Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 46-47 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 46/47 Die neue russische Verfassung und die Juden. K. f. d. O. Der in Paris von den russischen Kadetten Maklakow und Winawer (letzterer selbst Jude) ausgearbeitete Entwurf einer neuen russischen Verfassung erregt in manchen jüdischen Kreisen Besorgnis. Der maßgebende zweite Artikel bestimmt nämlich: Grundgesetze werden die Gewissens-, Nattonalitäts-, Wort-, Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit sowie die Unverletzlichkeit der Person durch juristische Sicherheiten gewährleisten. Der jiddische „Tog" bemerkt dazu: „Im zweiten Artikel fehlt die Definition, daß alle Bürger vor dem Gesetze gleich sind, und dadurch wird die bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden stark gefährdet." Ungeachtet des republikanischen Charakters der neuen Verfassung behauptet das Blatt geradezu: „Obschon die Form der Konstitution eine demokratische ist, kann man doch sagen, daß, wenn sie in derselben Form offiziell angenommen werden soll, in der sie jetzt ausgearbeitet ist, sie eine große Gefahr für die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands darstellen wird, die Juden werden einfach der bürgerlichen und politischen Rechte beraubt sein." Auch uns hat der authentische Text der Verfassung Vorgelegen. Manche Lücke fällt darin allerdings auf. So fehlt nicht nur, wie oben betont, die Erwähnung der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze, sondern, auch zum Beispiel das geheime Wahlrecht. Während man aber in dem letzteren Falle einfach eine unbeabsichtigte Weglassung vermuten darf, liegt die Sache wohl anders in dem elfteren Punkte, da der Artikel 2 ausdrücklich von Nationalitätsfreiheit spricht, ihre Regelung aber künftigen Grundgesetzen vorbehält. Die Hauptneuerung der Verfassung besteht in der Einführung von „Gebieten, die den einzelnen Nationalitäten angepaßt" werden, eigene Landtage und Vertreter im Reichsrat und eigene Sprache haben sollen (Artikel 39—56), also in einer großzügigen Verwirklichung der nattonalen Autonomie. Aber auch hier ist keine Nationalität namentlich aufgeführt. Im übrigen sei bemerkt, daß es nicht so sehr auf den Wortlaut, als auf den Geist der Gesetze und Verträge oder vielmehr auf den Geist ihrer Handhabung ankommt. Das polnische Vorgehen in dem vom Versailler Vertrag ja garanüerten Minderheitsschutz ist das beste Beispiel dafür. Ganz besonders kommt es für die Juden auf diesen Geist der Gesetzeshandhabung an. _ Aus Palästina. Das Fehlen jüdischer Verbrecher unter türkischer Herrschaft war ein charakteristtsches Merkmal in Palästina, und es ist interessant zu beobachten, daß der gute Ruf der Juden als gesetzestreue und ehrliche Einwohner aufrechterhallen bleibt. Die offizielle Kriminalstatistik für die Monate April, Mai und Juni dieses Jahres bringt keinen jüdischen Namen, obgleich das betreffende Gebiet alle jüdischen Zentren einschließt. Die Ueberführung des bisher vorhandenen jüdischen Verwaltungsapparates von Jaffa nach Jerusalem, die in diesen Tagen vollzogen wird, bedingt die Uebersiedlung einer größeren Anzahl von Beamtenfamilien nach der Hauptstadt, und da die Wohnungsnot auch in Jerusalem sehr groß ist, hat das zionistische Zentralkomitee beschlossen, Maßnahmen zu treffen, um den Bau von 500 modernen Häusern mit vollständig europäischer Inneneinrichtung in allernächster Zeit zu ermöglichen. Es wird ein neues Viertel entstehen, das sich zwischen dem Skopus und Oelberg, in der Umgebung der zu erbauenden Universität erstrecken und den Kern zum neuen Jerusalem bilden soll. Da die Tramfrage sehr akut ist, erwartet man für die allernächste Zeit, sobald die Materialien herbeigeschast werden können, den Ausbau eines elektrischen Tramnetzes in und um Jerusalem. In Palästina hat sich eine jüdische Gesellschaft gebildet zur Errichtung von Bahnhofrestaurants und Hotels, in denen streng rituell (koscher) zubereitete Speisen serviert werden. In Lud, dem Hauptknotenpunkt Palästinas, ist von dieser Gesellschaft ein solches Restaurant bereits eröffnet worden; demnächst soll dort auch ein Bahnhofhotel errichtet werden. Am 5. November tagte in Jaffa eine Aerztekonferenz, an der die Aerzte von ganz Palästina, über 40 an der Zahl, teilgenommen haben. Die Hauptaufgabe der Konferenz war, die Aerzte des Landes in einem Verband zu vereinigen, um so den schlechten sanitären Verhältnissen abzuhelfen. Unter anderem ist beschlossen worden, den Aerztedienst zu nationalisieren: es wurde eine spezielle Kommission gewählt, diesen Beschluß zu verwirklichen. In sämtlichen Postämtern