herzog Josef von Naxos, bekanntlich ein portugiesischer Jude, die Türkei zu einem Kriege gegen Venedig auf, in dessen Folge dieses die Insel der Türkei abtreten mußte, in deren Besitz sie fast drei Jahrhunderte blieb, bis durch Beschluß des Berliner Kongresses die Insel in den Besitz von England kam, dessen Außenpolitik damals in den Händen von Benjamin Disraeli lag. Es scheint übrigens, daß der Herzog von Naxos daran gedacht hat, sich zum König von Cypern zu proklamieren und in dieses fein. Reich einen Teil der aus Spanien vertriebenen Juden zu verpflanzen. (Fortsetzung auf Seite 11.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.