Palästinas liegen seit kurzem in drei Sprachen (englisch, arabisch und hebräisch) gedruckte Telegramm- und Postformulare auf. Es ist beschlossen worden, nunmehr auch in Jerusalem ein Friedensgericht (Mischpath Haschalom) zu begründen. Der Verband der Thoraschreiber in Jerusalem beabsichtigt demnächst eine Pergamentfabrik zu gründen. Durch die Errichtung dieser Fabrik wird eine größere Anzahl Arbeiter Beschäftigung finden und genügend Pergament an die Schreiber der Thora-Rollen, deren Zahl sich in Jerusalem auf mehrere Hundert beläuft, geliefert werden können. Generalversammlung des „Jüdischen Museums". Am Samstag, den 6. Dezember 1919, hielt in den Räumen der B'nai.B'rith die „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" die elfte ordentliche Generalversammlung ab. Die Beteiligung der Mitglieder war eine rege und groß war die Hahl der erschienenen Gäste, unter denen man die Vertreter des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde, der Israelitischen Humanitätsvereine B. B. „Wien" und „Emtracht", des Professoren-Kollegiums der „Israelitischen Theologischen Lehranstalt", der »Israelitischen Allianz" und anderer Vereine und Korporationen bemerkte. Der Vorsitzende, Herr Hofrat Professor Dr. A. P o l i tz e r, eröffnete um 6 Uhr die Versammlung, indem er zunächst die zahlreich Erschienenen begrüßte. Sodann erstattete er den mit vielem Beifall aufgenommenen Tätigkeitsbericht des Kuratoriums für die abgelaufene Berichtsperiode 1914—1918. Beginnend mit der Motivierung der durch die Kriegsereigniffe und deren Folgen eingetretenen Berichtspause hielt der Redner einen warmen Nachruf den im verflossenen Zeiträume Hingeschiedenen Mitgliedern des Kuratoriums: Dem -weltbekannten Altertumsforscher Abraham Epstein s. A. (gestorben 6. April 1918), dem unvergeßlichen Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann s. A. (gestorben 5. August 1918) und dem seit dem Tode Sonnenthals als erster Vizepräsident fungierenden Dr. Bela Taussig s. A. (gestorben 3. November 1918). Er gedachte in treffender Schilderung des Könnens und Leistens dieser um die Sache des Museums so hochverdienten Männer und feierte unter den anderen dahingeschiedenen 45 Mitgliedern der Gesellschaft, deren Zahl nun 311 beträgt, insbesondere das Andenken des am 26. April 1917 Heimgegangenen vielgerühmten Wohltäters Salo Cohn s, A. und des erfolgreichen Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern s. A. (gestorben 1. Dezember 1918), die beide stete Förderer und Gönner der Gesellschaft gewesen sind. Zum Tätigkeitsberichte des Kuratoriums übergehend, gab der Vortragende ein Bild der Mitgliederstandsbewegung, wobei er trotz der Schwierigkeit der Propaganda in der Zeit der heutigen starken charitativen Alltagsanforderungen einen erfreulichen Zuwachs an Mitgliedern, hauptsächlich aus den beiden hiesigen Logen, feststellte. Er dankte sodann, in erster Linie die letztwillige Zuwendung von Salo Cohn mit K 10.000*— erwähnend, allen hochherzigen Gönnern für die dem Museum zugewendeten Legate und Spenden und nannte unter den Spendern die als „Stifter" eingetretenen Herren Albert Mayer, Dr. Siegmund Stiaßny, Samuel Glückselig und letzthin Oskar Rosner. Der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und den beiden Logen „Wien" und „Eintracht" wurde besonderer Dank für die alljährlich gewährten Subventionen gezollt, ebenso den Spendern von Objekten, darunter Frau Camilla Cohn, Herrn Dr. Siegmund Stiaßny, Herrn Alfred Waizner, Wien, wie zuletzt auch den Mitarbeitern und Förderern, den Herren Eduard Beer, Wien, und Kalman Langsner aus Nadworna und dem rührigen Kustos und Sekretär der Gesellschaft, Dr. Jakob Bronner, dem die vollste Anerkennung ausgesprochen wurde. Herr Bankdirektor Ernst Lemberger, der Kassaverwalter der Gesellschaft, erstattete dann in kurzen Worten den Kaffabericht für die Zeit von 1914 bis 1918. Der Antrag der Revisoren, die wiedergewählt wurden, das Absolutorium zu erteilen, wurde einstimmig angenommen. Der Vorsitzende berichtete hierauf über die durch den Heimgang Dr. Böla Taussigs erforderlich gewordene Veränderung unter den Funktionären des Kuratoriums, derart, daß Herr Hofrat Dr. Frankfurter nun die Stelle des ersten Vizepräsidenten und Dr. Siegmund Stiaßny die des zweiten Vizepräsidenten bekleiden und schlug mit Berufung auf § 6 der Satzungen die Wahl des Herrn Oberrabbiners Dr. H. P. Chafes als Nachfolger Dr. Güdemanns und des Herrn Samuel Glückselig als Antiquar-Sachverständigen ins Kuratorium vor. Nach einstimmiger Annahme dieses Vorschlages schloß der Vorsitzende unter Danksagung an das Kuratorium für deffen freudige